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"Damit wir nicht aus der Übung kommen."
Diese Worte legt die österreichische Theater-autorin Elfriede Jelinek
der österreichischen Gesellschaft nach einem fremdenfeindlichen Attentat
in den Mund, um die Kontinuität der aktuellen öffentlichen Meinung
zu der der NS-Zeit herauszustellen. Am Kölner Schauspiel hatte das
Stück "Stecken, Stab und Stangl" Premiere, das das Attentat
an vier Roma zum Anlass nimmt, die verlogene und gespielte Trauer der
österreichischen Gesellschaft zu zeigen. Durch die Regierungsbeteiligung
der FPÖ hat das 1996 entstandene Stück noch einmal an trauriger
Aktualität gewonnen. Schön, dass das außerordentlich wichtige,
gut inszeniert und gespielte Stück in Köln gezeigt wird - schade
nur, dass mensch, um gute politische Stücke zu sehen, bis nach Köln
fahren muss.
Am 4. 2. 1995 wurden die vier Roma im österreichischen Burgenland
von einer Bombe getötet. Die Männer waren auf einem Rundgang
in ihrer Siedlung, weil sie einen ungewöhnlichen Lichtschein bemerkt
hatten. Bei einem Steinbruch stießen sie auf ein Schild mit der
Aufschrift: "Roma zurück nach Indien", das an einem Rohr
befestigt war. Als die vier das Schild entfernen wollten, explodierte
der im Rohr versteckte Sprengsatz; die vier Roma waren sofort tot. Zunächst
herrschte in der Öffentlichkeit Unklarheit über die Hintergründe
der Explosion. So durchsuchte die Gendarmerie zuerst die Roma-Siedlung,
da sie vermutete, die vier Männer hätten versucht, das Schild
zu sprengen und sich dabei selbst getötet. Erst als zwei Tage später
in einem Nachbarort eine weitere Bombe explodierte, zu der ein rechtextremistisches
Bekennerschreiben eintraf, verband man das Attentat mit einer Anschlagserie,
die Österreich seit zwei Jahren in Atem hielt. Der Absender der Bekennerschreiben
titulierte sich als "Bajuwarische Befreiungsarmee" und polemisierte
mit dem Slogan "Wir wehren uns" gegen Immigration und Aufnahme
von AsylbewerberInnen. Die Suche nach den Tätern bewegte die österreichische
Öffentlichkeit. Hinter dem Decknamen der "Bajuwarische Befreiungsarmee"
verbarg sich jedoch keine Gruppierung, sondern ein Einzeltäter, der
bei seiner Verhaftung vergeblich versuchte, sich in die Luft zu sprengen.
Er erhängte sich nach seiner Verurteilung.
Die Roma gehören zu den am stärksten benachteiligten Minderheitengruppen
in Österreich. Erst 1993 wurde ihnen der Minderheitenstatus zuerkannt.
75% wurden in den Vernichtungslagern der Nazis umgebracht. Heute leben
etwa 3.000 Roma im Burgenland. Nach dem Attentat versuchte Jörg Haider,
die eindeutig fremdenfeindliche Motivation des Anschlags zu leugnen und
den Roma die Schuld für das Attentat zuzuschieben: "Wer sagt,
dass es da nicht um einen Konflikt bei einem Waffengeschäft, einem
Autoschieber-Deal oder um Drogen gegangen ist."
Eben diese in Österreich weit verbreitete Einstellung steht in dem
Stück am Pranger. Die sieben SchauspielerInnen, die die österreichische
Gesellschaft symbolisieren, spielen in einem Käfig; der Zuschauerraum
ist mit einer durchsichtigen Wand abgetrennt, die die Abschottung des
Landes verdeutlichen soll. "Das Boot ist voll", so lautet die
Message der Allgemeinheit, selbst wenn sie oberflächlich demonstrativ
um die Ermordeten trauert. Aus der falschen Betroffenheit bricht wie ein
eitriger Husten immer wieder die Fremdenfeindlichkeit hervor: "Die
wollen vergessen werden", wird gesagt und "Einmal muss Schluss
sein!" skandiert. Neben dem "gesunden Volksempfinden" hat
Jelinek es vor allem auf die österreichische Presse, personifiziert
durch den unter dem Pseudonym "Stab" für die "Neuen
Kronen Zeitung" schreibenden Richard Nimmerrichter, abgesehen. Wie
im Schlaf reckt der immer wieder die Hand zum Hitlergruß. Die rechtsradikalen
Attentate werden in den Medien banalisiert; sie werden mit Nachrichten
über Kommissar Rex, Rubbellose oder Ratespielen zu einem Einheitsbrei
verkocht, den niemand mehr als schockierende Wirklichkeit wahrnimmt. Dies
wird an Ort und Stelle vom Publikum bewiesen, das sich unmittelbar nach
den bedrückenden Nachrichten über die brutalen Einzelheiten
des Anschlags angesichts des komisch gespielten Hundes Komissar Rex (Markus
Gerten) unwillkürlich vor Lachen biegt.
Besonders nimmt Jelinek die Mediensprache unter die Lupe und zeigt überspitzt,
wie hier die Nazivergangenheit bagatellisiert wird: Augenzwinkernd werden
begangene Verbrechen sprachlich zum "Naziregimerl" und "Konzen-trations-lagerl"
verniedlicht. Jelinek verbindet in ihrem Stück auf eindrucksvolle
Weise extrem unterschiedliche Zitate und Sprechweisen zu einem Ganzen.
Versatzstücke aus der Boulevardpresse stehen neben Zitaten des jüdischen
Dichters Paul Celan oder Martin Heideggers. Dadurch kommt ein im positiven
Sinne künstlich wirkender Text zustande, der die Aufmerksamkeit auf
unsägliche Sprech- und Schreibweisen lenkt, an die wir uns schon
fast gewöhnt hatten.
Über ihre Motivation, das Stück zu schreiben sagt Elfriede Jelinek:
"Ich hatte den Wunsch, einer so unterdrückten Minderheit, die
unter unglaublichen Umständen lebt, deren Kinder alle automatisch
in Sonderschulen abgeschoben werden, die also gar keine Möglichkeit
zur Bildung bekommen, diesen Menschen das Äußerste, was ich
mir in meiner Kunst erarbeitet habe, zur Verfügung zu stellen: für
die, die sprachlos sind oder deren Sprache wir nicht verstehen, zu sprechen,
war mir sehr wichtig."
Julia
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