Die Pisa-Studie beweist:
Deutschland hinkt nach - das darf nicht sein!
Ein Raunen ging durch die Nation, als in der ersten Dezemberwoche die Ergebnisse
der sog. Pisa-Studie veröffentlicht wurden. Der Vergleich der Schulleistungen
von Schülern unterschiedlicher Schulformen und verschiedener Industrieländer
ergab, dass im Schnitt die deutschen Schüler erheblich schlechter lesen
und rechnen können als ihre Kollegen in anderen Ländern.
Als mögliche Ursachen geben die Forscher des Max-Planck-Instituts, die
die Studie im Auftrag der OECD in Deutschland maßgeblich durchführten,
unter anderem die mangelnde finanzielle Ausstattung der Primar- und Sekundarstufe
I, die schlechte didaktische und methodische Ausbildung der Lehrerschaft sowie
die Nichtberücksichtigung der unterschiedlichen sozialen Voraussetzungen
der Schüler an.
Warum können Schüler nach 10 Schulbesuchsjahren nicht vernünftig lesen und rechnen?
Dass in Deutschland überdurchschnittlich viele SchülerInnen ohne
ausreichende Lese- und Rechenkünste die Schule verlassen, mag schon richtig
sein. In aller Aufregung darüber vergessen die hauptamtlichen Kinderbegutachter,
dass auch in den anderen Ländern eine gehörige Portion von SchülerInnen
als Quasi-Analphabeten ihre Schullaufbahn beendet. Und das liegt nicht an der
besonderen Ausformung des Schulwesens in den verschiedenen Ländern, sondern
am System der Schule selbst.
In erster Linie hat die Schule die Aufgabe, die Jungmannschaft zu sichten und
zu begutachten, inwiefern sie für mögliche gesellschaftliche Positionen
oder Arbeiten geeignet ist. Da die höheren und niederen Pöstchen nicht
jeweils in unbegrenzter Anzahl zur Verfügung stehen, findet gleichzeitig
ein Ausleseverfahren statt. Die SchülerInnen werden miteinander verglichen
und entlang der Gaußschen Normalverteilungskurve in gute, durchschnittliche
und schlechte eingeteilt. Die guten und ein Teil der durchschnittlichen SchülerInnen
bekommen die Möglichkeit, sich einer höheren Bildung zu unterziehen.
Der Rest wird von Bildung im eigentlichen Sinne ausgeschlossen und muss sich
mit Grundbildung zufrieden geben. Im Berufsleben finden sie sich dann in der
Mehrheit mit schlecht bezahlten und unsicheren Jobs oder Arbeitslosigkeit ab.
Die Produktion von schlechten Schülern ist also im System der Schule selbst
angelegt und wird deutlich in der Notengebung: An Hand der Note ist eben nicht
erkennbar, was einE SchülerIn kann. Lediglich seine abstrakte Leistung
im Vergleich mit anderen SchülerInnen wird dokumentiert, und da sortieren
sich die Schüler nicht nach Fähigkeiten und Fertigkeiten sondern nach
"Gut" und "Schlecht".
Grundbildung ist Ausschluss von Bildung
Wer bei der Grobauslese - Gymnasium, Realschule oder Hauptschule - den Schwarzen
Peter, also die Hauptschule, gezogen hat, muss sich nun den proletarischen Feinschliff
holen. Während in den höheren Bildungsetagen Einblicke in die Grundstrukturen
der Wissenschaft gewährt werden, gehen die Lernfortschritte bei Hauptschülern
kaum über das Niveau der GrundschülerInnen hinaus (siehe auch Pisa-Studie).
Dagegen wird viel Wert auf die moralische Erziehung gelegt, denn als Untertan
in allen Lebenslagen hat der zukünftige Prolet so einiges auszuhalten.
Darum werden blitzsaubere Hefteintragungen, deren Inhalt nicht verstanden wurden,
Grundlage für eine gute Hauptschulnote. Freundliche Umgangsformen zählen
hier mehr als komplizierte Rechenkünste.
Da drückt der/die fortschrittliche HauptschullehrerIn auch mal ein Auge
zu. Schließlich hat er/sie eine Klientel zu betreuen, die nachweislich
nicht besonders lernfähig ist. Überforderung ist das Schlimmste, was
man solchen Kids antun kann. Sie bedürfen einer speziellen Förderung,
die gezielt Lerndefizite aufgreift - so heißt es beschönigend, wenn
man ausdrücken will, dass die Kundschaft so blöd ist, wie sie durch
die Schule gemacht wurde.
Nun mag man einwenden, es sei doch ziemlich absurd, der Schule zu unterstellen,
sie produziere bewusst den ungebildeten Nachwuchs. Aber gerade das unqualifizierte,
für jeden Niedriglohn zu habende Personal ist heiß begehrt von der
Wirtschaft, die jeden für Lohn zuviel bezahlten Euro beklagt und dafür
staatlicherseits viel Verständnis entgegengebracht bekommt. Entsprechend
reimt sich der "Schulversager" die Sache so zusammen, er habe es schließlich
nicht besser verdient, da er in der Schule nicht genug getan habe oder einfach
zu doof sei.
Vom aufsässigen Schüler zum braven Proleten
Ein Großteil der SchülerInnen, die auf der Hauptschule landen, haben
sich mit ihrem Schicksal nicht so einfach abgefunden. Sie wurden entweder schon
auf der Grundschule oder später auf den weiterführenden Schulen (mit
erweiterter oder höherer Bildung) immer damit konfrontiert, zu dem miesen
Drittel der Schülerschaft zu gehören. Lernen hat für sie etwas
unmittelbar Bedrohliches, ist es doch mit negativen Konsequenzen für sie
verbunden. Wer nun Abschied nehmen muss von höherer Bildung und auf der
Hauptschule landet, dem ist das Lernen grundsätzlich verleidet und der
reagiert misstrauisch, zum Teil lautstark und gewalttätig auf die Anforderungen
der Schule. Die grandiose Leistung der Hauptschule besteht nun darin, schließlich
diese SchülerInnen zum freiwilligen Mitmachen in der Schule zu bewegen,
ohne dass sie begreifen, was sie tun. Damit haben sie das Bildungsziel für
den künftigen Proleten voll erreicht!
Das alles trifft auch auf die Gesamtschule zu. Hier wird die Differenzierung
halt intern durchgeführt, und wer nicht total auf den Kopf gefallen ist,
weiß auch in der Gesamtschule, zu welcher Sorte von SchülerInnen
er gezählt wird.
Warum regt man sich bloß so auf?
In der Pisa-Studie werden die Schülerleistungen in fünf Kompetenzstufen
- von der Elementar- bis zur Expertenstufe - eingeteilt. Ganz selbstverständlich
wird behauptet, dass sich die Menschen entlang der vordefinierten Stufen einsortieren
müssen. Am Ausleseverfahren als solchem mit den zugehörigen Konsequenzen
hat niemand etwas auszusetzen.
Dass es schlechte und gute SchülerInnen geben muss, daran zweifelt niemand.
Aber Deutschland soll als zukünftige Weltmacht Nr. 2 und als weltweit anerkannte
Kulturnation nicht nur in Sachen Produktion, Handel und politischem Einfluss
auf den vorderen Rängen liegen, sondern auch auf allen übrigen Gebieten.
Darum verletzt das Ergebnis der Pisa-Studie den Nationalisten tief, sich beim
Vergleich unter Ländern der zweiten Wahl wiederzufinden (vgl. hier auch
das Fußballdesaster der Nationalelf).
Wenn überhaupt ein Grund zur Aufregung bestehen sollte, dann liegt er darin,
dass eine gehörige Anzahl der SchülerInnen als halbe Analphabeten
die Schule verlassen. Sie können keine Anleitungen oder Formulare verstehen,
Fahrpläne und Führerscheinprüfbögen sind für sie unverständlich.
Sie sind nicht fähig, Alltagskalkulationen mit mathematischer Grundlage
zu erledigen. Für ihre Zukunft als freie Lohnarbeiter sind sie schlecht
gerüstet, denn ein paar zivile Grundtechniken braucht auch der Prolet.
Was wäre wenn?
Zum Schluss sei folgende Hypothese gestattet: Nehmen wir mal an, Deutschland wäre bei der Untersuchung - natürlich bei gleichen blamablen Leistungen der Schüler - im oberen Drittel der begutachteten Länder gelandet. Die Profi- und Amateurnationalisten hätten sich auf die Brust geklopft und ihr überlegenes Bildungssystem gepriesen! ³
Vor vielen Jahren hat ein deutscher Politiker festgelegt, welchen Bildungsanforderungen die nicht-deutsche Bevölkerung im Osten genügen muss:
"Für die nichtdeutsche Bevölkerung des Ostens darf es keine höhere Schule geben als die vierklassige Volksschule. Das Ziel dieser Volksschule hat lediglich zu sein: Einfaches Rechnen bis höchstens 500, Schreiben des Namens, eine Lehre, daß es ein göttliches Gebot ist, den Deutschen gehorsam zu sein und ehrlich, fleißig und brav zu sein. Lesen halte ich nicht für erforderlich. Außer dieser Schule darf es im Osten überhaupt keine Schule geben."
Denkschrift Himmlers über die Behandlung der Fremdvölkischen im Osten (Mai 1940). In: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte 5 (1957), S. 194-198.
So ungefähr könnte man doch eine "Kompetenzvorstufe 0"
definieren. Vielleicht wären wir dann wieder gut im Rennen.
www.terz.org - 21.12.2001