Mit einer Geldstrafe in Höhe von 50 Tagessätzen à 15 € endete am 12.12. vor dem Düsseldorfer Amtsgericht ein Strafverfahren gegen einen Bochumer Studenten. Diesem war Landfriedensbruch und Sachbeschädigung vorgeworfen worden, da er am Rande der neonazistischen Demo am 28.10.2000 in Düsseldorf den PKW eines anreisenden Neonazis mit einem Schirm demoliert haben soll. Nur ein Teil der anreisenden Neonazis hatte es damals geschafft, zur Reinuferpromenade vorzudringen, um dort für "Meinungsfreiheit auch für Nationalisten" zu demonstrieren. (vgl. TERZ 11/00). Einer derjenigen, die wohl Schwierigkeiten hatten, war der 28jährige Industriemechaniker Oliver Rademacher aus Oelde (Kreis Warendorf). "Vermummte Gestalten" seien aufgetaucht und hätten mit einem Regenschirm sein Fahrzeug bearbeitet, so Zeuge Rademacher. Erschienen war er zum Prozess gemeinsam mit einem von "Kameraden" bereit gestellten arischen Kampfzwerg'-Begleitschutz aus Duisburg. Letztendlich konnte Rademacher aber den Angeklagten ebensowenig wie die als Zeugen vernommenen Polizeibeamten als einen der Angreifer identifizieren. Die Richterin störte das überhaupt nicht. Die Angaben der Polizeibeamten, sie hätten damals den "richtigen", nämlich den schirmschlagenden Übeltäter festgenommen und demnach müsse der Angeklagte ja schliesslich der Täter sein, reichte ihr. Verschärfend käme für den Angeklagten hinzu, so die Richterin, dass er keinerlei Reue gezeigt und sich auch nicht für sein schändliches Tun entschuldigt hätte.
Befragt man seine ehemaligen Nachbarn auf der Langerstrasse und Kölnerstrasse,
kontaktet man den von ihm bis Ende 2001 geleiteten "Vereinigten Männerchor
1820 Willich e.V." oder spricht man mit wem auch immer von denjenigen,
die ihn wahrgenommen hatten: man bekommt stets die gleiche Antwort. Ein höflicher,
schüchterner, konservativer und sehr zurückgezogen lebender Musiklehrer,
der Herr Guido Stoffels. Musik sei für ihn "Ausdruck göttlicher
Offenbarung", so Stoffels über seine Leidenschaft. Laut "Neuss-Grevenbroicher
Zeitung" vom 30.1.2002 entschwand er kürzlich nach Wismar, wo er eine
Stelle als Musiklehrer angetreten hätte, weswegen sich nun auch der "Männerchor
Lank-Latum" einen neuen Chorleiter suchen müsse. Alles noch kein Grund,
Zeilen in der TERZ über ihn zu füllen. Aber die kleine arme deutsche
Stoffels-Wurst scheint noch deutscher zu sein, als zu vermuten war. Am 6.11.2002
berichtete die Wismarer Zeitung von einem Brandanschlagsversuch auf einen Wismarer
Asia-Imbiss ein Tag zuvor. Ein Zeuge hatte beobachtet, wie zwei Personen in
das bewohnte Gebäude eindrangen. Die herbeigerufene Polizei erwischte zwei
18jährige Schüler, die mitgebrachtes Benzin ausgekippt hatten und
gerade entzünden wollten. Eine Woche später wurde eine weitere Person
wegen des dringenden Verdachs auf Beihilfe zum versuchten Mord und versuchter
schwerer Brandstiftung in U-Haft genommen: Der 38jährige Guido Stoffels,
der am Gymnasium "Am Sonnenkamp" in Neukloster als Musiklehrer arbeitete.
Er schweigt zu sämtlichen Vorwürfen. Laut Angaben der Staatsanwaltschaft
soll er die beiden Täter bei einem NPD-Treffen kennengelernt haben und
ihnen später bei der Tatvorbereitung behilflich gewesen sein, indem er
ihnen u.a. das Benzin besorgt hatte. Bei zwei Hausdurchsuchungen soll neonazistisches
Propagandamaterial gefunden worden sein, des weiteren eine Hakenkreuzflagge
über dem Bett, ein Hitler-Portrait sowie Bilder, auf denen Stoffels mit
anderen beim "Hitlergruß" zu sehen sei, berichtete die "Schweriner
Volkszeitung" über die Erkenntnisse der Staatsanwaltschaft. Kollegen,
so die SVZ, galt Stoffels als "konservativer Einzelgänger, der das
DDR-Schulsystem schätzte". Er habe zwar einen "sehr autoritären
Stil" vorgetragen, so die "Ostsee-Zeitung" (OZ), dieser sei aber
von seinen Kollegen nicht als "rechte Gesinnung", sondern als "Folge
von Disziplinschwierigkeiten in seinem Unterricht" gewertet worden. Die
OZ berichtete aber auch von einer Schülerin, die bestätigte, dass
er "durch rechtsradikale Äußerungen in der Schule aufgefallen"
sei. Im Interview mit der Schülerzeitung "klartext" beklagte
Stoffels laut SVZ "Disziplinverlust" und "nachlassendes Pflichtbewusstsein
bei den Schülern".
Während in Mecklenburg-Vorpommern einmal mehr Betroffenheit angesagt ist
und der Lehrkörper darüber jammert, dass "das Ansehen der gesamten
Lehrerschaft in unserem Lande in Misskredit gebracht" worden sei, liegt
ein Mantel des Schweigens über der politischen Vergangenheit von Stoffels.
Die SVZ berichtet am 6.12., dass zwischenzeitlich der Verfassungsschutz eingestanden
habe, dass Stoffels "bereits früher wegen rechtsextremer Aktivitäten
aufgefallen" sei und "seit längerem im Nachrichtendienstlichen
Erkennungssystem (NADIS) des Verfassungsschutzes geführt" würde.
Er sei "früher in Krefeld als Aktivist der DVU ins Visier des Verfassungsschutzes
von Nordrhein-Westfalen geraten". Ganz freiwillig kam diese Offenherzigkeit
des VS wohl nicht. Es hatten sich zuvor Gerüchte gehäuft, Stoffels
sei als V-Mann für einen Geheimdienst tätig gewesen. "Wir betonen,
dass Herr S. zu keinem Zeitpunkt als Quelle oder Vertrauensperson für unseren
Verfassungsschutz gearbeitet hat", stellte daraufhin ein Sprecher des Innenministeriums
auf Anfrage der SVZ fest. Merkwürdig mutet hierbei an, dass dem zuständigen
Landesbildungsministerium bei der Einstellung von Stoffels keinerlei Erkenntnisse
über dessen politische Vergangenheit vorlagen. "[...] Gründe
gegen eine Einstellung waren nicht ersichtlich", wird eine Ministeriumssprecherin
von der SVZ zitiert. Vielleicht wäre der Erkenntnisstand des Schweriner
Ministeriums ein besserer gewesen, wenn es eine/n Linke/n hätte einstellen
wollen. Viele linke und vermeintlich linke LehrerInnen haben in derartigen Situationen
ganz andere Erfahrungen gemacht.
www.terz.org - 17.12.2002