Globalisierung: Bewegung und Kritik
Über die globalisierungskritische Bewegung ist in linken
Blättern viel geschrieben worden. Meist bewegen sich die Bewertungen der
sog. Antiglobalisierungsbewegung zwischen Euphorie angesichts der Mobilisierungsmassen
und der pauschalen Verteufelung angesichts der dort stark vorhandenen Defizite
in der materialistischen Staats- und Kapitalanalyse. Leider haften vielen Artikeln
und Wertungen dieser Bewegung Pauschalisierungen und sattsam bekannte Abgrenzungsrituale
an, die mehr über das geschlossene Weltbild der Kritiker oder Apologeten
aussagen, als über die Bewegung selbst. Die Redaktion des Informationszentrums
3. Welt (iz3w) und die Bundeskoordination Internationalismus (BUKO) haben sich
nun die Mühe gemacht, mit einer Broschüre inhaltlich in das Thema
einzusteigen, und eine aktuelle Zwischenbilanz zur Globalisierungskritik aus
linker Sicht zu ziehen. Anhand konkreter Beispiele in ausgesuchten Ländern
wie Argentinien, Südkorea und der ehemaligen Sowjetunion wird der Stand
der Bewegung länderübergreifend analysiert. Im zweiten Teil der Broschüre
geht's um Kritik der Praktiken von WTO, Weltbank, Agrarhandelspolitik, EU und
UN. Hier wird faktenreich beschrieben, wie die Institutionen auf die Globalisierungskritik
reagieren. Ein weiteres Kapitel setzt sich mit der Kapitalismuskritik auf der
Höhe der Zeit im Kontext der Bewegung auseinander. Daran anknüpfend
steht im letzten Teil die kritische Analyse der Globalisierungskritik in der
Bewegung selbst im Zentrum der Auseinandersetzung. Ein Serviceteil mit Adressen
und Literatur auf dem aktuellen Stand gibt Anregungen zur Weiterbeschäftigung.
Die Broschüre ist überaus informativ und trägt dazu bei, sich
jenseits identitärer Abgrenzungsriten oder flacher Verherrlichungen einen
kritischen Einblick in den aktuellen Stand der Globalisierungskritik zu verschaffen.
Kaufen, lesen!
iz3w/buko (hg): Wo steht die Bewegung? Eine Zwischenbilanz der Globalisierungskritik.
ISS 0933-7733 (Bestell-Fax: 0761 709866), 72 S., 5 Euro
Biopolitik
Biopolitik ist ein Schlagwort aus (post)strukturalistischen und postmodernen
Debatten und hat durch den Erfolg von "Empire" zusätzlichen Auftrieb
erhalten. Unter höchst unterschiedlicher Besetzung des Begriffs werden
hierbei die Auswirkung ender Politik/Herrschaft auf das Leben selbst verstanden.
Jene Debatten und Analysen stehen im Zentrum der Analyse in der 2. Ausgabe der
Zeitschrift FANTOMAS, die aus dem Kreis der Zeitung "analyse und kritik"
(ak) herausgegeben wird. Hierbei geht's natürlich auch um die Auseinandersetzung
mit dem Kassenschlager von Hardt & Negri. Der Übersetzer der deutschen
Ausgabe von Empire, Thomas Atzert, beschreibt die kapitalistischen Transformationen
anhand der Begriffe der immateriellen Arbeit, der Biopolitik und der Multitude.
Susanne Schulz versucht sich in einer feministischen Kritik an den theoretischen
Leerstellen von Empire und Dirk Hauer, Mitglied der Gruppe "blauer Montag",
thematisiert Unklarheiten und Widersprüchlichkeiten in der Wertung des
Begriffs der immateriellen Arbeit. In einem weiteren Teil des Heftes werden
praktische Auswirkungen der Biopolitik anhand vom Bürgerkrieg in Angola,
der biotechnologischen Kapitalverwertung des Körpers und der Illegalisierung
von Migranten beschrieben. Zudem wird ein Einblick gegeben in das Biomachtkonzept
Foucaults. Ein weiterer Abschnitt beschäftigt sich mit Theorie und Praxis
der Multitude. Hier wird das Projekt der italienischen Zeitschrift DeriveApprodi
zum Stand sozialer Bewegungen in Europa vorgestellt und der Alt-Operaist Paolo
Virno zum Projekt wie zur Entwicklung der radikalen italienischen Linken. An
einer philosophischen Erläuterung und Kritik von "Empire" versucht
sich Thomas Seibert. Zum Abschluß werden Orginaltexte von Foucault, von
Surrealisten, Dadaisten, Expressionisten und ein Text aus der anarchofeministischen
"Schwarzen Botin" präsentiert. Ein kompaktes Begriffsglossar
rundet die Broschüre ab. Woher stammt das Zitat: "wo die Gefahr wächst,
wächst das Rettende auch"?
Auflösung im Heft!
Fantomas Nr. 2: Biopolitik
66 S., (Bestell-Fax: 040 40170175), 4,50 Euro
grundrisse
"Grundrisse zur Kritik der politischen Ökonomie" hieß
ein bedeutendes Werk des Vaters des Marxismus und "grundrisse" heißt
nun auch eine Zeitschrift aus Wien, die sich der marxistischen Analyse auf der
Höhe der Zeit verschrieben hat. Verrückte Zeiten, in denen ein solches
Projekt trotz Abwicklung linker Bewegungen auf Interesse stösst. Aber gerade
deshalb scheint theoretische Reflektion wohl wieder angesagt zu sein. Symphatisch
an den "grundrissen" ist, dass ihre MacherInnen erklären, jeden
Text in ihrer Zeitschrift eingehend zu diskutieren, kritisieren und analysieren.
In ihrer (nicht mehr aktuellen) Ausgabe Nr. 2 beschäftigen sich die ZeitschriftenmacherInnen
mit dem linken Kassenschlager "Empire". Wer mal richtig den Kopf brummen
lassen will, sollte im Internet auf www.grundrisse.net gehen und sich die Ausgabe
kostenlos aas pdf-Format runterladen. Ansonsten kosten die aktuellen Ausgaben
4,80 Euro und sind zu bestellen unter grundrisse@gmx.net.
Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung ändern kann!
bookNazi-Lifestyle
In Berlin ist gerade eine Broschüre erschienen, die beweist, dass mit
Mitteln aus Bundesförderprogrammen sogar vernünftige Sachen gemacht
werden können. Die in Berlin ansässige "agentur für soziale
perspektiven" hat mit den Fördermitteln eine überaus informative
Broschüre über die Symbole, Codes und Moden in neofaschistischen Szenen
erstellt. Durch Abbildungen und kurze, prägnante Erläuterungen wird
ein Einblick in die Symbolik des aktuellen Neonazismus gegeben. Das Heft ist
in unterschiedliche Themenbereiche aufgeteilt: die in der Szene verwendeten
Symbole mit offen nationalsozialistischem Bezug, neofaschistische Embleme und
Logos, heidnisch-germanische Symbole, sowie jugendkulturelle Codes und Bekleidungsmarken.
Zudem werden die aktuellen Medien und das neofaschistische Musiknetzwerk mittels
Abbildungen und Kurzerläuterungen vorgestellt.
Die Broschüre bietet daher sowohl einen hervorragenden Einblick ins Thema,
als auch die Möglichkeit, zielgenau die Bedeutung bestimmter Symbole nachzuschlagen.
Ein komprimiertes Werk mit hohem Nutzwert!
asp: Versteckspiel. Lifestyle, Symbole und Codes von neonazistischen und extrem
rechten Gruppen.
Reihe antifaschistischer Texte (Bestell-Fax: 030 610 764 62), 2002, 37 S.,
3 Euro
bookDas Kreuz mit der Kirche
Eines war von vornherein abzusehen. Nämlich dass, egal was Daniel Jonah
Goldhagen als nächstes Buch nach "Hitlers willige Vollstrecker"
veröffentlichen würde, es einer besonderen Aufmerksamkeit sicher sein
würde. Tatsächlich hat sein neues Buch "Die katholische Kirche
und der Holocaust - Eine Untersuchung über Schuld und Sühne"
eine Kontroverse ausgelöst, allerdings bei weitem nicht so wie beim Vorgänger.
Man kann im Internet die Verteidiger beider Parteieen beobachten und es gab
relativ alberne Versuche, von den Vorwürfen abzulenken und die Verbreitung
des Buches zu behindern, weil eine Bildunterschrift falsch ist. Dieses Vorgehen
kennt man von der ersten Ausstellung über die Verbrechen der Wehrmacht.
So ärgerlich Detailfehler sind, so ändert es nichts an den beechtigten
Kernaussagen.
In der Tat muss man bei dem Buch schlucken. Man kann über die katholische
Kirche sehr viel Negatives sagen, aber der Holocaust geht nun nicht auf ihr
Konto. Goldhagen verwirft die gängige Praxis, zwischen christlichem Anitjudaismus
und modernem Antisemitismus zu unterscheiden. Er sieht von daher eine direkte
Mitverantwortung der Kirche für die Verbrechen. Kein Mensch wird die Beteiligung
der Kirche an der Entstehung des Holocaust bestreiten, wie Goldhagen jedoch
selber richtig feststellte: "No Germans, no Holocaust". Die Deutschen
folgten damals einer dezidiert nicht-christlichen Partei, nämlich der NSDAP.
Aber die Diskussion, ob genug von der Institution Kiche getan wurde, um den
Völkermord zu verhindern, wird mit Moral und Polemik und andauernder Wiederholung
angefacht. Dabei komme ich absurderweise fast zu dem Resultat, die von mir nicht
geschätzte Kirche etwas in Schutz zu nehmen. Es ist länger bekannt,
wie, vorsichtig ausgedrückt, zaudernd die Versuche Papst Pius XII waren,
etwas für die verfolgten Juden zu tun. Ebenso ist bekannt, dass Bischof
von Galen mutig genug war, um gegen das Euthanasieprogramm zu predigen, aber
zum Holocaust hat er auch nichts gesagt. Natürlich ist es wichtig zu wissen,
dass der kroatische Klerus zum Teil Völkermord aktiv unterstützt hat
und dass manche Kleriker gesuchten Nazis zur Flucht nach Südamerika verholfen
haben. Das alles beschreibt Goldhagen interessant. Ist aber nichts Neues.
Er selber fordert immer wieder die genaue Untersuchung all dieser Vorkommnisse,
und das zu recht. Statt aber einen ausgeweiteten Moralessay zu schreiben, wäre
genau eine solche Untersuchung von Interesse. Die historischen Fakten in diesem
Buch machen allenfalls ein Drittel des Textes aus, der Rest ist Moral. Ich habe
nichts gegen Moraldiskussionen (was in der Terz nicht nur auf Gegenliebe stößt)
aber wenn man mehr moralisiert als analysiert, wird es ärgerlich. Goldhagen
moralisiert in ständiger Wiederholung und klagt die Kirche an. Aber seine
Forderungen sind politisch naiv und ich erspare es mir, hier mich damit auseinanderzusetzen.
Aus den Ereignissen von damals kann nur eine Forderung abgeleitet werden. Nämlich
dass Christen sich von dieser Kirche mit Entsetzen abwenden und die moralische
Kraft, die in der christlichen Heilsbotschaft liegt, für sich und ohne
diese Institution ausleben. Ach so, bevor ein falscher Eindruck entsteht: Für
Linke ist dies eh eine Gespensterdiskussion. Für einen Linken erübrigt
sich ja wohl hoffentlich (bitte wenigstens noch diesen Konsens) eine Diskussion
über die heilige Mutter Kirche mit all ihren Verfehlungen. Von der Inquisition
bis zum spanischen Bürgerkrieg gibt es da auch außer dem zweiten
Weltkrieg mehr als genug Argumente, um diese katholische Kirche abzulehnen.
Dominus vobis cum, wer dran glaubt, soll es von mir aus tun, aber nicht mit
diesem Verein!
FEHRI
www.terz.org - 17.12.2002