""Der alte Mann, der alles wusste, starb letztes Jahr. So das alte
Sprichwort der schwarzen Sklaven in den Südstaaten der USA. Da könnt
ihr fürs neue Jahr viel draus lernen, Leute: erinnert euch mal daran, Sachen
zu vergessen, um andere neu zu erfinden. Ja war das jetzt so was die Neujahrsansprache?
Ääääh...wohl nicht, aber was ich wirklich Tolles damit sagen
wollte...das habe ich echt schon wieder total vergessen. Was soll man da schon
gross machen? Kann man nichts machen. Hau ma rein, Alter, was willstn sagen?
Also nur eins: 2003 ist vorbei!
CLICKS & CUTS 3 (Mille Plateaux)
Kaum ratifizierbarer Quantensprung. Wassn da passiert? Die Logik der Zusammenstellung
ist nicht zu sehen, zu spüren und zu verstehen, aber sie ist immer zu hören,
und das hier wird immer wieder sehr viel besser. Die Protagonisten dieses so
avancierten wie bodenverhafteten elektronisch basierten Klangdesigns betrachten
zeitgenössische Pop- wie Experimentalmusikstile logischerweise nur als
Material, um eine von der herrschaftscodierten 1:1-Referenz emanzipierte Struktur
der Teilchen in einem interdependentem Netzwerk ent-hierarchisiert hör-
und darüber hinaus eventuell sogar sozial sichtbar zu machen. Puuh ja.
Das allein wäre ja schon mal eine ganze Menge heute, und ihr wisst ja,
wie vorsichtig man angesichts der Subkulturindustrie mit politischen Zuschreibungen
auf Musik sein sollte. Die Klänge dieser Doppel-CD überzeugen aber
vor allem durch die selbstverständliche und unangestrengte Klarheit ihrer
Konstruktion. Innermolekulare Hitze kommt durch die richtigen Gewürze,
und Kälte durch die Räume, die auf einmal gut durchgelüftet werden.
Und die Köche wissen, wie viel sie gerade eben noch geben dürfen.
Und die Klarheit von agf's "pianos" ist darüber hinaus wirklich
sexy. 1000% komm mir nicht mit Befindlichkeiten, du Li-La-Laune-Arsch.
GIARDINI DI MIRÓ: THE ACADEMIC RISE OF FALLING DRIFTERS (2.nd rec) Schon
gleich am Anfang hängt's, dann spielt jemand drums, und noch jemand schiebt
ne Fläche drüber. Schliesslich ne Trompete, doch irgendwann hängt's
wieder...die melancholischen Italiener, deren Instrumentierung sich letztlich
von klassischer Triobesetzung in nahezu orchestralen Ausmass wandelte, lassen
sich auf 8 Stücken von Elektronikern wie Styrofoam, Nitrada, Dntel oder
Indie-Langeweilern wie Turner remixen. 29% impressionistischer Prog-Rock, 34%
Wohlfühl-Knister, 22% nervige Indie-Popvibes, 67% wahnsinnsschöne
Atmo (Opiate, Isan), 100% Schliessfachöffnung der Indietronicnachlassverwaltung.
BATTERY OPERATED: CHASES THROUGH NON-PLACE (C0C0S0L1DC1T1) Vom heimeligen Wohnzimmer
mit Countryblick in die moderne Kühle von öffentlichen Durchgangsräumen:
das Trio erzeugt auf 8 faszinierenden Tracks, in denen Daten durch Korridore
schlittern und hetzen, zu sozialen Un-Orten wie Passagen, Bahnhöfen oder
Hotels einen chaotischen Muzak-Soundtrack, der nach einer Weile eine wahnsinnige
Dringlichkeit bekommt, die der vermeintlichen Indifferenz dieser Orte komplett
entgegensteht. CD 2 visualisiert dies dazu in einem fast 80minütigem Video.
500% Spock-Funk, 500% DAS im Ohr beim nächsten Supermarktbesuch!
EU: WARM MATH (Pause_2)
Warpig, warpig. Zwo Russen lassens gefühl- wie geheimnisvoll rasseln und
wärmeln und werden so in sekundenschnelle, das lässt sich nun wirklich
ohne Probleme schreiben, die russischen Plaid. Gibt man dann Bonuspunkte wegen
der russischen Roots, oder ächzt man "unnötiges Plagiat"?
Hört mal zu: nicht nur ein Track wie "Puerto" ist grossartig.
Und die ganze Platte atmet analog.
IDENTIFICATION: IDENTIFY (C0C0S0L1DC1T1)
Und wieder meldet sich Übervater Warp, der Düstere: sinistre Atmo,
kleingeschliffene Rhythmik und kranke Sing-a-longs zwischen Slow-Motion-Drum&Bass
und Digitalelektro. Hier kommt kein Retroverdacht auf, wenn Mr. Identifizierung,
auch als Luv und Dorketstra unterwegs und Ninja Tune sehr verbunden, seine für
letzteres Label viel zu dunkle Sicht der Dinge ausbreitet. "What's happening
on this planet?" Cyborgs steigen am Stock endlose Treppenstufen hoch, oder
zwei Roboter popeln lustlos in der Nase, wenn sie im Freizeitpark Rolltreppe
fahren...
EPY: AHEAD OF THE WAV (2.nd rec / Hausmusik)
Wahnsinnsgeiler Minimalismus, der digitale Disco einige Jahre way ahead vorrauswirft.
Die 5 Österreicher wandelten sich ab 1993 von Ravern zu Computerwissenschaftlern,
Tontechnikern und Elektromedialisten, und ihre Bio hört sich weitaus schlimmer
an als ihre Musik - kleiner Schurz. Sirius: 99,0007% alte musik von morgen,
0,0003% sentimentale Restpartikel der Erinnerungen an Gestern. Definitives Hochlicht
für klarkalte Frühjahrsnächte.
XNZ / STUPID: LIVEACTS AT COFFY (wicked links)
Jibbet natürlich auch in unserem Dorf: Xnz und Stupid, Mitinitiatoren von
www.wicked.de links (Check it out!) präsentieren je ihren Solo-Liveact
im Coffy vom Februar letzten Jahres als Do-CD. Xnz mit kristallin-konzentriertem
Minimalismus, Stupid mit an- bis erregenden Kaputtnik-Drum&Bass-Dekonstrukt-
und Mutationen. Aus der Gegensätzlichkeit erwächst die Kraft, und
Reibung schlägt bekanntlich Funken! Wer endlich mal wieder hören will,
wie gute D'dorfer Elektronik klingen kann, sollte hier unbedingt reinhören!
V.A.: STUMMUTE (Volksbühne Recordings)
Zu fragen, ob das Label mit dem uncoolsten Namen zur Zeit eine Existenzberechtigung
jenseits des Zieles der Dokumentierung der musikalischen Volksbühneaktivitäten
hat, ist jetzt noch etwas verfrüht. Geplant ist, erst im Winter 2003 mit
3 "richtigen" Veröffentlichungen loszulegen. Hier packt man als
Teaser-EP elektronisches auf die eine und klassisches Songformat (ua Nikolaus
Höhle) auf die andere Seite. Host vom Janzen ist Ex-Spex-Nase Chris Gurkenkönig,
und im Moment ist das natürlich alles unheimlich aufregend. Hust.
V.A. : JEAN JACQUES SMOOTHIE: J'AIME LA MUSIQUE (Hope)
Wäre " J'HAIR LA MUSIQUE " nicht ein coolerer Titel gewesen?
Doch um Originalität geht's bei diesem amtlichen Bespassungssampler mit
dem hölzern-zigarrerauchenden Luden auf dem Cover eher nicht. 2 CDs mit
Soundtrack zum hemmungslosen Cocktailverschütten und detailverliebten Popliteratenkaputtlachen
(in echt, wenn man lange und hoch genug in bestimmten Frequenzen lacht, zerspringen
die wie Glas). 35% halbcoole Gummi-Dance-Nummern, 35% Gottlieb-Wendehals-für-rot-grüne-Poplinke-Faktor,
35% Tony-Marshall-in-Mitte-Faktor, 35% das finden auch Brecht-Leser jetzt echt
wild, 35% wird Timo Maas die dicke deutsche Madonna?
V.A.: HARD! (Chronowax/Groove Attack)
Diese ebenfalls von einem french DJ, nämlich Ivan Smagghe, der in Paris
zwei Jahre lang das Tech-Format Radio Nova programmierte, gemachte Compliation
im direkten Vergleich. Sofort wird klar: hier hat jemand bei ähnlichem
Vorhaben ungleich mehr Wissen, Stil und Ahnung von kontemporärem Dancefloor,
der schmoov-groovt und dabei noch jede Menge Schräglage und Kante intus
hat. Smagghe, eine Hälfte von Black Strobe, ist eher der schmierig-runtergerockte
Rocker, der seine Stilarroganz lässig an der Hüfte baumeln hat, als
der faltig-grinsende Pullunder-Hipsterschnösel von der Kunstakademie. Seine
Dance-Mission versteht er logisch als zeitgemässen Punk ohne Rock, und
auch wenn's nicht immer gar so wild ist - wie er's macht, isset einfach richtig.
V.A.: THE WILD BUNCH - STORY OF A SOUND SYSTEM (Strut)
Von den Clubs zurück auf die Strasse? No false legends, smash the myths!
Aber: The Wild Bunch, das war Mitte der 80er jene Partyposse aus Bristol, die
ihr offenes, aber stilsicheres Street-Stuff-Konzept aus Rap, Funk, Elektro,
Disco und House zu einem coolen Mix zusammenrührte, dessen Vibes auch heute
noch schlüssig sind und ankommen. Aus der riesigen Posse gingen Massive
Attack hervor, Leute wie Tricky oder Size & Krust standen im Hintergrund.
Retrospektiv macht sich das ja immer schön, von damals und wie toll das
doch alles war zu schwafeln (siehe "Verschwende deine Jugend") - gerade
dann, wenn das niemand mehr prüfen kann und Schreiberlinge mit Vitaldefiziten
gerne Pop-Patina ansetzen lassen. Daher nehmt dieses Sound-System einfach als
Geschichte, die wichtig war, und checkt den irrsinnig guten Flow des Materials:
die geile Reise, die Ex-Member DJ Milo hier mixt, begeistert. 100% no Nostalgia,
aber echtes Wissen und die Gabe, das weiterzugeben.
BAD BRAINS: INI SURVIVE DUB (Reggae Lounge)
Ja leckt mich! Machten die Bad Brains, unsere alten Ikonen, nun einst homophobe
Sprüche oder nicht, oder hat da jemand nur wieder mal nasses Pulver gerochen?
Diskutiert das bitte alle mal aus, aber hört euch dazu bitte unbedingt
diese geile Scheisse an. Finest in Dub-Reggae mit Punk- wie auch Sabbath-Zeppelin-Roots
- diese Mischung des Trios (ohne HR) ist auch heute noch unwiderstehlich. Hammer
treibend-entspannt, werdet ihr lieben, nur manchmal schmieren die Metallriffs
gar zu sehr. Dafür aber 1A Elektro-RMXe!
JAGA JAZZIST: A LIVING ROOM HUSH (Ninja Tune)
Jazz in der Tat, Sax me up! So wie Zappa/George Duke, ihrwisstwasichmein? Ist
aber eine 10köpfige Supergroup (Waaatsch...aua, ist ja gut...) aus norwegischen
Prankstern à la Motorpsycho, Biosphere oder Bobby Hughes, um mal die
bekanntesten fallen zu lassen. Diese Leute KÖNNEN spielen und sie machen
das zu deiner Freude, ohne jeden bohrenden Zahnarztpraxisvibe. Lässiger
Luder-Jazz mit Monthy-Python-Vibe, ziemlich grossartig. 96% Twannng! 97% TschikkaTschakka
98% Kalumba Twoooop 99% Rhodesss
UNITED FUTURE ORGANIZATION: V (Exceptional Records)
"Tired Of The Everyday Routine"? Nu wirds schwierisch: während
einige noch Eso-Acid-Jazz kreischen, wiegeln sich andere lässig abwinkend
im smoothen Latin-Electro-Groove. Fest steht: dieser gefühlvollcoole World-Jazz-Vibe
hat mehr zu bieten als kichernde Märchen für käsige Mondgesichter.
V.A.: HECHO EN CUBA (Ministry Of Sound)
Für Addictionaires vom Buena Vista Social Club: eine sehr okaye Nachfolgecompi
mit Compay Segundo, Ibrahim Ferrer, Rúben Gonzales, Omara Portuondo und
Eliades Ochoa. Unveröffentlichte Songs und digital entrauschte Klassiker
der Legenden. Die Originale haben es tatsächlich immer noch drauf!
THE MIGHTY BOB feat. Duncan Roy (Yellow)
Sehr schön und angenehm, so sehr, dass man nicht mehr die Spannung und
den Wunsch verspürt, diese Musik, die sich mit biederem Großmaulsinn
im Jazz verortet, noch mal auflegen zu wollen. "What now my love"
fragen wir hier, gemäss ihrer Coverversion von passenderweise Gilbert Becaud,
dem man einst unpassenderweise ja auch den Namen "Mr. 100.000 Volt"
gab.
GABIN: GABIN (Virgin) Aber hier: Zwo Italiener mit Gespür für grundgute
Grooves mit melancholischen Melodien, die mittels Swing und House einen irgendwie
unspektakulären, aber ultralebendigen und quirligen Instant-Lounge-Klassiker
produziert haben, der definitiv das Zeug zum bleiben hat.
MF DOOM: SPECIAL HERBS VOL. 2 (on the corner)
Scheisse, die Zeilen laufen mir weg und die Redaktion muckt
ok, dann nehmt
dies: herbe Scheisse & way down relaxter InstrumentalHipHop vom Veteranen.
COUNT BASS D: DWIGHT SPITZ (on the corner)
Selbes Label, selbe Liga: undurchdringbar geil, wie der Count als witzig-tuffer
NYer B-Boy sich mit einem Akai S-3000 & nem MPC einschliesst, und dabei
eine derart fantastische Underground-HipHop-Scheibe auf den Tisch haut...
V.A.: BUBACK Q.E.D. (Buback, wo denn sonnst????)
Nicht ganz so lässig, aber so gut wie kriegen das die Hamburger auch hin:
Scheisse, das ist die Platte, auf die ihr gewartet habt, ohne es zu wissen!
Jan Delay, Zitronen, DJ Koze, Les Robbespierres, Denyo, Beginner, Fox Force
- ne Menge Stoff, der da in 15 Jahren zusammenkam. Alte krasse Kacke wie 2Bias
"Hier im Viertel" fehlt logisch auch nicht - lang bevor die deutschen
Goldketten baumelten...und immer wieder die eine Hand schütteln und die
andere beißen...
DIE GOLDENEN ZITRONEN: AUSSAGE GEGEN AUSSAGE (Buback)
Oder war's DAS, auf das ihr gewartet habt? Wahrscheinlich, aber da ihr Weihnachten
ja eh leer ausgegangen seid, müsster euch dieses Doppelsilber irgendwie
anders verdienen...von selbst kommt das nicht. Die Goldies sind also gerade
volljährig geworden, dürfen jetzt rauchen und Pornos gucken und auch
ganz offiziell die Regierung stürzen (aka sich wählen lassen). Dass
das nicht passiert, dafür sorgt ihr, indem ihr diese Band beschimpft und
liebt, wo ihr geht und steht, und sie euch dafür selbstredend mit aller
Liebe in den Arsch tritt, wo und was ihr auch gerade macht. Ich bin schon fucking
dankbar, dass sie nicht gestorben sind dabei...hoffentlich gibt das jetzt keinen
Musikantenstadl...Love!
V.A.: FABRIC LIVE 07/JOHN PEEL (Comet/Fat)
Das Licht macht heuer aber unser aller Johannes aus: eine Mix-CD von Mr. Peel,
und ihr wisst, wo der Hammer hängt...inkl. Liverpool-Fanchören...you
never walk alone...you may need em sometime... Love Reprise!!!
www.terz.org - 17.12.2002