bookZeit, Arbeit und gesellschaftliche
Herrschaft
Mit Marx gegen den Marxismus? Während der Marxismus allgemein
als toter Hund betrachtet wird, feiern neue Interpretationen der Kritik der
politischen Ökonomie wiederkehrend öffentliches Interesse. Dies gilt
auch für die nach langer Ankündigung endlich in deutscher Übersetzung
erschienene "neue kritische Interpretation der kritischen Theorie von Marx"
durch den amerikanischen Soziologen Moishe Postone. Auch wenn diesem Werk wohl
sicherlich nicht die breite Aufmerksamkeit wie dem "Empire" der Postoperaisten
Hardt und Negri zuteil werden wird, so existieren hierzulande schon Lese- und
Interpretationskreise zu jener Neuerscheinung, und diverse Fraktionen der Linken
beanspruchen seine Thesen für sich: Postone kennen und lesen ist trendy.
Wieder trendy müsste man eigentlich sagen, denn hierzulande ist Postone
hauptsächlich durch seinen Aufsatz "Nationalsozialismus und Antisemitismus"
bekannt geworden, der als Grundlagentext zum Thema in sämtlichen linken
Theoriezirkeln kursiert. War dieser Aufsatz vor allem durch seine Verknüpfung
von Wertkritik und Ideologiekritik am Beispiel des Antisemitismus für die
Linke hierzulande von Interesse, so ist es diesmal die Marxsche Wertkritik als
solche. Der amerikanische Soziologe tritt hierbei nicht gerade bescheiden auf
und erklärt, mit seiner Marxschen Rekonstruktion die Voraussetzungen für
eine neue und aktuelle kritische Gesellschaftstheorie formuliert zu haben.
Was Postone wohl für die hiesige Linke interessant macht, ist seine Verknüpfung
von Marx-Exegese mit Kritischer Theorie der Frankfurter Schule. Postone war
während seines langjährigen Studienaufenthalts in Frankfurt beteiligt
an den werttheoretischen Debatten der siebziger Jahre und sieht sich selbst
in dieser Tradition: "Meine Interpretation ist von Georg Lukacs ... und
einigen Mitgliedern der Frankfurter Schule beeinflußt worden, versteht
sich aber zugleich als deren Kritik." Postone setzt sich in der Neuerscheinung
ausführlich mit den Interpretationen von Friedrich Pollock und Max Horkheimer
von einem Staatskapitalismus, sowie mit der kommunikationstheoretischen Wende
der Kritischen Theorie durch Jürgen Habermas auseinander und verortet die
Kritische Theorie selbst historisch im Kontext des traditionellen Marxismus.
Laut Postone hätten sich auch Horkheimer und Pollock nicht vom traditionellen
Marxismus wirklich lösen können, was er als Grund für die pessimistische
Wendung der Kritischen Theorie interpretiert. Denn die Vertreter der Kritischen
Theorie hätten den wachsenden Eingriff des Staates in die Ökonomie
sowohl im Nationalsozialismus als auch im Stalinismus und im New Deal als Auflösung
des Widerspruchs zwischen Produktions- und Distributionsverhältnissen,
und damit als Ende der Emanzipationshoffnung interpretiert. Jene Reorientierung
der Kritischen Theorie von der Analyse der politischen Ökonomie zu einer
Kritik der instrumentellen Vernunft basiere auf einem traditionell-marxistischem
und fälschlichem Verständnis von ersterem.
Postone will die seiner Ansicht nach fälschliche Identifizierung des Kapitalismus
mit dessen spezifisch historischen Phasen durch den traditionellen Marxismus
als auch durch die Kritische Theorie überwinden und eine allgemeine Theorie
des Kapitalismus begründen.
Der größte Teil von Postones Untersuchung ist der Kritik des traditionellen
Marxismus gewidmet. Den Begriff "traditioneller Marxismus" benutzt
Postone nicht zur Kennzeichnung einer spezifischen historischen Strömung
im Marxismus, sondern "grundsätzlich auf alle theoretischen Ansätze,
die den Kapitalismus vom Standpunkt der Arbeit analysieren und wesentlich in
den Kategorien von Klassenverhältnissen beschreiben, als eine Gesellschaft,
die durch das Privateigentum an den Produktionsmitteln und eine marktregulierte
Ökonomie strukturiert ist." Hiergegen formuliert Postone: "Meine
Lesart der kritischen Theorie von Marx konzentriert sich auf seine Auffassung
von der Stellung der Arbeit im gesellschaftlichen Leben, die gemeinhin als Kern
seiner Theorie gilt. Ich behaupte, daß die Bedeutung der Kategorie Arbeit
in seinem Spätwerk anders zu fassen ist, als dies traditionell geschieht:
in den späten Schriften ist Arbeit historisch spezifisch und nicht transhistorisch
zu verstehen." Postone verweist darauf, dass Marx im "Kapital"
speziell die Arbeit in der kapitalistischen Gesellschaft analysiert und nicht
die Arbeit allgemein als zielgerichtete menschliche Tätigkeit. Daher interpretiert
Postone die Marxsche Analyse als "Kritik der Arbeit im Kapitalismus"
und wendet sich gegen transhistorische Bewertungen des Marxschen Arbeitsbegriffs,
die er als Kennzeichen des gescheiterten traditionellen Marxismus ansieht. Er
versteht seine Rekonstruktion der Marxschen Theorie demnach als Kritik des produktivistischen
Paradigmas der marxistischen Tradition. Grundlegende Kategorien der Kritik der
politischen Ökonomie sind nach Postone Wert, abstrakte Arbeit, Ware und
Kapital. "Indem sie die Aufhebung des Werts als möglich aufzeigt,
zielt die Marxsche Kritik auf die Aufhebung des für den Kapitalismus charakteristischen
Strukturen abstrakten Zwangs, die mögliche Abschaffung proletarischer Arbeit
und die Möglichkeit einer anderen Organisation der Produktion, wobei sie
zugleich auf deren inneren Zusammenhang verweist."
Am traditionellen Marxismus kritisiert Postone also vor allem dessen Fixierung
auf die Verteilungsverhältnisse und die Vorstellung von Sozialismus als
bloße Machtübernahme des Proletariats. Er wendet dagegen ein, dass
gerade die Auflösung des Proletariats erst die Voraussetzung für eine
nicht-kapitalistische Gesellschaft schaffen würde. "Diese Kritik analysiert
die Arbeiterklasse vielmehr als integrativen Bestandteil des Kapitalismus, und
nicht als Verkörperung seiner Negation." Nach Postone kam der traditionelle
Marxismus nie über eine Kritik der Verteilungsverhältnisse im Kapitalismus
hinaus, weil er den als transhistorisch und als emanzipatorisch verstandenen
Standpunkt der Arbeit einnahm. Aus dieser Sichtweise ging es dem traditionellen
Marxismus nicht um die Befreiung von der Arbeit, sondern lediglich um die Vorstellung
einer Befreiung der Arbeit von der kapitalistischen Ausbeutung. Postone hingegen
fordert, ,den Marxismus nicht als eine universell anwendbare Theorie, sondern
als eine kritische Theorie speziell für die kapitalistische Gesellschaft'
zu verstehen. Arbeit sei eben nicht "das Prinzip der gesellschaftlichen
Konstitution und nicht in allen Gesellschaften die Quelle des Reichtums."
Daher sei auch das Proletariat nicht "das revolutionäre Subjekt".
Mit Marx gegen den Klassenkampf? Hier überspannt Postone wohl etwas seine
Interpretation der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie. Denn Marx
selbst hielt fest an der Vorstellung von Geschichte als Geschichte von Klassenkämpfen,
welche Postone nun mit Marx gegen den traditionellen Marxismus entsorgen will.
Nichts desto trotz: Wer demnächst mitreden will bei linken Debatten, muss
Postone lesen!
A.B.
Moishe Postone: Zeit, Arbeit und gesellschaftliche Herrschaft.
Eine neue Interpretation der kritischen Theorie von Marx
ca ira-Verlag, Freiburg 2003, 616 S., gebunden, 34 Euro
periodikumDas Argument
Im Zentrum aktueller linker Debatten stehen neben den sozialstaatlichen Zersetzungsmaßnahmen
vor allem der Nahost-Konflikt. In linken Theoriezirkeln hingegen steht auch
die Rekonstruktion marxistischer Theorie wieder hoch im Kurs. Um hier mitreden
zu können, hilft der Kauf der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift "Das
Argument". Zum Thema Naher Osten prägt in der Zeitschrift hauptsächlich
der jüdische Marxist Moshe Zuckermann die Position zur israelischen Politik.
Ein Artikel ist der Diskussion von Autoren der Zeitschrift "konkret"
mit Zuckermann gewidmet und kommt zu dem Schluss, dass die "philosemitisch
anmutenden Argumente der deutschen Gesprächsteilnehmer sich als wenig tragfähig
erweisen." In einem eigenen Artikel nimmt Zuckermann selbst Stellung zum
Nahostkonflikt und beschreibt faktenreich die aktuellen realpolitischen Schwierigkeiten
zur Lösung des Israel-Palästina-Konfliktes im Kontext des US-Angriffskrieges
auf den Irak, sowie im Kontext innenpolitischer Konflikte in Israel selbst.
In einem weiteren Artikel zum Thema kritisieren Urs und Kolja Linder, sowie
Thomas Maul, die Rechtfertigung Georges Labica von palästinensischen Selbstmordattentaten
in der Nr. 249 der Zeitschrift und plädieren dafür, die Auseinandersetzung
mit dem Antisemitismus in das Zentrum der Debatte zu stellen.
Ein weiterer Schwerpunkt der Zeitschrift ist dem Methodenstreit um die Kritik
der politischen Ökonomie gewidmet. "Argument"-Herausgeber Wolfgang
Fritz Haug erläutert hierbei die Begriffe Logisches/Historisches in der
Marxschen Lehre, der Marxologe Hans-Georg Backhaus stellt seine an Hegel orientierte
"logische Methode" und der Marx-Forscher Michael Heinrich seine "monetäre
Werttheorie" dar, welche wiederum von Haug grundsätzlich in Frage
gestellt wird. Thomas Sablowski hingegen stellt die unterschiedlichen Ansätze
marxscher Krisentheorien dar und prüft sie argumentativ für die Tauglichkeit
einer aktuellen Krisentheorie. Dass jene Debatte diskursiv aufgegriffen wird,
zeigt ein Blick in die Neuausgabe der Zeitschrift "grundrisse" (www.grundrisse.net),
in der die Grundzüge des im Argument geführten Methodenstreits erläutert
und bewertet werden.
A.B.
Das Argument Nr. 251
Zeitschrift für
Philosophie und Sozialwissenschaften
Heft 3/2003, 11 Euro
bookDie Neue Rechte und die Berliner Republik
Die Auseinandersetzung mit der sog. Neuen Rechten taucht seit der Wiedervereinigung
regelmäßig in den Medien auf. Allgemein wird darunter die "Unterwanderung
der Demokratie" durch einen intellektuellen rechten Rand verstanden. Der
freie Journalist Friedemann Schmidt weist in seiner fundierten Auseinandersetzung
mit der sog. Neuen Rechten anhand der Zeitschrift "Criticon" nach,
dass es in der Realität vielmehr die Berliner Republik selber ist, die
von den Theoremen der Neuen Rechten wesentlich mitgeprägt ist. Dies bedeutet,
dass die Neue Rechte weniger als bloßer Stichwortgeber sondern vielmehr
als Indikator einer Nationalisierung der politischen Kultur zu verstehen ist.
"Dass das Bekenntnis zur nationalstaatlichen ,Normalisierung' in den 90er
Jahren über den Konservatismus hinaus von weiten Teilen der politische
Klasse übernommen wird und schließlich auch zum rhetorischen Repertoire
des Kanzlers einer sozialdemokratisch geführten, rot-grünen Koalition
zählt, ist keine Ironie der Geschichte, sondern Ausdruck der fundamentalen
Veränderungen in der politischen Kultur auf dem Weg in die ,Berliner Republik',
für die die Neue Rechte weniger als Stichwortgeber, denn als zuverlässiger
Indikator fungiert."
Diese These wird von Schmidt durch Vergleiche der Diskurse in der neurechten
Theoriezeitschrift "Criticon" mit den parallel laufenden Debatten
im politischen Mainstream eindrucksvoll belegt.
Die Zeitschrift "Criticon" wurde 1970 von Caspar von Schrenck-Notzing
und Armin Mohler gegründet, die als intellektuelle Köpfe der sog.
neuen Rechten bezeichnet werden können. Der kürzlich verstorbene Mohler,
ehemaliger Privatsekretär Ernst Jüngers und bekennender Faschist,
gilt als "Großvater" der sog. Neuen Rechten überhaupt.
"Criticon", 1981 fusioniert mit der Zeitschrift "konservativ
heute", deren Titel heute den Untertitel von "Criticon" darstellt,
gilt als Theorieblatt der Neuen Rechten und hat sich der nationalen Reorganisation
des Konservatismus verschrieben. Schmidt belegt die "parallel laufenden
Wege im Normalisierungsdiskurs" anhand der zentralen Debatten der Zeit
nach der Wende in der BRD. Die lagerübergreifende Normalisierungsdebatte
in der "neuen Bundesrepublik" kennzeichnet das Streben nach einer
"selbstbewußten Nation", gegen "Denkverbote" und für
"gesunden Patriotismus". Nach dem Umbruch 1989/90 ist es zu inhaltlichen
Überschneidungen von neu-rechten Intellektuellen und dem konservativen
Polit-Establishment gekommen. Politiker wie Jörg Schönbohm, Manfred
Kanther, Wolfgang Schäuble, Rupert Scholz, Edmund Stoiber, Steffen Heitmann,
Günther Beckstein, Heinz Eggert u.a. vertraten in Öffentlichen Debatten
inhaltliche Positionen der sog. Neuen Rechten. Schmidt verweist hierbei auf
die Anliegen der Neuen Rechten nach Erlangung kultureller Hegemonie und erläutert
dies beispielhaft an den Äußerungen von Armin Mohler. Mohler verweist
wiederkehrend auf den Zusammenhang zwischen Tabubruch und Normalisierung. Im
Kontext des bekannten Essays des rechten Dichters Botho Strauß vom "anschwellenden
Bocksgesang", der als neurechter Bekenntnistext zugleich bis in den "Spiegel"
gelang, erklärte Mohler: "In Wirklichkeit geht es um lange schon parallel
laufende Wege, die sich nun einander anzunähern beginnen. Strauß
hat seit Anfang der 70er Jahre seinen eigenen Weg gesucht. Die Generation der
Schreibenden hat zu gleicher Zeit den müden Nachkriegskonservatismus -
sowohl den der ,Gärtnerkonservativen' wie den der ,Demutskonservativen'
- über Bord geworfen und, beflügelt von Arnold Gehlen, Kurs auf eine
vorwärts gerichtete Rechte genommen. Weiter ist zu Botho Strauß zu
sagen, dass er der erste Dichter von Bedeutung ist, welcher in der ihm eigenen
Sprache die Ablösung des erstarrten Linksliberalismus fordert und das Lebensrecht
einer deutschen Rechten vertritt." Was dann kam, war Walser, Wehrmacht,
Möllemann, Hohmann...
Um die aktuellen Debatten um die Nationalisierung der politischen Kultur in
Deutschland einordnen und kritisch bewerten zu können, stellt die Untersuchung
von Friedemann Schmidt einen materialreichen und analytisch fundierten Fundus
dar.
A.B.
Friedemann Schmidt: Die Neue Rechte und die Berliner Republik.
Parallel laufende Wege im Normalisierungsdiskurs
Westdeutscher Verlag, Wiesbaden 2001, 400 S., 39,90 Euro
bookDer Rote Terror
Jörg Baberowski hat unter obigem Titel eine Geschichte des
Stalinismus veröffentlicht, die unter Berücksichtigung der nach dem
Ende der Sowjetunion geöffneten Archive neue Aspekte des historischen Phänomens
erarbeiten soll. Um es vorweg zu sagen ist ihm dies meines Erachtens nach nicht
gelungen. Dieses Buch geht nicht ganz so weit wie seinerzeit das berüchtigte
Schwarzbuch des Kommunismus, aber viel besser ist es nicht. Die neuen Erkenntnisse
über die Motivation und die Beteiligung des innersten Führungszirkels
und von Lenin und Stalin selbst sind so neu nicht. Während der großen
Säuberung 1937/38 war Stalin federführend, er hat zig Tausende Todesurteile
selber abgezeichnet. Dies ist aber seit Jahren bekannt. Obwohl dieses Buch interessante
Informationen über die Geschichte der Sowjetunion enthält (z.B. über
die Zustände in den islamischen und kaukasischen Teilen des Staates) so
läuft der Autor doch in die antikommunistische Falle und kommt zu seltsamen
Schlüssen. So wird nicht gesehen, dass der Verlauf der Revolution nicht
zuletzt von zahlreichen Interventionen und von einem furchtbaren Bürgerkrieg
geprägt war, obwohl diese Ereignisse schon beleuchtet werden. Aber dass
es ein Strudel von Gewalt und Gegengewalt in einem seit Jahrhunderten eh von
Gewalt geprägtem Land war wird als Ergebniss des Terrors der Bolschewiki
gesehen. Ebenso wird übersehen, dass das Zarenreich ein äußerst
reaktionäres und repressives Regime mit antisemitischen Progromen und protofaschistischen
Milizen war und dass der Weltkrieg die Menschen zusätzlich brutalisiert
hatte. Nein, für Baberowski fängt der Terror mit der Oktoberrevolution
an und der weiße Terror der Konterrevolution folgt auf diesen. Womit bewiesen
wäre, dass die Kommunisten für die allgegenwärtigen Gewaltakte
dieser Jahre verantwortlich waren. Ein anderes Beispiel: Die Alphabetisierungskampagnen
in den islamischen Gegenden des Riesenreiches hatten oft zur Folge, dass nach
Weiterzug der kommunistischen Funktionäre Frauen von ihren Männern
ermordet wurden, da diese keine gebildeten Frauen ohne Schleier ertragen konnten.
Dies sind laut Baberowski die Kommunisten schuld, die die Traditionen und Bräuche
der Moslems nicht berücksichtigt hätten. Man könnte ja vielleicht
sagen, dass manches falsch angegangen worden ist, aber die Bekämpfung von
reaktionären Bräuchen usw. ist doch an sich nicht wirklich kritisierbar.
Vollends verrät sich Baberowski immer wieder in seiner Sprache, die normalerweise
einem Geschichtsstudenten im ersten Semester angestrichen würde und für
einen Professor der Uni Berlin erstaunlich ist. Zwei Beispiele zum Abschluss:
"Die Bolschewiki waren Zerstörer. Während ihre Widersacher Auswege
in legislativen Verfahren suchten, erstritten sie die Hoheit über die Straße."
Somit wäre jede Revolution der Weltgeschichte per se böse. "In
der Roten Armee lernten die Rekruten vor allem das Handwerd des Tötens."
Gibt es eine Armee für die dies nicht gilt? Selbst die Metapher von den
Bolschewisten als reissende Wölfe wird in diesem Buch gebraucht. Und überhaupt,
die meisten Kommunisten waren eh oft betrunken, das erklärt alles.
Ich bin keiner von denen, die die Untersuchung schwerster politischer Verbrechen
in der Sowjetunion ablehnen nur weil es besser ins linke Weltbild passt. Aber
dieser Autor hat sich so stark von seinen politischen Animositäten leiten
lassen, dass, trotz mancher interessanter Information, sein Buch eher ein Traktat
oder ein Pamphlet als eine seriöse Beschäftigung mit dem Stalinismus
ist.
FEHRI
Jörg Baberowski: Der Rote Terror - Die Geschichte des Stalinismus, München 2003
bookRote Frauen werden immer
schöner
Im Mai 1968 ist Frankreich im Aufruhr. Arbeiter, Studenten und Schüler
gehen auf die Straße, um gegen die Regierung De Gaulle und gegen das konservative
Frankreich zu protestieren. De Gaulle muss flüchten und Frankreich steht
vor dem grundlegenden Umsturz der sozialen Verhältnisse. Anstatt die Chance
auf Revolution zu nutzen, verzettelt sich die Linke in kleine Splittergruppen
und bekämpft sich gegenseitig, während nicht nur die Konservativen
, sondern auch die französische KP versuchen die Kontrolle wieder herzustellen.
Mittendrin in den Auseinandersetzungen ist der 20- jährige Freddy, der
mit anderen versucht die Entscheidung auf der Straße zu erkämpfen
und verbittert feststellen muss, dass die Entscheidungen ganz wo anders fallen.
Aus einfachen Verhältnissen stammend musste er schon früh die Schule
abbrechen um mit seinem Vater den Lebensunterhalt der Familie zu sichern. Zufällig
werden Freddy und sein Freund Teddy Zeuge einer Intrige, als ein Zivilpolizist
einen Polizisten ermordet um die Situation zu eskalieren. Die Freunde erkennen,
dass sie beide als Verdächtige gelten und beschließen unterzutauchen.
Im letzten Moment entscheidet sich Teddy gegen die Flucht und wird von dem Zivilpolizisten
als nunmehr lästiger Zeuge ermordet. Freddy erkennt, dass seine einzige
Chance vor dem Umgebracht werden, die Aktion ist. Mit Hilfe von alten Resistance
und spanischen Bürgerkriegs-Seilschaften macht er den Mörder ausfindig
und erledigt ihn. Doch gleichzeitig findet er die Liebe seines Lebens, die er
nur kurz genießen kann. Er flüchtet nach Afrika und unterstützt
verschiedene Befreiungsbewegungen, erfährt auch dort bittere Erlebnisse
und hält sich an seiner Liebe fest. Zwanzig Jahre später kehrt er
nach Paris zurück und erfährt, dass seine Flucht gänzlich überflüssig
war. Die falsche Information, dass seine alte Liebe auch noch mit einem Anwalt
leiert ist, führt zu dem Entschluss seinem Leben ein Ende zu setzen, doch
dann steht sie vor ihm.
Frédéric H. Fajardies Roman ist ein spannender Krimi, der die
Geschehnisse des Mai 1968 und auch die Politik der Befreiung in den 70er Jahren
aufleben lässt. In der Form des Krimis lässt er Geschichte erlebbar
werden. Der Leser nimmt Teil an den Kämpfen und Auseinandersetzungen. Der
Blick zurück ist kritisch und bitter, dennoch schafft es der Autor, nicht
in Verzweiflung zu erstarren. Gerade das Happy End der Liebe erhält die
Hoffnung, das nichts umsonst war.
Fajardie gehört einer Generation von Autoren in Frankreich an die ihre
damaligen Erlebnisse in schriftlicher Form packen. Anders als in Deutschland
wenden sie hauptsächlich die Form des Kriminalromans an und haben damit
in Frankreich großen Erfolg. Es ist kein wehleidiger Blick zurück,
sondern Geschichte wird über den Krimi erfahrbar. Damit werden die geschichtlichen
Vorgänge und die Sicht von unten nicht nur der Vergessenheit entrissen,
sondern gleichzeitig ist der Blick nach vorne gerichtet. Das dies nicht nur
interessant ist, sondern auch noch gut und spannend geschrieben ist, trägt
zu dem Erfolg bei. Mit diesem Buch eröffnet der Verlag Assoziation A seine
neue Reihe noir in der mehr solcher Romane erscheinen sollen.
P.S. Der Titel des Buches geht auf einen Slogan einer französischen Strumpffirma
zurück: "Junge Mädchen werden immer schöner", der von
der Bewegung in "Rote Frauen werden immer schöner" umgedeutet
wird und damit nicht das Äußere, sondern die politische Einstellung
meint. Und daran hat sich nichts geändert.
MEIKEL F
Rote Frauen werden immer schöner
Assoziation A
Frédéric H. Fajardie
191 Seiten für 12 Euro
www.terz.org - 25.12.2003