Leben und sterben
lassen
Zu den
gesellschaftlichen Auswirkungen
der Philosophie
Peter Singers
Im Rahmen einer
Ringvorlesung zur Tierethik hielt am vergangenen
Montag der australische Philosoph Peter Singer eine Vorlesung an der
Heinrich-Heine-Uni. Singer gilt einerseits als Vordenker der
Tierrechtsbewegung, andererseits setzt er sich für Euthanasie ein.
Mit den
gleichen Argumenten, mit denen er Tieren ein Lebensrecht zuspricht,
wird dies
für Menschen mit bestimmten Behinderungen, Säuglinge und
schwer Kranke in Frage
gestellt. Er argumentiert aus der Perspektive des Utilitarismus, nach
dem als
sittlich gut das betrachtet wird, was nützlich ist – und zwar
nicht für den
einzelnen Menschen, sondern für die Gesellschaft in ihrer
Gesamtheit. Das
„größte Glück der größten Zahl“ ist das
Ziel. Auf dieser Basis versucht Singer
eine Ethik zu entwickeln, die keiner metaphysischen Grundlage wie etwa
der
Menschenwürde bedarf. Tiere und Menschen verbinde die
Fähigkeit, Gefühle zu
empfinden; für Menschen ist darüber hinaus ein Bewusstsein
über sich selbst
charakteristisch, aufgrund dessen ihr Leben besonders schutzwürdig
sei. Doch
was ist mit Menschen, die kein Bewusstsein über sich selbst
haben und überdies
leiden? Einen Schutz als „Personen“ genießen sie nach Singer
nicht. Darunter
fallen auch Säuglinge und Schwerstbehinderte. Nun
kommt die Nützlichkeitserwägung
ins Spiel: Wenn sie selbst und ihre Angehörigen zu sehr leiden,
sollte die
Tötung missgebildeter Säuglinge straffrei sein, so Singer:
„Sie zu
töten kann daher nicht gleichgesetzt werden mit dem
Töten normaler menschlicher Wesen ... Angenommen eine Frau, die
zwei Kinder
geplant hat, hat ein normales und bringt dann ein hämophiles
(Hämophilie =
Bluterkrankheit) zur Welt. Die Belastung, die dieses Kind bedeutet, mag
zwar
den Verzicht auf ein drittes Kind unvermeidlich machen; sollte aber das
missgebildete Kind sterben, so würde sie noch ein Kind bekommen.
Und es ist
plausibel, anzunehmen, daß die Aussichten auf ein
glückliches Leben für ein
normales Kind besser wären als für ein hämophiles.
Sofern der Tod eines
Säuglings zur Geburt eines anderen Kindes mit besseren Aussichten
auf ein
glücklicheres Leben führt, dann ist die Gesamtsumme des
Glücks größer, wenn der
behinderte Säugling getötet wird.“ (Peter Singer in
„Praktische Ethik“) Zu
dieser Aussage ist anzumerken, dass der Einsatz von Medikamenten es
Blutern
ermöglicht, ein relativ normales Leben zu führen – vielleicht
nicht ganz so
„glücklich“ wie ganz ohne Krankeit?
Singer will
allerdings nicht dem Staat das Recht einräumen,
über Leben und Tod eines Menschen zu entscheiden, sondern den
Angehörigen.
Jedoch sind die Eltern eines behinderten Säuglings sowie die
Kinder eines
schwerkranken alten Menschen Teil dieser Gesellschaft, in der
Nützlichkeitserwägungen
zu großen Teilen das Handeln bestimmen. Er argumentiert, dass
Eltern ihr Kind
aus Zuneigung nicht ohne Weiteres töten würden. Doch macht
gerade die von ihm intendierte
Verschiebung moralischer Maßstäbe es möglich, aus
Zuneigung Gleichgültigkeit
werden zu lassen. Die Grenze von schützenswertem Leben könnte
sich schnell nach
Maßgabe eben jenes Utilitarismus, dessen er sich bedient,
verschieben. Ist
nicht dem „größten Glück der größten Zahl“
gedient, wenn auch ein leicht
behindertes Kind stirbt – schließlich wären so die Eltern
glücklicher und die
Leute, die das „Elend“ eines Behinderten mit ansehen müssen?
Singers
Argumentation erinnert an die Mediziner, die Vordenker
der Eugenik und Rassentheorie des Dritten Reiches waren. Allein deshalb
ist er
sicherlich kein Faschist.
Dennoch lassen
sich Singers Argumente nicht etwa nur
„missbrauchen“, wie es seine Verteidiger behaupten. Im Gegenteil
ist ihre
konsequente Fortführung bereits ein Schritt zu einer
unmenschlicheren
Gesellschaft. Singer hält es für rational bestimmbar, ob ein
menschliches Leben
lebenswert ist oder nicht. Dabei geht es nicht um das subjektive
Empfinden, ob
ein Mensch sein Leben als lebenswert empfindet, sondern um eine
objektive
Bestimmung des Lebenswertes eines Menschen. In einer menschlichen
Gesellschaft
ist dies nicht einfach eine diskutierbare Grenzverschiebung, sondern
eine Entgrenzung,
die den Weg freimacht für die Entscheidung über Ausnahmen vom
Menschsein. Über
Singers Kriterien hinaus sind schnell weitere Ausnahmen gefunden, die
eine
Ungleichbehandlung von Menschen legitimieren.
Auch die
Annahme, empirisch feststellen zu können, ob ein
Mensch über Bewusstsein seiner selbst verfügt oder ob er
mehr Leid als Freude
empfindet, ist ein Trugschluss. Bis jetzt ist es unter
MedizinerInnen
umstritten, ob die Nichtmessbarkeit von Hirnströmen
– der Hirntod –
tatsächlich bedeutet, dass auch keine mentalen Vorgänge mehr
stattfinden.
Wieviel uneindeutiger ist es dann, zu beurteilen, wann ein
Behinderter oder
Schwerstkranker noch über ein Bewusstsein
verfügt oder wann sein Leid
unerträglich ist. Auch dies macht deutlich, dass die Theorie
Singers in ihrer
Anwendung zur menschenverachtenden Konsequenzen führt.
Ein Denken, das
sich von jedem Geschichts- und
Gesellschaftsbewusstsein befreit, ignoriert nicht nur
die historische
Entwicklung von eugenischer Theorie zu nationalsozialistischer Praxis,
sondern
auch die Konsequenz der heutigen Aufhebung von Denkverboten” für
politische
Entscheidungen.
Steht heute die
passive Sterbehilfe auf der Agenda, ist es
morgen die aktive, und auch die Selektion bestimmter menschlicher
Eigenschaften
per Genmanipulation lässt sich mit dem „größten
Glück der größten Zahl”
begründen.
Philosophische
Debatten bestimmen gesellschaftliche
Debatten. Am deutlichsten lässt sich dieser Zusammenhang am
Beispiel von
Ethikkommissionen beobachten, in denen ExpertInnen
eindeutige Antworten
geben. Dieses Vorgehen ist nicht nur effizient, sondern es delegiert
auch
Verantwortung: Bei ihrer Entscheidung über Leben und Tod
können sich Angehörige
auf das Urteil von „ExpertInnen” berufen. Wünschenswert
wäre die Aneignung
des bioethischen Diskurses durch die Gesellschaft, und das
heißt zunächst:
durch die Betroffenen. Dass diese Debatte langwieriger ist und weniger
eindeutige Ergebnisse hervorbringt, ist wünschenswert.
Dass dagegen die
Positionen von Peter Singer nicht
gesellschaftsfähig sind, denkt selbst der Dekan der
Philosophischen Fakultät,
Dieter Birnbacher. Gegenüber der taz äußerte er,
dass Singer in der Stadt oder
an der Volkshochschule nicht diskutierbar sei, es in der
Universität jedoch
keine Tabus geben dürfe.
Bedauerlich ist,
dass es dort keine kritische Diskussionsveranstaltung
zu Singers Thesen gab. Denn ob alle 350
ZuhörerInnen im Hörsaal in der Lage
waren, sich hinreichend kritisch mit den Positionen Singers auseinander
zu
setzen, bleibt fraglich.
Diskussionsveranstaltung
zu Integration
Am 2.12. fand
wie jedes Jahr der „Dies Academicus“ an der
Uni statt.
Besonderen
Anklang hat die Veranstaltung des Antifa- und
Multikulturreferats gefunden. Das Thema war „Integration“ und die schon
länger
in der Öffentlichkeit kursierende Debatte über „Leitkultur“,
sowie die ständig
damit verbundenen Vorurteile.
Zu Beginn der
Veranstaltung wurden zwei Kurzfilme gezeigt.
Dies waren der „Schwarzfahrer“-Film und „Integrier mich“ von Kanack
Attack. Sie
sollten den Einstieg in die Diskussion erleichtern und Anregungen
schaffen. Eingeleitet wurde die
Diskussion mit einem Beitrag eines Referenten über seine
persönlichen
Erfahrungen, als Migrant in Deutschland aufzuwachsen.
In der
Diskussion wurden vor allem Themen wie die
Kopftuch-Debatte, das Problem der Integration und Gettoisierung von
MigrantInnen angesprochen. Deutlich wurde, dass vor allem
Unaufgeschlossenheit
und Ressentiments die Hauptursachen für die Probleme seien. Man
könne nicht nur
die Highlights aus jeder Kultur herauspicken und den Rest ablehnen.
Für alle
Beteiligten war auch wichtig, dass gerade an der Hochschule, wo
Menschen aller
Kulturen zusammen studieren wollen, das gegenseitige Misstrauen
abgebaut werden
müsse.
Die
Veranstaltung ist vor allem deshalb ein Erfolg gewesen,
weil die TeilnehmerInnen endlich einmal über die Probleme, die das
Zusammenleben von verschiedenen Kulturen mit sich bringt, diskutiert
und sich
ausgetauscht haben. Zu hoffen ist, dass ein Klima von gegenseitigem
Austausch
und Dialog öfter mal an der Uni zu finden wäre.
Plakatieren
erwünscht!
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subkulturelle Zeitgeschichte rund um „Kampf dem... Hoch die... Nieder
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13-14 Uhr an der
Cafete der Philosophischen Fakultät, Geb.
23.31
www.terz.org - 22.12.2004