Roter Zorn
Solidarität erforderlich!
Ende letzen Jahres schlug die bundesdeutsche Repressionsmaschinerie
wieder zu: Ingesamt vier Leute aus linken und antirassistischen Gruppen
wurden aufgrund zweifelhafter Denunziationen festgenommen und inhaftiert.
Ihnen wird die Mitwirkung an - inzwischen längst verjährten
- Anschlägen der "Revolutionären Zellen/Rote Zora"
(RZ) vorgeworfen. Ende Januar werden zudem noch zwei weitere Linke als
angebliche RZ-Mitglieder in Frankreich verhaftet.
Die Revolutionären Zellen sind seit der Auflösungserklärung
einer ihrer Gruppen 1992 nicht mehr als einheitliche Untergrund-Gruppierung
in Erscheinung getreten. Selbst das Bundeskriminalamt geht nicht mehr
davon aus, "daß die RZ noch existieren". Warum also Verhaftungen
aufgrund angeblicher Mitbeteiligung an längst verjährten Straftaten?
Vieles deutet darauf hin, daß die Verhaftungen zugleich ein Mittel
sind, um eine antirassistische Arbeit zu diskreditieren und linke AktivistInnen
mit repressiven Mitteln einzuschüchtern und zu kriminalisieren. Der
Verhaftete Harald Glöde - einsitzend im Düsseldorfer Knast auf
der Ulmer Höh'- war Mitbegründer und Aktivist der "Forschungsgesellschaft
Flucht und Migration" (FFM), die sich tatkräftig gegen die rassistische
Flüchtlingspolitik engagiert. Zudem scheinen die Staatssicherheitsorgane
trotz der Auflösungen bewaffneter linker Gruppierungen nach wie vor
den politischen Ausnahmezustand vorexerzieren zu wollen, um die vorhandene
staatliche Repressionsmaschinerie öffentlich rechtfertigen zu können.
Anders ist die polizeiliche Verwüstung des linken Berliner Zentrums
"Mehringhof" durch über 1000 Polizeibeamte schwerlich zu
erklären. Angeblicher Anlaß eines solchen "Notstands"-Einsatzes
mit einem Sachschaden von an die hunderttausend Deutschmark war eine -
logischerweise vergebliche - Suche nach einem angeblichen Waffen- und
Sprengstofflager der RZ. Die Verhaftungen sind zudem ein trauriges Resultat
eines schon pathologischen Verfolgungswillens innerhalb der bundesdeutschen
Staatssicherheit: Jahrzehntelanger Frust über erfolglose RZ-Fahndungen
scheint dort dazu geführt zu haben, daß nun mit dubiosen Anschuldigungen
von zwei verhafteten Denunzianten "rechtsstaatliche Rache" verübt
werden soll. Denn außer jenen - über Kronzeugenregelung und
angedeutete Haftverschonung erpressten - dubiosen Anschuldigungen liegt
überhaupt kein rechtsstaatlicher Verhaftungsgrund vor. Den Stein
ins Rollen brachte dazu die Verhaftung des in den siebziger Jahren untergetauchten
RZ-Aussteigers Hans-Joachim Klein 1998 in Frankreich und seine Auslieferung
in die BRD. Pikanterweise sind es gerade die grünen Oberrealo-Strategen
Fischer und Cohn-Bendit, von denen eine brisante Spur zu Klein führt.
Cohn-Bendit brüstete sich früher damit, Klein die klandestin
organisierte "Rückkehr in die Menschlichkeit" ermöglicht
zu haben. Er unterstützte ihn in seinem französischen Exil und
verkaufte dies sowie zugleich Kleins Räuberpistolen als heroischen
Akt der Humanität. Da der RZ-Aussteiger schon etliche Besuche in
seinem Versteck erhielt, sogar Zeitungsinterviews gab und Publikationen
gegen die RZ-Aktivitäten erstellte, ist davon auszugehen, daß
der Unterschlupf nicht mehr allzu geheim war und Kleins Verhaftung möglicherweise
zu einem "günstigen Zeitpunkt" erfolgt ist. Denn der grüne
Außenminister, der heute regierungsamtlich Bomben schmeißen
läßt, hätte durch Belastungen Kleins vielleicht einen
ziemlichen "Kollateralschaden" vor der letzten Bundestagswahl
erleiden können. Die Schußwaffe, mit der eine RZ-Gruppe den
hessischen Wirtschaftminister Karry erschoß, war in den Siebzigern
in Joseph Fischers PKW gefunden worden. Allerdings schadete die Verhaftung
Kleins dem zum staatstragenden Kriegsstrategen mutierten Ex-Radikalen
nicht bei dessen Wahl zum Außenminister. Fakt ist allerdings, daß
der inhaftierte Klein durch Denunziation den Auftakt für die Verhaftungen
gab.
Weitere Tipps erhielten die Verfolgungsbehörden von dem Deutsch-Palästinen-ser
Tarek Mousli (s. Foto), der aufgrund des Verdachtes der Sprengstoffhortung
für die RZ festgenommen und erfolgreich durch die Mangel gedreht
wurde. Der Berliner Karatetrainer Mousli - konfrontiert mit weiteren Anschuldigungen
- versucht nun seinen Kopf zu retten, indem er dubiose Aussagen über
angebliche RZ-Tatbeteiligungen der vier daraufhin Verhafteten machte.
Da der Denunziant zudem über sein Karatetraining viele Aktive aus
der linksraddikalen Szene kennt, ist zu befürchten, daß noch
mehr Leute unter seinen dubiosen Aussagen zu leiden haben werden.
Solidarität!
Unabhängig von der Frage, ob den Verhafteten wirklich irgendwelche
RZ-Bezüge nachgewiesen werden können, haben sie Solidarität
von links verdient. Sie sind aufgrund von Denunziationen eingeknastet
worden und ihnen werden verjährte Straftatbestände zur Last
gelegt. Als aktive Linke sollen sie den Kopf hinhalten für eine staatliche
Machtdemonstration, mit der vermittelt werden soll, daß radikaler
Widerstand von links in der BRD mit allen Mitteln unterbunden wird. Obwohl
die Zeit des bewaffneten linken Aufbruchs längst vorbei ist, soll
mit diesem staatlichen "Rachefeldzug" augenscheinlich zugleich
antirassistischen und antifaschistischen Bewegungen die Repressionskeule
vor die Nase gehalten werden.
In Düsseldorf hat dies am 14.1. zum Gegenteil geführt: Ca. 200
Leute aus linken und antirassistischen Gruppierungen versammelten sich
in Derendorf, um eine Protestkundgebung vor der Ulmer Höh' abzuhalten.
Dort ist zur Zeit der FFM-Mitbegründer Harald Glöbe, inhaftiert.
Nach dem Motto "gemeint sind wir alle" wurde über Redebeiträge
verdeutlicht, daß die Verhaftungen zugleich als staatlicher Angriff
auf antirassistische und linke Netzwerke interpretiert wird. Auch in anderen
Städten gab und gibt es öffentliche Solidarität mit den
Verhafteten. Die Forderung der sich formierenden Solidaritätsbewegung
ist eindeutig: Sofortige Freilassung der Inhaftierten!
Spenden sollten überwiesen werden auf das Solidaritätskonto:
Postbank Berlin
Stichwort: "Freilassung"
Kontoinhaber: Martin Poell
BLZ: 100100 10 - Kto: 2705-104
Weitere Infos via Internet über: www.freilassung.de
«Jedes Herz ist eine revolutionäre
Zelle!»
Wege und Irrwege der radikalen Linken
Die "Revolutionären Zellen/Rote Zora" sind in der BRD
für die radikale Linke zu einem Mythos geworden. Während sich
die bürgerliche Presse seit dem Aufkommen bewaffneter linker Gruppen
nahezu ausschließlich mit der RAF als "Staatsfeind Nr. 1"
beschäftigte, galten die "RZ" vor allem in den Hochzeiten
der Autonomen-Bewegung in den achtziger Jahren als Identifikationsobjekt
der radikalen Linken. Im Unterschied zur RAF wie auch teilweise zur "Bewegung
2.Juni" vollzogen die autonom operierenden Gruppen der RZ ihre militanten
Aktionen nicht aus der persönlichen Illegalität heraus. Statt
"Abtauchen" war dort vielmehr Mitarbeit in den diversen Kampagnen
und Bewegungsströmungen der radikalen Linken angesagt. Dies bedeutete
für die Linksradikalen der RZ, sowohl aktiver Teil der "legalen"
Linken wie auch zugleich anonymer Teil einer illegalen militanten Praxis
zu sein: Ein Unterschied in der Organisierungsform, der den RZ seitens
der "Illegalen" aus RAF und auch dem 2. Juni wiederkehrend den
Vorwurf einbrachte, nur "halbherzig" für die revolutionäre
Sache und vor allem für die Praxis einer "Guerilla" in
der BRD einzustehen. Unter den heutigen politischen Verhältnissen
mit einer völlig marginalisierten Linken erscheinen solche Auseinandersetzungen
für viele Linke irrig, aber in der Zeit des neu-linken 68er-Aufbruchs
war der Anspruch auf "Revolutionierung der Massen" und "antiimperialistischer
Befreiungskampf" in den Metropolen in der Linken ein breit debattiertes
Thema. Nach dem 1970 verkündeten Aufbau einer "Roten Armee"
durch die RAF und dem folgenden "Konzept Stadtguerilla" wurde
heiß gestritten um die Frage, ob nun mehr auf die "revolutionären
Massenkämpfe in den Metropolen" oder eher - in antiimperialistischer
Manier - auf die "kämpfenden Völker" im Trikont mit
einer von der lateinamerikarischen Guerilla abgekupferten Konzeption zu
setzen sei. Im Gegensatz zur RAF setzte die 1972 gegründete "Bewegung
2. Juni" auf den "Aufbau einer Organisation verschiedener autonomer
Gruppen der Stadtguerilla", die sich eher als eine Art von militanter
Basisgruppe für die hiesigen sozialen Kämpfe verstand. 1973
trat dann erstmals eine "Revolutionäre Zelle" mit einem
Anschlag auf ITT-Niederlassungen in Erscheinung, um ein antiimperialistisches
Signal gegen den Militärputsch in Chile zu setzen: "Der Kampf
kann nur massenhafter werden, wenn wir lernen, neue Kampfformen zu entwickeln.
Kämpfen wir gemeinsam gegen den BRD-Imperialismus" hieß
es in der ersten RZ-Anschlagserklärung. Die RZ - schon bald den Plural
"Zellen" benutzend - versuchten sich vom Avantgarde-Konzept
der RAF abzusetzen und über militante antiimperialistische Aktionen
sowie zugleich mit Anschlägen in Bezugnahme auf hiesige soziale Kämpfe
eine enthierarchisierte Verbreiterung militanter Praxis zu erreichen.
1975 erschien die erste Ausgabe einer illegal vertriebenen eigenen Zeitung.
Im "Revolutionären Zorn Nr.1" hieß es: "Was
wir wollen, ist die Gegenmacht in kleinen Kernen organisieren, die autonom
in den verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen arbeiten, kämpfen,
intervenieren, schützen, die Teil von der politischen Massenarbeit
sind. Wenn wir ganz viele Kerne sind, ist die Stoßrichtung für
die Stadtguerilla als Massenperspektive geschaffen."
Solche nahen Revolutionshoffnungen kamen der Linken jedoch schon bald
abhanden: Deutscher Herbst, das Abflauen außerparlamentarischer
Auflehnung und nicht zuletzt auch verblendete Aktionen und Rechtfertigungen
eines bewaffneten Teils der radikalen Linken führten zu einem beginnenden
Skeptizismus gegenüber einer baldigen Revolutionierung der Verhältnisse,
der auch die RZ ergriff:
"Wir (hatten) uns am Ausgangspunkt von Massenbewegungen geglaubt,
die die verschiedensten Sektoren der Gesellschaft erfassen würden...
Vor diesem Hintergrund entstand ein Konzept des bewaffneten Kampfes, in
dem die Stärkung der Masseninitiativen durch klandestin operierende
autonom und dezentral organisierte Gruppen der erste Schritt eines langwierigen
Angriffs auf die Macht sein sollte. Angriffe gegen zentrale staatliche
Institutionen halten wir zur Zeit für politisch unmöglich: wir
können die Machtfrage nicht stellen! Wir führen keinen Krieg!"
(Revolutionärer Zorn Nr.6/1981) Eine Stellungnahme, die sich auch
als deutliche Entgegnung zur RAF-Strategie lesen lässt und die aufzeigt,
daß auch die eigene Praxis kritisch reflektiert wurde. Das Organisationskonzept
der RZ stellte nicht nur einen wesentlich höheren Schutz dar für
die eigenen Leute sowie für die klandestine Struktur. Das gleichzeitige
Mitwirken der Militanten in den sozialen Bewegungen ermöglichte zudem
auch eher ein Reflektieren über die eigene Theorie und Praxis - eine
Möglichkeit, von der die RZ nur zum Teil Gebrauch machten...
Robin Hood für die Linken und Unterdrückten?
Die Aktionen der RZ waren vielfältig und spiegeln zum großen
Teil die sozialen Kämpfe von den siebziger bis zu den neunziger Jahren.
Anschläge gegen Spekulanten und Frauenhändler, gegen AKW-, Gen-
und Biotechnolo-gie-firmen, gegen Kriegspro-duktionen und Militäreinrich-tungen,
gegen Richter und Staatsanwälte, gegen Ausländerbehörden
und Bürokraten... mit Sprengstoff, Feuer, Knarre und auch mit viel
militanter Phantasie wurde Front gemacht gegen die Normalität kapitalistischer
Gewalt. Viele Aktionen erzeugten dabei mehr als nur klammheimliche Freude:
Die Aktionen der RZ riefen auch Nachahmungen hervor und waren in der heißen
Zeit der Autonomen teilweise nicht von anderen militanten Auseinandersetzungsformen
im Häuserkampf oder am Bauzaun zu unterscheiden. Manchmal mußte
es sogar der legalistischen Linken schwerfallen, eine RZ-Aktion standhaft
zu kritisieren; etwa als 1986 über einen Lüftungsschacht die
Computer des Kölner Ausländerzentralregisters zum Absturz gebracht
und somit viele zur Abschiebung "freigegebene" Flüchtlinge
erst einmal wieder anonymisiert wurden. Bei der RZ stand nicht nur Destruktion,
sondern auch Produktion auf der Tagesordnung: Gegen Fahrpreiserhöhungen
wurden illegal Fahrscheine in Hunderttausender-Auflage nachgedruckt und
verteilt; genauso Lebensmittelgutscheine für Obdachlose: "Für
uns ist diese Aktion nur ein Anfang. Wir sind der Meinung - wie die Genossen
in Italien, Frankreich und Südamerika - daß auch in der BRD
den Armen das gegeben werden muß, was die Reichen ihnen nehmen,
bis sie es sich selber holen. Friede den Hütten, Krieg den Palästen!"
(RZ, Ostern, 1976) Als zwei Obdachlose daraufhin nach Einlösung dieser
Gutscheine zu Geldstrafen verurteilt wurden, fackelte eine RZ dem verantwortlichen
Richter sowie dem Staatsanwalt in bester Robin Hood-Manier die Karre ab
- Aktionen, bei denen nicht nur unverbesserlichen Linksradikalen ein warmer
Schauer durchs gebeutelte Herz ging. Politischer Mord sollte zwar laut
einer RZ-Grundsatzerklärung ausgeschlossen sein, nicht jedoch die
Schußwaffe, von der die RZ wiederholt Gebrauch machte. In IRA-Manier
wurden beispielsweise dem Chef der Berliner Ausländerbehörde
Knieschüsse verpasst und auch auf andere Beamte und Richter wurde
geballert. Eine Praxis, die 1981 beim hessischen FDP-Wirtschaftsminister
Karry nach erlittenem Bauchschuß zum Tode führte. Ein "Unfall",
wie die verantwortliche RZ in einem nicht gerade gewissensgeplagten Bekennerschreiben
bedauernd bekundete: "Daß Karry durch diesen Zufall die Reise
in die ewigen Jagdgründe antreten mußte, bekümmert uns
ausschließlich insofern, als dies nicht geplant war, wir damit das
Aktionsziel verfehlten."" Auch bei anderen Aktionen war die
RZ bei der Wahl ihrer Mittel nicht immer zimperlich. Zum Teil führte
eine solche militante Praxis zu zweifelhaften Erfolgen: Beispiel für
einen solchen "Erfolg" ist die militante Kampagne der Frauengruppe
"Rote Zora" gegen die Textilbekleidungsfirma Adler. Schon in
den Siebzigern entfalteten "Frauen aus der RZ" eine militant-feministische
Praxis. Die "Rote Zora" entwickelte sich aus RZ-Zusammenhängen,
entfaltete eine autonome Praxis und löste sich nach internen Auseinandersetzungen
organisatorisch von den RZ. Zur Streik-Unterstützung südkoreanischer
Arbeiterinnen gegen ihre Ausbeutung durch die Firma Adler zündete
die Rote Zora eine Bombe in der deutschen Hauptfiliale und deponierte
wiederholt Brandsätze in den Kaufhausfilialen der Bekleidungsfirma.
Zwar hatte die Aktion letztlich positive Folgen für die Forderungen
der streikenden Arbeiterinnen. Allerdings ist kritisch zu hinterfragen,
ob Brandsätze in Kaufhäusern überhaupt als militante linke
Praxis zu rechtfertigen sind, denn solche Aktionen bedrohen unbestreitbar
auch völlig unbeteiligte Menschen. Das Hantieren mit Sprengstoff
hat auch in den eigenen Strukturen zu furchtbaren Konsequenzen geführt:
1978 versuchte ein RZ-Militanter einen Sprengsatz am argentinischen Generalkonsulat
in München zu deponieren. Bei der Überprüfung explodierte
ihm die Ladung, die ihm beide Hände abriss und zu seiner Erblindung
führte. Dies hinderte das bayerische Landeskriminalamt übrigens
nicht daran, den unter Psychopharmaka gesetzten verkrüppelten Menschen
schon Tage nach seiner Krankenhauseinlieferung in Foltermanier zu verhören.
Auch Nachahmungen von RZ-Sprengstoff-Aktionen führten zu Verletzungen
der Beteiligten. Es ist daher grundsätzlich zu hinterfragen, ob solche
propagierten und durchgeführten Sprengstoff-Aktionen dem RZ-Ziel
einer Entfaltung von Massen-militanz überhaupt dienlich gewesen sind.
Welche Zelle für welche Revolution?
Fakt ist mit Rückblick auf die Geschichte der RZ, daß von
der RZ als konstant politisch homogen strukturierter Gruppe mit diversen
"Aktionseinheiten" nicht gesprochen werden kann. Die Liste der
Anschlagserklärungen ist zwar groß. In ihr finden sich jedoch
sowohl völlig unterschiedliche Politikansätze wie auch ein unterschiedliches
Verhältnis zur Vertretbarkeit gewalttätiger Mittel. Dies hatte
seine Ursache nicht nur darin, daß einige Militante im Laufe ihrer
Entwicklung scheinbar zu veränderten Einstellungen gekommen sind.
Anschlagsziele, Wahl der Mittel und Erklärungen zeigen auch, daß
versucht wurde, gegensätzliche politische Vorstellungen unter dem
Label RZ zu vereinigen. Nicht nur "Antiimps" (im linken Jargon
die damalige "legale" Unterstützer-Szene der RAF) versuchten
im Zuge des sog. "Front"-Konzeptes der RAF auf den RZ-Zug zu
springen und dieses Label für ihre monolithischen "Block"-Vorstellungen
von US-Imperialismus und "antiimperialistischen Volksbewegungen"
zu nutzen - ein Versuch, der seitens der RZ durch eine ausführliche
und auch heute noch lesbare Entgegnung über den Unterschied von Antiamerikanismus
und Antiimperialismus beantwortet wurde. Auch dubiose Sprengstoffdeponierungen
und Anschläge wurden unter dem RZ-Logo vollzogen, von denen sich
die RZ distanzierten und von denen bis heute gerätselt wird, ob dabei
Faschisten oder gar Staatsschutzorgane am Werke waren. Das Konzept "Schafft
viele revolutionäre Zellen!" beinhaltete daher zugleich die
Gefahr des Mißbrauchs der eigenen Ansätze. Allerdings ist auch
bei der RZ im engen Sinne geschichtlich betrachtet nicht von einer einheitlichen
politischen Ausrichtung zu sprechen. Vielmehr sind aus der Gründungszeit
zwei gegensätzliche Strömungen und Politikansätze erkennbar,
die - liest mann&frau die letzten öffentlichen Stellungnahmen
der RZ - schon vor der fatalen Flugzeugentführung 1976 mit gewaltsamem
Ende auf dem Entebber Flughafen in Uganda zu einer Linienspaltung innerhalb
der RZ geführt haben. Die Offenlegung dieses Konfliktes ist zugleich
das scheinbare Ende der RZ, und dies ist zudem das dunkelste Kapitel dieser
militanten Gruppierung der radikalen Linken.
Auch wir haben mehr Fragen als Antworten...
Nun ist die TERZ nicht das geeignete Medium, um die Geschichte der RZ
detailliert nachzuzeichnen. Sinnig und notwendig ist vielmehr die Frage,
was aus der Geschichte dieses - am ehesten noch kritisch reflektierenden
- Teils der bewaffneten Linken zu lernen ist.
Grundsätzlich ist im Rückblick erkennbar, daß die RZ sich
im Laufe ihrer Geschichte immer zwischen unterschiedlichen Strategien
bewegt hatten. Einerseits sollten vorhandene soziale Bewegungen und Kampagnen
durch militante Aktionen unterstützt und radikalisiert werden. Militante
Interventionen sollten dabei existierende politische Ansätze quasi
stützen und festigen. Andererseits haben die RZ eigenständig
politische Themen aufgegriffen und dazu eine militante Praxis entfaltet
in der Hoffnung, damit eine breitere politische Bewegung anzustoßen.
Besonders im Bereich der Flüchtlingspolitik ist dies rückblickend
erkennbar. Schon 1978 - als der Linken das Thema Rassismus noch weitestgehend
fremd war - führte eine RZ einen Anschlag gegen die Frankfurter Ausländerbehörde
durch und begründete diese Aktion mit dem notwendigen Protest gegen
staatlichen Rassismus. Auch im Bereich der autonomen Flüchtlingskampagnen
waren die RZ mit ihren militanten Aktionen seit Ende der achtziger Jahre
quasi militante Vorläufer einer heute noch in Ansätzen breiter
existenten Bewegung. Allerdings ist festzuhalten, daß die RZ selber
ihre Politik dazu als gescheitert erklärten. Dies wirft die Frage
auf, ob angesichts der heutigen politischen Regulationsverhältnisse
und Meinungs-bildungsprozesse militante Untergrund-Konzepte überhaupt
eine politische Perspektive auf Erfolg haben. Es ist kritischzu hinterfragen,
ob militante "Zellen"- Konzepte der heutigen, mit dem Rücken
zur Wand stehenden und gesellschaftlich nahezu bedeutungslosen radikalen
Linken überhaupt von Nutzen sein können. Eine "militante
Massenperspektive" wie sie in den siebziger Jahren verkündet
wurde, wäre heutzutage wohl unbestreitbar schiere Phantasterei. Eine
undog-matische und antistaatlich sowie radikaldemokratisch orientierte
Linke muß heute die Debatte über Radikalität und Mili-tanz
grundsätzlich neu diskutieren. Eine Anlehnung an überholte Stadtguerilla-Konzepte
führt dabei sicherlich nicht weiter. Gerade die "postfordistische
Guerilla" EZLN aus Mexiko zeigt schließlich, daß heutzutage
auch unter zugespitzten Klassen- und offenen Gewaltverhältnissen
seitens der Linken neue Wege beschritten werden müssen, die sich
jenseits eines klassischen "Bewegungskrieges" vollziehen. Dies
gilt für die hiesigen Verhältnisse unter völlig anderen
politischen Bedingungen natürlich erst recht. Fakt ist, daß
den RZ eine Verbreiterung ihrer militanzorientierten Revolutionskonzepte
nicht gelang. Auch die lesenswerten politischen Stellungsnahmen der RZ
stiessen zumeist keine großen Debatten an: Außerhalb von Szeneblättern
fanden sie größtenteils keine Erwähnung, und in der linksradikalen
Szene wurden sie auch nicht gerade tiefgehend erörtert. Unter den
heu-tigen Verhältnissen müßte eine radikale Linke völlig
neu diskutieren, wie eine subversive Praxis mit neuen Mitteln und Zielrichtungen
entfaltet werden kann. Mein-ungs-bil-dungsprozesse und Öffent--lichkeitsmobi-li-sie-rungen
funktionieren heutzutage anders als in den Siebzigern. Zudem wäre
grundsätzlich zu hinterfragen, ob eine radikale Linke unter hiesigen
Verhältnissen mit bewaffneten Interventionen durch Untergrund-Gruppen
überhaupt noch irgendeine "Revolutionierung" erreichen
könnte.
Allerdings kann den RZ nicht nachgesagt werden, daß sie überhaupt
keine politischen Fragestellungen zu entwickeln versuchten. Ihre Grundsatzpapiere
wären auch heute noch bedeutungsvoll für linke Debatten. Dies
gilt erst recht für die letzten (selbst-)kritischen Stellungnahmen
aus RZ-Zusammenhängen vom Anfang der neunziger Jahre.
Dort sind Fehlentwicklungen offen benannt worden, aus denen die heutige
Linke lernen sollte. Dies gilt im besonderen Maße für den "linken"
Antisemitismus, der kaschiert als antiimperialistisch begründeter
Antizionismus zu katastrophalen Auswüchsen nicht nur in der bewaffneten
Linken der BRD geführt hat. Das Ausmaß eines solchen Irrweges
zeigt sich unter anderem darin, daß erst der RZ-Militante Gerd Albatus,
längere Zeit mitwirkend in der Düsseldorfer Linken, von einer
durchgedrehten pälästinensischen Splittergruppe irgendwo im
Libanon ermordet werden mußte, bevor sich eine RZ-Gruppe zu einer
offenen Selbstkritik bezüglich der eigenen antisemitischen Auswüchse
durchringen konnte. Auch wenn Antizionismus und Antisemitismus nicht völlig
gleichgesetzt werden können, ist rückblickend eindeutig festzustellen:
Eine deutsche Gruppierung, die "antiimperialistisch" verbrämte
Vernichtungsparolen gegen Israel verkündet und gar gewalttätig
gegen jüdische Einrichtungen oder gar Menschen vorgeht, ist mit allen
Mitteln zu bekämpfen. Ein solcher sich links postulierender "Antiimperia-lismus"
gehört endgültig auf den Müllhaufen der Geschichte. Die
Selektionen jüdischer Passagiere bei der Entebbe-Flugzeugentführung
durch ein RZ- und Palästinenserkommando war bei diesen antisemitischen
Irrwegen nur die Spitze des Eisberges. Noch heute ist beispielsweise nicht
endgültig geklärt, ob die Behauptungen des RZ-Aussteigers und
Denunzianten Hans-Joachim Klein über weitere geplante RZ-Wahnsinnstaten
nicht doch einen Wahrheitskern enthielten. Der RZ-Aussteiger Klein behauptete
1979 in seinem Buch "Rückkehr in die Menschlichkeit", durch
öffentliche Bekanntmachung eine geplante Ermordung des damaligen
jüdischen Berliner Gemeinderatsvorsitzenden und späteren Zentralratspräsidenten
Heinz Galinski durch ein RZ-Kommando verhindert zu haben. Sollte diese
Behauptung auch nur einen Funken Wahrheit enthalten, so müßte
die Linke dem Denunzianten Klein für diesen "Verrat" für
alle Ewigkeit dankbar sein. Die RZ jedenfalls dementierte weder diese
Behauptung Kleins in aller Eindeutigkeit, noch das angeblich zugleich
geplante Attentat auf den damaligen jüdischen Gemeindevorsteher in
Frankfurt a.M.
Undurchsichtig hieß es in einer offenen Antwort der RZ auf H. J.
Klein: "Galinski: ihr fahrt auf HJKs Horrorstory ab, statt zu überlegen,
welche Rolle Galinski spielt für die Verbrechen des Zionismus, für
die Grausamkeiten der imperialistischen Armee Israels, welche Propaganda-
und materielle Unterstützungsfunktion dieser Typ hat, der alles andere
ist, als nur 'jüdischer Gemeindevorsitzender', und: was man in einem
Land wie dem unseren dagegen machen kann." (RZ: Die Hunde bellen,
die Karavane zieht weiter, 1977) Eine Rechtfertigungs-stammelei für
geschichtsvergessene Verschwö-rungs-phantasien, die wortwörtlich
auch in der Nationalzeitung hätte stehen könnten. Es fällt
angesichts solcher Ausformungen rückblickend schwer, Entschuldigungen
für derartige Auswüchse in der radikalen Linken zu finden. Vielmehr
ist schonungslos zu konstatieren, daß durchgedrehte Funda-menta-lismus-
und Antisemitismus-Propagandisten wie die pseudolinke "Anitimperia-listische
Zelle" (AIZ; eine sich selbst als RAF-Nachfolger ernannte Anschlagtruppe,
bestehend aus zwei durchgeknallten Bombenlegern) tragischerweise nur als
eine extreme Konsequenz eines sich links definierenden antizionistischen
"Antiimperia-lismus" der bewaffneten Gruppen aus der BRD der
siebziger Jahre betrachtet werden müssen. Sowohl RAF wie auch 2.Juni
und Strömungen innerhalb der RZ-Gründerzeit haben über
Strategiepapiere wie auch militante Aktionen die Grundlage für einen
solchen Antisemitismus in der bundesdeutschen Linken gelegt. "Antiimperialismus"
bedeutete dort zugleich Antizionismus, der quasi programmatisch viele
Grundsatzerklärungen dieser Gruppen bis in die achtziger Jahre zierte
und das Existenzrecht Israels als angeblich "künstlich-imperialistischem
Staat" infrage stellte. Alle drei Strömungen der bewaffneten
Gruppen hatten zudem Kontakte zu diversen palästinensischen Guerilla-Gruppen,
in deren Ausbildungscamps sie für den "antiimperialistischen
Kampf" geschult und auch eingesetzt wurden. Ein solcher "antiimperialistischer
Kampf", dessen Schulung übrigens auch deutsche Neonazis genossen,
beinhaltete nahezu zwangsläufig die Übernahme antisemitischer
Auswüchse. Zwar sind diese Auswüchse in der BRD-Linken heutzutage
glücklicherweise größtenteils nicht mehr "hip";
eine konsequente inhaltliche Auseinandersetzung mit solch einem geschichtsvergessenen
Wahnsinn steht allerdings nach wie vor noch aus.
Trotzdem ist die Praxis der RZ nicht reduzierbar auf solche fatalen Ausformungen.
Vielmehr zeigt sich an der Geschichte der RZ, daß es keine monokausalen
Bewertungen über richtige und falsche Wege gibt im politischen Ringen
um linke Postulate von Gleichheit und Gerechtigkeit, von Freiheit und
Solidarität sowie um den Weg einer revolutionären Praxis. Die
RZ waren Teil dieses Ringens um eine Bekämpfung kapitalistischer
Aus-beu-tungs- und Gewaltverhältnisse. Sie haben versucht, durch
die Entfaltung einer militanten Praxis Anknüpfungspunkte für
eine Revolutionierung der Verhältnisse zu schaffen und aufzuzeigen,
daß auch unter nicht-revolutionären Verhältnissen radikale
und gesetzesüberschreitende Widerstandformen möglich und nötig
sind. Aus diesen Versuchen, aus ihren Fehlern und aus ihrer Geschichte
ist zu lernen für ein aktuelles Bemühen um Veränderung
der bestehenden Gesellschaftsordnung. Eine Linke, die die heutigen Verhältnisse
radikal infrage stellen will, kommt an der Aufarbeitung der eigenen Geschichte
nicht vorbei.
AL C.
Unverzichtbare Literatur:
Edition ID-Archiv (hg.):
Die Früchte des Zorns.
Texte und Materialien der Revolutionären Zellen und der Roten Zora,
2 Bände, 798 S., 1993, 68 DM
calcül (hg.),
Basisgruppe
Geschichte:
Antisemitismus in der Linken
Broschüre,
55 S., 1999,
5 DM
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