bookVerschwende Deine Jugend


Das war damals ein Motto der Band "Deutsch Amerikanische Freundschaft", dem ich begeistert zustimmen konnte. Jürgen Teipel hat einen sogenannten Doku-Roman geschrieben über den deutschen Punk und New Wave. Das Buch besteht aus Interviews mit damals Beteiligten aus Hamburg, Berlin und eben Düsseldorf. Das macht es spannend. Für jeden, der damals begeistert war von der ungebremsten jugendlichen Rebellion, sind die Geschichten aus dem Ratinger Hof köstlich, und es fällt einem so manches wieder ein. Ich persönlich habe auch nur den Schluss dieser Ära von Kreativität, Ungehorsam und Gewalttätigkeit mitgekriegt und mich mehr als nur amüsiert, als ich mich nach X Jahren mal wieder an Flummi, den besten Pogo-Tänzer des Ladens oder die gefürchtete Proll-Heike, die bei einer der unvermeidlichen Schlägereien beinahe einem Freund von mir den Schädel eingeschlagen hat, erinnerte. Von den beschriebenen Saalschlachten mit den Rockern von Lacarda durfte ich eine, allerdings zugegebenermaßen auf der Flucht, miterleben. Alle haben sie Punks gehasst, die Bürger, die Malocher bis hin zu Hippies und Rockern. Oder wie Bernward Malaka über ein ganz frühes Male-Konzert erzählt: "Wir haben da superpolarisierend gewirkt. Die meisten Leute fanden uns einfach ekelhaft, widerlich und scheiße. Und wir haben prompt das ganze Fest gesprengt." Franz Bielmeier über denselben Auftritt: "Es kamen von vornherein Pfiffe und Buhrufe aus dem Publikum. Und bald flogen die ersten Becher. Ich habe dann jemandem einen Becher Bier ins Gesicht geschüttet. Und da flammte es so richtig auf. Die haben absolut nicht damit gerechnet, dass wir zurückwerfen könnten." Kürzlich hat einer der Terz-Schreiber eine ziemlich miese Punkband ebenfalls mit Bier eingedeckt, aber so richtig funktioniert das heute alles nicht mehr. Wir werden halt langsam alt. Es wird durchaus auch deutlich, dass vor allem die Drogen einen gruseligen Tribut in dieser Szene forderten. Wahrscheinlich gibt es keinen, der da keine Leute verloren hat. Aber insgesamt ist es schön, mal wieder von diversen verkrachten Existenzen zu hören. Alle Beteiligten erinnern sich gerne an diese intensive Zeit, und das Besondere war, dass es etwas für die nicht Angesagten, eben für Außenseiter war. Ein wenig schade ist für mich nur der Promianteil an Interviews. Nina Hagen z.B. muss einfach nicht sein, war so wenig Punk, wie die Toten Hosen das heute sind.

FEHRI

PS. Wem das gefällt, der sollte mal versuchen an das Buch: "Who's been sleeping in my brain?" von Judith Ammann aus dem Jahre 1987 zu kommen. Das ist etwas ähnliches für die britische und US Post Punk Szene.


bookTANGO ALS GESCHICHTE UND SYMBOL -

ZWEI EMPFEHLENSWERTE BÜCHER

Je mehr sich synthetische Produktionsweisen auf dem Markt der Popkulturindustrie durchsetzen, desto häufiger wächst der Wunsch nach dem "Ursprünglichen", dem "Leidenschaftlichen" und "Authentischen" in kulturellen Ausdrücken, und, nicht zuletzt, nach einer Renaissance der Körperlichkeit. Dass sich sogar im engsten Freundeskreis popmusikmüde Grosstädter auf die ernsthafte Suche nach dem guten alten Spass beim Paartanz machten, nahm man bereits vor Jahren zur Kenntnis - damit waren jedoch keine Tanzstundenvergnügen als Walzer, Foxtrott, Cha-Cha-Cha gemeint, sondern, immer und immer wieder: der Tango. Der im Buenos Aires der Jahrhundertwende entstandene Tanz aus den Barrios und Rotlichtvierteln ist immer noch Legende, Mythos und Fixpunkt für Musikbegeisterte, die Leidenschaft und Vitalität im Paartanz jenseits bürgerlichen Feinsinns suchen. Die Verlage Schmetterling/Abrazos haben dem Phänomen in Buch- und Musikform bereits einiges an Material gewidmet, für interessierte Einsteiger sei hiermit eines der informativsten und unkonventionellsten, sprich eines der besten Standardwerke zum Thema überhaupt empfohlen. Sein Autor Horacio Salas, geboren in Buenos Aires, ist Dichter, Essayist und Geschichtsschreiber, der viele Jahre in Spanien als Chefredakteur der Zeitschrift "Cuandernos hispanoamericanos" arbeitete. Sein international weit verbreitetes Tangobuch hat in Argentinien bereits die neunte Auflage hinter sich. An Salas Zugang zum Thema muss man sich erst einmal etwas gewöhnen, dann aber lässt einen das Buch und sein Thema überhaupt nicht mehr los. Zuallererst wirkt der Zugang etwas akademisch-verquer, aber interessant, wenn z. B. gleich am Anfang die Metaphysik als eine philosophische Grundstimmung mit ihren Auswirkungen auf die Psyche der Normalsterblichen und ihren Alltagsverstand referiert wird. Anfänglich wirkt dieses Auffahren von metaphysischen Stimmungen etwas zu geschwätzig, dafür zu wenig klar und lakonisch auf den Punkt gebracht. Man sollte sich jedoch auf diese zunächst etwas ungewöhnliche und komplexe Schreibweise einlassen - nicht umsonst ist Salas Essayist -, dann wird man im Laufe des Lesens wirklich reichlich belohnt. Denn dies ist letztlich nur das Fundament, auf dem Salas baut, und wenn er anfängt, die Wände hochzuziehen und die Fenster und Türen einzusetzen, wird er auf einmal auf eine sehr angenehme Weise wissenschaftlich und exakt, ohne jedoch jemals trocken zu werden - stets bleibt er sprichwörtlich im feuchten Erzählfluss. Zwar summiert er derart viele essentielle Fakten zur Geschichte des Tangos, dass diese Ansammlung auf Kosten der geschmeidigen Lesbarkeit gehen kann, dafür präsentiert er dieses Wissen musikwissenschaftlich 1A und irgendwann rast man nur noch begeistert an den Seiten entlang und erfährt exzellente Backgroundstories über die Struktur der Barrios und die Typologie ihrer BewohnerInnen. Die Sozialcharaktere des guapo, compadre, compadrito und compadrone machen denn auch mit die wichtigen Zutaten für das Buch als anschauliche Kultur- und Sozialgeschichte des Tanzes aus - Zeit wird lebendig, und der historische Boden, auf dem getanzt wurde, bis die Späne fliegen, bewegt sich. Und dann wird es vollständig bunt, wenn Salas die Tangoprotagonisten, ihre Zeit und ihren Stil biografisch ausführlich vorstellt. So wird immer deutlicher, wie tief er sich in das Material hineinbegeben hat, und seinem Gespür für die politische Situation der jeweiligen Zeit, die er hinreichend an dem ausführlich und zweisprachig zitiertem Textmaterial spiegelt, kann man nur den höchsten journalistischem Respekt zollen. So werden keinerlei neue Mythen geschaffen, und die "Ethik des Barrio" stellt keine ernsthafte womöglich authentischere oder gar positive Alternative zur Korruption der herrschenden Klassen dar. Und wenn eine modische Tangomoral à la "Die Reichen sind nicht glücklich, es fehlt ihnen an Liebe, sie müssen dafür zahlen, die Armen dagegen müssen durch Not und Hunger leiden, aber sie sind gut und ihre Liebschaften gratis und somit unverfälscht" in den 30er Jahren auftaucht, demaskiert Salas diese kulturellen Klassendistinktionstechniken ganz konsequent und selbstverständlich, wie es sich gehört. Salas mischt immer wieder soziologische und historische Fakten mit seinem grossen Gespür für Ästhetik und Inhalte des Tangos, und lässt dabei noch ungemein konkrete Portraits der jeweiligen Künstler entstehen. Zusätzlich gibt es in ausführlicher Weise je ein Glossar, eine Zeittafel, Quellen- und Literaturangaben und ein Register sämtlicher im Buch erwähnter Tangotitel. Danach ist Schluss mit den üblichen hanebüchenen Zuschreibungsmythen vom Tango als einem "rebellischem Tanz der Unterschicht", aber die Begeisterung für das musikalische Material und sein Potenzial hat neues Futter bekommen. Wer dann das Gelesene tatsächlich anwenden will, für den gibt es im selben Verlag eine erstaunliche Tangoschule: Mauricio Castro, der eigentlich Humanistik mit dem Schwerpunkt neuro-linguistisches Programmieren, Humantechnik-Design und Humanökologie studierte, entwickelte in einer multidisziplinarischen Studienkombination die umfassendste Lehrmethode für den Tango, die es bisher gab. Er lernte den Tango von renommierten Lehrmeistern in Buenos Aires und legt mit zwei Büchern eine sehr trockene, aber ungemein genaue Tangoschule vor. Das Buch besteht aus nichts anderem als Tanzschritten und Anweisungen - natürlich eine sehr abstrakte und theoretische Sache, aber wenn jemand dem Anfängertanzpaar, das die ersten Schritte machen will, das Ganze mit Geduld und Schwung vorliest, kann's vielleicht was werden mit dem leidenschaftlichem Tanz.

HONKER

Horacio Salas - Der Tango. Mit einer Einleitung von Ernesto Sabato. 412 S., 25 Euro
Mauricio Castro - Tango. Die Struktur des Tanzes. Der Schlüssel zur Enthüllung seiner Geheimnisse. 134 S., 18 Euro
Beide Bücher erschienen im Schmetterling-Verlag (in Zusammenarbeit mit Abrazos)


bookDie Meister der Krise

Der kategorische Imperativ, dass sich Auschwitz niemals wiederholen darf, wird durch die aktuelle deutsche Politik ad absurdum geführt. Er dient als Phrase, als moralische Rechtfertigung für Kriegseinsätze einer sich als selbstbewußt definierenden Nation. In "Meister der Krise" spürt Gerhard Scheit die Kontinuität deutscher Politik auf, in der Vernichtung als Kehrseite des Volkswohlstandes erkennbar wird. Im Nationalsozialismus verschmolzen Kapital und Staat in der Volksgemeinschaft. Scheit verweist hierbei auf den Kommunisten Heinz Langerhans aus dem geistigen Umfeld von Horkheimer und Adorno, der den Begriff des "Staatssubjekts Kapital" prägte: ein nationales Generalkartell zur Vernichtung. Entgegen den üblichen Deutungen vom Bruch zwischen NS-Staat und postfaschistischer Bundesrepublik Deutschland weist Scheit auf den sozio-ökonomischen "Modernisierungs"-Aspekt hin, den der NS-Staat verkörperte und der auch in der BRD noch als politisches Leitmotiv diente: die nationale Volksgemeinschaft ohne Klassenwidersprüche. Diese nationale Leistungsgesellschaft der westlichen Nachkriegswelt hat laut Scheit die Vernichtung zur Voraussetzung. Der viel gelobte Wohlfahrtsstaat, das "Modell Deutschland", erscheint hierbei als Erbe nationalsozialistischer Vernichtungspolitik, das sich nicht trotz, sondern aufgrund seiner geschichtlichen Taten als selbstbewußte und leistungsbereite Nation gerieren kann. Daher haben nach Meinung des Autors die nationalen Bekenntnisrituale zur Shoa etwas Perfides an sich: In der Beschwörung der demokratischen Zivilgesellschaft unter nationalen Prämissen vollzieht sich die Wiederkehr des deutschen Wahns. "Nicht mehr ,das Selbe' tun - die ewige Wiederkehr des nationalen Wahns unterbrechen und den Identitätszwang abstellen, könnte allerdings nur eine Gesellschaft ohne Kapital und Staat - eine, die statt das Privateigentum zu verstaatlichen, mit ihm zugleich den Staat selber abschafft."

AL C.

Gerhard Scheit: Die Meister der Krise. Über den Zusammenhang von Vernichtung und Volkswohlstand.
ca ira-Verlag, Freiburg 2001, 224 S., 18 Euro


bookPolitik und Geschichte

Der ca ira-Verlag hat wieder einen Band mit Aufsätzen und Vorträgen des marxistischen Staatskritikers Johannes Agnoli herausgebracht. Es ist hiermit der sechste Band der gesammelten Schriften Agnolis, deren bekannteste wohl die vom ca ira-Verlag wieder veröffentlichte "Transformation der Demokratie" darstellt; ein Klassiker, eine Art Bibel der Alt-68er. Doch während deren bekannten Protagonist(inn)en mittlerweile eher einen Teil des Problems als dessen Lösung darstellen - Agnolis Schrift also von den Füßen auf den Kopf gestellt haben - hat der alte Marxist seine geistige Unabhängigkeit und Radikalität behalten. "Es wird ein Lachen sein, das sie beerdigt" - jener Spruch der amerikanischen Anarchisten kurz vor ihrer Hinrichtung passt irgendwie auch zu Agnoli: Ironie und anarchistischer Freiheitswille, der sich mittels marxistischer Staats- und Gesellschaftskritik artikuliert. Dieses sympathische und faszinierende Unikum, das quer schwimmt zum Strom "dazu gehören" wollender Intellektueller, hält fest an der Kritik der (Real-)Politik: "Was soll Utopie in der Aporie?" fragte Agnoli vor 2 Jahren in einem Beitrag in der Wochenzeitung "Die Zeit" und gab selbst die Antwort: "Die Orientierung an der Utopie ist der einzig reale Ausweg aus der Inhumanität, in der sich die Weltgesellschaft befindet."
In "Politik und Geschichte" führt uns Agnoli zurück in die Zeit der Aufklärung und Romantik, in die Epoche von Vernunft und Konterrevolution, von Ratio, bürgerlicher Herrschaft und Wissenschaft in deren Diensten. Den Hauptteil der hier gesammelten Schriften stellen Agnolis Vorträge über den deutschen Idealismus 1994 im italienischen Pescia dar: Kant, Fichte, Hegel, Schelling; durch die Brille Agnolis tauchen wir ab in die geistige Basis von Herrschaft, wie sie sich uns heute als unumstößlich präsentiert. Anhand der Schriften Tocquevilles erhalten wir zudem Einblick in die Demokratievorstellungen der USA. Die Entwicklung der italienischen Arbeiterbewegung und ein Streitgespräch mit dem mittlerweile verstorbenen Trotzkisten Ernest Mandel sind Inhalt von weiteren erhellenden Beiträgen in diesem Band.
Johannes Agnoli lebt in der Toskana und wird am 22. Februar 77 Jahre alt. "Es ist die Systematik - es ist das System" heißt es in einer Textzeile der Band "Anarchist Academy"; Agnoli gibt euch das dazugehörige intellektuelle Futter. Wer - mit Tiefgang - über die gesammelten TV-präsenten Ex-68er-Ja-Sager-Hampelmänner lachen und den süßen Duft von Freiheit ohne Staat und Kapital riechen will, für den gibt's nur eins: Agnoli lesen!

AL C.

Johannes Agnoli: Politik und Geschichte. Schriften zur Theorie (Gesammelte Schriften Bd. 6),
ca ira-Verlag, Freiburg 2001, 266 S., 19 Euro


bookEingreifendes Denken

Oftmals gerät eine Festschrift zu einer peinlichen Angelegenheit: Die zu würdigende Person erhält Komplimente aus ihrer geistigen (Fan-)Gemeinde, und das Ganze wird zur Dokumentation der Bedeutsamkeit eines solchen Aktes auch noch publiziert. Wenn es sich bei dem zu Ehrenden zudem noch um eine Person aus dem Wissenschaftsbetrieb handelt, bekommen solche Festschriften meist den Charakter von wissenschaftspolitischem Bekenntniszwang - Zuspruch zum Lebenswerk des zu Ehrenden gepaart mit Lobhudelei über dessen Ausstrahlungskraft für die Nachwelt. Bei der hier vorgestellten Festschrift handelt es sich zudem noch um die Ehrung eines marxistischen Hochschulprofessors, also eines Unverbesserlichen, eines Bekennenden zu einer gesellschaftlich als gescheitert angesehenen Angelegenheit. Vierhundert Seiten also, publiziert von einem ebenso bekennenden kleinen wissenschaftlichen Verlag, die jenseits der bekennenden Leserschaft vom großen Rest dieser Gesellschaft rudimentär bis - ehrlich gesagt - gar nicht zur Kenntnis genommen werden. Mit dem eingreifenden Denken ist es demnach halt so eine ziemlich vertrackte Sache.
Nun, bei dem zu Ehrenden handelt es sich um Wolfgang Fritz Haug.
Dessen eingreifendes Denken hat - für marxistische Interventionen in der BRD ziemlich unüblich - sicherlich temporär in vielen Köpfen gewirkt oder sagen wir einfach mal: querbeet in der gesellschaftlichen Linken. Über die Resultate kann man unterschiedlicher Meinung sein. Sicher ist jedoch, dass der Kanzler wie wahrscheinlich auch der Außenminister zu den Lesern der von Haug initiierten marxistischen Zeitschrift für Sozialwissenschaften, "Das Argument", gezählt haben dürften, etliche weitere Exemplare der aktuellen Regierungsbande eingeschlossen. Die Festschrift werden sie jedoch sicherlich nicht mehr zur Kenntnis nehmen, da sie andere, realpolitisch praktikablere sowie lukrativere Ansätze für eingreifendes Denken erlernt haben. Nicht mehr "up to date", würden der Medienkanzler, sein Außenminister und der Rest der Bande sagen. Die Mitte macht's heute; gelesen werden dort Anthony Giddens, das Schröder-Blair-Papier, amerikanische Wahlkampf-Strategiepapiere; für Bestseller-Listen gibt's sowas wie des Außenministers langen Lauf zu sich selbst und zu einem "selbstbewußten Deutschland" und für ganz Schmerzfreie und Zyniker Rudi Scharpings Kriegstagebuch.
Da bleibt für Leute wie Wolfgang Fritz Haug nur der gesellschaftlich aktuell völlig unbedeutende Rand kritischer Intellektueller übrig - schwere Zeiten also für Festschriften solcher Art.
Unter diesen Prämissen sind die Aktivitäten des zu Ehrenden zu würdigen: Tausende - nein, Zig-Tausende von Seiten über kritisches Denken, Marxismus, Gesellschaftskritik, Philosophie und Dekonstruktion von Macht, Herrschaft und Bewußtseinsindustrie sind aus der Feder und unter der Ägide dieses Marxisten zusammen gekommen. Es bräuchte viel mehr als tausend Jahre TERZ-Produktion, um quantitativ in vergleichbare Bereiche aufzusteigen. Die Herausgabe der gesammelten Gefängnis-Hefte des italienischen Marxisten Antonio Gramsci - verschüttete Zeugnisse vorausschauender Hellsichtigkeit und analytischer Stärke marxistischen Denkens - sind nur ein Beispiel für den Wert einer solchen nonkonformistischen Schaffenskraft, die Haug auszeichnet. Die auf seine Initiative entstandene Lexika-Reihe "Kritisches Wörterbuch des Marxismus" zählt auch dazu: Sie sind unverzichtbares Handwerkszeug für Leute, die "eingreifendes Denken" praktizieren wollen. Es scheint Haugs Lebensaufgabe zu sein, dem noch einen draufzusetzen mit seiner monumentalen Überarbeitung jenes Nachschlagewerkes. Kurzum: Solche Leute gibt's in diesen Zeiten nicht so viele, und das macht sie um so interessanter für die Beantwortung der Frage, ob ein an Marx und Brecht geschultes Praxis-Denken noch einmal gesellschaftliche Relevanz erhalten kann.
Der Sammelband beinhaltet die Themenfelder, die für Haugs intellektuelles Wirken besondere Relevanz haben: eine an undogmatischem Marxismus orientierte Auseinandersetzung mit Philosophie, Kultur und Politik. Dies spannt einen Bogen von aktuellen Auseinandersetzungen mit Rassismus und Ethnizität über Brecht, Gramsci, Nietzsche, Peter Weiss hin zu Klassenanalyse, Arbeits- und Hegemonie-Begriff bis zu marxistischen Ansätzen in der Musikforschung - Basismaterial für eingreifendes Denken.

AL C.

Christoph Kniest/Susanne Lettow/Teresa Orozco: Eingreifendes Denken. Wolfgang Fritz Haug zum 65. Geburtstag, Verlag Westfälisches Dampfboot, Münster 2001, 381 S., 48,50 DM


Die kleinen Mutterficker

Schon das erste Heft der kleinen Mutterficker von den Dinter Bros. hatte mich begeistert. Endlich wurde diesen ganzen deutschen HipHop Heiopeis mal die Ohren langgezogen und das mit den eigenen Waffen. Auch das neue Heftchen macht das herrlich. Aber nicht nur die zur Gemeinde gehörenden Brothers and Sisters können noch einiges über sich lernen, sondern auch diejenigen, die damit so gar nichts am Hut haben, lernen, wie es wirklich zugeht. Naja, nicht viel anders, als in anderen Bewegungen, auch wenn die HipHop-Gemeinde in Bezug auf Sprache und Aussehen und ihrem andauernden Ghetto Gehabe auch wirklich viel Anlaß geben, Spaß zu haben. Sehr empfehlenswert und billig.

Dinter Bros. u.a.: Die kleinen Mutterficker - hangin out
Zwerchfell Verlag, 2,50 Euro

 

www.terz.org - 29.1.2002