comixAlte Frauen
Seht ihr sie nicht auch überall? Alte Frauen belagern zu
jeder Tageszeit die Kassen im Supermarkt, bevölkern die Straßenbahnen,
schleichen kaum bemerkbar die Straßen entlang. Das ist auch Tim Dinter
und Kai Pfeiffer aufgefallen und lassen Tristan von Eulenberg der ominösen
"Liga reifer Frauen" hinterher spionieren. Tristan arbeitet eigentlich
im Institut für Grenzverhalten. Dort recherchiert er über Personen,
die nach Meinung des Instituts abweichendes Verhalten aufweisen, um für
diese abweichendes Verhalten eine Norm zu kreieren. Doch schon bald wird er
vom Beobachtenden zum selbst Beobachteten. Während er immer mehr über
die Liga herausfindet, merkt er nicht er nicht, wie er sich immer mehr verstrickt,
bis er in eine ausweglose Lage gerät. Die Liga hat viel mehr Macht, als
man vermutet. Die beiden Berliner haben eine spannende Geschichte erstellt,
die Spaß macht zu lesen. Man wird förmlich in die Geschichte hineingezogen.
Sie schaffen es bis zum Schluß, das Mysteriöse aufrecht zu erhalten.
Die Zeichnungen sind gekonnt gemacht. Wie in einem Film-Krimi wird die Spannung
durch nicht zu viel verratenen Blickwinkel aufrecht gehalten. Die unterschiedliche
Panelstruktur ist wie eine musikalische Untermalung, die den Spannungsgrad wiedergibt.
Sehr lesenswert.
Tim Dinter und Kai Pfeiffer: Alte Frauen
Zwerchfell Verlag, 8,50 Euro für 90 s/w Seiten
Comics neu erfinden
Leider setzen sich ja viel zu wenige mit dem Medium Comic auseinander. Meistens sind dies langweilige Dissertationen oder Biographien. Scott McCloud setzt da Maßstäbe. Aus eigenen Erfahrungen kennt er den Superhelden Mainstream Industrie, aber auch den Indiecomic Bereich. Insofern lag es natürlich nahe, ein Sachbuch in Comicform herauszubringen. Schon sein erstes Sachcomic ("Comics richtig lesen" bei Carlsen) hat Geschichte gemacht. Dabei ging es weniger darum, wie man Comics zu lesen hat, insofern ist der Titel etwas irreführend, sondern darum, was das Geheimnis des Comics ist. Was passiert da, und warum passiert es. Wie werden einzelne Aspekte dargestellt, bspw. Zeit, Raum, Gefühle, etc., in Mainstream-, Indie-, und Mangacomics. Und was ist das Außergewöhnliche an Comics. Daran knüpft er im neuen Buch an. Hier geht es mehr um die Interaktivität zwischen Leser und Macher. Was für Faktoren spielen eine Rolle? Welche Veränderungen gab und gibt es? In diesem Zusammenhang werden vor allem die technologischen Veränderungen in unserer Alltagswelt dargestellt, auf die im Comicbereich bisher kaum eingegangen wurde. Neben diesem technischen Aspekt gibt es aber auch Veränderungen in der Wahrnehmung und Aufnahme von medialen Erzeugnissen. McCloud geht aber noch weiter. Er versucht den Blick in die Zukunft. Aus den erheblichen Veränderungen der letzten Jahre, sowie aus der momentanen Krise des Comics, bzw. der Comicindustrie, leitet er einen möglichen Ausweg ab - das Internet. Er zeigt verschiedene Möglichkeiten auf, wie das Internet zu nutzen wäre. Allerdings gibt es da noch viele Fragezeichen. Ich selber habe Zweifel an der Revolutionierung des Comics durch das Internet, doch noch ist das Medium jung und noch längst nicht ausgereizt. Vielleicht wird man später von dem Visionär McCloud sprechen. Ein ausgezeichnetes Buch ist es allemal. Eine Auseinandersetzung mit dem Comic ist immer gut und wenn das dann noch klasse geschrieben und gezeichnet ist, dann ist es bestens. Wie auch im Vorgänger-Buch gibt es haufenweise Beispiele von anderen Comic-Künstlern und damit eine Einsicht in die ganz unterschiedlichen Genres und die vielfältige Schaffenskraft des Comic. Desweiteren findet sich im Anhang ein ausführliches Register, weiterführender Literatur, ausgesuchte Comics und Comiczeitschriften. Ein Comic, das eher im Bücherregal seinen Platz findet, als bei den anderen Comics. Absolut empfehlenswert.
Scott McCloud: Comics neu erfinden. Carlsen Comic, 250 S. in s/w, 20 Euro
www.terz.org - 29.1.2002