MADE MY DAY
by HONKER

NIGERIA 70 - THE DEFINITIVE STORY OF 1970 FUNKY LAGOS (Strut / Zomba)

Von definitiv darf, soll, ja muss hier wirklich die Rede sein: auf drei CDs präsentiert sich hier der Funk-Sound nigerianischer Musik ab 1970, zweimal in insgesamt 23 superraren und zeitrepräsentativen Stücken, die nicht selten, wie es sich gehört, an die schweisstreibenden acht Minuten gehen, und einmal auf einer Dokumentations-CD zur populären Musik Nigerias ab den Spätsechzigern, auf der wir Interview-O-Töne der Musiker, Statements zur Zeit und weiteres historisches Material hören können. Das Coole ist die lässige Akribie und das liebevolle Knowledge, mit der diese Sammlung und natürlich das exzellente Booklet zusammengetragen wurde. In letzterem finden sich neben wirklich ausführlichen Linernotes und Fotos zu jedem Act auch sehr brauchbare und weiterführende Spuren zu einer kompakten Geschichte der nigerianischen Musik. Von den Anfängen der musikalischen Dorfkultur bis hin zur populären Musik, die vor allem im urbanen Moloch Lagos stattfand, werden letztendlich Verbindungen gezogen, die in der Bronx, Brooklyn oder Brixton anknüpfen. Die Musik dann bildet die ganz eigene nigerianische Mischung aus Rock, Funk, Soul und Disco in den 70ern ab, die sich zwar in ihren Anfängen aus afrokubanischem Jazz und Calypso speiste und in diesem Verlauf immer mehr popkulturindustriell vorgefertigte musikalische Elemente integrierte, dabei jedoch nie ihre eigentümlichen Wurzeln abschnitt, sondern sie im Gegenteil zum Mittelpunkt ihrer Rhythmik und ihres musikalischen Bewusstseins machte. Eine Supersammlung - definitiv, wie gesagt.

BABY FORD AND THE I-FACH COLLECTIVE PRESENT SACRED MACHINE (Klang Elektronik / Lado Music)

Abgesehen davon, dass ich den Namen "Kollektiv" in popkulturellen Zusammenhängen einfach nicht mehr lesen mag - Findige benutzen bereits seit einiger Zeit das schön unprätentiöse old-school-Wort "Clique" für Kulturkumpelhaftigkeiten, die auf dem diskursiv gut abgehangenem Weg zum Erfolg sind -, möchte ich euch diese Basislektion in Minimaltechno doch sehr ans Ohr legen. Peter "Baby" Ford kennen die Älteren bestimmt noch als Ingenieur von Pop-Acid-Hits mit unschlagbaren Namen wie "Oochy Koochy", "Chikki Chiki Ahh Ahh" oder "Children of the revolution" - allein diese Titel bieten ja schon genug Stoff zum Diskutierennichtwahr -, der 1994 mit Mark Broom das I-Fach-Label gründete, um darauf einem Minimalismus zu frönen, der mit der damaligen vielbeschworenen "Enteuphorisierung des Dancefloors" - ein im Grunde sinnvolles Konzept, dass einige treudeutsche Kunstwarte jedoch, wie immer, furchtbar viel zu ernst nahmen und sich fleissig Distinktionsgewinnpullunderchen daraus strickten - nicht viel am Hut hatte. So konnte Minimal zu einer Art von hypnotischer Repetition kommen, die auch heute ganz ungestraft "Trance" genannt werden darf. Das neue Album auf dem Offenbacher Qualitätslabel "Klang" klingt auf den ersten Hör so old school, dass Du's kaum noch aushältst, doch die spärlichen, aber eindringlichen Orchestrierungen und intensiven Arrangements der Tracks entfalten bald jene synthetische Wärme im Raum, um die es I-Fach immer ging. Das ist Techno, nicht mehr, aber auch nicht weniger.

VARIOUS - KITTY-YO INT. 2002.02 (Kitty Yo)

Das Berliner Label veröffentlicht wenigstens, im Gegensatz zu einigen Möchtegernlabels, regelmässig, und fast immer interessant. Auch wenn mir der nöhlende Akustikwimp Maximilian Hecker viel zu übergelobt wird - es wird halt immer das Mittelmässige in den Himmel gehoben, wenn das richtig Gute fehlt -, heisst es bei Kitty-Yo prinzipiell "Daumen hoch!" Das diesjährige Update beschert uns 12 Tracks von typischen KY-Artists wie Gonzales, Louie Austen, Peaches, Raz Ohara, Hecker, Jeans Team, Laub, Rechenzentrum und dem wohl derzeit empfehlenswertestem Act der sympathischen Berliner mit der bodenständigen Grossmaul-Schnauze: Taylor Savvy, der auf seinem Debut "Ladies und Gentleman" bereits für eine heisse Funk'nSoul-Melange sorgte, die hier mit dem Burnertrack "All this time" nur zu gut repräsentiert ist.

VIKTER DUPLAIX - DJ-KICKS (!K7 / Zomba)

Der Typ kommt - wahrscheinlich genau in deinen CD-Player. Gut, dass man hinterher kein Kleenex braucht, sondern eine kompakte CD als Tonauswurf herausschieben kann, die Gefühle prima maschinell abrufen hilft. Das Prinzip Hör-Lounge hat den klassischen Tanz-Club ja schon längst ergänzt oder teilweise sogar abgelöst, und gerade die klassische DJ-Kicks-Reihe machte dabei mit den letzten Releases (Nightmares on Wax, Trüby Trio) immer wieder deutlich, wie überraschend und wohlfühlend gut diese Mixes einfach sind: superbes Material, gut ausgewählt und ineinandergewoben, und nur ewiggestrige Schwerhörer auf der perpetuierenden Suche nach dem ewigem Bruch und der Vernichtung der Lüge im falschen Leben bekommen hier rosaroten Rasierschaum vor den Mund. Zum Thema Jugendkriminalität, Globalisierung oder 911 finden wir bei dem rasant-entspanntem Mix der Nu-Jazz-Hoffnung aus Philadelphia Duplaix, der für diverse R & B-Brewster wie Erykah Badu an den Reglern gesessen hat und demnächst sein Debut veröffentlichen soll, eigentlich nichts wirklich Bedeutsames gesagt, und das deckt sich ja dann auch mit den 99,99 % der übrigen Popmusik, die so durch unsere Welt schwirrt. Macht Freude.

AMMER / EINHEIT - CRASHING AEROPLANES (FM 4.51 / Indigo)

Als mir FM Einheit vor über eineinhalb Jahren von seinem geplantem Hörspielprojekt mit Andreas Ammer erzählte - vorher gab's noch die Inszenierung vom "Kommunistischen Manifest", u. a. auf dem Steirischen Herbst in Graz -, war 911 noch weit entfernt, kein Mensch dachte im öffentlichen Bewusstsein über Plane-Crashs nach, und der bisweilen auftretende Horror vor leicht unsanften Landungen oder auch die generelle Angst vorm Fliegen hielt sich in gewohnten Grenzen. Nach dem Twin-Tower-Crash hingegen folgten ja noch wie zur Demonstration weitere Abstürze von eisernen Vögeln, wie sie nun mal ständig passieren, wenn technisches Gerät veraltet und dazu noch von Bioaffen schlampig gewartet oder gestartet wird (lassen wir den Terror mal raus). Die Platte sollte eigentlich Ende September 01 veröffentlicht werden, wovon dann erst einmal abgesehen wurde. Nun ist sie doch da, und eines sollte wohl klar sein: so gruselig war ein Hörspiel selten, denn hier gibt es zitierte und originale Blackboxaufnahmen von abgestürzten Flugzeugen zu hören, die ein selten-seltsames Gefühl in der Magengrube hinterlassen. Das eindringlich inszenierte und dramatisierte Material ist weit davon entfernt, ein Dokumentar-Hörspiel sein zu wollen, wer das verlangt, spaziert komplett an der Intention von Ammer/Einheit vorbei: die dummbeutelige menschliche Hybris aufzuzeigen und das Lächerliche des oft damit verbundenen heroischen Pathos mit dem einfachsten Mittel der Geschichte überhaupt, nämlich der historischen Tatsache, zu demaskieren. Einziger Kritikpunkt: wer ein fast einstündiges Hörspiel ohne unterteilende Marker auf CD pressen lässt, hat von DJing scheinbar keine Ahnung. Denn auch diese Horrorszenarien gehören in die Lounge.


www.terz.org - 29.1.2002