"...und peinlichst alles vermeiden, was irgendwie gegen deutsche Ordnung,
Zucht und Sitte verstößt." *
Zwangsarbeit in Hilden
während des zweiten Weltkrieges
Manchmal geschehen selbst in diesen Zeiten unerwartet positive Dinge. So hat
der Rat der Stadt Hilden lobenswerterweise, über die gesetzliche Regelung
zur Entschädigung von Zwangsarbeitern hinaus, beschlossen, zusätzliche
Gelder zur Verfügung zu stellen. Dies kommt in erster Linie den seinerzeit
Geschädigten zugute, wurde aber zum Teil auch zur wissenschaftlichen Aufarbeitung
der Geschehnisse verwendet. Das Ergebnis ist unter anderem eine Studie unter
obigem Titel, die der Historiker Joachim Schröder im Dezember 2001 vorlegte.
Um es vorneweg zu sagen: Die Studie ist gelungen. Einerseits erfüllt sie
wissenschaftliche Kriterien, aber andererseits ist sie für jeden gut zu
lesen, der einmal am Beispiel einer kleinen Stadt ganz hier in der Nähe
wissen möchte, wie das denn damals funktionierte. Im Gegensatz zu der Stadt
Düsseldorf ist der Aktenbestand in Hilden nahezu unversehrt durch die Zeit
und den Krieg gekommen. Joachim Schröder wertet die Akten statistisch aus
im Hinblick darauf, wann aus welchen Ländern wie viele Ausländer vom
Reich zu welchen Bedingungen versklavt wurden. Er arbeitet heraus, dass die
Rassenlehren der NS Bewegung auch hier eine fundamentale Rolle spielten in der
unterschiedlichen Behandlung von Westeuropäern und Ostarbeitern. Die vielen
oft haarsträubenden Regelungen und Bürokratismen werden offen gelegt
und wären, wenn das Schicksal der Betreffenden oft genung nicht so furchtbar
gewesen wäre, oftmals einfach nur lächerlich. Wie immer, wenn es um
diese Zeit geht, ist die Denunziationswut der Deutschen und ihre Mitleidlosigkeit
anderen Menschen gegenüber konstatierbar. So notierte ein Polizeibeamter
am 14.10.1942: "Ich habe in letzter Zeit wiederholt beobachtet, dass ganze
Gruppen von fremdvölkischen Arbeitern und Arbeiterinnen sich auf den Gehwegen
der inneren Stadt bewegen und den einzelnen deutschen Wegbenutzern in keiner
Weise entsprechend den gesetzlichen Bestimmungen Platz machen." Außerdem
standen sie herum "...ohne der Hakenkreuzfahne die gebührende Achtung
zu zollen." So was führte dann zu Regelungen und Knebelungen durch
die Behörden bzw. die Partei. So mussten diese Menschen sich von Deutschen
demütigen lassen und konnten z.B. bei Bombenangriffen nicht in die Luftschutzkeller
gehen. In jeder Beziehung waren sie gefährdet, am schlimmsten war das für
Ostarbeiter. Aber auch für Deutsche waren manche Dinge verboten. Christine
W. erhielt 18 Monate Zuchthaus, weil man bei einem Kriegsgefangenen einen Liebesbrief
von ihr fand. Ihre Beteuerung, es aus Liebe getan zu haben, machte es wohl für
die Unglückliche eher schlimmer, denn das bewies doch nur, dass sie keinerlei
Gefühl für den Wert ihrer Rasse hatte. Dies war natürlich für
die andere Seite noch deutlich gefährlicher, wie der Fall des in Millrath
- heute Hochdahl - öffentlich gehängten polnischen Arbeiters Tomasz
Brzostowicz beweist. Alle anderen polnischen ArbeiterInnen des Kreises mussten
zur Abschreckung der Hinrichtung zusehen. Wie die Kreisgendarmerie an die Gestapo
schrieb: "Die Polen machen einen gedrückten Eindruck auf die Landsleute
und verhalten sich äußerst zurückhaltend...Die (deutsche) Bevölkerung
spricht - heute nach 10 Tagen kaum noch über diesen Fall." So zeigt
sich auch der Autor der Broschüre im Gespräch am meisten darüber
erstaunt, dass nach Durchsicht so vieler Akten mit traurigen Schicksalen, für
die allein das deutsche Volk verantwortlich ist, in dieser Bevölkerung
kaum mal so etwas wie Mitleid festzustellen ist. Da denunziert man lieber seine
Nachbarin, weil sie einigen sowjetischen Kriegsgefangenen ein paar Brocken Brot
gegeben hat.....
Richtig anrührend ist der Fall der damals 18 Jahre alten Olga W., die mit
einem jungen französischen Kriegsgefangenen flieht. Der Mann wird wieder
gefangen, aber das Mädchen schlägt sich in die unbesetzte Zone Frankreichs
durch und findet Aufnahme bei der Familie des jungen Mannes in Marseille. Als
die Wehrmacht auch dort ihr Schreckensregiment errichtet, wird sie wieder nach
Deutschland verschleppt und in Düsseldorf im Oktober 1943 zu zwei Jahren
Haft verurteilt. Leider ist nicht bekannt, ob sie den Krieg überlebte.
Akten erzählen meistens keine vollständigen Geschichten, sondern meistens
nur trockene Daten, Geschichte, Ausschnitte...Happy Ends sind da eher selten.
All dies und viel mehr kann man detailliert in der Studie durchlesen, die im
Stadtarchiv Hilden und dem Fabri Museum bzw. unter folgender E-mail Adresse
erhältlich ist: Archiv@Hilden.de
Es gibt sie auch im Astabuchladen und bei BiBaBuZe.
Demnächst veröffentlicht Joachim Schröder ein Buch über
die Geschichte der Zwangsarbeit in Düsseldorf. Darüber wird dann natürlich
berichtet werden.
Fehri
PS. Das Bedrückende an der Studie ist auch, dass sich weite Teile so
lesen, dass man merkt, dass sich bei vielen Deutschen die Einstellung "Gastarbeitern"
gegenüber in den sechziger und siebziger Jahren gar nicht geändert
hatte.
*(so der damalige Hildener Bürgermeister)
www.terz.org - 29.1.2002