Adorno-Nachlese
Im Spiegel dreier Biographen
Theodor W. Adornos 100. Geburtstag am 11. 9. 2003 war der Anlass für drei Biographien. Zu prüfen ist, ob sie Adornos Anliegen befördern: die Herstellung richtigen Lebens.
Adornos Intention
Adornos Denken richtet sich gegen die herrschende Gesellschaftsordnung, weil
sie nicht nach den menschlichen Bedürfnissen sich richte. Vielmehr sei
der Tauschwert das Prinzip der Warengesellschaft. Jeder Geschäftsmann investiere
sein Geld einzig zu dem Zweck, Waren produzieren zu lassen, um sein Geld zu
vermehren: "G?W?G". Folglich gehe es um die "Emanzipation der
Gesellschaft vom Profitmotiv". Adorno will eine Gesellschaft, in welcher
der Mensch nicht für die Wirtschaftsapparatur da ist, sondern die Wirtschaftsapparatur
für den Menschen:
"Ich will ja gar nichts andres, als dass die Welt so eingerichtet wird,
dass die Menschen nicht ihre überflüssigen Anhängsel sind, sondern
dass in Gottes Namen die Dinge um der Menschen willen da sind und nicht die
Menschen um der Dinge willen, die sie noch dazu selbst gemacht haben."
Adorno ins Zwielicht gestellt
Lorenz Jäger, der als Lohnschreiber für das Feuilleton der FAZ sich
abmüht, erhebt den Anspruch, eine "politische Biographie" vorzulegen,
die "Adornos philosophisch-literarisches Schaffen in die politischen Entwicklungen
des Jahrhunderts einbettet" (Verlagswerbung). Deshalb lässt er den
Zweiten Weltkrieg nicht mit dem Überfall Deutschlands auf Polen, sondern
mit der "deutschen Kriegserklärung an Polen" beginnen (Seite
152). Für einen, der derart mit den Fakten umzugehen versteht, ist es ein
Leichtes, Adorno als zwielichtige Figur erscheinen zu lassen. So raunt Jäger
beispielsweise: "Selbst die Rohheit, mit der die Frankfurter Studenten
seit dem Wintersemester 1968/69 gegen Adorno Front machen sollten, mag ? sicher
ungewollt ? in der Kritischen Theorie angelegt gewesen sein." Denn Adorno
et al. hätten durch ihre "entwertende" Kritik "der Sittlichkeit
den Grund, auf dem sie erst gedeihen kann", genommen. Hinterlassen hätten
sie eine "Hypermoral, die ihre eigenen Grenzen nicht mehr bestimmen - und
deshalb in die Brutalität umschlagen kann". (252)
Diese stringente Gedankenführung mag ? sicher ungewollt ? etwas aussagen
über den seriösen deutschen Journalismus und so, wenn auch indirekt,
die Herstellung richtigen Lebens befördern.
Adorno gegen sich selbst gedacht
Etwas anders verhält es sich mit der 1032?seitigen Biographie, die ein
Soziologieprofessor namens Stefan Müller?Dohm während eines "monatelangen
Rückzug(s) an den Schreibtisch" (Seite 743) sich abgerungen hat. Er
widmet sein Buch, das "die Darstellung des Lebens und des Werkes von Adorno"
zu sein beansprucht, seiner Tochter, weil er sich wünscht, "etwas
von jenem Denken für spätere Generationen lebendig halten zu können,
das für meine eigene intellektuelle Orientierung so einflußreich
war". (4) Wohin den Faktenhuber, dem wir unter anderem die intime Kenntnis
von Adornos Vorliebe fürs Küssen von Damenhänden verdanken (81),
seine intellektuelle Orientierung verschlagen hat, verrät er dem aufmerksamen
Leser in einer Fußnote. Dort behauptet er lobend, dass die "Philosophie
und Soziologie Adornos" ihre "Integrationsfähigkeit unter Beweis
gestellt" habe (919). Unter denen, die Adornos Werk in den bürgerlichen
Wissenschaftsbetrieb integriert haben sollen, findet man Jürgen Habermas.
Dessen "sprachpragmatisch begründete Idee der herrschaftsfreien Kommunikation"
verdankt sich allerdings der Abwendung von Adornos Kritik der Warengesellschaft,
wofür der Terminus "kommunikationstheoretische Wende" steht.
Der Erkenntnisgewinn, zu dem man gelangt, wenn man sich durch Müller?Dohms
voluminöses Werk durcharbeitet, ist ausgesprochen beruhigend: Um im falschen
Leben als sozialdemokratischer Reformer mitmachen zu können, muss man lediglich
Adorno gegen sich selbst denken, indem man seine radikale Gesellschaftskritik
einfach per Willensentscheidung für überholt erklärt.
Adorno zum Sprechen gebracht
Kein Mitmacher hingegen ist Detlev Claussen, der als Professor für Gesellschaftstheorie,
Kultur? und Wissenschaftssoziologie seinen Lebensunterhalt verdient. Er hat
den Anspruch, "Adornos Texte zum Sprechen zu bringen" (Seite 11).
So erfahren wir beispielsweise, dass Adorno "Produktion als Selbstzweck"
für das verbindende Moment von Arbeiterbewegung und bürgerlicher Gesellschaft
halte. Claussen erläutert diesen Gedanken Adornos folgendermaßen:
"Aber die Vergötzung der Arbeit lebte wie ein Erbübel in der
Arbeiterbewegung seit den Tagen des Gothaer Programms fort. Der sowjetische
Kommunismus hat den sozialdemokratischen Geschichtsoptimismus des produktiven
Fortschritts, den Benjamin in seinen 'Geschichtsphilosophischen Thesen' schneidend
kritisiert hatte, noch überboten. Aus dem Gelobten Land wurde in Russland
ein antiutopisches Arbeitslager". (298)
Erhellend ist überdies Claussens Analyse der politischen und ästhetischen
Differenzen, die Adorno zu Bloch, Brecht und Eisler wegen deren Parteinahme
für den Sowjetkommunismus hatte (349ff.). Zuweilen jedoch projiziert Claussen
eine resignative Haltung auf Adorno, etwa wenn er dem jungen Teddie Wiesengrund
und dessen Freunden unterstellt: "( ... ) an eine Ersetzung der Religion
durch eine vernunftgemäße Einrichtung der Welt konnten sie nicht
mehr glauben" (118).
Deshalb sei die Frage erlaubt, ob es nicht vernünftiger ist, Adornos Schriften
im original zu studieren, wenn einem die Herstellung richtigen Lebens am Herzen
liegt. Eine zuverlässige Einführung in das Adornosche Denken, dessen
Thema immer wieder die vernunftgemäße Einrichtung der Welt ist, gibt
es übrigens von Gerhard Schweppenhäuser, der es verstanden hat, einen
Wegweiser zu Adornos zentralen Schriften zu verfassen.
FA
Lorenz Jäger: Adorno. Eine politische Biographie, München 2003,
319 Seiten, 22,90 Euro
Stefan Müller-Dohm: Adorno. Eine Biographie, Frankfurt a. M. 2003,
1032 Seiten, 29,90 Euro
Detlev Claussen: Theodor W. Adorno. Ein letztes Genie, Frankfurt a. M.
2003, 479 Seiten, 22,90 Euro
Gerhard Schweppenhäuser: Theodor W. Adorno zur Einführung,
Hamburg (3., überarbeitete Auflage) 2003, 203 Seiten, 13,50 Euro
Schafft Rote Hilfe!
Ein seit langem notwendiges Standardwerk liegt endlich vor
Wer in einer gut sortierten Zeitschriftensammlung stöbert, der stößt
beim Jahrgang 1996 auf das Sonderheft "Vorwärts und nicht vergessen.
70/20 Jahre Rote Hilfe?" Sehr gelungen bietet die Ausgabe einen reich bebilderten
und übersichtlich gestalteten Abriss v.a. über die Geschichte der
historischen Roten Hilfe (RH). Das gilt auch für das neue und imposante
Buch "Schafft Rote Hilfe" von Nikolaus Brauns, das auf 348 großformatigen
Seiten einen Zeitraum von 1919 bis 1938 umfasst. Es ist die erste Gesamtdarstellung
über eine Organisation, die nicht nur in der bürgerlichen Geschichtsschreibung
über die Weimarer Republik oft übergangen wird.
Als Organisation für die Unterstützung politischer Verfolgter hatte
die RH über 500.000 Mitglieder und die Unterstützung von rund 300
Anwälten. Sie war zwar eindeutig eine Vorfeldorganisation der KPD, setzte
sich aber auch für Nicht-Parteimitglieder ein. Beispielsweise 1928 wurden
28.000 Inhaftierte und ihre Angehörigen rechtlich, finanziell und moralisch
unterstützt, sowie 27.000 Menschen Rechtsschutz gegeben.
Das gut geschriebene und strukturierte Buch muss man keinesfalls chronologisch
lesen. Im Gegenteil liest man sich fest, wo man es aufschlägt. Da sind
etwa Kapitel über Strategien der RH im Kampf gegen die Weimarer Klassenjustiz.
Da sind die unvergessen Kampagnen zur Freiheit von Max Hölz oder der Gewerkschaftsaktivisten
Sacco und Vanzetti, die in den USA hingerichtet werden sollten (was an die von
der heutigen Roten Hilfe unterstützten Kampagne für Mumia Abu-Jamal
erinnert). Außerdem ist die Unterstützung der RH durch so namhafte
Personen wie Kurt Tucholsky, Albert Einstein und Thomas Mann dokumentiert. Spannend
auch ein Kapitel über den illegalen Apparat für Passfälschung
und Fluchthilfe. Ebenso interessant liest sich die Strategie des trojanischen
Pferdes während der Zeit des Faschismus. Nicht unerwähnt bleibt auch,
dass die Internationale RH unter Stalin Opfer von Säuberungen wurde.
Insgesamt hat Brauns ein Standardwerk vorgelegt, das auf viel Archivmaterial
gestützt im besten Sinne wissenschaftlich fundiert ist, dabei aber zurecht
keinen Wert auf Unparteilichkeit legt. Insofern dokumentiert der Titel "Schafft
Rote Hilfe!" ein historisches wie aktuelles Motto zugleich. Denn seit fast
30 Jahren gibt es wieder eine RH zur Unterstützung kriminalisierter AktivistInnen.
G.
Nikolaus Brauns: Schafft Rote Hilfe! Pahl-Rugenstein Verlag, Bonn 2003, 32
Euro
Conspiracy! Verschwörung!
Alarm!
Heute geht es nicht um die "Wahrheit" über den 11.09.2001. Auch
nicht um die Frage, welcher Geheimdienst Möllemann auf dem Gewissen oder
Scharpings Karriere ruiniert hat. Auch über Badewannen und Barschel will
ich nicht schreiben.
Nein, ich möchte ein paar Bücher vorstellen, die sich mit den Lieblingsverschwörungen
der Amerikaner befassen. Ausgehen möchte ich von einem neuen aktuellen
Titel, nämlich "Die Hinrichtung des Martin Luther King" von William
F. Pepper. Pepper war ein Mitarbeiter von King, und man merkt dem Buch an, dass
King sein politisches und moralisches Vorbild geblieben ist, was ja an sich
nicht unsympathisch ist. Im Gegensatz zum Kennedy-Mythos muss man den Ansatz
Peppers zumindest ernst nehmen. Die mögliche Benutzung des angeblichen
rassistischen Einzeltäters James Earl Ray als Sündenbock ist nicht
ganz von der Hand zu weisen. Denn im Gegensatz zu den falschen Mythen um JFK
war King als Kämpfer gegen Rassismus, Vietnamkrieg und Armut den offiziellen
Stellen nun wirklich ein Dorn im Auge. So fängt das Buch durchaus interessant
an, aber ich muss leider sagen, dass es wie alle Verschwörungstheorien
schnell unglaubwürdig wird. Pepper versucht als Anwalt von Ray den Fall
neu aufzurollen, was natürlich ok ist. Aber in der Hauptsache beruft er
sich auf Zeugen, die viele Jahre später unberuhigende Beobachtungen oder
Gespräche dokumentieren. Aber selbst wenn ein Zeuge sich an alles richtig
erinnert, was sagt das aus, wenn ein Mafioso am Tresen erklärt hat, dass
man den Bürgerrechtler abknallen sollte? Dies haben bestimmt Dutzende gedroht.
Ich glaube, dass Leute, die so etwas machen, in der Regel darüber nicht
in der Kneipe reden. Wie immer in solchen Büchern wird dann der Kreis der
Verdächtigen inflationär groß. Die CIA und die Polizei von Memphis
und Teile des Geheimdienstes der Army und die örtliche Mafia und und und.
Irgenwann ist dann eine der wichtigsten Zeuginnen dann auch noch der Meinung,
einen Verdächtigen zusammen mit Jack Ruby, dem Mörder Lee Harvey Oswalds,
gesehen zu haben, womit die Attentate auf JFK und King verknüpft werden,
was Pepper immerhin doch etwas peinlich ist. Wenn aber Unmengen von Leuten Teil
einer Verschwörung sind, woran liegt es dann, dass bis heute alle den Mund
halten? So sind die Menschen bekanntlich nicht. Noch etwas fällt bei Pepper
auf, nämlich, dass sein größter publizierender Gegner Gerald
Posner ist, dem Pepper im Grunde vorwirft, ein Regierungsagent zu sein. Mir
sagen die Arbeiten Posners, soweit ich sie kenne, allerdings durchaus zu. So
hat er ein gutes Buch über die Karriere und Flucht von Josef Mengele, dem
berüchtigten KZ-Arzt, geschrieben. Im Zusammenhang mit obigem Thema wichtiger
ist allerdings "Case Closed - Lee Harvey Oswald and the Assassination of
JFK", in dem Posner mit vielen Mythen aufräumt und eine Verschwörung
verneint. Vor allem Jim Garrison, dem Vorbild für Oliver Stones JFK-Film,
kommt dabei verheerend weg, die Argumente Posners erscheinen dabei durchaus
glaubwürdig. Ich will mich da nicht festlegen, aber ich neige dazu, all
diese Verschwörungen für unbewiesen und von daher nicht relevant zu
halten. Mit einem Unterschied allerdings: Wie bereits gesagt, bei Martin Luther
King läge ein Motiv vor, z.B. der Versuch, die Poor People's Campaign zu
verhindern oder einen Friedensnobelpreisträger, der den Vietnamkrieg bekämpft,
mundtot zu machen. Bei JFK ist dies allerdings alles Schwachsinn. Wer Seymour
Hershs Buch "Kennedy - Das Ende einer Legende" liest, wird feststellen,
dass wenn es ein Motiv für Geheimdienst und Militär gab, diesen Mann
zu beseitigen, dies nicht die Angst vor einer friedlichen und liberalen Politik
war, sondern die Furcht vor einem Durchgeknallten, der am Schluss selbst darüber
nachdachte, China zu bombardieren!
FEHRI
Jim Garrison: Wer erschoss John F. Kennedy? Bergisch Gladbach 1992
Seymour Hersh: Kennedy - Das Ende einer Legende. Hamburg 1998
William F. Pepper: Die Hinrichtung des Martin Luther King. München
2003
Gerald Posner: Case Closed. 1993
bookDas neue Schwarzbuch Markenfirmen
Dies ist die aktualisierte und erweiterte Neuauflage des mittlerweile in mehreren
Sprachen übersetzte Buch über die unbekannten Machenschaften der Global
Players. Wie die beiden Autoren Werner / Weiss schon im Vorwort schreiben, ist
diese Ausgabe wesentlich politischer. Zunehmend verstehen die Firmen Kritik
aufzunehmen und weiterzugeben. Deshalb wurde ein Kapitel über Verflechtungen
von Politik und Wirtschaft eingefügt. Sie beschreiben die Zustände
in einzelnen Ländern wie z.B. der BRD und USA, die öffentlich nur
unzureichend als Lobbying zusammengefasst werden. Plastisch wird aufgezeigt,
wie Kriege durchaus zum Nutzen des Westens und der Global Players genutzt werden.
In Undercover Missionen weisen sie illegale Medikamentenversuche der Pharmaindustrie
nach und Aufkäufe von Rohstoffen, deren Verkäufer Kriegsmilizen sind.
Detailliert gibt das Buch Einblicke bspw. in die Zustände der Herstellung
von Spielzeug und Kleidung. Das Buch zeigt anschaulich das System der Auf- und
Zwischenkäufer , das mit Wissen der Firmen passiert. Nur zu gerne waschen
diese ihre Hände in Unschuld und wissen angeblich von nichts. Werner /
Weiss demaskieren die Firmen und ihre Argumentationen, denn der gute Wille an
den elenden Zuständen endet meist dort, wo den Konzernen bewusst wird,
das Änderungen Geld kosten.
Anhand expliziter Beispiele von Firmen zeigen sie deren Machenschaften auf.
Im Anhang findet sich eine Auflistung von Firmen mit Firmenangaben zu Umsatz,
den Vorwürfen gegen sie, weitere Infoquellen und konkrete Aktionsvorschläge.
Werner / Weiss verfallen glücklicherweise nicht in den antiamerikanischen
Reflex von "GlobalisierungsgegnerInnen", die böse Firmen in den
USA verorten. Ihre Beispiele von deutschen und europäischen Konzernen zeigen
eindrücklich, dass Deutsch-land / Europa keinesfalls "ziviler"
ist.
Mit der Nennung von einigen ausgesuchten Firmenprofilen wollen sie nicht den
Anschein erwecken, dass die Ungenannten besser sind oder Konzerne in gut und
böse aufzuteilen sind. Doch hier bleibt die Kritik leider stehen. Sie beschreiben
sehr richtig, dass das ganze System hat, glauben aber an die "Eine andere
Welt ist möglich" Losung solcher Gruppen wie bspw. Attac, ohne zu
erkennen, dass der Fehler das System selber ist. Dennoch ist es sicherlich besser,
irgendetwas zu tun als gar nichts.
MEIKEL F
Werner / Weiss: Das neue Schwarzbuch Markenfirmen, Deuticke Verlag, 410
S. für 19.90 Euro
bookDie Pariser Kommune
Am 18. März 1871 verhinderten die Pariser ArbeiterInnen unter der Losung
"Es lebe die Republik", dass die Kanonen aus der Hauptstadt abgezogen
wurden. Dies war der Beginn für die 72 revolutionären Tage der Pariser
Kommune, die am 28. März ausgerufen wurde. Die revolutionären Umwälzungen
in Paris während der aufkommenden Industrialisierung beschäftigte
die revolutionären Köpfe der Zeit wie Marx, Bakunin und viele andere.
Der russische Sozialrevolutionär P.L. Lawrow war selbst an den Geschehnissen
beteiligt und veröffentlichte acht Jahre später das vorliegende Buch.
Weltweit war die Pariser Kommune für das Proletariat, das sich in unterschiedlichen
Facetten zerstritten hatte, das Synonym für die Einigung der ArbeiterInnen,
das einen tieferen Eindruck als die französische Revolution hatte. Davon
ist leider nicht mehr viel geblieben außer einer blassen Erinnerung. Nur
wenige aktuelle Werke beschäftigen sich mit dem damaligen Geschehen. So
ist die Neuauflage dieses 125-jährigen Werkes schon außergewöhnlich
zu nennen. Wer nun ein Propagandawerk mit einer schwerfälligen, altertümlichen
Sprache befürchtet, wird sich positiv wundern. Das Buch lässt sich
flüssig lesen und ist leicht verständlich. Es hat hier und da einige
Längen, bspw. in der etwas langatmigen Schilderung der Vorbedingungen der
Kommune, die aber einen tiefen Einblick in die Diskussionen der damaligen Zeit
liefern. Die Zeit der Kommune wird relativ kurz geschildert, um später
in den Auswirkungen und Lehren detaillierter einige Aspekte zu beleuchten. Lawrow
schreibt zwar immer wieder von den kämpfenden KommunardInnen, doch beschränkt
er sich meist auf Pamphlete und Aussagen führender Köpfe dieser Zeit,
was etwas schade ist. Er untersucht die einzelnen Schritte der Kommune und unterwirft
sie einer solidarischen Kritik. Schließlich hatte er dieses Büchlein
auch geschrieben, damit den nächsten Versuchen nicht die gleichen Fehler
unterlaufen. Als große Fehler beschreibt er ausführlich die Unentschlossenheit
der Kommune, in Fragen der Unantastbarkeit des Privateigentums und Umformung
der Armee in eine schlagkräftige Nationalgarde, sowie die fatale Missachtung
der Ausweitung der Kommune in ganz Frankreich und in andere Länder Europas.
Letztendlich war dadurch die Niederlage unausweichlich. Die genaue Zahl der
Hingemetzelten wurde nie ermittelt. Sie geht in die Zehntausende, dazu kommen
Tausende, die in Kerkern dahinvegetieren mussten oder in die Kolonien verschickt
wurden.
Dennoch sind die 72 Tage der Pariser Kommune ein einschneidendes Erlebnis in
der Geschichte gewesen, die man nicht vergessen sollte. Deshalb ist dieses kleine
Buch ein wichtiges Zeugnis und sollte die Ausgabe wert sein.
MEIKEL F
Pjotr L. Lawrow: Die Pariser Kommune
Geschehnisse - Einfluß - Lehren
Unrast Verlag, 226 S. für 14 Euro
www.terz.org - 27.1.2004