Ikonen, Ikonen, im Dutzend billiger
also ehrlich, die schnelle Vergänglichkeit
der sogenannten Medienikonen ist sprichwörtlich! Denen kannst Du heute
wirklich wie dem Altgemüse aufm Marktplatz beim Verschimmeln zugucken ...
vor Jahren rausgekramt, buntgeschmiert und hochgepumpt, will bald keiner mehr
was mit denen zu tun haben ... außer natürlich den Dummjournos, die
das damals aus Notgeilheit hochgejubelt haben ... die Halbwertzeit dieser Mediaspacken
wird wirklich immer geringer, denn ständig muss neues Gemüse ran.
Und was da alljährlich aus der Medienmaschine rausplumpst, hält der
Hund im Kopf nicht aus! Ob Ersatzrad-Adé, Zlatapatko, der Kübldings
und nu der schwäbische Spießergott Hahald Sprit, dem vor allem die
Feuilletonisten dieses Landes stets hingebungsvoll an der sauren Gurke genagt
haben, und wegen dessen Mattscheibenfernbleiben jetzt alle anfangen zu heulen.
Ooooooooch! Keine Sorge, ihr Deppen, da kommen schon wieder neue Pappnasen nach,
die euch was vorspielen und die ihr dann an euren Hausaltar kleben könnt.
Was sagst Du, Meister? Man kann Zlatko nicht mit Harald Schmidt vergleichen?
Pass ma auf, mit was ich gleich deine Schlaumeiereiermaske vergleiche! Ssssssstttt!!!
Patsch!!! So, und nu ma ganz in Ruhe hören, was wir hier für komische
Vergleichsikönchen mit ihren gewohnt komischen Tönchen haben ...
SAVATH & SAVALAS: APROPA'T (Warp)
Lassen wir's 2004 doch erst mal ruhig angehen
brauchen dieses Jahr schließlich
noch genug Kraft und Energie, um den Bösen in den Arsch zu treten. Das
Ausruhen und Kraft sammeln geht exzellent mit diesen superdeepen entspannten
Tönen, zum Arschtreten nehmen wir dann eh was anderes. Geniale Musik: Scott
Herren, der HipHop als Prefuse 73 bereits enorm erweiterte, erforscht spanische
Wurzeln mit der unbekannten katalanischen Songwriterin Eva Puyuelo Muns. Nach
18-monatigem Abtauchen in Barcelona hauchte man den 14 Songtracks im Chicagoer
Soma-Studio von Tortoise noch mal Leben ein.
DONATO WHARTON: TRABANTEN
(City Centre Offices)
Mindestens ebenso ruhig, mindestens ebenso voller Hochspannung. Klavierwurzeln,
frühe Bandmusik, später HipHop, jetzt fantastisch unaufdringliche,
mit der Zeit dann hochintensiv werdende digitale Geschichtenmusik aus einem
Guss ... wenn wir damit im Ohr durch die Städte wuseln, erkennen wir auf
einmal die Risse und können wieder Zielen folgen.
SORA: RE.SORT (Plop)
Der Grat zwischen Komposition, Konzept, Arrangement und subkultureller Muzak
ist schmal. Takeshi Kurosawa aus Kyoto, der seit Beginn der 90er digitale Musik
produziert, umgeht diese Gefahr recht gut: erst rippt er warme analoge Sounds
aus Jazz und Exotika ab und re-arrangiert diese dann in einem Loop-basierten
Digitalnetz. Hört man zuerst meist Oberflächen ohne Spannung und Bewegung,
wächst bald, fast pflanzengleich, eine sehr eigene Klangwelt, ein Zufluchtsort,
der Beruhigung, keine Betäubung zu bieten hat.
CHIB: MOCO (FatCat)
Yukiko Chiba, 30 Jahre und aus einem Tokyoter Vorvorort, sucht sich zunächst
Klänge und Geräusche draußen und daheim und arrangiert das in
einem alten Samplesequenzer. Ihre 10 Jahre Klavierspielen hört man diesem
sehr disparaten Material nicht an, dafür gibt's unzählige Details
und eine uroriginäre Atmo.
VITAMINS FOR YOU: I'M SORRY FOR EVER AND FOR ALWAYS (intr_version)
Wer diese seltsam-schöne Musik bis hierher mitverfolgt hat, bekommt hier
noch eine klingende Postkarte aus dem zerrissenen Herzen der verlorenen Zeit.
Eine schüchterne Stimme aus der kanadischen Prärie versteckt sich
hinter einem wunderschönen Klangvorhang aus zerrissenen alten Geschichten,
zitternden Gitarrendrähten und kundigen Beats. Sehr sehr speziell.
SUMUGAN SIVANESAN / DURÁN VÁZQUEZ: PRODUCT (Crónica)
Keine normale Split-CD, sondern eine Korrespondenz von Bewusstsein und Ästhetik.
Der Australier Sivanesan mit kompromisslosen Digitalexperimenten, deren Kopfhörerrezeption
nur äußerst bedingt empfohlen werden kann. Sehr pointierter und konsequenter
Ausdruck, wie auch das enthaltene Video, das die restriktive Asylabwehrpolitik
und Xenophobie seines Landes zum Thema hat. Vázquez arbeitet sich ähnlich
zermürbend wie minimal durch Klangschichten, um zu der Realität dahinter
zu gelangen. Intensiv-fordernde Materialanalysen!
KAPITAL BAND 1: 2 CD (Mosz)
Die Spieler dieser Achse Wien-Berlin waren und sind häufig in Improv-Kontexten
interaktiv. Als relativ spontanes Duo werfen Bussmann und Brandlmayer nun relativ
kompakte Stücke mit zuviel schlechtem Bass und zuviel guten Ideen zusammen.
Ganz gut, aber auf Pop bezieht sich das noch nicht einmal ironisch. Die zweite
CD ist übrigens eine bespielbare CD-R. Echt.
OOO: UPON CYCLES (Planet Mu)
Die klischeemiese Covergrafik vergessen und in das Debut von Nicholas C. Raftis
aus Detroit reinhören lohnt sich, weil er seine Warp-Heroes Autechre, AFX
und Squarepusher links im Gras liegen lässt und seine mathematische Seele
in 16 Tracks mit physikalischen Gefühlen über biologische Witze multipliziert
... so muss es gewesen sein, als ich aus dieser Musik torkelte ...
FRANK BRETSCHNEIDER: PARTY OF TWO PARTS EP (Underscan)
Eins steht immer noch fest: Bretschneider kannet! Seine Intelligenz groovt und
seine bewegten Techtraxx nutzen viele experimentelle Möglichkeiten, die
viele vom Konzept her schon gar nicht mehr andenken. Im Dauerloop abspielen!
BEANS: NOW SOON SOMEDAY (Warp)
HipHop für ElektroHeadz in Bestform. Der Ex-Anti-Pop-Hopper ist von seinem
affigen Fast-Forward-Image-Trip runtergekommen und performt dark'n moody mit
einem Ohr auf der Straße. Lohnenswerter 9-Tracker mit Prefuse73 und El-P.
CAPOEIRA TWINS: REANSVILLE HEIGHTS (Audiopharm)
Die vom UK-DJ-Duo elektrifizierten Human-Grooves sind clever wie simpel und
haben trotz Popappeal immer noch eine ganz kleine Kante. Darüber wird nicht
gestolpert, aber hingehört. Breakbeat-Soul und Boogie-Bossa galore.
THE STRIKE BOYS: PLAYTIME (Stereo de Luxe)
Und hier die hiesigen Genossen dazu: die beiden Nürnberger stecken ihre
Nase wirklich überall rein ... jeder Groove wird angeschnüffelt, bei
Gefallen tief inhaliert und dann auf die Tanzfläche geblasen. Früchte
knacken und die versteckten Funk-Kerne suchen, so geht das hier. Nie beliebig,
immer schön tief.
V.A.: KULA KARMA (Ministry of Sound)
Overground-Compi mit Asian-Underground-Traxx. Wer sich europäischen Lounge-Gestank
mit exotischem Bollywood-Geruch vorstellen kann, hat ein Bild ... auffällig
auf jeden Fall die hohe Zahl guter Titel ... und 90% davon exklusiv.
PRINCESS HIM: MORE EQUAL THAN OTHERS (klein)
Kinder, was ist das denn? Schwerer Fall von Underground-Pop, wirklich nicht
ganz gesund ... die Sängerin träumt, sie sei Madonna und küsst
unter Wasser ... und das Cover ist derart gaga, das müsst ihr euch anschauen!
Schweine im Weltall?
EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN: PERPETUUM MOBILE (Mute)
Krautiger denn je ... lateinischer denn je ... stoischer denn je ... kompakt-disparater
denn je ... ohne Scheiß: diese Scheibe macht echt Spaß! Die ganzen
Details drum rum - BigBrother-Produktion unter WebCams, Text-Tricks und so -
kann man genießen und gutfinden, muss man aber nicht. Heißt es nicht:
großes Kino? Yes.
MICE PARADE: OBRIGADO SAUDADE (FatCat)
Vom strengen Humorpathos zur unaufdringlichen Miniatur: fragil, filigran und
flüchtig, eine brasilianisch anmutende klare Melancholie voller Lebenslust,
die sehr gut taugt beim derzeitigen Wetter, bringt den Unsinn in dir zum Schmelzen.
Adam Pierce's Beinahe-Solo-Projekt lud sich gute Gäste für unbestimmte
Gefühle ein. Wunderschönere Songs werdet ihr diesen Monat schwerlich
woanders zu hören bekommen ... ich wette drei Eiszapfen und einen Caipirinha!
THE KAT COSM: KNIGHTBOAT (staubgold/klangkrieg)
Hier lässt sich anschließen: verträumte Lagerfeuerwärme
statt überaufgeklärter Etagenheizung oder was? Romantizistischster
Indiedigitalfolk eines Duo-Kernprojekts, derart charmant, dass es ungemütlich
werden könnte, dann aber so arriviert und minimalklar aufgenommen, dass
nichts nervt, sondern irgendwann nur noch schön ist. Ja, das geht. Mit
Gesang und drei sinnmachenden Remixen.
CLANN ZÚ: RÚA (Zahrada)
Fünfer aus Melbourne trifft auf irischen Sänger: dunkel-intensive
Celtic-Punk-Folk-Elogien, manchmal etwas zu gotisch-pastetisch, aber immer mit
der nötigen Bodenhaftung, worauf auch die durchaus kompromisslosen Lyrics
hinweisen: "Despite propaganda continues to rise, hijack the media &
burn their lies. We can't be beat. No way." Ist doch nett, oder etwa nicht?
Plus Supervideo!
ENON: ON HOLD (Slowboy / P.O. Box 170103 Düsseldorf)
Na das war Geheimniskrämerei pur: Eine sagenumwobene Platte wurde mir zugespielt,
und am Ende warn's: Enon. Das hiesige Slowboy-Label releast die 2001von der
Plattenfirma abgelehnte und daher nur in kleiner Auflage erschienene CD des
Brooklyner Trios um John Schmersal (Brainiac) als sattes ClearVinyl mit Special
12' als Dreingabe. Das ist dekonstruierter Elektrorock ohne jede Hosen und Posen,
aber mit Knarzhumor und einem Schaumstoffhammer schwingenden YogiBär hinter
jeder runden Ecke. Kaum hat ein Stück angefangen, denkst Du, der Plattenspieler
verdreht sich von selbst ... vielleicht krümmt er sich auch ... uah, da
brennt was durch! HeyHo, so was gefällt doch!
PAAL NILSSEN-LOVE & HAKON KORNSTAD: SCHLINGER (Smalltown Supersound)
Aus dem fernen norwegischen Alesund liefert dieses Wahnsinnsduo einen wunderschönen,
nahezu griffigen Beleg dafür, dass es wenig braucht, um die Verbundenheit
des Gestus vom FreeJazz mit dem des Punk aufzuzeigen. Dabei sind die määndernden
Ausuferungen Kornstadts, einem der avanciertesten und innovativsten jungen nordischen
Jazzer, vor dem filigran-bestimmten Schlegelwerk Nilssen-Loves, einem der besten
Perkussionisten der musikalischen Jetztzeit, gar nicht mal so brachial. Selbst
Leuten, die vor improvisierter Musik schon mal vorsorglich weglaufen, seien
diese sehr konzentriert und ungemein musikalisch daherkommenden drei Stücke
in 36 Minuten - zwei davon in der Knitting Factory aufgenommen - nahegelegt.
SOLEDAD: DEL DIABLO (Virgin Classics)
Und am Ende noch ein paar Geschichten vom Teufel, voller guter Laune und trauriger
Melancholie
der hochvirtuose, punktgenaue, temperamentvolle und doch
auch immer wieder lässige Spielgestus dieses feurigen belgischen Fünfers
ist geeignet, selbst Tango-Muffeln Glut unter den Fingernägeln zu bereiten.
Dabei ist Tango zwar Ausgangs- und Fixpunkt für dieses energiesprühende
und rastlose Treiben, das neben Übervater Piazolla auch Musik von Alberto
Iglesias, Frédéric Devreese und dem Neuerer Daniel Capelletti
interpretiert, doch im Grunde geht es hier, wie bei jeder guten Musik, um Transformation:
Altes und Neues, Asche und Glut. Und der Teufel läuft wie diese schwarze
Katze von heute früh auf samtenen Pfoten durch dein Leben ... und morgen
guckt er dich wieder aus dem Fernseher oder der Zeitung an, wollen wir wetten?
www.terz.org - 27.1.2004