Wunderliches tat sich im letzten Monat anlässlich der Premiere des
Peter Kern Films "Hamlet. This is your family" (siehe Artikel in dieser
Ausgabe). Aufrechte Demokraten' bezichtigten die Antifa der Zensur, legten
sich für die 'Freiheit der Kunst' ins Zeug und boten um des 'Pluralismus'
und der Meinungsfreiheit' willen einem Rechtsextremen eine Bühne
für seinen Kommunalwahlkampf. Ursprüngliches Thema des Spektakels:
Was darf die Kunst und was darf die Politik nicht? - Als wäre die Kunst
kein Politikum...
Der Parteinahme für Torsten Lemmers und Peter Kerns Selbstinszenierung
im Namen der Kunst liegt offensichtlich ein verqueres Verständnis von der
Autonomie der Kunst zugrunde. Kerns Film wird als Kunstwerk betrachtet, das
unabhängig vom politischen Kontext rezipiert werden soll, denn von diesem
wollen die Kulturschaffenden, die sich für Kern und Lemmer in die Bresche
werfen, gar nichts wissen. Der Film sei auf internationalen Filmfestivals gezeigt
worden und habe dort gute Kritiken erhalten, die Proteste der Antifa zeugten
daher von mangelnder kultureller Kompetenz bzw. schlicht von Dummheit.
Dabei war es gar nicht der Inhalt des Films selbst, an dem sich der Protest
entzündete, denn den hatte vorher kaum eineR der Protestierenden gesehen.
Worum es ging, war die Ankündigung Peter Kerns, gemeinsam mit Christoph
Schlingensief Torsten Lemmers Kandidatur für die nächste Kommunalwahl
zu unterstützen. "Hamlet - This is your family" dokumentiert
die Schlingensief-Inszenierung "Naziline.com", die vor zwei Jahren
Lemmer als angeblichem Aussteiger aus der rechten Szene eine enorme Publicity
verschafft hatte. Bis heute bleiben Kern und Schlingensief jeglichen Beweis
schuldig, daß Lemmer wirklich mit rechter Ideologie, seinen Freunden und
der Szene gebrochen hat. Ihre Unterstützung im Wahlkampf aber haben sie
dennoch zugesichert. Unter dem Strich läuft das gesamte Spektakel darauf
hinaus, daß ein Neonazi, dem niemand seinen Ausstieg glaubt, mit Unterstützung
zweier Kulturschaffender den Sprung zurück auf's politische Parkett zu
schaffen hofft.
Daß ausgerechnet in diesem Kontext der Betreiber der Maschinenhalle meint,
sich zur Rettung der Kunst aufschwingen zu müssen, und sich als edler Ritter
sieht, der das Werk eines Künstlers furchtlos gegen die "Extremisten"
(womit er die Antifa meint) verteidigt, ist mehr als naiv. Dieses Kunstwerk
ist durch den Kontext seiner Produktion, Distribution und Rezeption politisch
besetzt, und es ist unmöglich, so zu tun, als sei es innerhalb des Elfenbeinturm
der Kulturinstitution unter rein ästhetischen Kriterien rezipierbar. Die
von Schlingensief in seinen Projekten eingesetzten Mittel der Provokation entfalten
ihre Wirksamkeit eben nicht nur im Bereich der Kultur, sondern auch im Feld
des Politischen, ebenso verhält es sich mit Peter Kerns Dokumentation.
Geht es allerdings den Kulturschaffenden, die Kern und Lemmer den Rücken
decken, darum, mit Mitteln der Kunst in politische Diskurse einzugreifen, müssen
sie sich auch eine politische Kritik an dieser Form der Kulturproduktion gefallen
lassen. Das aber halten sie nicht aus. Entbrennt tatsächlich eine politische
Auseinandersetzung, wird der Künstler als verfolgte Unschuld inszeniert,
und anstatt Stellung zu beziehen, echauffiert man sich über angebliche
Zensur. Peter Kern selbst bezeichnet in einem Brief an den Antifa-Kok1 das Kino
und das Theater als den letzten Freiraum, in dem die Kunst Visionen leben solle,
wenn die Politik scheitert. Wer hier keine Demokratie zulasse, mache sich schuldig
am Elend dieser Welt. - Wie naiv muß man sein, um in diesem Zusammenhang
an eine solche Trennbarkeit von Kunst und Politik zu glauben? Schuldig am Elend
der Welt machen sich vor allem jene, die Neonazis im Feld der Kunst ein Forum
bieten und glauben, dabei handle es sich um eine harmlose Spielerei. In Norwegen
wurde aus dieser "harmlosen Spielerei" blutiger Ernst: Ein Theaterregisseur
inszenierte ein Stück mit verurteilten Neonazis auf Freigang. Einer von
ihnen nutzte dann seinen Ausflug in die Kunst um eine schwere Straftat zu begehen.
Während Lemmer im Bereich des Politischen dank konsequenter Gegenwehr in
den letzten Jahren vor allem durch Irrelevanz geglänzt hat, haben ihn Schlingensief
und Kern über das Mittel einer Kulturproduktion wieder ins Gespräch
gebracht. Es ist dabei in keinster Weise einleuchtend, warum unter dem Label
der Kunst Personen hofiert werden, die man auf dem politischen Parkett nicht
mit der Kneifzange anfassen würde. Welche Visionen werden gelebt, wenn
Kern im Theater mit Neonazis gemeinsame Sache macht?
Nimmt man die Rolle der Kunst in der Gesellschaft ernst und betrachtet diese
nicht als Spielwiese, auf der sich ein paar harmlose Irre nach Belieben austoben
können, impliziert das den Anspruch an Künstlerinnen und Künstler
für die Konsequenzen ihres Handelns gerade zu stehen. Gerade wenn mit Mitteln
der Kunst Auseinandersetzungen in Gang gebracht werden sollen, mit denen man
eine Veränderung der Gesellschaft zum Positiven hin bewirken will, tragen
Künstlerinnen und Künstler eine immense Verantwortung. Vor dieser
Verantwortung aber drücken sich im Falle Hamlet die Beteiligten.
Schade um die Kunst.
KRÜMEL
1 vergleiche: "Schmieren-Theater als Wahlkampf".
Dokumentation der Debatte um die Darbietungen von Peter Kern, Christoph Schlingensief
und Torsten Lemmer am 08.01.2004 in Düsseldorf, 2. aktualisierte und erweiterte
Auflage vom 11.1.04, zusammengestellt vom Antifa-Kok.
www.terz.org - 27.1.2004