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Am 18. Februar trafen sich im Linken Zentrum ca. 40 interessierte
Zuhörer, die den Ausführungen von zwei Attac-Angehörigen lauschten
und anschließend auch mit der Kritik nicht sparsam umgingen.
Eine frisch von der Politik infizierte Studentin referierte über die Ziele
der Bewegung, und der abgeklärte linke Gewerkschaftsvertreter versuchte
den Zusammenhang zwischen einer fortschrittlichen Gewerkschaftsbewegung und
der Globalisierungskritik darzustellen.
Obwohl das Publikum die Beiträge wohlwollend zur Kenntnis nahm, wurden
dennoch einige kritische Argumente geäußert.
So wurde in erster Linie das von Attac beschriebene Verhältnis von Staat
und Kapital in Frage gestellt. Ist es richtig, den Staat als willenloses Objekt
des internationalen Kapitals zu betrachten? Auch konnte man sich des Eindrucks
nicht erwehren, dass die gute alte soziale Hängematte im Rückblick
auch in den Augen von Linken nicht mehr pure Ideologie ist. Ist vielleicht die
reaktionäre Sehnsucht nach verklärten vergangenen Verhältnissen
das Motiv für die Mitstreiter der Bewegung?
Die Vertreter von Attac waren sehr aufgeschlossen gegenüber den Anmerkungen
aus der linken Ecke, und das lässt spannende Diskussionen auf den von Attac
angekündigten Veranstaltungen Anfang März erwarten.
Hier nun einige Thesen aus der Terz-Redaktion zur Attac-Bewegung und deren Verhältnis zu Staat und Kapital.
ATTAC - eine Bewegung für Deutschland und die ganze Welt
Auch in Deutschland beginnt die ATTAC-Bewegung Fuß zu fassen. Über
80 Regionalgruppen sind im Laufe des letzten Jahres überall in Deutschland
aus dem Boden geschossen. Gewerkschafter, christliche Gruppierungen, Altlinke,
enttäuschte Grüne, Kulturschaffende und sogar namhafte Politiker sind
in ihren Reihen zu sichten. In zahlreichen Veranstaltungen beklagen die Leute
von ATTAC die negativen Auswirkungen der "Globalisierung" für
die Menschen nicht nur in den Ländern der Dritten Welt, sondern auch in
den Metropolen.
Die im Juni 1998 in Frankreich unter Federführung von "Le Monde diplomatique"
gegründete Initiative verstand sich als Reaktion auf die zerstörerischen
Wirkungen der Finanzmärkte wenige Monate zuvor in Asien, die einen ganzen
Wirtschaftsraum inklusive menschlichen Materials von einem Tag auf den anderen
in die Katastrophe schliddern ließen. Die Initiatoren hatten auch sofort
ein Rezept an der Hand, das zukünftig derartige Krisen verhindern sollte,
und verewigten dieses in ihrem Namen: "Action pour une Taxe Tobin d'aide
aux citoyens", kurz "ATTAC", und auf gut deutsch: "Aktion
für die Einführung der Tobin-Steuer zum Wohle der Bürger".
Mit der Anti-Spekulationssteuer, die der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler
James Tobin schon 1972 vorgeschlagen hatte, von ca. 1% auf alle Devisengeschäfte
soll der internationale Finanzmarkt gebändigt werden, wobei die Einnahmen
den Entwicklungsländern zu Gute kommen.
Dabei verstehen sich die ATTAC-ler nicht als "Globalisierungsgegner",
sondern sie möchten der Weltwirtschaft Zügel anlegen und sie im Sinne
der Menschheit steuern.
Thesen zum Gegenstand der Kritik:
Die "Globalisierung"
Um die "Bewegung" adäquat würdigen bzw. kritisieren zu
können, muss man sich zunächst einen Begriff vom Gegenstand der bewegten
Kritik, der "Globalisierung", machen.
1. Wenn die Vertreter der führenden, miteinander konkurrierenden Weltwirtschaftsmächte
zu ihren turnusmäßigen Treffen zusammenkommen, legen sie fest, wie
sie in Zukunft miteinander und gegeneinander arbeiten wollen. Sie regeln den
Zugang zu Märkten, die Modalitäten zur Öffnung von Märkten,
wie der internationale Finanzverkehr laufen soll etc. Sie bestimmen also die
Voraussetzungen, die die Kapitalisten für ihr weltweites gewinnträchtige
Handeln benötigen.
2. Im Inland selbst richten die Damen und Herren aus der Politik ihren Laden
so ein, dass er für das Kapital unwiderstehliche Anlageplätze bietet.
Sie fördern mit ihrer Kreditmacht die Großunternehmer, damit sie
sich zu international schlagkräftigen Konzernen entwickeln.
3. Die Herrichtung der Nation zum potentiellen Sieger in der internationalen
Konkurrenz bedarf der haarscharfen Kalkulation. Unproduktive Kosten müssen
gestrichen werden, aber die Produktivität der Arbeit wird erhöht.
Das führt zu den bekannten Einschnitten in das System der "sozialen
Sicherheit" und zur Verarmung großer Teile der Bevölkerung.
4. Die Unterwerfung der Welt bis in den letzten Winkel unter das Kriterium der
gewinnträchtigen Benutzbarkeit hat zum Ruin ganzer Weltgegenden geführt.
"Schuldenerlass" bedeutet für die betroffenen Länder keine
Wohltat. Vielmehr wird festgestellt, dass sie selbst zum Zinsenzahlen unbrauchbar
geworden sind.
5. Trotzdem sind diese Länder aus ihrer Verantwortung für die Welt
nicht entlassen. Sie sollen die Geschäftswelt nicht durch unautorisierte
Kriege und Seuchen wie Aids und Malaria stören. Nachdem die führenden
Weltwirtschaftsmächte die bekannten Gegenden in Afrika, Lateinamerika und
Asien ruiniert und abgeschrieben haben, bekommen diese noch ein paar zynische
Tipps, wie sie durch "Hilfe zur Selbsthilfe" Ruhe in ihren Laden kriegen
können.
6. Die Macher der Politik haben die "Globalisierung" selbst in Szene
gesetzt, verkaufen aber ihr Tun als ein Bemühen, die "globalisierte
Ökonomie" in den Griff zu bekommen. Sie reden von den "Herausforderungen
der Globalisierung", denen man sich bei drohender Strafe des eigenen Untergangs
unterwerfen müsse.
7. So wird der Begriff "Globalisierung" zu einer Kampfansage nach
innen und außen. Dem eigenen Volk wird erklärt, dass es in Zukunft
noch einiges mehr auszuhalten hat. Außenpolitisch bedeutet die Förderung
der internationalen Konkurrenz, dass hier mit härteren Bandagen gekämpft
wird und immer mehr Verlierer produziert werden.
Übrigens: Treffend bemerkt Jürgen Elsässer in konkret 9/2001,
dass sich hinter dem Begriff "Globalisierung" der altbekannte Imperialismus
versteckt.
Die Kritik von ATTAC
Der amerikanische Philosoph Noam Chomsky (Jahrgang 1928), ein Protagonist der
ATTAC-Bewegung, beschreibt in einem Beitrag zur Konferenz "The other Davos"
vom 26.1.2001 seine Ansicht vom Verhältnis Politik und Ökonomie, wie
sie von weiten Teilen der Bewegung geteilt wird: "Es hat ein gewaltiger
Anstieg der spekulativen Kapitalbewegungen stattgefunden, der zum eigentlichen
Charakterzug der Phase der Globalisierung geworden ist. Diese Kapitalflüsse
schränken die politischen Optionen der Regierungen ein, verleihen dem Finanzkapital
ein Vetorecht, unterlaufen die Volkssouveränität in den demokratischen
Regimen und stellen alle fortschrittlichen Wirtschafts- und Sozialpolitiken
in Frage, die der Bevölkerung eher zugute kommen als den Investoren. Es
bildet sich ein Merkantilismus der Konzerne heraus, eine liberale internationale
Ordnung, in der die Entscheide über soziale und wirtschaftliche politische
Fragen immer mehr in den Händen des Privatkapitals konzentriert sind, das
sich durch sehr hohe Machtkonzentrationen auszeichnet, die Märkte verwaltet
und sowohl als Werkzeug wie auch als Tyrann der Regierungen agiert, um Madisons
200 Jahre alte Beschreibung der Gefahren für die Demokratie in Erinnerung
zu rufen." (http://www.attac-netzwerk.de/archiv/chomskyde.html)
Dagegen setzt ATTAC "die Regulierung der internationalen Finanzmärkte
unter anderem durch Einführung einer Steuer auf internationale Finanztransaktionen
(Tobin-Steuer), die stärkere Besteuerung von Kapital und die Unterbindung
von Steuerflucht. Wir lehnen die von der Bundesregierung vorangetriebene Privatisierung
und Kapitalmarktdeckung der sozialen Sicherung (Rente, Gesundheit) ab. Wir unterstützen
die Forderung nach einem Schuldenerlass für die Entwicklungsländer."
(ATTAC: Wer wir sind und was wir wollen; http://www.attac-netzwerk.de/material/selbst.php)
Staat und Ökonomie
Es mutet schon etwas seltsam an, wenn sich alle Nase lang die Weltwirtschaftsführer
treffen, um über die Modalitäten der Weltwirtschaft zu verhandeln
und zu beschließen - und dann wird diesen Treffen die politische Ohnmacht
attestiert. "Kapitalflüsse" sind eben so flüssig, weil die
Regierungen die Bedingungen geschaffen haben und es genau so haben wollen.
Chomsky und Kollegen konstruieren aber einen Gegensatz zwischen dem demokratischen
Staat, der bislang angeblich dem Wohlergehen all seiner BürgerInnen verpflichtet
war und ist, und dem übertriebenen Egoismus des Privatkapitals. In zweierlei
Hinsicht sind hier die Globalisierungskritiker den amtlichen Ideologen auf den
Leim gegangen: Einerseits halten sie an dem Zerrbild von den vermeintlich gemütlichen
und sicheren Verhältnissen in der vorglobalen Zeit mit seiner eng gestrickten
sozialen Hängematte fest. Andererseits lassen sie sich blenden von den
ideologischen Rechtfertigungen aller staatlichen Sauereien, die auf die unumgänglichen
Sachzwänge verweisen.
Für die Stärkung der Nation!
Als Mittel gegen die Ungerechtigkeiten der Globalisierung setzen die Kritiker
auf die Stärkung des Nationalstaates. Er soll das international vagabundierende
Kapital durch entsprechende protektionistische Maßnahmen an die Kette
legen, um sich dann wieder seiner ursprünglich - von den Globalisierungskritikern
- zugedachten Bestimmung zuzuwenden. 1)
Dass die KritikerInnen von ATTAC soviel Zuspruch auch von den Regierenden erhalten,
lässt sie nicht stutzen. Sie sehen darin die Bestätigung ihrer Theorie
vom geknebelten Sozialstaat, der sich am liebsten aus den Fängen des Kapitals
befreien will, es aber (siehe Sachzwänge) nicht kann. Darum mussten sich
die maßgeblich Regierenden der Welt vor kurzem lieber mit den Wirtschaftsführern
beim Weltwirtschaftsforum in New York treffen, als mit den Globalisierungskritikern
in Porto Alegre die Ungerechtigkeiten der Weltordnung zu bejammern.
Die Regierenden der führenden Wirtschaftsmächte mögen die Bedenkenträger
aus den Reihen von ATTAC. Schließlich befördern sie das heimelige
Bild vom gerechten und fürsorglichen Staat.
Vielleicht sitzt auch der eine oder andere wirklich der selbstgestrickten Ideologie
auf und vermutet, dass das eigene Werk der "Globalisierung" sich verselbstständigt
hat und als böser Fluch zurückkehrt. So jedenfalls kann man die Berufung
Chomskys auf den alten Madison verstehen. Das eigene Tun und die Einbildung
darüber sind eben oft zwei verschiedene Paar Schuhe!
Tobin-Steuer
Noch ein paar Worte zur Tobin-Tax. Tatsächlich findet die Forderung nach
Einführung der Steuer durchaus Sympathien auch unter Regierungen und Politikern.
Warum sollte man auf ein paar Euro oder Dollar verzichten, mit denen man den
eigenen Kapitalstandort attraktiver machen kann? Vorausgesetzt natürlich,
die anderen machen auch mit, und es schadet nicht dem Geschäft! Es bleibt
aber ein frommer Wunsch der Menschenfreunde von ATTAC, die Mehreinnahmen kämen
den armen Schluckern zu Gute.
Dass die ATTAC-Leute bei ihrer Propaganda gegen das spekulative Kapital mächtigen
Zuspruch erfahren, hat übrigens Tradition: Bei rechten und - auch - linken
Kritikern des Kapitalismus. 2)
Schlusswort
Trotz aller Kritik bringt die Bewegung auch in meinen Augen etwas Positives
hervor: Es ist die Erkenntnis von der zentralen Rolle der kapitalistischen Interessen
in der Gesellschaft und deren zerstörerischen Kräften. In einem Spiegel-Interview
vom 30. Juli vergangenen Jahres erklärt ATTAC-Sprecher Sven Giegold: "Am
Ende entscheidet über alles die Wirtschaft." Wenn Giegold hier noch
ergänzen würde, dass die Interessen der Wirtschaft die maßgeblichen
der Gesellschaft sind, dann läge er fast richtig.
HENRICI
1) Wenn da nicht mal die ATTAC-Leute Zuspruch von einer Seite erfahren, mit der sie bestimmt nichts zu tun haben wollen!
2) Auch die Trennung von spekulativem (schlecht) und produktivem Kapital
(gut) kommt bei den Rechten prima an: "Die täglichen Devisenumsätze
auf den Weltkapitalmärkten sind von ca. 80 Mrd. US-Dollar im Jahr 1980
auf rund 1,5 Billionen US-Dollar pro Börsentag angewachsen. Rund 97% dieses
Betrags dienen nicht mehr produktiven, sondern rein spekulativen Zwecken, und
haben sich damit weitgehend von ihrer primären Funktion - der Finanzierung
von Investitionen und Handel mit Waren und Dienstleistungen - entfernt."
Diskussionspapier zum ersten Ratschlag am 22.1.2000 Regulierung der internationalen
Finanzmärkte für eine sozial gerechte und ökologisch tragfähige
Entwicklung Von Anja Osterhaus (Kairos Europa) und Peter Waldow (WEED) (http://www.attac-netzwerk.de/archiv/0001finanzmaerkte.php)
Angeblich dient das produktive Kapital der Beförderung und dem Wachstum
der Ökonomie bzw. der sachlichen Werte, die letztendlich zu einer besseren
Versorgung der Bevölkerung führen. Hingegen hat sich das spekulative
Kapital von seiner Basis, der Gebrauchswerteproduktion, gelöst. Dabei ist
das Kapital ziemlich gleichgültig gegenüber seinem Einsatzort. In
jedem Falle hat es nur einen Zweck, und zwar den der Geldvermehrung: Ob das
nun bei der Produktion von Schuhwerk oder Panzern bzw. beim Kauf und Verkauf
von Devisen passiert - es kommt immer nur auf die Differenz von g zu g' an.
(Marx). Wenn die Differenz zwischen g und g' uninteressant klein ist, werden
auch mal gehörige Warenmengen vernichtet oder ganze Wirtschaftsräume
geschlossen. Der Zweck kapitalistischen Produzierens ist - wie und wo es auch
stattfindet - nie die Versorgung der Bevölkerung.
(Zur Kritik siehe auch: http://www.jungle-world.com/Texte/patrioten.htm)
Lesetipps:
- Der Gipfel von Genua. Die politische Agenda des Imperialismus, ihre verlogene
Präsentation und ihre Kritik durch militante Ignoranz. In Gegenstandpunkt
3-01, München 2001(Auch unter: http://www.gegenstandpunkt.com/gs/01/3/genua-x.htm)
- Peter Decker: Seattle, Melbourne, Prag: Global action gegen das Phantom "Globalisierung"
(http://destruktiv.placerouge.org/texte/konkret/pga_kritik.htm
- Auch unter dem Titel "Das Gutsein der Guten" veröffentlicht
in konkret 2/2001)
- Anton Landgraf: Moderne Patrioten. Vortragstext zur Veranstaltung "Visionen
- Wirklichkeiten - Widerstand" im Rahmen der Hamburger Aktionstage zum
EU-Gipfel in Göteburg am 14. Juni 2001 (http://www.jungle-world.com/Texte/patrioten.htm)
www.terz.org - 26.2.2002