bookTRÄUMEN ELEKTRISCHE MASCHINEN VON DUMMEN
HUMANOIDEN?
Joseph Weizenbaum ist ein hochinteressanter Mensch innerhalb des Forschungsgebietes
der künstlichen Intelligenz, einem Wissenschaftszweig, der seit den 60er
Jahren boomt und der sich mittlerweile in der "Artificial Life"-Wissenschaft
ausdifferenziert und umwandelt. Weizenbaum entwickelte in den 60ern das Computerprogramm
"Eliza", in dem er eine Software mit wenigen variablen Parametern
so programmierte, dass ein gesprächs- und hilfesuchender Mensch nach einer
Weile den Eindruck bekam, mit einem lebenden Wesen zu sprechen - Weizenbaums
Intention war jedoch nicht, PsychologInnen arbeitslos zu machen, sondern zu
zeigen, wie sehr K.I. - thematisch extrem reduziert gesagt: Computer - auch
durch psychologische Projektion und Wunschvorstellungen funktionieren. "Wunschmaschinen"
hat Sherry Turkle daher Computer einmal genannt, da auf diese scheinbar unfehlbaren
Konstrukte oft menschlicher Perfektions- und Machbarkeitswahn projiziert wird.
Der Witz war jedoch, dass die meisten Testpersonen "Eliza" als Gesprächspartner
akzeptierten, auch, nachdem sie über das maschinelle Konstrukt ihres "Gegenübers"
aufgeklärt wurden. Jeder, der dieses Programm übrigens mal selbst
durchgespielt hat (ab und an trifft man es noch auf Technik-Ausstellungen an,
auch ist es für wenige Bytes im Netz runterzuladen), wird zunächst
höchst amüsiert sein über diesen Geistes-Trick, aber irgendwann
der simpel-suggestiven Kraft des Spiels erliegen, vor allem, wenn deutlich wird,
dass menschliche Kommunikation oft auf denselben simplen Phrasen beruht, in
die jeder nach der eigenen Geisteslage das für ihn Richtige bzw. Falsche
hineininterpretiert. Weizenbaum auf jeden Fall blieb ein ambitionierter wie
kritischer Forscher: Er war Professor am MIT, wo er selber an der Entwicklung
der KI-Disziplin maßgeblich beteiligt war, entwickelte sich jedoch auch
angesichts der oft grundlosen Euphorie und Kritikunfähigkeit seiner KollegInnen
zum notwendigen Kritiker eines Prozesses, der begleitende Kritik genauso nötig
braucht wie jede gesellschaftliche Entwicklung. In seinem Bestseller "Die
Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft" hat er dies klar zusammengefasst;
die nun frisch erschienene Aufsatzsammlung "Computermacht und Gesellschaft"
fasst freie Reden, die er in den letzten Jahren zum Beispiel zu den Themen "Das
Menschenbild in der künstlichen Intelligenz", "Verantwortung
der Wissenschaft", "Internet", "Kunst" und "Der
militärische Wahnsinn" gehalten hat, auf knapp 140 lesefreundlichen
Seiten zusammen und bietet so einen guten Einstieg in den Komplex. Weizenbaums
Schreibweise leitet sich hier natürlich stark vom Stil der wörtlichen
Rede ab, das heißt: sie wirkt oft eher simpel, erklärend und vermittelnd
als hochkomplex und verstiegen. Dies zeichnet auch die für das Thema hochnotwendige
Klarheit und realistische Bodenverhaftung aus, die unumgänglich ist, wenn
man den Komplex des künstlichen Lebens und Denkens, der in den nächsten
Jahren noch vehementer diskutiert werden wird, behandelt.
Weizenbaums Thesen bleiben selbst in ihren konkreten Bezügen bewusst allgemein,
um den wissenschaftlichen Rahmen nicht komplett und ausschließlich mit
soziologischen oder politischen Vorraussagen zu sprengen, differenzieren jedoch
auf sehr bedeutsame Weise, und genau dies ermöglicht es, mit den Aussagen
weiterzuarbeiten. Somit ist das Buch ein gelungenes Werkzeug für den Weg,
den es hinsichtlich eines der komplexesten und wichtigsten Themen der gesellschaftlichen
Evolution noch zu gehen gilt.
HONKER
Joseph Weizenbaum: Computermacht und Gesellschaft. Freie Reden. Hrsg. von Gunna Wendt und Franz Klug. FfM 2001. Suhrkamp Verlag. 144 Seiten. 10 Euro.
bookSchmutziges Wochenende
Es gibt Bücher, die verlieren auch nach Jahren nicht an Aktualität.
Der Krimi von Helen Zahavi sorgte 1991 für viel Aufsehen. Hatte doch eine
Frau es gewagt, nicht nur ihre erlebte Gewalt zu schildern, sondern in ihrer
Rache orgiastische Massaker an ihren männlichen Opfern zu verüben.
Über den eigentlichen Inhalt wurde sich nicht weiter ausgelassen. Das patriarchale
Verhältnis, in dem sich Frauen und Männer bewegen, hat sich bis heute
kaum verändert.
In dieser Geschichte hat die junge Bella die Schnauze voll von den Männern
und nimmt blutige Rache. Im beschaulichen Brighton bewohnt Bella eine dunkle
Kellerwohnung. Ihre Ruhe wird durch quälende Anrufe zerstört. Von
einem Unbekannten wird sie beschimpft und gedemütigt. In einer Art Therapiegespräch
mit dem iranischen Hellseher Nimrod ruft der in ihr die traumatische Vergangenheit
als Prostituierte in Erinnerung. Er rät ihr, sich von der Bedrohung zu
befreien. Bella entschließt sich zum ersten Mal, nicht klein beizugeben,
sondern sich zur Wehr zu setzen. In einem langen Ritus entledigt sie sich ihres
Peinigers. Er sollte nicht der letzte sein. Doch es ist eine gefährliche
Welt für Bella. Sie gerät an einen Psychopathen, der in seinem Hass
auf Frauen auf immer neue Opfer stößt.
Helen Zahavis Buch ist ein wahrer Schocker, den man erst aus der Hand legt,
bis wirklich die letzte Seite zu Ende ist. Sie beschreibt alltägliche Situationen,
in denen Frauen verschiedenen Gewaltformen ausgesetzt sind. Sie macht dabei
keine Unterschiede zwischen den Tätern - egal ob liebevoller Familienvater
auf der Suche nach einem Abenteuer oder der Gruppe Yuppies, die ihren Spaß
im Vergewaltigen einer Obdachlosen finden. Für Zahvi sind sie gleich schuldig,
nur die Formen der Gewalt unterscheiden sich zwischen struktureller, psychischer
oder physischer Gewalt. Nach gesellschaftlichen Ursachen wird nicht gesucht,
sondern es werden die Täter, als selbstverantwortlich für ihre Taten,
erledigt. Das wirkt wie ein Befreiungsschlag.
Es ist ein Buch, das Männer und Frauen sicherlich unterschiedlich beurteilen.
Viele Frauen werden die alltäglichen Situationen wiedererkennen; und für
viele Männer ist dies eine Gelegenheit, sich vielleicht einmal in Frauen
hinein zu versetzen und einiges dazu zu lernen wie das so ist mit patriarchalischer
Gewalt. Absolut lesenswerte Lektüre.
MEIKEL F
Helen Zahavi:
Schmutziges Wochenende
Unionsverlag, 205 Seiten für 8.90 Euro
bookMenschenfalle Moskau
"Parteigenossen! Schließt fester die Kampfreihen um die Partei! Schärft eure ideologische Rüstung, eure revolutionäre Wachsamkeit, eure Disziplin zum erfolgreichen Kampfe gegen die trotzkistisch-faschistischen Agenten in der Arbeiterbewegung! Schließt enger die Reihen um die Sowjetunion, das Land des Sozialismus und des Friedens, um seinen genialen Lenker, den Freund und Führer der um die Freiheit und Glück kämpfenden Werktätigen der ganzen Welt, um unseren großen Stalin!" (ZK-Resolution der KPD aus dem Jahre 1936 zu den konterrevolutionären trotzkistisch-sinowjewistischen Verbrechen gegen die Arbeiterklasse)
Es ist sicher allen, die sich kritisch mit der Geschichte der Arbeiterbewegung
auseinandersetzen, bekannt, dass in den Jahren 1936-1938 in der Sowjetunion
die "Große Säuberung" in der KPdSU stattfand. Aktenkundig
sind allein aus dieser Zeit über 700.000 Hinrichtungen. Ebenfalls bekannt
ist sicherlich, dass die KPD, von der tausende Funktionäre und Mitglieder
vor dem Naziterror in das "Vaterland der Werktätigen" geflohen
waren, in die Mühlen des stalinschen Vernichtungsapparats geriet und die
Genossen zu Tausenden liquidiert wurden. Wie und mit welchen Methoden dies geschah,
kann man in dem zutiefst erschreckenden und beklemmenden Buch von Reinhard Müller
namens "Menschenfalle Moskau" nachlesen.
Das NKWD (vorher Tscheka-GPU, später KGB) versuchte immer aus dem abweichenden
Verhalten Einzelner sogenannte Verbindungen zu konstruieren, aus denen dann
Verschwörungen wurden. So erging es einer größeren Gruppe deutscher
sogenannter Politemigranten, die alle nur eines gemeinsam hatten: Sie waren
bekannt gewesen mit dem Kommunisten Erich Wollenberg. Dieser wiederum hatte
1933 der allgemeinen Parteilinie, die von Stalin und der Kominternleitung vorgegeben
wurde, widersprochen. Wollenberg war der Meinung, dass die Machtergreifung Hitlers
für die deutsche Arbeiterbewegung eine katastrophale Niederlage gewesen
sei und dass die offizielle Linie, dass Hitler sich nicht lange halten würde
und dann die proletarischen Massen die Revolution in Deutschland ausführen
würden, Unsinn sei. Dies führte zu Wollenbergs Parteiausschluss. Da
er außerdem als Schwuler in der SU der 30er Jahre eh nicht gut angesehen
war, tat er etwas, das nur Wenigen gelang. Die meisten deutschen Emigranten
waren von der Naziregierung ausgebürgert worden und saßen ohne Papiere
in der SU. Sie konnten ohne Erlaubnis der Behörden das Land nicht verlassen.
Wollenberg hingegen floh illegal aus der SU und betätigte sich danach in
Prag in der linksoppositionellen Szene. Für die Stalinisten wurde er dadurch
zur Unperson, die zusammen mit einem anderen Querkopf, dem bereits 1934 in der
Sowjetunion ermordeteten Revolutionär Max Hölz, zu Anführern
eines "trotzkistisch- faschistischen Blocks" hochstilisiert wurde.
Das restlos paranoide NKWD-System liquidierte in Folge dessen im Grunde einfach
alle Personen, die mit diesen beiden Menschen irgend etwas zu tun hatten. Das
ganze Procedere raubte den Delinquenten das letzte bisschen Würde und Stolz.
So sind die von Müller eingesehenen Kaderakten voll von Denunziationen
und gegenseitigen Beschuldigungen. Man muss dabei aber unterscheiden: Es gab
Leute, die um ihr Leben zu retten selbst ihre Brüder oder Frauen ans Messer
lieferten. Dann gab es freiwillige Zuträger, wie es z.B. Herbert Wehner,
der spätere SPD-Führer, war, der nicht wenige denunziert hat. Und
ganz selten gab es Leute, die zwar auch die absurdesten Verbrechen gestanden
haben, dabei aber nur andere belastet haben, von denen sie wussten, dass sie
bereits ermordet worden waren. Das war dann aber auch das größte
an Widerstand, was nach monatelangen Folterungen möglich war.
Besonders traurig ist dabei der Fall der Witwe des von den Nazis ermordeten
Dichters Erich Mühsam gewesen. Mühsam war Jude und Anarchist, seine
Frau Zensi wusste von daher schon, dass Moskau eigentlich der falsche Ort für
sie war. Man hat die Frau aber so lange beackert, die russische Gastfreundschaft
anzunehmen, bis sie schließlich Vertrauen fasste. Wahrscheinlich wollte
das NKWD an den Nachlass des Dichters - in der Hoffnung, dort belastendes Material
über KPD-Funktionäre zu finden. An dem Tag, als dieser Nachlass in
Moskau eintraf, wurde Zensi Mühsam im Jahre 1936 verhaftet und verschwand
im Gulag. 1947 verhinderte die SED-Führung ihre Freilassung, und so kam
die alte Dame erst 1955 aus der Lagerhaft zurück und wurde danach noch
von der Stasi belästigt.
Wenn man etwas über menschliche Niedertracht lernen will, dann muss man
die Verhörprotokolle, die in diesem Buch reichlich zitiert werden, mal
gelesen haben. An vielen Beispielen werden die unterschiedlichen Überlebensstrategien
der Opfer dargestellt, genutzt hat es ihnen nichts. Fast alle wurden erschossen
oder starben im Lager. Oder wurden an die Nazis ausgeliefert. Manche deutschen
Kommunisten waren in diesen Zeiten so weit, dass sie ihrerseits um die Auslieferung
an Nazideutschland baten in der Hoffnung, dort eher überleben zu können
...
Das Buch ist nicht leicht geschrieben und ich muss zugeben, dass ich nicht alle
Folgerungen des Autors teile. Die Vergleiche mit der mittelalterlichen Inquisition
halte ich zumindest für gewagt. Aber da diese Arbeit im Wesentlichen auf
bisher unveröffentlichten Originaldokumenten basiert, halte ich sie für
äußerst wertvoll - und sie sollte für jeden zur Lektüre
gehören, der sich heute noch Gedanken darüber macht, ob Lenin und
sein Schüler Stalin nicht doch den richtigen Weg zum Sozialismus begangen
haben. Wer sich mit diesem beklemmenden Thema belletristisch beschäftigen
will, der muss Arthur Koestlers Roman "Sonnenfinsternis" lesen, in
dem das Schicksal von Leuten wie Nicolai Bucharin verarbeitet wird. Wie viele
deutsche Kommunisten den Säuberungen zum Opfer fielen, weiß wohl
niemand ganz genau, jedenfalls waren es Tausende. 1938 waren bereits etwa 75%
der Emigranten ermordet oder im Lager. Leider ist mir nichts darüber bekannt,
wie viele Düsseldorfer (das müssen bei der Stärke der Düsseldorfer
KPD viele gewesen sein) in die Sowjetunion gingen und wie viele zurück
kamen. Wer darüber etwas weiß, kann mir gerne die Quelle nennen.
FEHRI
Reinhard Müller, Menschenfalle Moskau: Exil und stalinistische Verfolgung, Hamburger Edition 2001
book14 Vorwände gegen die Entschädigung
von Zwangsarbeitern
Der Untertitel "Eine deutsche Skandalgeschichte" ist der richtige
Ausdruck für das Umgehen der Bundesrepublik mit den Opfern des Nationalsozialismus.
Von Anfang an war man bemüht, die Ansprüche zurückzuweisen. Das
Buch beschäftigt sich hauptsächlich mit dem Vorgehen der BRD in den
50er/60er Jahren. Der Autor Klaus Körner zeigt die unterschiedlichen und
wechselnden taktischen Spielchen der BRD-Regierung auf. Von Anfang an setzte
man auf die biologische Lösung. Damit hatte man ja weitestgehend Erfolg:
mittlerweile sind über 90 % der ZwangsarbeiterInnen verstorben. Zu Konzessionen,
d.h. zu minimalen Zahlungen, wie z.B. an Israel 1953, war man nur bereit, wenn
es aus taktischen Gründen als geeignet erschien oder auf Grund eines hohen
äußeren Druckes. Nur der zwang Deutschland, für die noch lebenden
Opfer letztendlich doch noch etwas zu zahlen. Aber selbst in diesen Verhandlungen
wollte man sich nichts vorschreiben lassen und stellte sich nicht als Täter,
sondern als Opfer dar.
Körner zeigt auf, wie die BRD sich um eine Entschädigung von Anfang
an drückte. Es ist beschämend, wie dies 50 Jahre gelang. Es gab weder,
von einzelnen Politikern abgesehen, ein Bekenntnis zur Schuld und damit den
Druck zu einer wirklichen Entschädigung, noch genügend Druck von außen.
Hauptsächlich bestimmten die USA die Stärke des Druckes, und deren
Interessen änderten sich mit dem zunehmenden Kalten Krieg. Statt Entschädigung
wurde nun Remilitarisierung gefördert.
Das Buch zeigt nochmals auf, daß die Frage nach Entschädigung 50
Jahre unterbunden wurde - ein Aspekt, der in der Debatte um die Zahlungen oftmals
zu sehr untergegangen ist. So gibt das Buch einen guten Einblick in das Gebahren
des frühen Deutschlands.
MEIKEL F
Klaus Körner:
"Der Antrag ist abzulehnen" - 14 Vorwände gegen eine Entschädigung
von Zwangsarbeitern
Konkret Literatur Verlag
144 Seiten für 12.90 Euro
www.terz.org - 26.2.2002