Sistas, we don't need Big Brothers!
Zur Rolle von Frauen als Objekt im Innere-Sicherheits-Diskurs
Im aktuellen Hype des Innere-Sicherheits-Diskurses spielen immer wieder die
Ängste von Frauen eine zentrale Rolle, wenn es darum geht, die Durchsetzung
bestimmter Überwachungs- und Kontrollmechanismen zu legitimieren. Dieser
Artikel beschäftigt sich mit dem Problem der permanenten Reproduktion von
Frauen als Opfergruppe im öffentlichen Diskurs, dem Sinn und Unsinn feministischer
Stadtplanung und der Instrumentalisierung von Ängsten zur Festigung des
Überwachungsstaates.
In der Debatte um Sicherheit im öffentlichen Raum spielt immer wieder die
Angst von Frauen vor Ünbergriffen, bzw. das subjektive Sicherheitsgefühl
von Frauen eine Rolle. Ob es um die Installation von Videokameras zur Überwachung
von Parkhäusern oder öffentlichen Plätzen geht, um den vermehrten
Einsatz von Sicherheitsdiensten auf Bahnhöfen oder im Innenstadtbereich
oder um die bauliche Umgestaltung von unübersichtlichen Parkanlagen oder
Straßenzügen, stets ist eines der gern ins Feld geführten Argumente,
daß man Frauen vor sexuellen Übergriffen schützen und dafür
sorgen müsse, daß diese sich im öffentlichen Raum frei und ohne
Angst bewegen können. Zwar wird dieser Diskurs bemerkenswerter Weise in
erster Linie von Männern bestritten, aber auch Architektinnen und Stadtplanerinnen
beteiligen sich auf ihre Weise daran, indem sie bauliche Konzepte für eine
(für Frauen) vermeintlich sicherere Stadt entwickeln. So sehr jedes Anliegen
zu unterstützen ist, welches die Bewegungsfreiheit von Frauen im öffentlichen
Raum erhöht - auf Überwachung und Kontrolle ausgerichtete Strategien
greifen nicht nur zu kurz, sie wenden sich an bestimmten Punkten auch gegen
jene, die sie zu schützen vorgeben.
Welches Frauenbild liegt dem Innere-Sicherheits-Diskurs zugrunde? Frauen werden
beschrieben als diejenige Sorte Mensch, die es zu beschützen gilt. Klassisch
dem Bereich des Häuslichen, d.h. des Privaten zugeordnet, wird der Aufenthalt
von Frauen im öffentlichen Raum als ein mit Gefahren und Risiken belegtes
Unterfangen wahrgenommen. Zwar ist der Weg durch die Stadt für Frauen in
der Tat mit einer Vielzahl möglicher Unannehmlichkeiten, Demütigungen
und auch Übergriffen gepflastert, denn sexistische Anmache und physische
Gewalt findet ja real statt, dennoch verfälscht die Darstellung von Frauen
als in der Öffentlichkeit schutzbedürftiges Wesen die Auseinandersetzung
über Gewalt gegen Frauen massiv, denn: der weitaus größte Teil
sexistischer Übergriffe, physischer wie psychischer Gewalt gegen Frauen,
findet eben nicht "draußen" statt, sondern hinter verschlossenen
Türen, im Bereich des Privaten, in den Schlafzimmern, zu Hause - eben dort,
wo keine Videokamera und kein Schwarzer Sheriff ein Auge darauf hat.
Es ist unumstritten, daß Frauen sich nachts allein in der Stadt unsicher
fühlen, Angst vor Übergriffen haben und sich viele deshalb abends
erst gar nicht allein aus dem Haus trauen. Die Frage, die sich jedoch stellt,
ist, wie diesen Ängsten begegnet wird, und wer einen Nutzen daraus schlägt.
Einige der eingangs genannten Maßnahmen zielen lediglich an der Sache
vorbei, schaden aber im Grunde auch niemandem, andere wiederum schieben die
Gefährdung von Frauen vor, um repressiv gegen andere marginalisierte Gruppen
zu wirken. So ist beispielsweise die Belebung verwaister Straßenzüge
durch Nutzmischung wie Wohnen/Arbeit/Konsum/Entertainment zunächst einmal
nicht besonders kritikwürdig, was den Schutz von Frauen vor Übergriffen
anbelangt, aber vergleichsweise nutzlos. Die Idee hinter einem solchen stadtplanerischen
Konzept ist die, daß Frauen in einsamen Gegenden niemandem um Hilfe rufen
können, während belebtere Straßen einen gewissen Schutz vor
Übergriffen bieten sollen. Eine solche Herangehensweise verkennt die allgemeine
gesellschafliche Akzeptanz patriarchaler Unterdrückungsverhältnisse
und die Alltäglichkeit sexueller Diskriminierung. Sexistische Anmache ist
normal und alltäglich, und die bloße Anwesenheit anderer Menschen
wird es keiner Frau erleichtern, sich gegen anzügliche Sprüche oder
eine Hand auf dem Hintern in einer Kneipe zur Wehr zu setzen.
Stellt der letztgenannte Ansatz lediglich einen verkürzten Lösungsansatz
dar, sind andere gern ins Feld geführte Maßnahmen zum Schutz von
Frauen weitaus kritischer zu bewerten: Konzepte, die auf Überwachung und
Kontrolle abzielen, sind schlichtweg abzulehnen, da diese stets repressiven
Charakter haben. Egal, ob es sich dabei um Videoüberwachung öffentlicher
Plätze oder das Patroullieren von Schwarzen Sheriffs in Parkanlagen handelt,
in beiden Fällen wird ein für den betreffenden Raum als normal oder
angemessen definiertes Verhalten vorausgesetzt, dessen Abweichungen sanktioniert
werden müssen. Wird auch desöfteren das subjektive Sicherheitsgefühl
von Frauen als ein Aspekt zur Legitimation solcher Maßnahmen angeführt,
geht es in der Praxis um etwas ganz anderes: Kameras und Schwarze Sheriffs werden
eingesetzt, um Menschen, deren nonkonformes Verhalten sanktioniert werden soll,
mittels Repression aus der öffentlichen Wahrnehmung zu entfernen.
Die Forderung nach mehr Sicherheitsdiensten und anderen Überwachungsmaßnahmen
ist aber nicht nur problematisch, weil sie massiv die Freiheit und die Sicherheit
marginalisierter Gruppen beschneidet, sie fällt auch den Frauen selbst
auf die Füße. Zum einen deshalb, weil die Forderung nach mehr Sicherheit
"für Frauen" in den seltensten Fällen reflektiert, daß
es sich bei "den Frauen" keineswegs um eine homogene Gruppe handelt.
Im öffentlichen Diskurs ist stets die Sicherheit der weißen, deutschen
Mittelstandsfrau gemeint, nicht etwa die der Berberin oder der Migrantin ohne
gesicherten Aufenthaltsstatus, für die die vermehrte Präsenz von Polizei
oder Sicherheitsdiensten im öffentlichen Raum keineswegs dazu beiträgt,
daß sie sich dort frei und unbeschwert bewegen können. Im Gegenteil,
durch ihr von einer vermeintlichen Norm abweichendes Verhalten oder Aussehen
sind sie weitaus häufiger Kontrollen und Schikanen eben jener angeblichen
Sicherheitsgaranten ausgesetzt als diejenigen, die ins Bild von der deutschen
Durchschnittsfrau passen. Für diese bedeutet die Präsenz Uniformierter
im öffentlichen Raum nicht mehr Sicherheit, sondern das genaue Gegenteil:
eine existenzielle Bedrohung. Aber selbst wenn man vom Ausschluß der Interessen
marginalisierter (Frauen-)Gruppen aus dem Sicherheitsdiskurs absieht, geht die
Forderung nach schärferen Überwachungsstrategien nach hinten los.
Geht es um die Überwindung patriarchaler Machtausübung, egal auf welche
Weise sie sich äußert, kann es nicht in unserem Sinne sein, daß
an den Bildschirmen der Überwachungskameras wiederum Männer sitzen,
deren Blick auf die Frau im Parkhaus stets eine voyeuristische Komponente hat.
Ebenso absurd ist die Vorstellung, daß ausgerechnet die Anwesenheit in
erster Linie männlich besetzter Sicherheitsdienste dazu beitragen soll,
daß sich Frauen unbeschwerter im öffentlichen Raum bewegen können.
Da das Patriarchat ein alle gesellschaftlichen Bereiche durchdringendes Unterdrückungsverhältnis
ist, ist nicht einzusehen, warum man in männliche Sicherheitsbeamten größeres
Vertrauen haben sollte, als in Männer ohne Uniform. Eine Partizipation
am Innere-Sicherheits-Diskurs, die Frauen weiterhin auf ihre Rolle als passives
und schutzbedürftiges Wesen festschreibt, trägt dazu bei, die herrschenden
Verhältnisse zu stabilisieren. Ein Diskurs, der die Vorstellung festigt,
Frauen könnten sich nur dann frei im öffentlichen Raum bewegen, wenn
genügend Männer da sind, die auf sie aufpassen, zementiert Ohnmachtsgefühle
und inszeniert Bedrohungsszenarien, die mit den realen Gewalterfahrungen von
Frauen nur am Rande etwas zu tun haben. Anstatt also einzustimmen in den Ruf
nach noch dickeren Sicherheitspaketen, muß es darum gehen, patriarchale
Strukturen in ihrer Vielschichtigkeit zu erkennen, sie anzugreifen und aufzubrechen.
Und vor allem muß es darum gehen, den Sicherheits-Diskurs als das zu entlarven,
was er ist: ein Instrument zur Aufrechterhaltung der bestehenden Ordnung, die
auf Ausgrenzung, Stigmatisierung und Repression jedes von der Norm abweichenden
Verhaltens basiert.
|a|n|n|a|
www.terz.org - 26.2.2002