veranstaltungsreiheFrische Negationen: der entlehrte
Raum des Politischen
Zum dritten Mal gibt es in diesem Winter / Frühjahr im Buchladen
BiBaBuZe eine von der Robert-Burns-Gesellschaft - ein kleiner und noch ausbaufähiger
Verein, der den Namen des schottischen Freiheitsdichters nicht nur führt,
um dessen Bücher abzustauben - inspirierte Vortrags- und Debattenreihe.
Sie ist in der Regel kostenfrei und erhofft Zulauf nicht nur von BesucherInnen,
sondern auch von Leuten, die das Theorieprojekt mit voranbringen möchten.
Initiatoren sind bis dato ,undogmatische Altlinke', das sind Leute, die glauben,
dass die Ideologiekritik vor keiner Wahrheitsproduktion Halt machen darf, um
den ,globalisierten' Kapitalismus, die Kriegstreiberei für und gegen ,Terrorismus',
den alles lähmenden Konformismus zwischen politischen Anführern, entpolitisierten
Abführern und kulturindustriellen Sekundanten intellektuell zu überleben.
"Entlehrter Raum des Politischen" setzt, dass gedankliche Verständigung,
die über Tagespolitisches, Parteistrategisches und den "Sachzwängen"
Opferndes hinausgeht, nicht mehr stattfindet, nicht mehr gesucht oder in Seminaren
und Sonntagsreden nach Mainstreammaßgabe abgehandelt wird; und dass dies
den Rückzug aus einer vor den inner- und zwischengesellschaftlichen Konflikten
resignierenden Poltik ausdrückt. - Die Veranstaltungen zielen also darauf,
den Raum des Politischen (wieder mal) neu zu ermessen und Positionen zu suchen
oder zu erfinden, die über die gewohnten Standorte, ihre Interessen und
Rhetoriken hinausweisen. Die Vorträge von Michael Schiffmann über
Noam Chomskys Kritik an der ,schurkenstaatlichen' us-amerikanischen Politik
und sein Projekt einer paradoxen "Mainstreamdissidenz", die Analyse
der geophilosophischen und geopolitischen Ordnungsbegriffe haben den Anfang
gemacht; am 20. März folgt Ferdinand Scholz mit einem Beitrag zu Guy Debords
"Gesellschaft des Spektakels".
Auf besonderes Interesse könnte der Vortrag von Werner Hanses-Ketteler
am 10. April stoßen: "links - rechts - mitte / politische Überzeugungen:
Zur Kenntlichkeit vermischt und neu gesondert". Mit Hilfe einiger nicht
ganz gewöhnlicher Unterscheidungen ("alte" und "neue"
Mitte, Extremismus und Radikalismus, majoritär und minoritär, sub-iect
und abstrakt subjektives Wesen des Wunsches, der Arbeit ..., geregelte und ungeregelte
Entsubjektivierung) soll der Versuch unternommen werden, aus der Hegemonie rechter
und richtender Vorstellungen über die Verortung, Unterordnung und Verwertung
menschlicher Natur, aus der Zerstörung des Politischen, aus dem Zugriff
rassistischer und militaristischer Optionen, das herauszulösen, was links
noch ist und das verhindern könnte, Opfer und Komplize / Koproduzent der
Zerstörung des Wirklichen zu werden. Es soll also ein Bogen geschlagen
werden von der ideengeschichtlichen Bestimmung der Begriffe, mit denen politische
Überzeugungen klassifiziert werden (und worin sich möglicherweise
falsche Fronten, sinnlose Strategien, unumgängliches Scheitern wiederholen),
zu dem was eine politisch und moralisch operationsfähige linke Selbstverständigung
ausmacht.
Auszugehen ist von der Bestimmung des rechten Paradigmas: Nach der Auflösung
der "alten" Mitte, die zumindest theoretisch den für eine Zivilgesellschaft
bindenden Errungenschaften der bürgerlichen Revolution verpflichtet war
(Gewaltenteilung, privat - öffentlich, repräsentative Demokratie),
ist die politische Mitte ein Sammelsurium linker und rechter Gemeinplätze
unter eindeutig rechter Hegemonie. (Den manifesten Neonazismus zu bekämpfen
findet darin ja auch regelmäßig ihre Grenze, jenseits auch so makabrer
Phänomene wie der V-Mann-Affäre, bei der die NPD quasi als "legaler
Arm" des Verfassungsschutzes firmiert.)
Die jeweils "neue" Mitte versucht, einen größtmöglich
deregulierten kapitalistischen Betrieb durch Obsessionen einzudämmen oder
zu reterritorialisieren (Sicherheitsdiktatur, Sozialabbau, Zerstörung der
Schöpfungsgrundlagen), welche die der traditionellen Rechten (konservative
Revolution, Nationalbolschewismus) wiederholen. Letztere soll in einigen Grundpositionen
ihrer potentesten Theoretiker aus der vornationalsozialistischen Ära (Jünger,
Schmitt etc.) vorgestellt werden.
Letztere haben mit den teils noch etablierten, teils versickerten linken Strömungen
Schnittmengen und ideologische Bolzplätze gemein, die deren Übernahme
ins rechte Paradigma bestens erklären. (Das Phänomen der Aneignung
linker Klassiker wie etwa Gramscis durch die Neue Rechte kann nur gestreift
werden, zumal dies viel Infamie, aber sehr wenig Interesse macht.)
Kann man also/aber noch links sein, wenn man der Ideologie als Konstrukt der
Bewusstseinsphilosophie, der Vorstellung, dass man durch instrumentalisierbaren
Wissensgehalt die Massen zum Guten oder Bösen steuern kann, entsagt? Wenn
man mit dem unzuträglichen Begriff der Ideologie auch den der Massenorganisation
und das Streben nach Mehrheitsfähigkeit aufgibt? Muss man einsehen, dass
dort, wo zwischen Zwecken und Mitteln die Willkür der Strategen einzieht,
eine politische Überzeugung den problematischen Bezug auf Wahrheit verliert?
Die Hypothese, dass ein problematisch-unproblematischer (ein verdrängter
Zweifel an der Richtigkeit) Bezug auf Wahrheit das Ausgangsmotiv politischer
Willensbildung ist - das Politische verstanden als Element rationaler und diskursivierbarer,
der Gewalt entratender zivilgesellschaftlicher Strategie im Unterschied zur
schmitt'schen Formel, dass das Politische in der Unterscheidung von Freund und
Feind besteht - könnte auch als Fingerzeig genommen werden für eine
neuzubestimmende linke Identität, die vom ideologischen Interesse zur Wahrheitspolitik
fortzukommen wüsste. Keins dieser Probleme wird sich lösen lassen,
für den Anfang würd's reichen, wenn die Köpfe rauchen.
www.terz.org - 26.2.2002