Üb dich im kleinen Verrat
Die Normalisierung ist abgeschlossen. Während im zweiten
Golfkrieg 1991 die deutsche Kriegsbeteiligung in Form von gut sieben Milliarden
Euro massive Proteste auch gegen die Herrschenden im eigenen Lande hervorrief,
hat sich die militärische Kriegsbeteiligung der Bundesrepublik Deutschland
weder im Falle Jugoslawien noch im Falle Afghanistan einem nennenswerten Widerstand
gegenüber gesehen. Inzwischen sind nicht nur die ProtagonistInnen der alten
Friedensbewegung ein paar Jahre älter geworden, sondern es hat eine Verschiebung
der außen-politischen Optionen stattgefunden, die man getrost als explizit
formuliertes Projekt der Herrschenden bezeichnen kann und deren Ergebnis die
Möglichkeit ist, deutsches Militär weltweit einzusetzen, um deutsche
Sicherheits- und Wirtschaftsinteressen weltweit zu vertreten.
Die ideologischen Grundlagen, die der Miltärisierung der deutschen Außenpolitik
entgegenstanden, gerieten bereits kurz nach dem Anschluss der DDR an die Bundesrepublik
unter Druck. Der damalige Verteidigungsminister Stoltenberg forderte 1992 mit
den "Verteidigungspolitischen Richtlinien" den größten
Paradigmenwechsel in der bundesdeutschen Militärpolitik seit der Remilitarisierung
ein: die Abkehr von der Politik, (west)deutsches Militär für den "großen
Krieg" in Europa bereit zu halten und stattdessen die nunmehr gesamtdeutschen
Streitkräfte weltweit als Interventionsarmee nach dem Vorbild der USA und
der ehemaligen Kolonialmächte Frankreich und Großbritannien zur Wahrnehmung
von Interessen einzusetzen.
Die Abschaffung oder zumindest die Aussetzung der Wehrpflicht wäre ein
logischer Schritt innerhalb dieses unter Verteidigungsminister Gerhard Stoltenberg
begonnenen und von Bundeskanzler Gerhard Schröder aktuell formulierten
Projektes der Enttabuisierung des Militärischen. Die Wehrpflichtigen spielen
innerhalb der Bundeswehr eine höchstens randständige Rolle und kommen
in der Neudefinition der Rolle der Bundeswehr überhaupt nicht vor. Und
auch wenn es die gesellschaftlichen Reaktionen auf die deutschen Kriegsbeteiligungen
in Jugoslawien und Afghanistan nicht vermuten lassen, so trägt eine Wehrpflichtarmee
immer noch ein höheres Risiko, ihre Interventionen rechtfertigen zu müssen
als eine Freiwilligenarmee.
Die Wehrpflicht gibt es aus zwei Gründen immer noch. Die Bundeswehr hat
mit der Wehrpflicht den Zugriff auf den großen Teil der männlichen
Deutschen eines jeden Jahrgangs. Dies ist ein Rekrutierungspotential, das eine
Berufsarmee nur mit sehr hohem Aufwand ausschöpfen könnte, zumal es
ihr anders als der heutigen Bundeswehr nicht kostengünstig ein paar Monate
probeweise zur Verfügung stünde. Der zweite Grund für die Existenz
der Wehrpflicht ist der Zivildienst. Als Kriegsdienst ohne Waffe und als Ausnahme
vom bewaffneten Kriegsdienst konzipiert, stellt er sich zur Zeit zumindest faktisch
als eine frei wählbare Alternative zum Dienst bei der Bundeswehr dar. Dabei
kann freilich der Druck auf die Wehrpflichtigen, sich für den bewaffneten
Kriegsdienst zu entscheiden, durch Lockerung oder Verschärfung des Anerkennungsverfahrens
kurzfristig den politischen Erfordernissen angepasst werden.
Inzwischen erfüllt der Zivildienst eine wichtige Rolle bei der verschärften
markt- und konkurrenzförmigen Organisierung der Gesellschaft. Gesellschaftliche
Bereiche, in denen eine rein kapitalistische Organisierung dysfunktional wäre,
wie etwa die Pflege alter und kranker Menschen, können in einem steigenden
Maße den Marktmechanismen unterworfen werden. Die in diesem Bereich tätigen
Zwangsdienstleistenden federn zum einen die negativen Folgen einer solchen Entwicklung
ab und dienen zum anderen als Druckmittel gegenüber den dort regulär
Beschäftigten.
Es ist fraglich, ob das heutige Konstrukt der Berufsarmee mit Wehrpflichtanhang
von Dauer sein wird. Letztlich wird die Wehrpflicht höchstens so lange
Bestand haben, wie sie der Neuausrichtung der deutschen Militärpolitik
nicht im Wege steht. Ein Moratorium für die Wehrpflicht würde dabei
in das politische Konzept passen, die konkrete Ausgestaltung der militarisierten
Außenpolitik flexibel zu halten und das Militärische in jeder denkbaren
Form zu einem normalen Bestandteil und zur jederzeit protestfrei einlösbaren
Option herrschender Politik zu machen.
Man sollte die Zwangsdienste nutzen, solange es sie noch gibt. Eine radikale
Linke wird kaum den Paradigmenwechsel der militärischen Verteidigungspolitik
zur militärischen Durchsetzung von Interessen rückgängig machen
können und vielleicht auch gar nicht wollen. Das Ziel muß die Retabuisierung
und Delegitimierung des Militärischen sein. Dazu gilt es, den in den neunziger
Jahren erheblich modifizierten Rechtfertigungsstrategien der WehrdienstverantworterInnen
entgegen zu treten, aber auch den Willen junger Männer und ihrer FreundInnen
zu fordern und herauszufordern, Zumutungen, die der Staat aber auch z.B. ArbeitgeberInnen
an ihn und sie herantragen, nicht ohne Widerstand hinzunehmen. Es gilt, die
offensichtliche Unsinnigkeit des Kriegsdienstes mit und ohne Waffe aufzugreifen
und als Lehrstück einzusetzen: Von dir werden unsinnige Unterwerfungsleistungen
verlangt, wie kannst du sie geschickt umgehen oder öffentlichkeitswirksam
als politische Aktion zurückweisen? Helfen dir deine (grund)gesetzlichen
Rechte weiter und in welchem Fall? Gibt es effektivere Methoden? Kämpfe
nicht auf Befehl, sondern für Ziele, die du als sinnvoll erkannt hast.
Die Zwangsdienste bieten dazu einen guten Anhaltspunkt, weil sie eben zunehmend unsinnig werden und einen Ansatzpunkt darstellen, auch die Frage nach Sinn und Unsinn deutschen Militärs erneut aufzuwerfen. - Ob die Wehrpflicht dabei aus militärischen Gesichtspunkten für die neue Kriegspolitik Deutschlands eine Rolle spielt oder nicht, ist dabei nachrangig.
Sascha
www.terz.org - 26.2.2002