Rund 7000 friedensbewegte Menschen störten am 1. Februar in Düsseldorf die Shopping-treibende Bevölkerung durch eine Demonstration. Die illustre Schar der Protestanten reichte von Christen und Unchristen über gestandene Politiker der SPD, der Grünen und der PDS, bis zu Gewerkschaftern und mutigen Antifaschisten. Ihr gemeinsames Motto war: "Nein zum Irak-Krieg!"
Am 15. Februar war es in Düsseldorf etwas ruhiger. Denn die Volksgemeinschaft,
die die Verantwortung für das Weltgeschehen auf ihre Schultern geladen
hatte, düste ab Richtung Berlin oder Amsterdam, wo sie Seit an Seit mit
ranghohen Politikern und Kirchenvertretern ihr allseits anerkanntes Anliegen
nicht nur der bundesdeutschen Öffentlichkeit vorstellen durfte.
Dass man die Bush-Administration durch ein derartiges Treiben von ihrem Kriegskurs
abbringen kann, glaubt aber wohl kaum einer, denn der Krieg ist beschlossene
Sache.
"Regimewechsel" und "Neuordnung" der Ölregion sind
die Kriegsziele von Präsident Bush. Darüber hinaus stehen die militärische
Kontrolle der Welt und die Ausrottung der letzten Feinde Amerikas auf dem Programm.
Die restliche Staatenwelt, vor allem die alten Verbündeten der USA, sieht
sich durch das Vorgehen der Amis in ihrem imperialistischen Bestreben und ihrem
Einfluss auf die Golf-Region zurück gesetzt. Jedoch traut sich wohlweislich
keine der konkurrierenden Mächte, sich offen mit der Weltmacht Nr. 1 anzulegen.
Sie erkennen einerseits, dass sie militärisch weit unterlegen sind, und
wissen andererseits, dass sie bei einer offenen Konfrontation demnächst
raus sind aus dem Geschäft.
So erkennen alle Staaten der Welt - sogar der betroffene Irak - das Interesse
der USA an, im Rahmen des Anti-Terror-Kampfes die Entwaffnung des Zweistromlandes
voranzutreiben, auch wenn sie in keiner Weise von Saddam Hussein bedroht sind.
Ihren bescheidenen Protest melden sie mit Einschränkungen gegenüber
den von den USA geforderten Verlaufsformen der Entwaffnung an. Mit kleinen Nadelstichen
wie der Verweigerung der Lieferung von Patriot-Raketen an die Türkei, der
Verweigerung von Überflugrechten oder - ganz radikal - der Ansage, sich
nicht an militärischen "Abenteuern" direkt zu beteiligen, versucht
die eine oder andere imperialistische Nation, so ihre Ansprüche an der
Teilhabe der Gestaltung der Weltpolitik irgendwie aufrecht zu erhalten.
Die USA lassen sich dadurch nicht beeindrucken. Die Zeit, die sie für die
Mobilisierung gegen den Irak benötigen, betrachten sie als Gelegenheit
für die konkurrierenden Nationen, sich ihrem Weltbeherrschungsprogramm
unterzuordnen oder nicht - mit allen Konsequenzen.
Da dürfen sich Chirac, Schröder, Blair, Putin usw. aussuchen, welche
Sorte imperialistischer Degradierung ihnen lieber ist.
Schlechte Argumente gegen den Krieg
1. Die USA erklären, das Ziel ihres Kriegsprogramms
sei die Durchsetzung von Völkerrecht, Menschenrechten und Demokratie. Christine
Brinkmann vom AStA der Uni Düsseldorf behauptet hingegen in einer Presseerklärung
vom 11. Februar: "Es geht hier nicht um die Absetzung eines Diktators oder
um Menschenrechte, sondern um die Durchsetzung machtpolitischer und wirtschaftlicher
Interessen in der ölreichsten Region der Welt."
Sie meint also, die USA würden diese hohen Ziele nur vorschützen.
Damit entgeht ihr, was freiheitliche Staaten meinen, wenn sie andere Staaten
wie den Irak moralisch als Unrechtsregime, Menschen- und Völkerrechtsverletzer,
als Tyrannei verurteilen. Mit solchen Verurteilungen drückt ein Staatsmann
wie Bush aus, wie wenig ein Staat wie der Irak in die von ihm beherrschte Weltordnung
passt, die die ehrenwerten Titel "Demokratie, Völkerrecht, Menschenrechte"
ausschließlich für sich reklamiert - dass die irakische Staatsführung
in dieser Weltordnung also kein Existenzrecht hat und ausgemerzt werden muss.
Sich selbst spricht Bush das Recht, ja die Pflicht zu, dieses Urteil zu vollstrecken.
Wenn also ein amerikanischer Staatschef so fundamentalistisch wird und seinen
Weltordnungsanspruch als Gebot höchster Sittlichkeit darstellt, dann sollte
man das als die Drohung ernst nehmen, als die sie gemeint ist - nämlich
als die Ansage eines Regimewechsels per Krieg. Falsch dagegen ist der Vorwurf
an die Supermacht des demokratischen Imperialismus, sie halte sich nicht immer
an ihre eigenen Prinzipien und paktiere oft genug mit "Diktatoren &
Despoten", so z. B. unter Reagan auch mit Saddam Hussein, als er gegen
die Islamische Republik Iran Krieg führte. Denn solange demokratisch-imperialistische
Staaten über den Verstoß anderer Staaten gegen die demokratischen
Werte und Prinzipien hinweg sehen, drücken sie damit ihre Zufriedenheit
mit den nützlichen Diensten dieser sonst als "Diktatoren" apostrophierten
Staatschefs aus, und loben sie sogar dafür, dass sie die Feinde der US-Weltordnung
"unerbittlich mit allen dazu notwendigen Mitteln bekämpfen".
Sobald imperialistische Staaten derartige Staaten an den Werten demokratischer
Herrschaft messen, um sie dadurch zu blamieren, handelt es sich um eine Kampfansage,
weil sie mit deren Ambitionen nicht mehr zufrieden sind.
Daher ist es ein Fehler, wenn Kriegsgegner die Messlatte demokratischer Werte
und Prinzipien bei der Beurteilung anderer Staaten übernehmen und beteuern,
sie seien selbstverständlich auch gegen die "Gewaltherrschaft"
eines Saddam Hussein - bloß Krieg sei doch nicht das richtige Mittel eines
Regimewechsels. Sie übersehen: Nicht die undemokratische Herrschaftsform
ist es, die Bush an Saddam Hussein (oder vor ein paar Jahren Schröder &
Fischer an Milosevic) stört, sondern die Tatsache, dass er nach dem verlorenen
Kuwait-Krieg, nach zwölf Jahren Boykott und Dauerbombardements immer noch
gegen den Willen der Supermacht Herr über den Irak ist.
2. Am 13. Februar heißt es in einer weiteren Presseerklärung
des Düsseldorfer AStA: "Wir erwarten von der Bundesregierung, dass
sie ihrer Antikriegsrhetorik Taten folgen lässt: Abzug der Truppen aus
der Golfregion, keine Bereitstellung von militärischer Infrastruktur und
Überflugrechten, sofortiger Stopp aller Rüstungsprojekte." (Thorsten
Koska)
Die Erwartungshaltung gegenüber der Bundesregierung hat einen Haken. Dass
Deutschland - wie Kanzler Schröder sich ausdrückt - vor den Amis nicht
mehr "die Hacken zusammenschlagen will" bei aller "uneingeschränkten
Solidarität im Kampf gegen den Terror" - ausgerechnet das gefällt
der Anti-Kriegsbewegung an deutschen Politikern. Dabei könnte ihr doch
auffallen, dass sich Deutschland damit nicht aus der internationalen Konkurrenz
verabschieden und nicht einfach anderen Staaten die Entscheidung über Krieg
und Frieden überlassen will. Deutschland will ja sehr wohl ein globaler
Mitspieler in dieser Konkurrenz inklusive ihrer gewaltsamen Konsequenzen sein;
und es tut einiges für sein weltpolitisches Gewicht vor seiner "Haustür"
auf dem Balkan, aber z. B. auch am Horn von Afrika und noch weiter weg am Hindukusch.
Wenn sich die deutsche Politik jetzt plötzlich ziert, wenn es um den Krieg
als die "ultima ratio" des Weltordnens geht, dann doch nicht deswegen,
weil sie plötzlich Abscheu vor Krieg empfinden würde - was ihr nicht
passt, ist, dass sie aus dem kriegerischen Weltordnen, wie es die USA betreiben,
sehr gründlich ausgemischt ist. Die plötzliche deutsche "Friedensliebe"
ist nichts anderes als Ausdruck der tiefen Unzufriedenheit mit der eigenen Ohnmacht:
Deutschland bekommt keine Mitbestimmungsrechte eingeräumt und sieht seinen
Einfluss in der Kriegsregion nachhaltig schwinden. Zumal die Geschäfte
mit den Staaten des Nahen Osten - und das durchaus in Konkurrenz zu den USA
bzw. mit deren Duldung - bislang prima liefen. Mit dem Status eines Hilfssheriffs
ohne eigene Entscheidungshoheit, wie ihn die USA ihren "Partnern"
zuweist, sieht die rot-grüne Bundesregierung die imperialistischen Ambitionen
der Nation nicht bedient, ja sogar grundsätzlich beschädigt.
Deutschland macht sich jetzt so sehr stark dafür, "alle friedlichen
Mittel bis zum Letzten auszuschöpfen", es will die Inspektoren noch
länger nach Waffen suchen lassen, es entwirft schließlich Alternativen
zur "friedlichen" Entwaffnung des Irak. Diese sehr berechnende Friedensdiplomatie
ist nichts anderes, als der Versuch, den diplomatischen Handlungsspielraum auszunutzen,
der Deutschland noch bleibt, um Amerika - solange es sich auf diese Diplomatie
noch einlässt - zu bremsen und die Zeit zu gewinnen, in der sich vielleicht
neue anti-amerikanische Koalitionen schmieden lassen.
Wer also meint, "ein deutsches Nein im Sicherheitsrat" sei doch immerhin
ein hoffnungsvoller Ansatz, merkt nicht, dass ein solches "Nein" ausschließlich
ein Mittel innerhalb der Konkurrenz der Imperialisten ist. Schlimmer noch: Dadurch
ergreift man auch noch Partei für Deutschland - mit dem falschen Urteil,
der deutsche Imperialismus sei, weil er im Fall des Irak einen Krieg ablehnt,
eher für "friedliche Lösungen", also das "kleinere
Übel". Das ist ein Irrtum: Wenn es dem deutschen Interesse entspricht,
greift auch Deutschland zu den Waffen. Schließlich hat es mitgeholfen,
Serbien zusammenzubomben und Afghanistan zu erobern.
3. Der Düsseldorfer Künstler Manfred Spiess
beschäftigt sich in einer "Erklärung an die Medien" vom
1. Februar mit der Darmstädter Rede von Paul Spiegel am 26. Januar. Dieser
kritisiere die Bundesregierung, weil sie a priori gegen den Krieg sei. Die Konzentrationslager
seien nicht durch Demonstranten befreit worden.
Dem hält Spiess entgegen: "Die Alliierten führten den Kampf gegen
Nazideutschland nicht, um die Juden zu befreien. Das war nicht Absicht des Krieges,
sondern eine der Folgen." Belegt wird die Behauptung durch die Schilderung
des Schicksals der Juden und anderer "displaced persons" nach dem
Zweiten Weltkrieg. Diese haben zum Teil eine menschenunwürdige Behandlung
durch die Siegermächte erfahren.
Bekanntlich haben die Bellizisten in Deutschland - zu denen erstaunlicherweise
auch manche linke Gruppierung zählt - derzeit einen schweren Stand. Ihr
Argument, ein neues Auschwitz durch Krieg zu verhindern, hatte noch im Balkan-Krieg
Hochkonjunktur. Beim drohenden Krieg gegen den Irak finden derartige Parolen
in Deutschland kaum Gehör. Das ist auch nicht verwunderlich, wenn man die
Moral als ideologische Waffe in der imperialistischen Konkurrenz identifiziert.
Deutschland hat kein Interesse an einem Krieg gegen den Irak, in dem es sich
selbst nichts ausrechnen kann. Darum haben die hohen moralischen Werte, mit
denen die letzten Kriege gerechtfertigt wurden, heute keine Bedeutung.
Spiess war schon auf der richtigen Spur, bevor er einen Rückzieher machte:
"Moralische Überlegungen spielten leider - wie auch heute - in der
damaligen Politik keine Rolle." Soll das etwa heißen, mit der richtigen
Moral im Marschgepäck geht das Bomben und Morden doch irgendwie in Ordnung?
Oder glaubt Spiess, ein Staat mit ordentlich moralischer Grundausstattung führe
keine Kriege? Da muss ihm wohl einiges entgangen sein.
HENRICI
Die Argumente gegen die Parolen der Friedensbewegung wurden in wesentlichen
Teilen einer Radiosendung des "Gegenstandpunkt" entnommen und sind
im Internet unter
http://de.groups.yahoo.com/group/lora-gegenstandpunkt/message/135
abrufbar.
www.terz.org - 25.2.2003