bookFit für den Postfordismus?
Mit der Entwicklung des sog. Regulationsansatzes in Frankreich
Ende der Siebziger setzte eine innovative Diskussion um neomarxistische Ansätze
zur Erfassung des Verhältnisses von Staat, Gesellschaft und Ökonomie
ein. Angelehnt an das Gramsci'sche Theorem des Fordismus wurde die von der Nachkriegszeit
bis in die siebziger Jahre in den Metropolen vorherrschende Gesellschaftsformation
als Epoche des Fordismus gekennzeichnet, welche im Zuge der Internationalisierung
des Kapitalismus und aufgrund innerer Widersprüche und sozialer Kämpfe
zuende gegangen sei. Seit Mitte der achtziger Jahre wurden regulationstheoretische
Ansätze in der BRD vor allem durch Joachim Hirsch, Roland Roth, Josef Esser,
Alex Demirovic u.a. einer an marxistischer Theorie interessierten Leserschaft
bekannt gemacht.
In der Neuerscheinung aus dem Verlag Westfälisches Dampfboot wird diskutiert,
inwieweit die Regulationstheorie noch zeitgemäß für eine kritische
Gesellschaftsanalyse ist, und ob von einer neuen Epoche des Postfordismus, also
von der Herausbildung eines neuen Regulationsmodells gesprochen werden kann.
Die Aufsätze sind das Ergebnis einer Tagung in Wien Ende 2001, an der VertreterInnen
der Regulationsschule teilgenommen haben.
Der Sammelband gliedert sich in vier Teile. Im ersten Abschnitt werden die theoretischen
Grundzüge des Regulationsansatzes kritisch resümiert. Hierbei wird
besonders auf die nationalstaatliche Begrenzung des Regulationsansatzes verwiesen
und versucht, Globalisierungsdiskurs und neue Formen internationaler Regulierung
miteinander in Einklang zu bringen. Im zweiten Abschnitt werden die theoretischen
Lücken der Regulationstheorie in Bezug auf die kapitalistische Peripherie
und die Naturverhältnisse beleuchtet und durch Neuansätze zu beheben
versucht. Der dritte Abschnitt beschäftigt sich mit raumtheoretischen Fragen.
Hierbei geht es um das Verhältnis von Regulationstheorie zu Stadtentwicklung,
zu dem Verhältnis von Zentrum und Peripherie, um Ent- und Reterritorialisierung.
Im letzten Abschnitt werden noch einmal die politischen und theoretischen Perspektiven
der Regulationstheorie im Kontext aktueller weltpolitischer Entwicklungen diskutiert.
Trotz höchst unterschiedlicher Einschätzungen der Autoren verbindet
sie die Ansicht, dass mit dem Ende der fordistischen Epoche der regulationstheoretische
Ansatz nicht obsolet geworden ist, sondern weiterhin einen zentralen Fundus
für eine gesellschaftskritische Analyse bietet.
Hierzu werden in dem Sammelband theoretische Erneuerungen zu einer zeitgemäßen
Reformulierung der Regulationstheorie unter postfordistischen Verhältnissen
vorgestellt.
Wer sich für sich für den regulationstheoretischen Ansatz und seine
Entwicklungen interessiert, findet in dieser Neuerscheinung das dazu aktuellste
Material.
AL C.
Ulrich Brand/Werner Raza (Hrsg.): Fit für den Postfordismus?
Theoretisch-politische Perspektiven des Regulationsansatzes
Verlag Westfälisches Dampfboot, Münster 2003, 331S., 24,80 Euro
bookDenationalisierung, Internationalisierung, Renationalisierung
Das Schlagwort der Globalisierung ist mittlerweile in aller Munde. Dieser missverständliche
Modebegriff zur Kennzeichnung der Internationalisierung und supranationalen
Vernetzung der kapitalistischen Warengesellschaft hat im öffentlichen Diskurs
den Begriff des Imperialismus ersetzt, und auch in der Linken wird diskutiert,
ob der Imperialismus an Stelle eines globalen Empire abgedankt habe. Die Politikwissenschaftler
Bob Jessop und Joachim Hirsch weisen hingegen darauf hin, dass die Diskussion
um die Internationalisierung des Kapitalismus in den siebziger Jahren auf einem
wesentlich fundierteren und höheren Niveau geführt wurde - und verweisen
hierbei auf die Schriften des verstorbenen griechischen Politikwissenschaftlers
Nicos Poulantzas. Jener, zunächst geschult an den marxistischen Klassikern,
an dem italienischen Kommunisten Antonio Gramsci sowie am marxistischen Strukturalismus
von Louis Althusser, widmete sein wissenschaftliches Streben der staatstheoretischen
Lücke des Marxismus. Im Zuge der Internationalisierung des Kapitals - so
Poulantzas - sterbe der Staat nicht ab, sondern erweitere sich auf höherem
Niveau und weise Züge eines "autoritären Etatismus" auf.
1977 erschien im VSA-Verlag das Werk "Staatstheorie" als Ergebnis
seiner langjährigen Bemühungen zur Systematisierung einer marxistischen
Theorie des Staates. Laut Poulantzas ist der Staat eine soziale Beziehung, die
"materielle Verdichtung von Klassenverhältnissen", also kein
bloßes Instrument des Kapitals oder eine von der Gesellschaft unabhängige
Macht. Jene linken Verkürzungen staatstheoretischer Analyse kritisierte
Poulantzas schon 1975 in seinem - ebenfalls im VSA-Verlag erschienenem - Werk
"Klassen im Kapitalismus - heute".
Das erste Kapitel dieses Buches ist nun mit kritischen Würdigungen und
theoretischen Weiterentwicklungen von Jessop und Hirsch wieder aufgelegt worden.
Beide Autoren sehen sich in der Denktradition von Poulantzas und stehen für
die Weiterführung der Regulationstheorie, welche viele Bezüge zu Poulantzas
aufweist. Während Poulantzas seine Staatstheorie im zeitlichen Kontext
des Fordismus entwickelte, versuchen Hirsch und Jessop dies auf postfordistische
Regulationsweisen zu übertragen und weiter zu entwickeln. Die neue Weltordnung
nach dem Zerfall der RGW-Staaten sei nicht als "postimperiales Empire"
(Hardt/Negri), sondern als postfordistischer Weltkapitalismus unter internationaler
Hegemonie der Triade USA / Europa / Südostasien unter Dominanz der Militärmacht
USA zu verstehen. Hierbei löse sich keinesfalls der Imperialismus auf,
sondern präge vielmehr neue Formen zur Sicherung der kapitalistischen Weltordnung
aus.
Poulantzas prognostiziert in seinem Aufsatz aus den siebziger Jahren wegweisend
innerimperialistische Konkurrenz zwischen den USA und dem EU-Block und verweist
auf die Bedeutung antikapitalistischer Kämpfe: "Innerhalb dieses Kampfes
in der gegenwärtigen Phase des Imperialismus und der heutigen Konjunktur
spielt der Kampf der Volksmassen in Europa gegen ihre eigenen inneren Bourgeoisien
und gegen ihre eigenen Staaten eine grundlegende Rolle."
AL C.
Joachim Hirsch / Bob Jessop / Nicos Poulantzas: Die Zukunft
des Staates. Denationalisierung, Internationalisierung, Renationalisierung.
VSA-Verlag Hamburg 2001, 222 S.,
15,30 Euro
bookEntsichert
Den Krieg als massenkulturelles Phänomen beschreiben und analysieren Mark
Terkessidis und Tom Holert in ihrer reportagenhaften Reise von Vietnam bis zum
Ground Zero New Yorks: "Die intime Verschränkung von Neoliberalismus
und massenkulturellem Krieg zu beschreiben, ist der Versuch, den das vorliegende
Buch macht." Die Autoren stellen sich in die Tradition der Cultural Studies,
in denen kulturelle Ausformungen als Ringen um einen common sense interpretiert
werden, als Ort zur Herstellung von Bildern zu politischen und sozioökonomischen
Entwicklungen. Mit dem Abdanken der elitären Hochkultur und der Durchsetzung
marktförmiger Massenkultur, so die Autoren, wird auch der Krieg zu einem
massenkulturellen Ereignis, das seine Geburt im Vietnamkrieg erlebte. Das Bild
des martialischen Einzelkämpfers wurde erschaffen und zivilgesellschaftlich
reproduziert. Dieses hegemoniale Bild des Kämpfers beschreiben Holert und
Terkessidis anhand der soldatischen Stilisierung in der Bundeswehr. Zudem beschreiben
sie die Legitimationsstrategien der Bundeswehr für ihre Einsätze im
Kosovo und untersuchen die Praxis der dortigen UN-Verwaltung. Weiter geht die
Tour ins ehemalige Jugoslawien - mit der Beschreibung der Arbeit von Kriegsreportern
und der medialen Inszenierung des Krieges durch Milosevic. Zum Abschluss ihrer
Reise führen uns die Autoren auf den Ground Zero New Yorks und beschreiben
die Durchmilitarisierung der Stadt im Kontext der Kriegspropaganda. Für
jede Station ihrer Schilderungen sind die Autoren an den Ort des Geschehenen
gereist, und jedes Kapitel beginnt mit einem einführenden Reisebericht.
Im Zeitalter des Krieges als Massenkultur verschwimmen die Grenzen zwischen
Zivilisten und Kriegskombattanten - die neoliberale Weltgesellschaft inszeniere
das atomisierte bürgerliche Individuum als militärischen Einzelkämpfer,
und Sprache, Werbung und Wirtschaftsslogans zur corporate identity verschmelzen
mit militaristischen Bildern und Begrifflichkeiten: Der Alltag ist ein Schlachtfeld,
und die Regel das Überleben des Stärkeren. Hiergegen intervenieren
die Autoren mit ihren Dekonstruktionen kriegerischer Selbstinszenierung: "Solange
die Verhältnisse dermaßen entsichert sind, dass das Wort Intervention
nur noch in seiner militärischen Bedeutung bekannt ist, bestehen wir darauf,
dass Intervention auch etwas anderes heißen kann: nämlich nicht,
in einem Krisengebiet einzumarschieren, sondern in eine gesellschaftliche Situation
politisch einzugreifen, die durch den zugleich lähmenden wie mobilisierenden
Konsens geprägt ist, dass kriegerische Konflikte 'die Zukunft formen' werden."
AL C.
Tom Holert / Mark Terkessidis: Entsichert. Krieg als Massenkultur
im 21. Jahrhundert
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2002, 9,90 Euro
bookSaddam Hussein - Porträt
eines Diktators
Leider ist die Welt nicht ganz so einfach zu erklären. Dass die Mehrheit
der Deutschen einem Krieg gegen den Irak mit gehöriger Skepsis entgegensieht,
ist nichts Verwerfliches, ganz im Gegenteil. Dass allerdings laut Spiegel 58%
der Bevölkerung George W. Bush für eine Gefahr für den Weltfrieden
hält, hingegen nur 28% Saddam Hussein und nur 9% das Regime in Nordkorea,
stimmt mich hingegen bedenklich. Keine Friedensdemo ohne Irakfahne ...
Leuten, die der Meinung sind, dass der Irak ein armes, unschuldiges Opfer der
bösen US-Imperialisten ist, möchte ich hiermit folgendes Buch ans
Herz legen: Der britische Journalist Con Coughlin hat eine politische Biographie
Saddam Husseins veröffentlicht. Das Buch ist flott geschrieben, definitiv
nicht langweilig und liefert trotz methodischer Schwächen einen höchst
interessanten Abriss der jüngeren irakischen Geschichte. Der Aufstieg der
Baath Partei in mörderischer Konkurrenz zu den Kommunisten, Islamisten
und diversen anderen Gruppen ist fundiert beschrieben. Es wird überaus
deutlich, dass es im Irak, wie in den meisten arabischen Ländern, kaum
demokratische oder humanistische Traditionen gibt, und dass exzessive Gewalt
in Clan- und Familienfehden gang und gäbe sind. Der Aufstieg Saddams und
seines Klüngels wird dabei in all seiner Brutalität und oft auch Banalität
beschrieben. Die ständigen Vergleiche hiesiger Medien von Saddam mit Hitler
sind nicht wirklich erhellend. Aber sein Aufstieg in der Baath Partei angesichts
von Rivalen, die alle ausgebildeter und intellektueller waren als er, erinnert
sehr an die Karriere von Josef Stalin, dessen Werke Saddam auch gerne gelesen
hat. Schon als junger Mann hat er aus politischen Gründen gemordet. Er
stieg auf, weil er konsequent die Dinge getan hat, für die sich andere
zu schade waren - oder eben doch Skrupel hatten. Das erste Drittel des Buches
ist insofern besonders spannend, weil gerade dieses Umfunktionieren einer Einparteiendiktatur
in eine ganz persönliche Machtentfaltung bemerkenswert ist. Die späteren
Verbrechen des Saddamschen Clans, vom Krieg gegen den Iran bis hin zur Massenvergasung
der kurdischen Bevölkerung, kommen natürlich nicht zu kurz. Zusammenfassend
sei gesagt, dass ich nach einer solchen Lektüre trotzdem nicht für
Bomben auf Bagdad bin - aber der Wunsch, diesen Mann und sein Regime zu zerstören,
ist richtig. Kritisch soll angemerkt werden, dass es sich hier um eine journalistische
Arbeit handelt, die Quellen werden oft nicht benannt, laut Coughlin auch, um
viele Überlebende und Exilierte nicht zu gefährden. Man könnte
natürlich denken, dass die eine oder andere CIA-Ente in diesem Buch versteckt
ist, aber für eine Bewertung Saddams reicht es völlig aus, wenn nur
die Hälfte stimmt..
FEHRI
Con Coughlin: Saddam Hussein - Porträt eines Diktators, München 2002
bookIm Visier die DDR
Jetzt ist es zwar schon 14 Jahre her, dass die DDR von der Landkarte verschwand,
doch vieles in der Geschichte bleibt noch im Dunkeln. Während die westlichen
Geheimdienste das Stasi-Archiv an sich rissen und es nun zumindest für
Forschungszwecke teilweise zu Verfügung steht, sind die westlichen Geheimdienstakten
verschlossen. Es wäre sicherlich interessant zu erfahren, wie gegen die
DDR gearbeitet wurde. Zumindest einen Überblick schafft die Chronik von
Robert Allertz. Nach Jahren geordnet, werden kurz Vorfälle zu Lasten der
DDR aufgeführt. Es werden Fälle von Sabotage erwähnt, Grenzzwischenfälle,
wirtschaftliche Maßnahmen gegen die DDR, unbeantwortete Briefe an den
westdeutschen Bundeskanzler und so fort. Auch wenn die Darstellung viel zu kurz
ist, gibt die Chronik einen guten Überblick. Es zeigt sich, dass der BRD
die DDR immer ein Dorn im Auge war. Jedoch: Eine pure Aufzählung ist dann
doch zu wenig, um wirklich erhellend zu sein.
MEIKEL
Robert Allertz: Im Visier die DDR. Eine Chronik
Edition Ost,190 Seiten für 12,90 Euro
bookDas dicke DDR Buch
Nicht, dass einige meinen, ich sei noch zu einem Bewunderer der DDR mutiert,
nur weil ich hier ein weiteres Buch über den unbekannten Staat im Osten
rezensiere. Aber ich denke, dass bezüglich des ganz normalen Lebens in
der DDR immer noch ein großes gesellschaftliches Informationsdefizit existiert.
Einen kleinen Einblick in den ostdeutschen Alltag gibt das dicke DDR Buch. Rotkäppchen-Sekt
und Broiler sind wahrscheinlich den meisten mittlerweile bekannt, aber das wars
dann auch. Der eine oder die andere erinnert sich auch noch an diese tollen
Fußballvereins-Namen wie Turbine oder Lokomotive. Aber wer weiß
schon, was ein Facharbeiter für Bedienprozesse an optisch-mechanischen
Apparaturen (Filmvorführer!) ist? Zu schade, dass wir im Westen nie in
den Genuss dieser wahren Explosion von Kreativität in Form von Markennamen
wie Krefafin (ein Hustensaft für Kinder), Mehrkornnahrung oder Gemol Rapid
(Einweichlösung) kamen. Es gibt eine Chronik über alles Wissenswerte
aus dem Leben der DDR-BürgerInnen. Dort finden sich sportliche Erfolge
(von denen gab es sehr viele), der Beginn der Trabi-Ära, Filmpremieren,
aber auch politische Geschehnisse um die DDR. Von den tollen Werbeplakaten wünscht
man sich mehr zu sehen. Am Ende gibt es jedoch ein Kapitel, das dem gemeinen
Westdeutschen wohl verschlossen bleiben wird: das ultimative Quiz über
die DDR. 156 Fragen, von denen man höchstens 10% errät - aber wen
interessiert schon, wo die größte Baumschule der DDR lag? Allerdings
kennen einige sicherlich noch die Spielfarben der Fußballnationalmannschaft
der DDR. Oder?
MEIKEL
Das dicke DDR Buch
Eulenspiegel Verlag, 224 Seiten für 19,90 Euro
bookMehr Zuckerbrot, weniger
Peitsche
Nur selten haben sich Feuilletonisten dermaßen auf eine Gruppierung gestürzt
wie momentan auf die in Berlin entstandene Gruppe "Die glücklichen
Arbeitslosen". Was sich zunächst wie eine Verhöhnung der weit
über vier Millionen Arbeitslosen anhört, ist eine Auseinandersetzung
mit der Ware Arbeit. Die ketzerischen Ansichten brachten ihnen mediale Öffentlichkeit,
aber auch Angriffe von allen Seiten ein. Bestenfalls wurden die "glücklichen
Arbeitslosen" als nette Spinner belächelt. Dabei wäre eine Auseinandersetzung
mit Argumenten über den Begriff "Arbeit" durchaus wünschenswert
und wichtig. Dazu gibt das vorliegende Büchlein Gelegenheit. Dort sind
die wichtigsten Beiträge der glücklichen Arbeitslosen versammelt.
Mit dem Titel "Die Glücklichen Arbeitslosen" knüpfen sie
einerseits an das Manifest von Peter Paul Zahl in seinem herzerfrischenden und
lesenswerten Roman "Die Glücklichen" an, anderseits auch an Lafarguess
Manifest des "Rechts auf Faulheit". Sie sprechen von einem Leben jenseits
der Arbeit. Arbeit macht nicht glücklich. So ist auch nicht die Arbeitslosigkeit
das Problem, sondern die Geldlosigkeit, die den Menschen zu schaffen macht.
Dem vorliegenden Buch zufolge bietet sich in der aktuellen Situation eine historische
Chance, denn die schön formulierte These von der "Arbeit für
alle" wird man wohl endgültig ad acta legen können.
Demnach entscheidet sich gerade, wie die Gesellschaft mit Arbeitslosigkeit umgehen
wird. Der Weg, die Arbeitslosen über die Hartz-Kommission "in staatlich
geförderter Job-Simulation" zu parken (neueste Variante: die "Ich
AG"), ist die "Zuckerbrot-Variante". Der andere Weg degradiert
die Arbeitslosen zu überflüssigen Elementen, die an ihrem Schicksal
angeblich selber schuld sind. Dies nennt Paoli die "Peitschen-Variante".
Der dritte Weg kann nur in der Freiheit des Einzelnen liegen, selbstbestimmt
über sein Leben - ob nun Karriere oder Faulenzen - zu verfügen. Der
Zugang zu diesen Möglichkeiten sollte von der Schule bis zur Rente gelten.
Die Finanzierung hierfür dürfte dabei das geringste Problem sein.
Mit ihrem ostentativen, trotzigen Glücklichsein sind die Berliner Arbeitslosen
ein Affront gegen die immer stärker werdende Ideologie der Leistungsgesellschaft,
nach der nur der glücklich sein darf, der auch etwas leistet. Damit begehen
sie regelrecht einen Tabubruch in Punkto Arbeit und Arbeitsmoral. Ihr Verdienst
ist es, der ganzen Diskussion etwas Gefühl und Witz beigegeben zu haben.
So sind in diesem Band, neben den theoretischen Grundlagen der Glücklichen
Arbeitslosen, auch viele Berichte von ihren Aktionen in Arbeitsämtern,
bei Verleihfirmen etc. enthalten. Mittlerweile gibt es sogar internationale
Ableger, beispielsweise in Spanien.
Also: Ein Buch, das jedeR lesen sollte. Es ist zwar nicht unbedingt die Anleitung
zum Glücklichsein, aber es zeigt auf, dass es Wichtigeres und vor allem
Schöneres gibt als Arbeit. Damit sind aber noch nicht alle Probleme gelöst.
MEIKEL F
Guillaume Paoli (Hg): Mehr Zuckerbrot, weniger Peitsche. Aufrufe,
Manifeste und Faulheitspapiere der Glücklichen Arbeitslosen
Edition Tiamat, 208 Seiten für 14 Euro
www.terz.org - 25.2.2003