Die Ausstellung der Gebrüder Chapman im museum kunst palast ist nicht
ganz so einfach abzuhaken. Der erste Raum wird jedenfalls dankenswerterweise
nicht von den medial schon zig mal durchgekauten sexualisierten Kinderfiguren
dominiert. Statt dessen findet man sich zwischen rund 2x1x1m großen Glasvitrinen
wieder, die unter dem Titel "Hell" eine in neun Teile zerlegte apokalyptische
Landschaft zeigen. Kunsthistoriker bemühen an dieser Stelle gern den Vergleich
mit Hieronymus Bosch oder Goya, was aber auch nicht unbedingt weiter hilft:
Man sieht eine insgesamt ca. 20qm große Landschaft, in der sich tausende
winzige, per Armbinde als NS-Soldaten identifizierbare Figürchen gegenseitig
massakrieren. Manche von ihnen haben gleich fünf Köpfe, andere bestehen
nur aus Rumpf und vier Beinen. Sie schlagen und zerhacken sich gegenseitig,
fressen einander auf oder praktizieren morbiden Sex sadistischster Sorte. Obwohl
die Architektur eines der Kästen mit Stacheldraht und Schornsteinen eindeutig
auf ein Konzentrationslager verweist, gibt es hier keine Häftlinge, vielmehr
metzeln sich die Nazis gegenseitig nieder: Opfer des Vernichtungswahns sind
seine Protagonisten selbst.
Die Genossen Kunstkritiker der Wochenzeitung "Freitag" haben schon
mäkelnderweise die mangelnde historische Authentizität beklagt, schließlich
sei dieser Typ Uniform niemals mit Hakenkreuzbinden getragen worden. Das aber
ist wohl weniger das Problem. Vielmehr reduziert die Darstellung des Nationalsozialismus
als "Hölle", in der ein Vulkan die Monster gebärt, die sich
gegenseitig abschlachten, den Rassenwahn der Nazis auf abstraktes Grauen, das
keine Täter und keine Opfer mehr kennt. Das Haus- und Hofblatt für
"Politik und christliche Kultur", auch Rheinische Post genannt, liefert
denn auch gleich die passende Interpretation: "In den Glaskästen spielt
sich ein minutiös aus Soldaten, Kriegsgerät, Architektur- und Landschaftsfragmenten
gebasteltes Schlachtengetümmel ab, das drastisch den Soldatentod unterm
Atompilz oder im Schützengraben, den Platz im Massengrab oder Folter in
einem Konzentrationslager schildert." Im Krieg sind eben plötzlich
alle Opfer, weshalb besagte Rezension der Ausstellung auch ohne solch hässliche
Worte wie "Nationalsozialismus" oder "Faschismus" auskommt.
Lediglich, dass die neun Vitrinen "anspielungsreich in Hakenkreuzform"
aufgestellt sind, quält sich der Schreiber aus den Tasten.
Anspielungsreich ist die Ausstellung tatsächlich, zuweilen auch augenzwinkernd
dabei - bloß: Was soll am Ende dabei herauskommen? Die drei roten Fahnen,
die statt des Hakenkreuzes ein weißes Smileygesicht schmückt, können
mit Rückgriff auf die guten alten Dead Kennedys (Titel: "California
Über Alles") noch mit einem zynischen Schmunzeln gewürdigt werden,
ebenso wie ein Glaskasten, der eine hakenkreuzförmige Massencarambolage
aus VW-Käfern zeigt, deren Fahrer Braunhemden tragen und den Hitlergruß
zeigen. Titel: "The TragiK Konsequenz of driving KareleSSly".
Very strange wird das Ganze jedoch durch die Vermischung mit dem zweiten großen
Themenkomplex der Ausstellung: McDonald's. Wirkt eine Serie colorierter Radierungen
("If You Eat Meat Digest This"), die Schlachthofszenen mit McDonald's-Figuren
überlagert, schon ziemlich deplatziert neben dem "Höllen"-KZ
ohne Häftlinge, werden beide Themenkomplexe in einem Glaskasten schließlich
direkt zusammen gebracht: Ein McDonald's-Restaurant, mit Stacheldraht umzäunt
und durch einen Schornstein ergänzt, dient als Kulisse für eine Fortsetzung
des "Höllen"-Massakers, bei der wieder Nazis von Nazis niedergemetzelt
werden.
Da nutzt es dann auch nichts, dass die Brüder Graham die besten Absichten
hegen mögen. Mit ihren mutierten Kinderfiguren und ihrer Bezugnahme auf
den Nationalsozialismus geht es ihnen wohl gleichermaßen um Kritik an
der Vorstellung des perfekten Menschen: "Im Todeslager finden all die Auswüchse
der Moderne und Formen eines rücksichtslosen Darwinismus ihre vollkommene
Repräsentation. Das umfasst auch die Idee der Perfektionierung menschlicher
Fähigkeiten, etwa durch die Eugenik oder Gentechnik. Das ist der Grund,
warum wir uns mit der Nazi-Doktrin beschäftigen, die wir für das Ende
des gesamten Metaphysik-Projekts, für das Ende jeglicher Vernunftbestimmung
halten. [...] Wir versuchen das Thema mit so vielen Paradoxien und Widersprüchen
anzureichern, dass die Auseinandersetzung mit dem Thema Völkermord lebendig
gehalten werden kann. Wir wollen keine historische Analyse oder Kommentierung
bieten, die einen Endpunkt markiert."
Was aber bleibt, wenn die Auseinandersetzung um den Holocaust mit McDonald's-Kritik
und Vegetarismus angereichert wird? Am ehesten vermutlich das Gerede von den
"Hühner-KZs" ...
Eine solche Lesart tut den Chapmans unrecht, denn sowohl der Katalog zur Ausstellung
als auch die Bücher zu den beiden Zyklen "Disasters of War" und
"If You Eat Meat ..." zeigen, dass ihre Werke komplexer sind als sie
auf den ersten Blick erscheinen. Die im zweiten Stock präsentierten totemähnlichen,
an afrikanische Plastik angelehnten "Works from the Chapman Family Collection"
werden durch ein Faltblatt ergänzt, das ironisch die Bedeutung der "primitiven
naiven Kunst" für die moderne Welt würdigt. Gezeigt werden vor
allem Stücke aus "den ehemaligen Kolonialgebieten Camgib, Seirf und
Ekoc" (Achtung, Zaunpfahl!). Ist das nun alles beißend zynische Kapitalismuskritik?
Oder ist das einfach nur platt? Unter anderem ist es erst einmal lustig, wenn
man im Hintern einer geschnitzten Figur durch den Hinweis eines freundlichen
Museumswärters einen Freund Ronald McDonald's findet und sich ein anderes
Totem bei näherem Hinsehen als böse dreinblickender Cheeseburger entpuppt.
Also doch politisch interessante Kunst mit Augenzwinkern oder einfach nur -
alles in allem - billige Effekthascherei? - Geneigte/r Leser/in, übernehmen
Sie ...!
KRÜMEL
"Jake & Dinos Chapman - Enjoy more"
noch bis zum 4.5.2003
museum kunst palast
8,- Euro / 4,50 Euro
www.museum-kunst-palast.de