Eine junge Studentin soll in die Türkei abgeschoben werden, obwohl weder
sie noch ihre Familie aus der Türkei stammen. Bundesweit versuchen die
Ausländerbehörden sog. staatenlose Libanesen, die über Iran,
Syrien oder Türkei nach Deutschland geflüchtet sind und meistens schon
über ein Jahrzehnt hier leben, abzuschieben. Während Libanon, Syrien
und Iran sich weigern, die Menschen aufzunehmen, erweist sich die Türkei
als williger Partner. Die Zukunft hatte sich Fariha ganz anders vorgestellt.
Vor über 16 Jahren reiste die heute 21 jährige Sozialwissenschaftsstudentin
der Uni Duisburg mit ihren Eltern vom Libanon über die Türkei nach
Deutschland ein, um hier Asyl zu beantragen. Im Libanon galten ihre Eltern,
die weder schreiben noch lesen konnten, als Staatenlose, die nicht bei den Behörden
registriert waren. Mitte der achtziger Jahre, nach über zehn Jahren Bürgerkrieg,
gelang ihnen nur mit viel Glück die Flucht in die Türkei. Dort kaufte
Farihas Vater türkische Pässe, um nach Deutschland zu gelangen, libanesische
Dokumente besaßen sie nicht. Sofort nach ihrer Flucht gaben die El-Zeins
zu, mit falscher Identität eingereist zu sein. Der Asylantrag der Familie
wurde bereits 1990 abgelehnt, trotzdem bekamen sie als libanesische Flüchtlinge
Abschiebeschutz und eine Aufenthaltserlaubnis. Seit drei Jahren gewähren
die Behörden der Familie El-Zein nur noch eine jeweils dreimonatige Duldung.
Eine Arbeitserlaubnis bekamen weder die Eltern noch die volljährigen Geschwister
von Fariha, so dass sie die ganze Zeit auf Sozialhilfe angewiesen waren. Im
November 2003 erhielten Fariha, ihre neun Geschwister, die zwischen 4 und 27
Jahre alt und fast alle hier geboren sind, und ihre Eltern die Aufforderung
zur freiwilligen Ausreise - und zwar in die Türkei. Am Montag, den 26.1.2004,
zwingt die Ausländerbehörde Solingen die Familie El-Zein, die türkische
Staatsangehörigkeit anzunehmen und stellt ihnen eine neue dreimonatige
Duldung unter dem türkischen Familiennamen Ertem aus. Ansonsten drohe ihnen
als Illegale die sofortige Abschiebehaft. Aus Fariha El-Zein wird innerhalb
eines Tages ein anderer Mensch, sie ist jetzt nicht mehr 21, sondern 19 Jahre
alt und ihr Geburtsort ist nicht mehr Beirut, sondern unbekannt. Die Muttersprache,
die sie nicht sprechen kann, ist jetzt türkisch. Aber neben der menschlichen
Tragödie hat die damalige Einreise für die El-Zeins noch ein juristisches
Nachspiel. Am 6. April 2004 beginnt nach über einem Jahrzehnt ein Verfahren
gegen Farihas Vater vor dem Amtsgericht Solingen wegen Verstoßes gegen
das Ausländergesetz. Vorwurf ist die Einreise in die Bundesrepublik Deutschland
mit gefälschten Pässen. Die Türkei sei doch ein nettes Land,
sagte der Leiter Solinger Ausländerbehörde in einem Gespräch
mit Fariha, viele Leute würden dort Urlaub machen. Das Gebiet, in das die
El-Zeins abgeschoben werden sollen, ist garantiert kein Urlaubsziel deutscher
TouristInnen. Mardin heißt die im Süden der Türkei an der Grenze
zu Syrien liegende Provinz. In Mardin ist erst vor kurzem der Ausnahmezustand
aufgehoben worden. Es ist die Region, wo seit Mitte der achtziger Jahre der
schmutzige Krieg des türkischen Militärs gegen die kurdische Bevölkerung
seine traurigen Höhepunkte fand. Das Gebiet der verbrannten Erde, da wo
das türkische Militär im Kampf gegen die kurdische Guerilla PKK Hunderte
von Dörfern dem Erdboden gleich machte. Die Dörfer in der Region Mardin
seien gekennzeichnet durch einfache Behausungen aus groben Steinen und Subsistenzwirtschaft.
Möglichkeiten eine Arbeit oder geeigneten Wohnraum zu finden, gäbe
es kaum. Dazu kommt die Sprachbarriere. Libanesische Familien, die bereits abgeschoben
worden sind, fühlten sich wie in die Steinzeit zurück verfrachtet.
Es gäbe mittlerweile eine richtig kleine Enklave von libanesischen Flüchtlingen
in Mardin, berichtete eine Delegation von RechtsanwältInnen und JournalistInnen,
die sich ein Bild von der Lage der Abgeschobenen vor Ort machte. Bereits seit
einigen Jahren arbeiten die bundesdeutschen Behörden verstärkt daran,
die bundesweit schätzungsweise 60.000 bis 100.000 Flüchtlinge aus
dem Libanon im wahrsten Sinne des Wortes los zu werden. Oft waren die Urgroßeltern
der Betroffenen in den zwanziger Jahren aus dem heutigen Gebiet der Türkei
in den Libanon gesiedelt, dort aber nicht legalisiert worden. Aus diesem Umstand
konstruieren deutsche Ausländerbehörden jetzt sog. kurdische Libanesen.
Im Frühling 2000 machte die Stadt Essen bundesaus dem Libanon zur Speichelprobe
auf das Polizeipräsidium verfrachtete. Die Behörden wollten anhand
der DNA feststellen, aus welcher Region die Flüchtlinge wirklich kamen.
Erst vor wenigen Wochen besuchte Innenminister Schily Beirut, um ein Rückübernahmeabkommen
für libanesische Flüchtlinge auszuhandeln. Bei den Gesprächen
mit den örtlichen Behörden wurde vereinbart, alle Akten von nach Deutschland
geflüchteten LibanesInnen noch mal zu überprüfen und nach eventuellen
falschen Identitäten zu fahnden. In diese Überprüfung werden
wohl auch Menschen, die bereits die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen,
miteinbezogen. Was das für die Betroffenen heißt, ist noch nicht
abzusehen. Anscheinend braucht Schily neue Arbeitsaufgaben für seine Ausländerbehörden,
denn allein in NRW sollen zwei Ausländerbehörden in Köln und
Dortmund geschlossen werden. Es gibt einfach keine Flüchtlinge mehr und
somit zu wenig Fälle für die zuständigen Behörden. Vielleicht
ist die großangelegte Überprüfung von nach Deutschland eingereisten
LibanesInnen auch nur eine ABM-Maßnahme für SchreibtischtäterInnen.
Erster Widerstand gegen Schilys Massenabschiebungspläne regte sich in Bremen.
Dort protestierten, demonstrierten und besetzten die betroffenen Flüchtlinge
mit Unterstützung deutscher AntirassistInnen über zwei Jahre lang
- mit Erfolg. Bremen ist das einzige Bundesland, das keine LibanesInnen mehr
abschiebt. Dass es juristisch kaum Aussicht auf Erfolg gibt, sondern nur politischer
Druck in Form von viel Öffentlichkeitsarbeit weiterhilft, meint auch der
Anwalt der Familie El-Zein. Auch in Düsseldorf melden sich bereits die
ersten betroffenen Flüchtlinge zu Wort und beraten über mögliche
Protestformen.
AKTION KNASTMUCKE
EINE ANTIRASSISTISCHE INITIATIVE
Veranstaltungshinweis:
Nirgendwo zuhause!
Mit dem Kölner Flüchtlingsrat,
Fariha und anderen Betroffenen,
im Antifa Café
Hinterhof - linkes Zentrum
Corneliusstr. 108,
am Montag 1. März um 19.30 Uhr
www.terz.org - 25.2.2004