bookDie Wurzeln des Bösen
Dieses Buch hat für ein wissenschaftliches Fachbuch einen
fast schon poetischen Titel. Wenn man wissen will, worum es geht, muss man sich
den Untertitel anschauen. Der Professor der Universtät in Viterbo, Massimo
Ferrari Zumbini, hat sein großes Werk "Gründerjahre des Antisemitismus:
Von der Bismarckzeit zu Hitler" genannt. Es handelt sich hier um eine umfangreiche
und mit immensen Quellen untermauerte Untersuchung der Geschichte des modernen
Anitisemitismus in der wilhelminischen Zeit, die ihresgleichen sucht. Das Buch
stellt die Situation der Juden im Deutschen Reich vor und erzählt fundiert
die Entwicklung eines politischen Phänomens, das bekanntlich im Nationalsozialismus
völkermörderisch wurde. Ob es sich um den religiös motivierten
Unsinn des Pastoren und Hofpredigers Adolf Stoecker oder den rassistischen Unfug
von Karl Eugen Dühring (den schon Friedrich Engels auseinander nahm) oder
Wilhelm Marr, den Revolutionär von 1848, der zum Rassenantisemiten mutierte
und den Begriff popularisierte, handelt: Ihre Geschichte ist hier nachzulesen.
Es wird auch die frühe Verzahnung des Antiliberalismus (Bolschewismus gab
es noch nicht) und des Antisemitismus erklärt. Wahrscheinlich dachte August
Bebel bei seinem berühmten "Antisemitismus ist der Sozialismus des
dummen Kerls"-Spruch an Leute wie Dühring und Konsorten, hat sie aber
leider damit auch unterschätzt.
In einem besonderen Licht wird der fast vergessene Publizist Theodor Fritsch
(1852 bis 1933) dargestellt. Er steht mit seinem Schaffen für die Kontinuität
zwischen frühen Vordenkern wie Marr, mit dem er als junger Mann zusammen
arbeitete, und der eigentlichen Nazizeit, da er bis 1933 lebte. Hitler selbst
betonte, dass er Fritschs "Antisemitismus Katechismus" in seiner Wiener
Zeit, also ganz jung, gelesen hätte. Fritsch ist heute fast völlig
vergessen, ist aber der Prototyp des Rassenantisemiten schlechthin. Er hat auch
andere Vorläufer der NS Bewegung wie Dietrich Eckart und Rudolf von Sebottendorf
beinflusst. Leider war er ein wichtiger Mann.
Das Werk ist nicht immer leicht zu lesen, aber durchweg interessant und informativ.
Manchmal kommt man selbst ins Schmunzeln. Friedrich Nietzsche gehörte zu
denen, die Antisemitismus mit Vehemenz, Argumenten und viel Gefühl abgelehnt
haben, was ausführlich dokumentiert wird. Das wusste ich ja schon. Aber
daß dies auch einen persönlichen Hintergrund hatte, ist mir neu.
Seine Schwester Elisabeth heiratete einen gewissen Bernhard Förster, der
glühender Antisemit war und in Paraguay eine rein arische Germanenkolonie
gründen wollte. Die Briefwechsel des Philosophen zu diesem Thema sind denn
doch auch einfach amüsant. Gipfelnd in dem Stoßseufzer: "Daß
unser Name durch Deine Ehe mit dieser Bewegung zusammen gemischt ist, was habe
ich daran schon gelitten!" Ebenfalls nicht schlecht, Nietzsche über
Richard Wagner (dessen Antisemitismus offensichtlich unterschätzend) und
den Bayreuther Kreis: "Keine Missgeburt fehlt darunter, nicht einmal der
Antisemit. Der arme Wagner! Wohin war er geraten? Wäre er doch wenigstens
unter die Säue gerathen! Aber unter Deutsche!"
Es wird aber auch das politische Scheitern der verschiedenen Antisemitengruppen
gezeigt und Argumente aufgeführt, die die Existenz eines eliminatorischen
Antisemitismus lange vor der Nazizeit eher in Frage stellen. Zumbinis Fazit:
"Was haben die Antisemiten des Kaiserreichs im Kaiserreich erreicht? Unserer
Meinung nach sehr viel weniger, als sie sich erhofft hatten, und doch sehr viel
mehr als sie sich je hätten vorstellen können." Praktisch vor
1914 gescheitert, haben sie grauenhaft erfolgreiche Vorarbeit für die NS-Bewegung
nach 1918 geleistet. Insgesamt kein leichtes, aber ein eminent wichtiges Buch!
FEHRI
Massimo Ferrari Zumbini:
Die Wurzeln des Bösen -
Gründerjahre des Antisemitismus:
Von der Bismarckzeit zu Hitler -
Frankfurt 2003 - 773Seiten
www.terz.org - 25.2.2004