Die Kunst hat es in Düsseldorf schwer.
Zuerst fällt der national anerkannte Maler Jörg Immendorf durch seinen
ausschweifenden Lebensstil auf. Mit Huren treibt er es und schnupft dazu auch
noch Kokain. Dann wird Nazi-Yuppie Torsten Lemmer kalt erwischt. Die Antifa
will es ihm einfach nicht abnehmen, dass er den Ausstieg aus der Szene betrieben
hat und reumütig heim ins Bundesreich zurückgekehrt ist. Alles Masche,
so glaubt sie. Der will doch nur Publicity für seinen Auftritt im kommunalen
Wahlkampf! Dafür hat er sich bei Kern und Schlingensief eingeschleimt und
macht einen auf Kultur. Die wiederum, immer auf der Suche nach dem ultimativen
Kick, wollen im Rahmen des von der Regierung gesponserten "Aussteigerprogramm"
ihre Schnitte machen. Zuletzt hat der Rektor der Kunstakademie, Markus Lüpertz,
die Stirn, sich hinter Immendorf zu stellen, und beschuldigt die Staatsorgane
sowie das berüchtigte Hotel sie hätten seinem Professor "eine
Falle gestellt".
Ehrenrettung! Jörg Immendorf wird rehabilitiert. Am 27. Januar erhielt
der Künstler den B.Z. Kulturpreis, den bronzenen Bären. "Jörg
Immendorf wird für seine Leistungen als Künstler und seinen Beitrag
zur deutschen Wiedervereinigung ausgezeichnet. Der umstrittene Maler schuf mit
seinem Gemäldezyklus Café Deutschland' ein visionäres
Stück Zeitgeschichte", so heißt es in der Pressemitteilung von
"Berlin(s) größter Tageszeitung".
Was will die Kunst?
Mit Kunst und Kultur hat das ganze Theater ziemlich wenig zu tun. Aber jedermann
weiß, dass Kultur ohne dieses Theater nicht stattfindet. Dem Künstler
ist es zu wenig, einfach nur als gut trainierter Pianist, geübter Grimassenschneider
oder Pinselschwinger die Welt mit den unnützen Dingen des Vergnügens
zu beglücken. Wer als Kunstschaffender etwas auf sich hält und mit
Erfolg gesegnet werden will, muss neben seiner Kunst entweder durch eine exzentrische
Persönlichkeit auffallen oder seine Werke einem höheren Zweck unterordnen.
Und der beflissene Kunstsachverständige findet in den Werken folgerichtig
weniger die besondere Kunstfertigkeit wieder, stattdessen erfreut er sich an
tiefsinnigen Erkenntnissen über das Leben, die Tragik, das Schicksal und
den Tod. Er ringt um Worte, wenn er sein Feeling beschreiben muss. Nach seiner
Ansicht liegt das nicht an dem dürren philosophischen Gehalt, sondern eher
daran, dass wohl nur die Kunst als solche derartig menschlich bewegende Dinge
ausdrücken kann.
Vergnügen zu bereiten ist also nicht Sache der ernsthaften Kunst. Und der
ernsthafte Künstler pflegt aus diesem Grunde Distanz zu seinem eigentlichen
Handwerk. Weltanschauliche Botschaften vertragen sich nicht mit Genuss und Unterhaltung,
so glaubt er mit Recht, und ein gewisser Bertolt Brecht entwickelte die Störung
des unterhaltsamen Spiels mit der Einbildungskraft - jedem Oberschüler
unter dem Begriff "Verfremdung" bekannt - zu einem besonders in den
siebziger und achtziger Jahren anerkannten dramaturgischen Kniff.* Dass künstlerische
Produkte durch das Sendungsbewusstsein der Produzenten nicht vollständig
ungenießbar werden, ist dem Umstand geschuldet, dass neben der Heuchelei,
die der "Kunstgenießer" vor sich her trägt, doch so etwas
wie Unterhaltung verlangt wird. Zwischen einem Gottesdienst und einer Theateraufführung
weiss der Zuschauer noch zu unterscheiden.
Kultur und Gesellschaft
Staatlicherseits wird mit der Unterstützung und Finanzierung der Kunst-
, Musik- und Schauspielschulen einiges getan, damit das der christlich-abendländischen
Kultur verpflichtete Gewaltmonopol eine Berufungsinstanz vorweisen kann. Denn
dieses schmückt sein Tun, wenn es weltweit seine Soldaten zum Einsatz bringt
oder im Innern die Menschen mit verdächtigen Glaubensgrundsätzen verfolgt,
mit den erhabenen und erlesenen Werten der westlichen Kulturgemeinschaft.
Die Künstler haben sich hier als gut funktionierende Staatsbürger
zu bewähren. Kern und insbesondere Schlingensief, die bislang nicht den
besten Ruf in der staatlich anerkannten Kunstszene besaßen, haben einen
deutlichen Schritt in die rechte Richtung getan. Immendorf hingegen hat sich
danebenbenommen. So erklärte SPD-Frau Angelika Pick im Kulturausschuss
der Stadt Düsseldorf: "Immendorf ist mit seinem Verhalten kein Vorbild".
(RP, 13.2.04) Wahrscheinlich ist demnächst der Beamtenstatus samt Pensionsberechtigung
futsch - ein Schicksal, das auch einmal seinem Lehrer Beuys drohte.
Und die linke Ergänzung
Die Diskussion innerhalb der Linken - jedenfalls wie sie in der TERZ ausgetragen
wird - verläuft ebenfalls entlang von Ansprüchen, die von außen
an die Kunst herangetragen werden. Anstatt die Instrumentalisierung von Kunst
und Kultur durch den Staat bzw. die Selbstunterwerfung der Künstler unter
Maßstäbe, die nichts mit der Kunst selbst zu tun haben, zu benennen
und zu kritisieren, entwickeln Linke einen alternativen Moralkodex, vor dem
sich Kunst zu beugen hat: "Nimmt man die Rolle der Kunst in der Gesellschaft
ernst und betrachtet diese nicht als Spielwiese, auf der sich ein paar harmlose
Irre nach Belieben austoben können, impliziert das den Anspruch an Künstlerinnen
und Künstler, für die Konsequenzen ihres Handelns gerade zu stehen.
Gerade wenn mit Mitteln der Kunst Auseinandersetzungen in Gang gebracht werden
sollen, mit denen man eine Veränderung der Gesellschaft zum Positiven hin
bewirken will, tragen Künstlerinnen und Künstler eine immense Verantwortung.
Vor dieser Verantwortung aber drücken sich im Falle Hamlet die Beteiligten.
Schade um die Kunst." (TERZ, 02/04) Auch der "linke" Künstler
überhöht seine Tätigkeit, wenn er den Anspruch vor sich her trägt,
"die Gesellschaft zum Positiven hin zu verändern". So inhaltsleer
diese Aussage notwendigerweise ist - Kunst und Kritik sind eben zwei verschiedene
Paar Schuhe - desto wichtiger definiert der Künstler seine Rolle in der
Gesellschaft. Eine "immense Verantwortung" soll er tragen. Und wer
die nicht zu tragen vermag, schadet der Kunst. "Schade um die Kunst"
(ebd.), so beendet die Autorin ihre Einschätzung des Schmierentheaters
um Lemmer, Schlingensief &co.
Dabei könnte man sich durchaus vorstellen, dass Künstler im Zeitalter
von Stefan Raab, DSDS und Dschungelshow anstatt langweiliger Krimis, Science
Fiction mit meterdick aufgetragener Moral und Kunstschöpfungen, die vor
lauter Botschaft jeden künstlerischen Inhalt verdecken, mal echte Spannung,
Grusel, Komik, Hör- und Seherlebnisse schaffen.
Derartige Kunstprodukte mag es vielleicht auch geben, finden aber kaum Beachtung,
weil von links bis rechts jede Form von Kunst missachtet wird, die die erwartete
Moral vermissen lässt.
HENRICI
*Die Ablehnung des illusionistischen Theaters bei Brecht sollte einst verhindern,
dass der Zuschauer in das Geschehen eintaucht und sich mit den Figuren identifiziert.
Diese sind nämlich im Gegensatz zum bürgerlichen Theater keine idealen
Charaktere, an denen man sich ein Vorbild nehmen soll, sondern soziale Charaktere
und bürgerliche Charaktermasken, die man distanziert betrachten und beurteilen
soll. Die Hauptfiguren sind keine Sympathieträger, sondern führen
die Verhältnisse nur vor, in die sie geworfen sind und von denen sie geprägt
werden. Brecht hält Moral für ein abzulehnendes idealistisches Konzept,
das nicht in der Lage ist, die bedrückenden gesellschaftlichen Zustände
zu verbessern. Seine Stücke haben daher nicht die Funktion, durch Mitfühlen
beim Zuschauer eine moralische Reinigung zu bewirken und dadurch seine Moral
zu stärken, wie das alte aristotelische Theater das tut. Das Motiv für
die Verfremdungseffekte besteht also in der moralkritischen antibürgerlichen
Absicht seiner Stücke.
www.terz.org - 25.2.2004