Werbung, Maschinen, Softwareprogramme...die Liste ist lang von dem, was
uns in den letzten Jahrzehnten unter der Logik der Indifferenz, also der Gleichgültig
und -wertigkeit, aller Waren in den kapitalistischen Verhältnissen nicht
nur als Kultur, sondern als Kunst vorgeführt und angepriesen wurde. Damit
einher ging sowohl eine enorme Verunsicherung, als auch eine zynische Häme
angesichts der seit Jahrzehnten immer heftiger bröckelnden Werthaftigkeit
des einstmals vorherrschenden traditionellen bürgerlichen Kunstbegriffes.
Allein, es ist noch nichts wirklich radikal Neues angekommen, was den schlimmen
Bastarden der bourgeoisen E-Kultur im 21. Jahrhundert radikal Paroli bieten
könnte - die oftmals auf nationalvölkischen Wurzeln beruhende Traditionslinie,
der manche sich als radikal, gleich in welcher Richtung, verstehende Kultursuchende
und - schaffende so gerne nachschnüffeln, kann es jedenfalls nicht sein,
was wir angesichts eines transnational agierenden Verbundkapitalismus, in den
wir jeden Tag selber involviert sind, brauchen. Was aber dann?
Wenn noch nichts Neues da ist, wird gerne das Alte genommen, das, gut als Neues
getarnt, als ebendieses propagiert und verkauft wird. Genauso gerne wird die
Popkultur als Ablöseparadigma zur bürgerlichen E-Kultur verstanden:
die kulturell ehemals verfemte U-Kultur will ihre Gleichberechtigung und transformiert
sich mittels all der Strukturmerkmale, die ein herrschendes kulturelles Feld
ausmacht: institutionalisierte Spielorte, SpezialistInnen, Kanonbildung, Akzeptanz
und Behandlung durch den akademischen Lehrbetrieb und schließlich Verbindungen
zur herrschenden Staatspolitik, um sich als Durchsetzungsparadigma besser verfestigen
zu können. Neben dem ist Pop vor allem für Intellektuelle ein beliebtes
Mittel zum Distinktionsgewinn, zur Abgrenzung und Neuprofilierung geworden und
wird auch als solches verstanden und gepflegt: nicht der vulgäre Massenpop
ist hierbei von Interesse, sondern der elitäre Geschmackspop, mit dem man
sich eigenen Stil und kennerhaftes Charisma herbeifantasiert und schließlich
-konstruiert.
Kultur und Wirtschaft
Im NRW-Forum Kultur und Wirtschaft Düsseldorf sind unter blau gedämpftem
Licht derzeit 100 Videos mit einer Gesamtspieldauer von 8 1/2 Stunden aus einer
Videokultur ab dem Zeitraum 1980 ausgestellt. In den zwei Flügelräumen
sind 100 Monitore mit je einem Kopfhörer angeordnet, vor denen man stehend
die Beiträge aus den Bereichen "Kunst", "Werbung" und
"Popmusik" sehen und hören kann. Kuratiert wurde die Ausstellung
von Ulf Poschardt, bekannt durch seine Schriften zu den Themen "DJ-Culture",
dem Begriff "Cool" oder "Über Sportwagen" und als Creative
Director der WELT am SONNTAG. Als Co-Kurator firmierte der Musiksender MTV,
der 1981 mit den ersten Popmusikvideos auf Sendung ging (bezeichnenderweise
mit "Video killed the Radio Star" der Buggles). Es überrascht
nicht, dass dieser Ausstellung in einem Spielort, der die Schnittstelle von
Kultur und Wirtschaft impliziert, naturgemäß jegliches auch nur ansatzweise
vorhandenes kritische Potenzial fehlt. Werbung, Musik und Kunst zusammenzustellen
sei eine "positive Provokation", so Frau Brusis vom NRW-Forum. Eine
kritische Auseinandersetzung muss man hier folgerichtig mit der Speziallupe
suchen, denn das Darstellungsziel der Kuratoren bei dieser Videoausstellung
ist vielmehr die "reine" Ästhetik, der jeglicher konkrete politische
Kontext genommen wurde. Wo ein politischer Kontext auftaucht, dient er, wie
überall in der Struktur der Popkultur, ausschließlich einem punktuellen
ästhetischen Interesse, ist ergo ein funktionelles Versatzstück in
einer Maschine, die Indifferenz produziert. Politik und "social issues"
sind in der Popkultur, wie überall in der Kultur- und Subkulturindustrie,
feste Münzwerte, mit denen man rechnen kann, und die zunächst einmal
prinzipiell kritisch hinterfragt werden sollten.
Bisschen Philosophie noch
Die saubere Trennung der Videos in drei Teilbereiche hat etwas Dialektisches,
bei Hegel-Fan Poschardt nicht verwunderbar: Kunst und Werbung finden eine Apotheose
im Popvideo. Allerdings ist diese Dialektik vielmehr Perpetuum Mobile eines
interaktiv-indifferenten Strukturdreieckes: alle drei Teilbereiche beziehen
sich aufeinander, kommunizieren miteinander, befruchten sich, mutieren und verwachsen
miteinander, kommen aber niemals über die durch eine grundsätzlich
strukturelle Pop-Ästhetik abgesteckte Begrenzung hinaus. Der Effekt ist,
dass mit zunehmender Videofizierung der medialen Welt, das geben die Kuratoren
gerne zu (aber natürlich auch durch von vorneherein nicht intendierte radikale
Strukturkritik, das jedoch ignorieren die Kuratoren logisch komplett) eine Unterscheidung
zwischen Kunst, Werbung und Pop nicht mehr möglich, nötig und erwünscht
ist. Weil diese Vermischung zunehmend unauflösbar ist, wird eine kritische
Analyse erschwert und letztlich als irrelevant abgetan. Es lässt sich angesichts
der neuen Kulturamalgame schwerer eine kontextualisierte Herkunft oder eine
Zielrichtung der beworbenen Produkte ausmachen oder definieren. Bezogen auf
die Düsseldorfer Videoausstellung ist kennzeichnend, dass ihr Subtext letztlich
noch nicht einmal eine Strukturanalyse, sondern tatsächlich eine tautologische
Strukturphänomenologie darstellt.
Jetzt aber: Creme de la Creme
Der wichtigste Punkt dieser Ausstellung ist jedoch vor allem die Aufbereitung
und Rezeption: Pop und Popkultur erscheint auch hier als eine zeitgemäße
Transformation bürgerlicher E-Kultur. Was früher Raffael oder Michelangelo
waren, sind heute Regisseure wie Cunningham oder Jonze. Immer wieder wird der
"Werkcharakter" oder die "Werkschau" betont - das Wort "Werk"
resp. "Meisterwerk", das auch in den Medien der Subkulturindustrie
gerne unreflektiert Verbreitung findet, deutet auf den extrem bürgerlichen
Hang zur Wertschöpfung. Anstatt den Medien eine explizit nüchterne
und sachliche Einbettung in Fakten zu bereiten, die das Fundament für eine
kritische Auseinandersetzung mit Videokultur sein könnte, wird ein neuer
auratischer Raum geschaffen, der sich indes aufgeklärt gibt. Tatsache ist:
die Ausstellung führt die "Creme de la Creme" der Videokultur
vor. Sie erzählt die Mär vom guten, wahren und schönen Video,
wo doch gerade das kommerzielle TV, und besonders das Musik-TV, das entschiedene
Gegenteil darstellt: es sendet in der Regel kommerziellen Trash. Wo sollten
also die Pop-Meisterwerke gezeigt werden? Richtig, im Museum. Dabei wäre
es viel aufschlussreicher und interessanter, eben im Museum den ausgesuchten
und pointiert aufbereiteten kommerziellen Trash auszustellen, um eine gutgelaunte
und radikale Rezeptionsanalyse zu ermöglichen. Denn die MTVIVA-Kultur als
ignorierungswürdigen Trash abzutun, ist zu einfach. Die dortige "Videokultur"
hingegen sollte in einen analytischen Rahmen hineingezogen, kontextualisiert
und kommentiert werden. Nicht unbedingt in einem ödem, wissenschaftlichen
cultural-studies-Sinne, sondern in einem radikal aufgeklärtem Sinne von
kritischem Entertainment. Das ist nicht zynisch, sondern realistisch, denn mehr
ist wahrscheinlich hinsichtlich der Rezeptions-Verseuchung durch den aktuellen
Popkultur-State-of-the-art eh nicht drin.
Re-Entry des Sinns
MTV-Mitkurator Sabel erklärte die Rolle MTVs in der Clipverbreitung und
-ästhetisierung als "revolutionär". Auf Anfrage aus dem
Auditorium, warum MTV denn so wenig der so gepriesenen kulturell wertvollen
KunstWerbePopVideos zeige, gab Sabel dann einen herrlich krachenden Evergreen-Bonmot
zum besten: "Der Zuschauer will es so!", räumte aber auf Nachfrage
ein, dass es bei MTV natürlich um kommerzielle Interessen und Deals mit
den Labels gehe - im Klartext: man kann die Sendezeit eben kaufen. Poschardt
betonte indes, dass die Ausstellung keine definitorische sei. Es gehe eben um
die "100 einflussreichsten" Videos, nicht die meistgesendetsten, schließlich
könne man ja seine eigenen Favorites aufstellen, und ja natürlich,
einige Ästhetiken fehlen bestimmt. Allerdings, aber nicht nur das. Vielmehr
fehlt, wie häufig auf zeitgenössischen Museumsausstellungen, eine
schlüssige Kontextualisierung. Diese soll natürlich wie immer der
Katalog leisten, mit Beiträgen von u.a. Papa Diederichsen und Opa Theweleit.
Man betreibe mit dieser Ausstellung eine "Solidarität mit dem Video
im Zeichen seines Sturzes", so Poschardt, verwies auf das Videothekensterben
und behauptete, das Medium an sich habe seine besten Tage schon hinter sich.
Doch in der Öffentlichkeit gebe es immer noch Aversionen gegen die angeblich
billige Clip-Ästhetik, dabei habe das Medium doch ein eigenes Pathos und
eine mythologische Ernsthaftigkeit hervorgebracht, die der apostrophierten Leichtigkeit
seiner Themen entgegenstehen würde. Daher gehe es in dieser Ausstellung
"nach unser aller Lieblingsphilosoph Luhmann" um ein Re-Entry von
Sinn und Ernsthaftigkeit, aber dekonstruiert im Zeichen postmoderner Indifferenz.
Das gute Gewissen des Popvideo
Das kann natürlich nur durch sinn- und ernsthafte Vortänzer geschehen,
und davon hat die Ausstellung ja massenhaft anzubieten. Hier gibt's eben keine
bösen gecasteten Plastik-Superstars zu sehen, sondern eine erlesene Auslese
repräsentativ hochqualitativer Videokultur angesichts einer ansonsten in
realiter nämlich komplett schlechten, billigen und auf schnellen Konsum
ausgerichteten Seh-und Hör-Kultur. Das wollen ja auch nur die Massen sehn,
diese 100 Videos aber, mein lieber Scholli, die lassen sich doch locker als
immerwährende Grußbotschaft auf den Mars schießen. Die Konzeption
der Ausstellung bzw. die Auswahl der Videos krankt an der Auswahl von "guten",
vorzeigbaren, avantgardistischen Feigenblättervideos, da man den Cultural-Studies-Interessierten
den normalen vorherrschenden aktuellen Trashmix aus Kunst, Werbung und Pop eben
nicht zumuten will. Um aber eine Popkultur angemessen zu beschreiben, sollte
gerade das populäre und quantitativ vorhandene ausgestellt und kritisch
kuratiert werden. Anstatt Vorzeigekunst aus den MTV-Archiven herauszuwählen,
sollten die erfolgreichsten bzw. meistgespieltesten oder programmrepräsentativsten
(und nicht "ästhetisch einflussreichsten") Videos ausgewählt
werden, dann würde sichtbar, welche Bilder, Handlungen und welches Bewusstsein
aktuell und durch die Zeit durch das Medium Video transportiert wird. Stattdessen
ein typisch bildungsbürgerlicher Video-"Kanon". Es geht um Protagonisten
und deren Namen, deren Arbeit - wie eben von Cunningham oder Jonze - kaum mehr
hinterfragt werden. Sie sind das gute Gewissen des Popvideo, die "Guten",
an denen man sich festhalten kann - inmitten der trashigen Bilderflut einer
schnellen auf Produktaustauschbarkeit beruhender Popkultur. Sie sind Namen und
Identitäten, Autorenproduzenten zur Intellektuellenberuhigung, mit denen
sich das alte und komplett verlogene Spielchen vom bösen Major-Kommerz
und dem guten Independent-Underground weiterspielen lässt. Das Museum bietet
eine ermäßigte Drei-Tages-Karte an, damit man auch schön alle
8 1/2 Stunden sehen kann. Man braucht aber keine drei Besichtigungen, denn das
GuckHören macht irgendwann natürlich keinen Spaß mehr. Man fühlt
sich wie Werbeschlachtvieh oder ein Guinea-Pig für den Art-Directors-Club,
vor allem, und jetzt sag ich was, da man das meiste ja eh kennt! Logisch gibt
es hier witzige und äußerst unterhaltsame Videos, gerade im Werbebereich
natürlich...und es gibt mitunter gute Effekte: zB., wenn man vor Cunninghams
- der auch nur ein öder Werbe-Bunke ist, man merkt das sehr schnell - ödem
Hi-Tech-Pathos-Video zu Björks "All is full of Love" steht, abgenervt
vom Quäk-Gesang der isländischen Elfen-Diva ist, den Kopf hebt und
direkt dahinter einen Monitor weiter das witzige und rasante Gorillaz-Comic-Video
von Hewlett/Candeland sehen kann ... das sind mal schöne Synergie und Mix-Effekte,
aber dafür gleich 100 Monitore aufstellen?
HONKER
Video
NRW-Forum Kultur und Wirtschaft,
Ehrenhof 2, Düsseldorf
Eintritt 5,50 Eur und Ermäßigungen.
Katalog: "look at me. 25 Jahre Videoästhetik", Hg. Von Ulf Poschardt,
240 S., Hatje Cantz Verlag, Ostfildern-Ruit