bookHartes Pflaster
Eigentlich ist Dominique Manotti Historikerin für Wirtschaftsgeschichte des 19. Jahrhunderts. Hartes Pflaster („Sombre Sentier“ im Original) war ihr erster Roman, der 1995 einen Preis für den besten französischen Kriminalroman erhalten hat. Nach der Lektüre von James Ellroy „L.A. Confi-dential“ (empfehlenswert!) und einigen Werken anderen von ihm, entschloss sie sich dazu einen ebenso „harten“ Krimi zu schreiben. Dafür legt sie die Geschichte in das Paris Anfang der 80er Jahre. Türkische Immigranten kämpfen für ihre Rechte. Soleiman ist einer von ihnen, der den Kampf der „Sans-Papier“ in den Hinterhofbetrieben der Haute couture im Viertel Sentier anführt. Schlechte Arbeitsbedingungen, Ausbeutung, Razzien, Abschiebungen bestimmen das Leben, gegen das sie ankämpfen. In einer dieser Werkstätten wird die Leiche einer jungen asiatischen Prostituierten entdeckt. Der schwule Kommissar Daquin beginnt mit den Ermittlungen und stößt auf immer größere Verwicklungen, die ihn selber in Gefahr bringen. Mit Hilfe seines Bettgefährten Soleiman fängt er langsam an, die verworrene Zusammenhänge zu entwirren. Er stößt in ein Geflecht von Korruption, Wirtschaftsinteressen, Rechtsradikalismus, Islamismus, Frauen-, Drogen- und Waffenhandel im großen Stil, in das die Polizei, sowie Politikkreise im In- und Ausland verwickelt sind. Was sich hier wie eine verschwörungstheoretische Gruselstory anhört, entwickelt Manotti zu einem jederzeit nachvollziehbaren und spannenden Krimi, der einem Krimi Noir alle Ehre macht. Mit verschiedenen wahren Namen, Orten und Geschehnissen gewürzt lehnt sich der Krimi an die Realität und gibt einen skeptischen Ausblick auf die Gegenwart. Wenn ja, wenn da nicht der erfolgreiche Kampf der sans-papier im Buch wäre. Es ist also noch nicht alles verloren. Spannend, spannend!
Meikel F
Hartes Pflaster von Dominique Manotti; Assoziation A; 333 S. für 16 Euro
booksKollektive Identitäten und soziale Bewegungen
Wenn Leute ihre eigene politische Biographie zum Ausgangspunkt wissenschaftlicher Untersuchungen machen, muss nicht immer Gutes dabei herauskommen. Meist fehlt es dann an wissenschaftlicher Distanz zum Unter-suchungsgegenstand und die Gefahr ist groß, dass die Untersuchung so leicht zur reflexionsarmen Bewältigung persönlichen Lebens werden kann. Gerade den persönlichen Nachbetrachtungen (ehemaliger) Linksradikaler aus den Gefilden der sozialen Bewegungen seit 1968 ist daher mit äußerster Skepsis zu begegnen. Doch zwei Neuerscheinungen zum Thema zeigen, dass dies auch anders gehen kann – jedoch auf unterschiedliche Weise. Sebastian Haunss beweist mit seiner vergleichenden Untersuchung von Identitätsbildungsprozessen bei den Autonomen und in der Schwu-lenbewegung, dass wissenschaftliche Genauigkeit und Kritikfähigkeit durchaus mit persönlichem Bezug zum Thema in Einklang gebracht werden können. Mit der Veröffentlichung seiner poli-tikwissenschaftlichen Dissertation ist es dem Autor, aktuell wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachbereich Politikwissenschaft der Universität Essen, gelungen, einen fundierten Einblick in die Funktionsweisen kollektiver Identi-tätskonstruktionen zu geben. Anhand von Mikro-Diskursanalysen zweier, die jeweils zu untersuchende Bewegung kennzeichnenden Bewegungszeitungen – hier konkret die Zeitschrift „interim” für die Autonomen und die Zeitschrift Rosa Flieder für die (zweite) Schwulenbewegung – zeichnet Haunss die spezifischen Formen der Herausbildung von kollektiver Identität nach: „Wie Prozesse kollektiver Identität in sozialen Bewegungen ablaufen, welche Formen sie annehmen und aus welchen Elementen sie sich zusammensetzen, das ist die Leitfrage dieser Untersuchung.” Alle, die sich länger im linken Bewegungsmilieu aufgehalten haben, kennen die Aufhebung der Trennlinie zwischen politischem Engagement und persönlicher Nestwärme. Die „Szene” wie die jeweils aktuelle „Gruppe” sind nicht bloß Orte politischer Identitätsbildung, sondern zugleich auch deckungsgleich mit dem Freundeskreis und Bezugspunkt eigenen Freizeitverhaltens: „Dabei handelt es sich nicht einfach um eine Politisierung des Privaten, wie es sich die Frauenbewegung auf die Fahnen geschrieben hatte. Vielmehr findet eine gegenseitige Durchdringung der verschiedenen Lebensbereiche statt, so dass das Private ebenso politisiert wie das Politische von privaten Handlungsmotivationen durchzogen wird.” Der Autor stellt daher die These auf, dass gerade in dem „Wechselspiel von Subkulturen, Szenen und Bewegungen” der Schlüssel zum Verständnis von Prozessen kollektiver Identität in sozialen Bewegungen liegt. Hierzu hat der Autor die beiden Szenezeitschriften jeweils für einen Zeitabschnitt von 10 Jahren untersucht. Zunächst gibt der Autor einen fundierten Überblick über die Ansätze der Bewegungsforschung und die Funktion von Szenen zur Herausbildung kollektiver Indentität, und er erläutert ausführlich den unterschiedlichen Umgang mit dem Begriff kollektiver Identität. Er vergleicht dabei neben anderen die unterschiedlichen Deutungsansätze bei den Bewe-gungsforschern Manuel Castel und Alberto Melucci und leitet hieraus mit Bezug auf Melucci eine Definition von kollektiver Identität als „Prozesse, in denen Individuen oder Gruppen den Sinn, den Inhalt und die Grenzen ihres Handelns gemeinsam definieren”. Anstatt identitärer Politik geht es hierbei also um das Verständnis für die Gründe gemeinsamen Handelns und dessen Entwicklung. Untersucht werden Bewusstseinsbildungsprozesse, Grenzziehungsprozesse und Lebensweisen. In zwei weiteren Kapiteln gibt Haunss kenntnisreich einen zusammenfassenden Überblick über die Entwicklung der Autonomen von 1980 bis zum Jahr 2002 und der neuen (zweiten) Schwulenbewegung von 1969 bis 1989. Haunss weist empirisch auf, dass Geschlechterver-hältnisse, Organisations- und Mili-tanzfrage die diskursiven Hauptthemen autonomer Bewegungen gewesen sind – Themen, die zugleich den Lebensalltag der Akteure geprägt haben. Bei allen diesen Themen haben intensive Kontroversen zu veränderten Ausprägungen kollektiver Identitäten geführt. Bei der Schwulenbewegung, deren Ende er auf Anfang der 1990er Jahre datiert, wertet Haunss als Hauptthemen die eigene Bewegung, Pädophilie und Aids, knapp gefolgt vom Thema Parteien als die wichtigsten Themen aus. Waren früher Linksradikalismus und schwule Identität noch eng miteinander verknüpft, wurde dieser Anspruch laut Autor in den 1990ern völlig aufgelöst. Für die Autonomen und Antifa-Gruppen weist Haunss den Tatbestand auf, dass sich die Muster kollektiver Identitäten zwar verändert haben, jedoch nach wie vor virulent sind für die Funktionsweise dieser Bewegung: „Auch in der autonomen Bewegung entpuppten sich die Strategien, die die Bewegung für die Lebensstile und Bedürfnisse breiterer Bevölkerungsschichten öffnen wollten und sich somit gegen eine auf die Szene setzende Be-sonderungsstrategie richteten, nicht als erfolgreich.” Haunss enthält sich in seiner Arbeit politischer Allgemeinbewertungen und legt hingegen Wert auf die empirische Belegbarkeit einzelner Detailbewertungen kollektiver Identitätsprozesse – seine Arbeit ist auffällig antiideologisch und damit zugleich erfrischend analytisch. Es ist hier nicht der Platz dafür, sämtliche Ergebnisse der Untersuchung zu präsentieren, und das ist auch nicht das Bedeutsame an Haunss’ Untersuchung. Vielmehr ist es seine Herangehensweise an das Thema, die kenntnisreiche und überaus spannende Analyse einzelner Entwicklungsprozesse und Brüche innerhalb der Bewegungen und seine analytische Form der Beurteilung, welche die Untersuchung nicht nur zum Rückblick, sondern gerade auch für die Zukunft sozialer Bewegung interessant macht.
Eine weitere Neuerscheinung von Robert Foltin beschäftigt sich mit der Entwicklung linksradikaler sozialer Bewegungen in Österreich von 1968 bis 2003. Auch Foltin legt hier einen thematischen Schwerpunkt auf die Autonomen, berücksichtigt auch die feministische, Lesben- und Schwulenbewegung und stützt ebenso seine Untersuchung auf die Veröffentlichungen in diversen Alternativmedien. Der Autor kommt aus der „Sponti- und autonomen Szene aus Salzburg und Wien” und ist Mitarbeiter der neomarxistischen Theoriezeitschrift „grundrisse”. Im Unterschied zu Haunss Untersuchung ist die Arbeit von Foltin eher chronistisch angelegt. Hier geht es nicht um Herausbildung von kollektiven Identitäten in Bewegungen, sondern um die Entwicklung und Ausdifferenzierung sozialer Bewegungen im Kontext gesamtgesellschaftlicher Entwicklungen. Die Untersuchung steht damit eher in Tradition einer narrativen Sozialgeschichte „von unten”; teilnehmender Beobachtung oder politischer Erzählung. Foltin steht hierbei in Tradition des (post-)operaistisch wie auch anarchistisch und spontan-eistisch/autonom geprägten subjektivistischen Linksradikalismus. Hiermit tun sich für den Rezensenten zugleich die Vorzüge wie die Nachteile seiner Untersuchung auf. Zuerst das Positive: Foltin gelingt es, einen wirklich fundierten Überblick über die Vielfältigkeit und die unterschiedlichen Entwicklungswege sozialer Bewegungen in Österreich zu geben, ohne sich in Details zu verlieren oder langweilig zu werden. Dies ist für sich schon eine Empfehlung der Untersuchung wert, da es bisher schlicht keine sonstige Untersuchung zum Thema in diesem Kontext und Umfang gibt. Zudem gelingt es dem Autor, seine chronologische „Bewegungsgeschichte” in einen gesamtpolitischen Kontext einzubetten – genauer gesagt: aus gesellschafts- und kapitalismuskritischer Sicht die Ausdrucksformen sozialer Bewegungen und Kämpfe analytisch mit den Entwicklungsformen des Kapitalismus und seines politischen Überbaus in Österreich in Beziehung zu setzen. So erfährt die Leserschaft zugleich etwas über die Entwicklung und Krise des Fordismus, über den Postfordismus, das Empire, über Disziplinar-, Kontrollgesellschaft und Biomacht, über Multitude und neuen Internationalismus. Dies ist – zumindest nach Ansicht des Rezensenten – zugleich auch das Manko von Foltins Untersuchung. Denn Foltin will Unterschiedliches gleichzeitig: die chronologische Entwicklung sozialer Bewegungen nachzeichnen, politisch bewerten und einordnen und zugleich ideologisch-agitatorisch mit seiner Untersuchung wirken. Es erscheint hierbei fast so, als traue der Autor seinen LeserInnen keine selbstständigen Schlussfolgerungen aus seinen Schilderungen zu und stehe unter dem altbekannten linken Zwang, mit jeder Arbeit und jedem Thema zugleich die Welt erklären zu müssen. Sorry, aber hier scheint das Ideologische des operaistischen Ansatzes durch, dass es allein das subjektiv(istisch)e Wollen und Kämpfen der Klasse „für sich” sei und sein muss, was den Kapitalismus zur Wandlung wie zum Ende bringt. Sätze wie „Wir sehen, dass unsere Revolten nicht sinnlos waren” oder „Wir müssen weiter für unsere Selbstemanzipation, für eine nichtkapita-listische Gesellschaft kämpfen” erhalten in diesem Zusammenhang den Charakter von überflüssigen Selbstbestätigungen und Durchhalteparolen. So, damit nun aber auch Schluss mit dem Gemecker, denn insgesamt sind Foltins politische Einbettungen sozialer Kämpfe in gesellschaftliche Kontexte fundiert und berechtigt. Wer etwas von der Entwicklung linker sozialer Bewegungen in Österreich in diesem Zeitraum wissen möchte, kommt an diesem Standardwerk nicht vorbei.
Al C.
Sebastian Haunss:
bookInsel in der Mitte der Welt
Wie dem aufmerksamen
Leser nicht entgehen kann stelle ich
gerne Bücher vor, die Wissenschaftliches mit Spannendem und
Unterhaltendem
verbinden. Das Buch von Russell Shorto „New York – Insel in der Mitte
der Welt”
ist ein solches. Der Untertitel sagt worum es geht: „Wie die Stadt der
Städte
entstand”. Shorto beschreibt fesselnd und doch auch akribisch die
ersten
Jahrzehnte der Stadt New York als sie noch Neu-Amsterdam hieß und
eine
niederländische Kolonie war. Die Niederländer sind
bekanntermaßen ein
seefahrendes und handelsversessenes Völkchen gewesen. In
mancherlei Hinsicht
waren sie ein erstes Beispiel für einen funktionierenden
Kapitalismus, so waren
die ersten modernen Banken in Amsterdam angesiedelt. Aber wie der
französische
Revolutionär Brissot einst treffend feststellte steht am Anfang
des Eigentums
bekanntlich der Diebstahl. Neu-Amsterdam wurde also ursprünglich
als Stützpunkt
für Kaperfahrer und Piraten gegründet, die den Spaniern ihr
Gold und Silber aus
Mittel und Südamerika entwenden sollten. Nicht dass die Spanier
diese
Edelmetalle nicht ihrerseits unter brutalsten Mitteln aus den
Ureinwohnern
Amerikas heraus-gepresst hätten.....Wie dem auch sei, es ist
einfach schön zu
lesen wie die Insel Mannahata einst aussah, wo Bauernhöfe waren,
Bäche flossen
usw. Oder dass die Wall Street heute dort verläuft, wo einst die
Hölländer eine
Palisade, einen Wall eben, bauten um sich gegen die Engländer zu
schützen. Oder
dass Brooklyn einst Breukelen hieß....Man kann hier auch die
Geschichte vom
durch eine Zigarettenmarke bis heute bekannten Peter Stuyvesant lesen,
der
lange versuchte die Kolonie gegen die Briten aber auch gegen
demokratisch
gesinnte Landsleute zu behaupten und zu leiten. Wie wir wissen gelang
ihm das
nicht und die Kolonie ging an England. Aber wer die Geschichte der
ersten New
Yorker lesen will, worunter sich alle möglichen zwielichtigen
Gestalten
tumel-ten, der muss dieses Buch lesen. Shortos These ist übrigens,
dass New
York bis heute anders ist als die umgebenden US-amerikanischen
Bundesstaaten,
weil die frühe britische Besiedlung Amerikas sehr stark von
religiösen
Puritanern geprägt war, während die Niederländer in New
York ihre berühmte
Liberalität hinterließen. Das kann man etwas
übertrieben finden, Tatsache ist
jedenfalls, dass in Man-nahatas Leute aus allen möglichen
Ländern stammten und
es nicht sonderlich sittenstreng und religiös zu ging. Ein
tröstlicher Gedanke
in einem lesenswerten Buch!
Meikel F
Russel Shorto: New York – Insel in der Mitte der Welt; Rowohlt, 448 S., geb. für 22,90 Euro
bookDer Düsseldorf AtlasDer Name irritiert: Haben wir es bei der Neuerscheinung mit einem klassischen Atlas zu tun? Mit dem klassischen Diercke-Weltatlas hat der historisch-topographische Düsseldorf Atlas nicht nur das Format gemeinsam. Doch er ist bunter, vielfältiger, moderner und – der entscheidende Unterschied – narrativer und unterhaltsamer. Es ist ein kartographisch und fotographisch farbenreich illustrierter Sammelband zur Geschichte, Kultur, Ökologie, Ökonomie, zum Stadtbild und Lebensalltag in der Landeshauptstadt. Graphiken; Tabellen, Luftbilder illustrieren die fast 90 Beiträge in dem Sammelband, die bei aller inhaltlicher Unterschiedlichkeit eins verbindet: die zwei-Seiten-Länge. Das sagt zugleich einiges über den Inhalt des Sammelbandes aus: Er will eher neugierig machen und zum Reinschauen, Blättern und Schmökern anregen als tiefgehend informieren und er stellt zugleich eine reich beschmückte Werbeveranstaltung für den Standort Düsseldorf dar – in einer solchen Form übrigens die vierte Ausgabe einer Standortwerbung, bei der vor Düsseldorf schon Köln und München im Form eines Stadtatlas aus dem Emons Verlag die Nase vorn gehabt haben. Die Form der Standortwerbung fällt inhaltlich sehr unterschiedlich aus und reicht von der MultiKulti-Flair-Reklame bis zur wirtschaftsliberalen Firm-enreklame. Etwa, wenn OB Erwin im Vorwort als Vorzug der Stadt preist: „Große Firmen wie die Metro-Gruppe, TyssenKrupp, Degussa, E.On, Viktoria, Henkel, Rheinmetall oder ehemals Mannesmann, jetzt Vodafone, prägen ganze Stadtteile und die Stadtsilhouette”. Der hält einen solchen Einfluss für ein Aushängschild der Stadt. Und wenn Börsenmakler Klaus Mathis als Vorzug der Stadt preist: „In Düsseldorf lässt sich nicht nur auf der Kö oder in exquisiten Modeboutiquen Geld gut ausgeben. Man kann es hier auch gut anlegen – oder sich borgen, wenn es fehlt.” Dann meint auch der das ernst, denn er denkt dabei ebenso wenig wie der OB daran, dass das hiesige Kapital nur für eine bestimmte Schicht zur Verfügung steht. Ein Gegengewicht zu dem neoliberalen Bla-Bla stellt mit gleich mehreren Beträgen der Stadtforscher Günther Glebe dar, der sich auch mit den proletarischen Erscheinungsformen der Stadt und dem Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit beschäftigt. Auch das ZAKK darf sich dort in Form einige Mitarbeiterbeiträge präsentieren und so ein bisschen für MultiKulti-Alternativthematik sorgen. So bekommen wir summa summarum einen großen Brei von Beiträgen geliefert, bei dem sich am Ende die Frage stellt, aus welchem Rezept diese Mixtur entsprungen ist.
Sicher, eine systematische Beschäftigung mit der Stadtgeschichte kann dieser reich illustrierte Sammelband nicht ersetzen. Hierzu sei immer noch verwiesen auf das unübertroffene von Hugo Weidenhaupt herausgegebene dreibändige Standardwerk aus dem Patmos Verlag. Und auch keine Highlights wissenschaftlich-kritischer Stadtteilforschung, wie sie Glebe/Schneider mit “Lokale Transformation der Global City: Düsseldorf-Oberbilk” geleistet haben. Bei dem Düsseldorf Atlas handelt es sich um nicht weniger oder mehr als eine nett illustrierte Standortwerbung mit Niveau, die einen selektiven und oberflächlichen wie zugleich anregend gestalteten und interessant aufbereiteten Einblick in die Landeshauptstadt gibt – ein Sammelstück, dass sich Lokalpatrioten wie der Rezensent gerne in den Bücherschrank stellen.
Al C.
Der Düsseldorf Atlas, Hg. von Frater/Glebe/Looz-Corswarem u.a.; Emons Verlag, Köln 2004, Bildband, gebunden, 224 S., 48 Euro
bookAbel Paz und die Spanische RevolutionFast 70 Jahre ist es her, dass bewaffnete ArbeiterInnen in Teilen Spaniens einen faschistischen Putsch zunächst siegreich niedergerungen haben. Durch die Unterstützung Italiens und Deutschlands und der Nichteinmischung Frankreichs und Englands war letztendlich der faschistische Putsch erfolgreich. Die Mehrheit der spanischen Arbeiterschaft war in der anarcho-syndikalistischen Gewerkschaft CNT vertreten. Am Vorabend des 2. Weltkrieges strömten aber auch tausende Arbeiter aus allen Ländern der Welt nach Spanien um den Faschismus zu bekämpfen. Eine einzigartige freiwillige Mobilisierung, die - wäre sie erfolgreich gewesen - den Lauf der Geschichte sicherlich geändert hätte. Von der Faszination dessen, was hätte sein können, wenn sie letztendlich siegreich gewesen wären, hat dieses sozialrevolutionäre Experiment wenig verloren. Mythen und Legenden ranken sich um diese Zeit, die in vielen Bereichen eine regelrechte Tragödie war. Es war der bisher größte Versuch Anarchie in die Tat umzusetzen und auf möglichst vielen Ebenen revolutionäre Veränderungen umzusetzen. Nur noch Wenige, die diese Zeit miterlebt haben, leben noch. Abel Paz ist einer der wenigen. Bekannt geworden ist er durch die lesenswerte Chronik über den legendären Anarchisten Dur-ruti. Aber auch sein eigenes Leben ist interessant genug für eine Biographie. Bis heute ist der 1921 geborene Abel Paz ein unbeugsamer Anhänger und Kämpfer für anarchistische Ansichten. In diesem Buch finden sich Vorträge und Interviews (u.a. mit der Terz), die mit Paz in den letzten Jahren geführt worden sind. Es spricht für ihn, das er trotz der fortwährenden Angriffe und Denunziationen, die die anarchistische Bewegung gerade auch im Nachhinein erleben musste, einen kritischen Blick auf die damalige Zeit weitestgehend bewahrt hat. Nun ja, manchmal geht es auch etwas mit ihm durch. Dafür sei hier auf das außergewöhnliche Vorwort der Herausgeber hingewiesen, das sich in der Kürze sehr kritisch mit der anarchistischen Legendenbildung auseinandersetzt. Es war ein einzigartiger Versuch im letzten Jahrhundert das Leben der Menschen zu verändern. „Wir haben die Revolution gewonnen. Was wir verloren haben, ist der Krieg.” sagt Paz an einer Stelle. Trotz der vielen Niederlagen ist Paz bis heute optimistisch geblieben: „Ich glaube der Anarchismus wird wiederauferstehen, weil wir noch immer rebellisch sind.” Also, auf was warten wir? Das Buch gibt einen guten, kleinen Einblick in die Geschehnisse und zeigt einen imponierenden Abel Paz. Ausgezeichnet ist die umfangreiche Bibliographie am Ende des Buches.
Meikel F
Abel Paz und die Spanische Revolution von Bernd Drücke, Luz Kerkeling, Martin Bax-meyer (Hg.); Verlag Edition AV; 116 S. für 11 Euro