Stürme
im Wasserglas, oder: Wer hat Angst vorm
Schwarzen Mann?
Betrachtungen zur Berliner Ausstellung „Zur Vorstellung des
Terrors: Die RAF“ und zum Geschichtsbild des Hamburger Instituts
für Sozialforschung
1.
Unsere erste,
gemeinsame und gleichzeitige Reaktion nach dem
Besuch der vieldiskutierten Ausstellung, die nun, nach
ausführlichen Querelen,
am 26. Januar in den Berliner „KunstWerken“ eröffnet worden ist,
war: Wozu nun
die ganze Aufregung? Zur Erinnerung: Das erste Konzept einer Kunst- und
Dokumentationsausstellung zur berühmtesten deutschen
nichtstaatlichen
bewaffneten Gruppe hatte vor etwa zwei Jahren einen Skandal
augelöst.
Ursprünglich sollte die Ausstellung auch im Düsseldorfer
NRW-Forum gezeigt
werden. Lokale Möchtegerngroßspurpolitiker wie OB Erwin und
lokale Medien wie
die Rheinische Post machten allerdings erfolgreich Front dagegen.
Staatliche
und mediale Institutionen verlangten eine Einbeziehung der RAF-Opfer
sowie –
hierüber wird noch zu sprechen sein – des Hamburger Instituts
für
Sozialforschung (HIS) und strichen vorsorglich die bereits bewilligten
Mittel.
Letzteres zog sich frühzeitig aus dem Diskussionsprozess
zurück und beschränkte
sich darauf, parallel zur Eröffnung eine methodisch und inhaltlich
mehr als
fragwürdige Publikation vorzulegen. In überarbeiteter Form
und mit weitgehend
privater Finanzierung kam dann doch noch eine, um ihren
dokumentarischen Teil
weitgehend beraubte Kunstausstellung zustande – unter großem
Medienrummel und
mit entsprechend großem Publikumsinteresse.
Letzteres wird,
soviel vorab zur Ausstellung, soweit es sich
sensationslüstern auf eine Art Geisterbahnfahrt durch das
Faszinosum RAF
eingestellt hat, durchaus nicht befriedigt. Der Autor (dies muss an
dieser
Stelle ausdrücklich vermerkt werden) hält sich für eine
kunsthistorisch-kunstkritische Erörterung der einzelnen
Ausstellungsobjekte und
ihrer Anordnung nicht kompetent. Interessanter scheint im Übrigen
allemal das
Gezetere um die Ausstellung als diese selbst – was ihren subjektiv
empfundenen
Wert durchaus nicht schmälern soll. Im Folgenden daher nur kurz
einige
Eindrücke von der Ausstellung, gefolgt von etwas
ausführlicheren Überlegungen,
worum es bei ihrer Rezeption in der „kritischen Öffentlichkeit“
wohl gehen mag.
Zuvörderst
und in unmissverständlicher Deutlichkeit: Dies
ist keine Ausstellung zur RAF – weder zu ihrer Geschichte noch zu ihrer
Tätigkeit oder ihrer Bedeutung für die (oder im Rahmen der)
Linke/n/ in
Deutschland nach 1945. Die KunstWerke haben Plastiken, Bilder und
Installationen aus den Jahren 1972 bis 2004 zusammengestellt, die sich
künstlerisch mit der medialen Repräsentation der RAF und
ihrer Mitglieder
auseinandersetzen – nicht mehr und nicht weniger. Über den
dokumentarischen und
Erkenntniswert einer solchen Ausstellung lässt sich trefflich
streiten, selbst
wenn betont wird, dass nicht die RAF selbst, sondern lediglich ihre
mediale und
künstlerische Repräsentation dokumentiert werden. In dieser
Hinsicht wird die
Ausstellung jedenfalls ihrem Anspruch (und damit ihrem Titel) vollauf
gerecht.
Ganz auf Dokumentation mochten die AusstellungsmacherInnen
gleichwohl nicht
verzichten – und blieben hierbei weitgehend konsequent. Im ersten Saal
findet
sich – neben einer Arbeit, die sämtliche Todesopfer des
„Baader-Meinhof-Komplexes“ von den Attentatsopfern über die
getöteten
RAF-Miglieder bis hin zu „Kollateralschäden“ wie dem
schottischen Taxifahrer
McLeod gleichberechtigt nebeneinanderstellt – eine Art Presse- und
Fernsehdokumentation. Neben Videokopien der einschlägigen
Tagesschau- und
heute-Sendungen finden sich Ausrisse aus deutschen Illustrierten – in
erster
Linie BILD, Spiegel, Stern und Quick aus den Jahren 1972 bis heute.
Manche
Lücke mutet dabei im ersten Augenblick merkwürdig an – so
fehlen jegliche
Berichte zwischen 1977 („Deutscher Herbst“) und 1986 (Wiederaufnahme
der
Attentate). Vielleicht fiel mir diese Lücke deshalb so stark auf,
weil sie für
mich persönlich die Zeit der intensivsten (gedanklichen)
Auseinandersetzung mit
der RAF gewesen ist; letzten Endes ist diese Vorgehensweise aber
konsequent, da
es ja eben um maximale (und in beiderlei Richtung legendenbildende)
Medienpräsenz geht. Ebenso gilt dies für den Verzicht auf die
TAZ als Quelle –
immerhin, die Älteren mögen sich erinnern, war sie einstmals
ja als Alternative
zur gleichgeschalteten Presse während der Nachrichtensperre 1977
konzipiert und
gegründet worden. Der – erzwungene oder freiwillige – Verzicht auf
alternative
Medien und Informationsquellen (einschließlich der
Verlautbarungen der RAF
selber, die in einem vorgeschalteten Informationszentrum prinzipiell
benutzbar
sind) löst freilich den Gegenstand der Ausstellung völlig aus
ihrem sozialen,
politischen und kulturellen Zusammenhang: Die RAF erscheint so
lediglich als Chiffre
ohne konkreten Inhalt, und manche Ausstellungsstücke werden
allenfalls denen
verständlich, die sich in diesem Kapitel westdeutscher
Nachkriegsgeschichte einigermaßen gut
auskennen – andere hingegen selbst denen (oder zumindest mir) nicht. Es
gibt –
vorauseilende Selbstbeschränkung oder Erkenntnisblockade? –
lediglich eine einzige Ausnahme, nämlich
eine Erklärung der evangelischen Kirchengemeinde zur Ausstellung
zweier
zugehöriger Werke, die das Phänomen RAF in den Zusammenhang
sozialer und
kultureller Konflikte stellt (und was eineN ärgern könnte:
Wieder einmal sind
es aufgeklärte Christen, die das Intelligenteste zu aktuellen
Fragen
beisteuern). Was sehr gut gefällt, ist, dass die
Pressedokumentation nicht bloß
die relevanten Artikel, sondern jeweils die ganzen Seiten bzw.
Doppelseiten der
jeweiligen Druckerzeugnisse abbildet – einschließlich Tittenfotos
und Werbung.
Es ist diese Kleinigkeit, die blitzartig die Pornographie der Macht,
hier: des
Sensationellen in der Ware „Nachricht“ und die eher
unheilvoll-voyeuristische
Verknüpfung von Sexualität und Todessehnsucht deutlich macht
– und dies nicht
erst in den berühmt-berüchtigten Artikeln über
„Terror-Frauen“ oder darüber,
warum Baader und Raspe bei ihrer Verhaftung nackt waren: Gewalt (deren
Faszination
sich hier nicht danach richtet, ob sie von Uniformierten oder
Langhaarigen
verübt wird) wird durch den Kontext auf eine (sich dem
männlichen Blick
hingebende) Nacktheit, andererseits auf die nur scheinbare Alternative
Warenwelt bezogen.
Ich habe bereits
angedeutet, dass mich manche
Ausstellungsstücke ratlos ließen, und ich mich zu einer
profunden Kritik des
künstlerischen Wertes nicht berufen fühle. Gleichwohl einige
Anmerkungen:
Insgesamt ist die Ausstellung sehenswert – wohlgemerkt als
Kunstausstellung und
nicht als Ausstellung über die RAF. Manches regt zu näherer
Betrachtung und
Reflexion an – etwa Beuys’ Papptafeln „Ich führe Baader und
Meinhof persönlich
durch die documenta“ über politische
Kunst und Skandal in den Siebzigern oder Christoph Draegers
„Stammheim“: drei
kleine Gucklöcher, durch die Videos zu sehen sind, die sich ganz
offensichtlich
auf die Stammheimer Toten beziehen, über Darstellungsformen und
-wirkungen.
Eher beunruhigend, aber immerhin diskutabel sind drei Gemälde, in
denen Halbporträts
von ProtagonistInnen der RAF mit Gesichtern von Arno-Breker-Statuen
kombiniert
werden. Es fragt sich der Rezipient nämlich, ob hier eine
Identität von RAF und
NS-Helden oder eine mehrfach gebrochene Entwicklung von unverarbeiteter
NS-Vergangenheit zur RAF gemeint ist – oder ob das im Grunde schnuppe
ist, was
der Künstler uns wohl sagen wollte, da Kunst ohnedies nicht mehr
vermag, als
eigene Reflexionen anzuregen. Ratlos hingegen ließ mich, im
letzten Saal, eine
riesige tote Plüschkatze, die anscheinend ihre Gedärme
auskotzte und vor einer
Art rosa Papp-Marshall-Gitarrenverstärker mit Monitor und
angeschlossener rosa
Pappgitarre lag. Direkt daneben hingegen wiederum was sehr Spannendes:
Eine
gefilmte Bootsfahrt dreier jüngerer GenossInnen, während
derer die drei sehr
unprätentiös und unspektakulär ihren nur halb bewussten
Schritt hin zur
illegalen Aktion reflektieren.
2.
Parallel zur
Ausstellung – und dort käuflich zu erwerben –
erscheint unter dem bereits misstrauisch stimmenden Titel „Rudi
Dutschke,
Andreas Baader und die RAF“ ein Bändchen des bereits
erwähnten HIS. Knapp und
pointiert formuliert: Im Grunde ist jedes Wort über dieses
Machwerk zuviel. Da
das Institut aber als maßgebliche Autorität für die
Erforschung der deutschen
Studentenbewegung missverstanden und das Bändchen in einigen
Zeitungen als
ideale Ausstellungsbegleitung gehypt wird, ist eine Auseinandersetzung
damit
unverzichtbar.
Der Band
enthält – neben einem Vorwort Jan Philipp Reemtsmas
– drei Aufsätze, die in ihrer jeweiligen Qualität
unterschiedlicher nicht sein
könnten, in aufsteigender Linie gelesen jedoch einen Vorgeschmack
auf das
geben, was uns an Vergangenheitsbewältigung hinsichtlich der
späten sechziger,
siebziger und achtziger Jahre noch bevorsteht. Im Folgenden lediglich
einige
grundsätzliche Einwendungen; eine ausführlichere
Auseinandersetzung wird
(vermutlich an anderer Stelle) folgen.
Der methodische
– und im Kern ahistorische – Unfug beginnt
bereits im Vorwort: Reemtsma definiert „Terror“ als „irreguläre
Gewalt“ – also
solche, die sich nicht an international geltende Regeln der
Kriegsführung halte
und die den eigentlichen Daseinszweck bestimmter hermetischer,
antimoderner
(und damit antiamerikanischer und antijüdischer) Gruppen ausmache.
Das Problem
mit dieser Definition besteht nicht allein darin, dass Reemtsma damit
die
Aktionen der RAF gleichsetzt mit dem Anschlag vom 11. September 2001,
und in
einem Aufwasch auch mit den Verbrechen der deutschen Wehrmacht – und
auch nicht
darin, dass das HIS anscheinend nun vollends in
„antideutsch“-totalitarismustheoretische Hände gefallen ist. Der
erste, viel
wichtigere Einwand besteht darin, dass Reemtsma den politischen
Charakter des
Terrorbegriffs nicht einmal erahnt: Die Frage danach, wer wann was als
„Terror“
definiert, wird nicht einmal gestellt. So bleibt auch unerwähnt,
dass immer
wieder Diskussionen darüber laut werden, ob bestimmte bewaffnete
Gruppen als
Terroristen oder als Partisanen resp. Rebellen gelten sollen. Es
gehört in
diese Milchmädchen-Logik, dass der RAF als solcher durch
sämtliche Beiträge
hindurch jegliche Entwicklung abgesprochen wird: Wie etwa passt Ulrike
Meinhofs
Aussage, die Baader-Befreiung sei nicht unternommen worden, hätte
man gewusst,
ein Institutsangestellter werde dabei angeschossen, in die implizite
Gleichsetzung mit Selbstmordattentaten? Ebenso schwerwiegend ist die
völlige
Fehleinschätzung des Charakters des Regelwerkes zur
Kriegsführung – also der
Haager Landkriegsordnung von 1899, der Genfer Konvention usw.: Geht es
hier
doch mitnichten um einen gewaltigen Fortschritt der Moderne
gegenüber den
vorangegangenen finsteren Zeiten: Der „totale Krieg“ ist die genuine
Konfliktform der Moderne, und die Landkriegsordnung sowie die folgenden
Vereinbarungen erschrockene Versuche, eine Bestie zu zähmen, die
man selbst
geschaffen hat. Und in diesem Rahmen ist „Terrorismus“ in der Tat eine
konsequente (wenn auch nicht sinnvolle) Form der Gegenwehr.
Der folgende
Aufsatz Wolfgang Kraushaar über Dutschke und
dessen Überlegungen zum Konzept Stadtguerilla 1966/67 ist
methodisch weitaus
sauberer, wenn auch analytisch mitunter nicht ganz nachvollziehbar
gewichtet.
Kraushaar richtet sich sowohl gegen die Auffassung, die RAF sei aus dem
Niedergang der Studentenbewegung entstanden, als auch gegen die
Vereinnahmung Dutschkes
als Vorreiters der Grünen (basisdemokratisch, gewaltfrei...).
Beides wäre
ebenso lesenswert wie spannend (wenn auch wenig überraschend),
wären da nicht
die Mängel in der Kontextualisierung. Tatsächlich
nämlich geht es Kraushaar
anscheinend nicht in erster Linie darum, eine Sozial- und
Ideengeschichte der
1968er zu schreiben, sondern um den Nachweis, dass der Terror der RAF
im Kern
der Studentenbewegung vorgedacht worden ist. Diese Argumentation bleibt
aber
auf der Ebene des gewollt Plakativ-Sensationellen. Aber was ist denn
eigentlich
überraschend daran, dass Dutschke und andere 1966/67
überlegten, ob und wie der
Übergang „von der Waffe der Kritik zur Kritik der Waffen“ zu
bewerkstelligen
sei? Immerhin differenziert Kraushaar zwischen Dutschkes
Überlegungen und der Realität der RAF, deren
Gegner Dutschkes dann wurde. Er erklärt diese Gegnerschaft aber
nicht aus der
Unterschiedlichkeit der revolutionstheoretischen Auffassungen, sondern
aus
Dutschkes Biographie, insbesondere einem persönlichen Wandel nach
dem Attentat
auf ihn. Kraushaar betont nicht zu unrecht, dass das Konzept
Stadtguerilla sich
letzten Endes aus der Kritik des Alltagslebens (die er nicht
erwähnt) und den
avantgardistischen Gruppen, insbesondere dem Situationismus, herleiten
lässt.
Hier fehlt jedoch eine systematische Einbeziehung der Überlegungen
und Versuche
zu Militanz und Illegalität in den USA (Black Panthers, Weather
Underground)
und Europa (Brigate Rosse, Gauche Prolétarienne, später
Action Directe und,
stärker nationalistisch, IRA und INLA, um nur die wichtigsten zu
nennen). Da
Kraushaar darüber hinaus die soziokulturelle Situation der BRD wie
auch des
Westens insgesamt in den 1960ern unerwähnt lässt, wirken die
68er wie
selbstgerechte Wirrköpfe ohne Bezug zur Realität. Mehr noch
denunziert er
jegliche Versuche zu Widerstand gegen kapitalistische Zumutungen, die
„die
Negation der bestehenden Verhältnisse ... auch im ganzen
Lebensvollzug“ (K.H.
Roth) einfordern, als unmittelbare Vorgeschichte des 11. September.
Diese
Herleitung vollendet sich schließlich im Beitrag Reemtsmas.
Es verwundert
diejenigen, die die Entwicklung des HIS im
Verlaufe der verschiedenen Säuberungsphasen
verfolgt haben, nicht, dass
Reemtsma das Totalitarismus-Modell verwendet (wobei er sich – ganz
aufgeklärter
Ex-Linker – auf Hannah Arendt beruft statt auf Wolfgang Leonhardts
„Revolutionäre sind Reaktionäre“, von dem er seine Sichtweise
übernommen hat).
Reemtsma bemüht sich – neben nur halb überzeugenden
Bemerkungen zur paranoiden
Charakterstruktur Birgit Hogefelds (deren Ursachen ihn nicht weiter
interessieren) und immerhin nicht völlig Unzutreffendem (wenn auch
Banalem) zum
Verhältnis zwischen Mittel und Zweck – sehr stark pointiert vor
allem um
folgenden Nachweis: 1. Die Moderne ist zwar problematisch, aber
alternativlos.
2. Jede radikal kritische Gruppe ist antimodern und besteht 3. aus
Leuten, die
die bürgerliche Gesellschaft hassen, weil sie sich von ihr
überfordert fühlen.
Anders gesagt: Die RAF-Leute waren mental gestörte Looser, die es
im wirklichen
Leben zu nichts gebracht und nur aus diesem Grund die braven
Bürger um ihre
wohlverdiente Ruhe gebracht haben. Mehr noch: Nicht nur waren sie auf
Macht
aus, sie waren auch in der Lage, dem armen Staat ihre Bedingungen
vorzuschreiben – etwa indem sie vorzügliche Haftbedingungen
erreichten, diese
aber geheimgehalten wurden zugunsten des nicht verebbenden Vorwurfs der
„Weißen
Folter“. Es ist dabei bloß konsequent, dass weder der Umstand,
dass die RAF
zwischen 1973 und 1977 lediglich noch eine „Befreit die
Guerilla-Guerilla“
gewesen ist (und das Scheitern des Konzeptes damit offensichtlich
eingesehen
hatte) noch die Hinweise in Baaders Stammheimer Fragebogen, dass nach
Freilassung eine Einstellung der Aktionen erfolgen werde, auch nur
erwähnt
werden. Derlei Einsichtsfähigkeit passte nicht recht ins Bild des
antimodernen
Irrationalismus, das Reemtsma entwirft und Karin Wieland im zentralen
Aufsatz
des Bändchens auf die Spitze treibt,
Was das HIS
schließlich dabei geritten haben mag, Wielands
Erguss über Andreas Baader in eine sich wissenschaftlich
gebärdende Publikation
aufzunehmen, wissen die Götter: Nicht eine einzige ihrer immerhin
sehr
weitreichenden Erkenntnisse über Baader weist sie nach. Knapp
gefasst: Baader
war laut Wieland ein halt- und orientierungsloser Profilneurotiker und
Machtfanatiker mit ausgeprägtem Ödipus-Komplex, der „seine
Hochstaplerexistenz
in eine politische Mission“ verwandelte. Dies gelang, weil studentische
Wirrköpfe insbesondere weiblichen Geschlechts in ihm (und dies ist
einer der
wenigen interessanten Gedanken bei Wieland) den Repräsentanten
jener
unangepassten, zornigen Marginalisierten fanden, die sie kurz zuvor als
neues
revolutionäres Subjekt ausgemacht hatten. Oskar Negt, Anfang der
1970er
Professor für Soziologie in Hannover und Autor des ersten
Denunziationsaufrufs
gegen die RAF, schrieb in anderem Zusammenhang, aber durchaus passend:
Radikalität ist keine Sache des Willens, sondern der Erfahrung.
Die Brisanz
dieser Kombination wird Wieland aber nicht recht klar, zu sehr
verabscheut sie
– als gewollte Intellektuelle – die in der RAF übliche
„Gossensprache“ und
beunruhigt sie die von ihr immer wieder betonte sexualisierte
Virilität ihres
Studienobjektes. Natürlich ist Baader eine verstörende Figur
und für die
Entwicklung der RAF und ihres Primats der Praxis (sowie dessen fatalen
Folgen)
wesentlich. Die Geschichte der RAF aber in der Manier eines geistvoll
gemeinten, aber letzten Endes lediglich abgeschmackten und
halbpornographischen
Feuilletons abzufeiern, kann der Weisheit Schluss nicht sein.
JedeR, die sich
auch nur einigermaßen mit der Geschichte der
letzten 40 Jahre auskennt oder sie erlebt hat, wird einsehen, dass es
so nicht
geht. Weder wird das Problem der Macht als solcher thematisiert noch
werden die
angeblichen Vorzüge der (ebenso angeblich) alternativlosen Moderne
in Beziehung
gesetzt zur Kolonialgeschichte, zur Konditionierung und
Inwertsetzung immer
weiterer Lebensäußerungen und zu Krieg und Hunger. Ganz zu
schweigen von
Nationalsozialismus, Antisemitismus und Rassismus: Sie scheinen, ganz
wie in
der Historiographie der fünfziger Jahre, der Moderne nicht
anzugehören. Die
Studentenbewegung und ihre Folgen werden weder in einen internationalen
Zusammenhang noch in Beziehung zur sozialen, kulturellen und ideellen
Krise des
Nachkriegskapitalismus in Europa und den USA gesetzt: wie entstand die
Revolte
aus dem Widerspruch zwischen Wertekanon und alltäglicher
Realität? Und wieso
beginnt die Revolte (wieder einmal) nicht bei denen, die am meisten
unter den
Verhältnissen leiden, sondern bei den privilegierten und zur
Aufnahme in die
Machteliten qualifizierten Studierenden? Dass die 1968er Bewegung zu
einer
tiefgreifenden (und nicht immer beabsichtigten) Veränderung der
soziokulturellen
Gestalt der europäischen Gesellschaften geführt hat, ist
nicht einmal als
Ahnung vorhanden; dieser „Erfolg“ scheint den AutorInnen überhaupt
erst mit den
Grünen – und damit der Domestizierung des Widerspruchs – zu
beginnen.
Gleichwohl stellt sich die Frage, wieso solches Geschütz und
solcher Geifer
gegen eine bloße Beschäftigung mit der RAF aufgefahren wird:
Späte Rache
derjenigen, deren Selbstgefälligkeit und Heuchelei vor mehr als 30
Jahren
(nicht zum ersten und hoffentlich nicht zum letzten Mal) zur
Zielscheibe wurde?
Was macht ihnen da solche Angst? Wieso dieses Anrennen gegen eine
(natürlich
unzureichende) Geschichtsschreibung, die über die Behandlung von
Studentenbewegung und RAF Kritik an den Verhältnissen in der
frühen
Bundesrepublik und Maßregeln für eine kulturelle und
politische Reform zur
Bewältigung der Legitimations- und Verwertungskrise des
Spätimperialismus
sucht? Oder noch anders gefragt: Möglicherweise erklärt sich
die Welle der
RAF-Erinnerungsliteratur nach 1989 dadurch, dass man sich – nach dem
Sieg über
den realen Sozialismus – sicher wähnte. Ist der jetzige Eifer
Zeichen dafür,
dass man sich – zumindest schon mal in den heiligen Hallen ehemals
linksalternativer Wissenschaftlichkeit – bedroht fühlt?
Es wäre ein
Fehler, die Geschichte der Widerständigkeit
nach 1945 dem HIS zu überlassen – ebenso wie es fatal und dumm
wäre, in eine
Apologie der RAF zu verfallen und sich die Fragen über
Identitätspolitik,
Mittel- Zweck-Relationen und über Konstitutionsbedingungen von
Widerständigkeit
(einschließlich der Tendenz zu Antisemitismus) und ihre soziale
Basis und
Funktion, wie sie insbesondere Reemtsma andeutet, nicht zu stellen.
Dies
erfordert jedoch einen weitaus kritischeren und klareren Blick und
einen
weitaus größeren methodischen und analytischen Aufwand, als
das HIS zu leisten
in der Lage ist – kein Wunder, nachdem seit Jahrzehnten die jeweils
besten
Kräfte aus dem Institut gesäubert werden und die Generallinie
sich nun in der
undifferenzierten Identifizierung von Terror und
Antimoderne erschöpft.
Diese Arbeit wird eine Einzelperson überfordern, und die Restlinke
derzeit
ebenso. Aber es ist dringend erforderlich, mit ihrer Bearbeitung zu
beginnen.
Bis dahin bleibt K.-H. Roths Aufsatz „Über die historische
Bedeutung der RAF“
aus dem Jahre 1979 der mit Abstand beste Text zu diesem
Thema.
Dr. M.
Bibliographische Angaben:
Wolfgang
Kraushaar / Karin Wieland / Jan Philipp Reemtsma:
Rudi Dutschke, Andreas Baader und die RAF, Hamburg 2005, 142 S., 12
Euro.
Zur
Vorstellung des Terrors
Ausstellungsorte:
KW
KunstWerke Berlin
Institute
for Contemporary Art
Auguststraße
69, 10117 Berlin
bis
16. Mai 2005
St.
Johannes-Evangelist-Kirche
Auguststraße
90, 10117 Berlin
bis
27. März 2005
Öffnungszeiten:
Di
- So 12 - 19 Uhr, Do 12 - 21 Uhr
Kirche:
10. Januar - 20. Februar, 2005,
Di
- So 12 - 18 Uhr
Eintritt:
6 Euro, ermäßigt 4 Euro
www.terz.org - 23.02.2005