Immer
im Kreis – der
diesjährige
Akademierundgang
Einmal
im Jahr lädt die Düsseldorfer Kunstakademie zum
Akademierundgang, bei dem Schülerinnen und Schüler aller
Klassen ihre Arbeiten
zeigen. Wie immer war es auch in diesem Jahr proppevoll, auf den
Gängen
herrschte geschäftiges Gewusel, junge Menschen in seriösen
Rollkragenpullovern
oder vermeintlich nachlässig farbbekleckerten Sackos verteilten
Visitenkarten
und freuten sich über Besuch von FreundInnen, und im AstA-Keller
gab’s wieder
leckeres Sushi. – Und sonst?
Zwar ist man von
der Fülle der Arbeiten immer ein bisschen
erschlagen, aber ein paar bleiben dann doch im Gedächtnis
hängen. Da ist zum
Beispiel der „Pumpensumpf“ von Luka Fineisen: In einem mit Teichfolie
ausgekleideten Raum wabbert eine weiße, zähe
Flüssigkeit vor sich hin, aus der
immer wieder mit leisem Blubbern ein paar Blasen
aufsteigen.Obwohl der Raum
fast klinisch weiß und sauber aussieht, ist dieser künstlich
angelegte Sumpf
irgendwie unheimlich, und im Grunde ist man froh, dass die Gummistiefel
am
Eingang nicht wirklich zur Benutzung vorgesehen sind. Wer weiß,
ob da nicht
doch irgendwas Fieses drin sitzt… Versteckte Molche oder anderes Getier
sind
allerdings eher unwahrscheinlich, gibt doch der ausliegende Katalog
Aufschluss
darüber, dass es der Künstlerin unter anderem darum geht,
harmlose, leichte,
alltägliche Materialien bedrohlich zu inszenieren, und wie bei
einer
raumfüllenden Schauminstallation, deren Seifenblasen wie ein
monsterartiger
Blob aus dem Fenster wabbern, gelingt ihr das mit dieser Arbeit auch
ausgesprochen gut.
Ein paar
Räume weiter hat Anna Stöcker ein Kleid
ausgestellt, bunt, aus filzigem Material, mit langem, schleppenartigem
Saum.
Mode-Design auf den ersten Blick. Erst bei näherem Hinsehen
fällt auf, dass das
Kleidungsstück aus fragilen Stoffpüppchen gefertigt ist, und
zwar aus
standardisierten, barbiemäßigen Idealkörpern, denen der
Kopf fehlt. Das
Kleidungsstück, das üblicherweise als Zeichen von Style und
individuellem
Ausdruck gilt, wird damit zum Sinnbild der Anpassung des eigenen
Körpers an das
vorgegebene, normierte und eben überhaupt nicht individuelle
Schönheitsideal.
Um Stylefragen
geht es auch in dem Bilderzyklus „Moby Dick“
von Angelika J. Trojarski, der ein bisschen undankbar auf dem Gang
zwischen
zwei Räumen hängt. Man sieht einen dicken, bleichen Mann, der
keinen besonders
gesunden Eindruck macht, bei einem Arztbesuch. In diesem Fall liegt die
Tücke im
Detail: Das Schildchen am Rand fokussiert den Blick auf die wirklich
wichtigen
Dinge. „Uhr: G-Shock, Socken: Falke, Schuhe: Birkenstock“. Angelika
Trojarsky
geht es darum, die Verschiebung von Wertmaßstäben zu
thematisieren:
Kleinigkeiten, wie der Frage nach dem richtigen Klamottenlabel,
würde zu große
Bedeutung beigemessen, während die wirklich wichtigen und
eigentlich
augenfälligen Dinge (sprich: der Mann ist dick und krank)
verdrängt würden. Mir
hingegen fallen sofort all die dämlichen Modestrecken in ansonsten
von mir sehr
geschätzten Musikzeitschriften ein, bei denen das, was die gut
ausehenden
Menschen auf den aufwändig inszenierten Bildern alles treiben,
völlig egal ist,
solange der geneigte Leser sich das Kleingedruckte merkt: Jeans,
Diesel, 186 Euro.
Schade war, dass
Thomas Trinkls Arbeit „Peace! Now!“ der
kleinlichen Zensur durch Sicherheitsbedenken zum Opfer gefallen ist (im
Weltmaßstab ist man mit Kollateralschäden weniger
kleinlich…): Er hat in einem
Raum, an dessen Eingang Fotos von Fluglotsen und Technikern bei ihrer
Arbeit
auf Flugzeugträgern hängen, eine Tontaubenschießanlage
eingerichtet, die jedoch
gleich nach der ersten Inbetriebnahme still gelegt worden ist. So
zeugen
lediglich Tonscherben und ein Loch in der Wand von dem, was hier
möglich
gewesen wäre.
Und so geht es
weiter, Raum um Raum. Allerhand
Installationen, Zeichnungen, Gemälde, Skulpturen. Teils originell,
teils
handwerklich beeindruckend, insgesamt aber irgendwie auch wenig
überaschend.
Beate Seibel hat
einen Tisch gebaut und kleine
Wassergläschen in die Platte eingelassen, in denen gepflückte
Blumen aus dem
Düsseldorfer Stadtgebiet stehen. Es drängt sich der Eindruck
auf, als böte sich
hier die Gelegenheit – wenn auch in abstrahierter Form – eine Wiese von
unten
anzusehen, aber wer das glaubt, ist reingefallen, denn von unten sehen
gepflückte Blumen eben doch nur wie abgerissene Pflanzen in
Wassergläsern aus.
Lea Lenhards Bilder stechen vor allem wegen ihres ungewöhnlichen
Materials
heraus: Aus kleinsten, aufgefädelten Perlen werden Pflanzen und
Insekten
zusammengesetzt, was vor allem bei den Bildern zweier Käfer
beeindruckende
Oberflächenstrukturen schafft, die den grellbunten Panzern solcher
Krabbeltiere
ziemlich ähnlich sind. Und eine ausgesprochen charmante Arbeit ist
die Installation
Anne-Katrin Puchners: Auf einer kreisrunden Spiegelfläche tanzen
motorbetriebene Lampenschirme umeinander und kreiseln um sich selbst:
Tanzende
Röckchen, denen die Trägerin abhanden gekommen ist.
Bedauerlich ist
allerdings, dass sich nach der Odysse durch
die vielen Gänge der Eindruck einstellt, dass das Leben da
draußen am
Elfenbeinturm Kunstakademie größtenteils vorbei zieht. In
der Wahl ihrer
Referenzen bleiben die meisten Arbeiten den klassischen Genres und
Themen
verhaftet, oft sieht man die LehrerInnen und Vorbilder in der Werken:
ein
bisschen Immendorf, ein wenig Bacon, eine kleine Hommage an Struth.
Eine
Auseinandersetzung mit weniger klassischen Formen künstlerischer
Praxis findet
nicht statt. Das ist bemerkenswert, denn die neunziger Jahre, in denen
das
Schlagwort von der Kontextkunst auch im etablierten Kunstbetrieb
gängig und
nach Wegen gesucht wurde, gesellschaftliche, politische,
ökonomische…
Rahmenbedingungen künstlerischen Arbeitens zu reflektieren, sind
so lang ja nun
auch nicht her. Selbst das Projekt „kunst. kontext. campus“, das in
Zusammenarbeit mit Kunstgeschichtsstudierenden der
Heinrich-Heine-Uni
realisiert wurde, geht über Entwürfe eher klassisch
ortsspezifischer Skulptur
kaum hinaus. Der Kontext Hochschule bleibt abstrakt, konkrete Kontexte,
wie zum
Beispiel die Frage danach, wie die Reformen der letzten Jahre die
Möglichkeit
von Forschung und Wissenschaft radikal verändert haben, scheinen
für eine
Bearbeitung mit künstlerischen Methoden zu banal zu sein.
Über Joseph Beuys,
der an dieser Akademie einmal unterichtet hat, ist in dieser Zeitung zu
recht
schon manch kritisches Wort verloren worden, eines aber war ihm ein
dringendes
Anliegen: Eine ernstzunehmende Verbindung von Kunst und Leben. Diese
akademische Tradition scheint zum
größten Teil verloren gegangen zu sein, und so kreiselt die
Kunst in
Düsseldorf auch in diesem Jahr weitgehend um sich selbst.
www.terz.org - 23.02.2005