Wettglück
muss kein Zufall sein
so blödelte Harald Schmidt vor
einigen Wochen im Ersten. Wen
die Wettleidenschaft ergriffen hat, begnügt sich nicht damit, dem
Zufall
ausgeliefert zu sein. Er schließt sich Spielgemeinschaften an,
studiert die
Permanenzen, spielt mit gezinkten Karten oder manipuliert den
Roulette-Tisch.
Besonders
clevere Spieler verlieren ihr Geld nicht in der
Wetthalle, sondern vermehren dasselbe an der Börse. Dabei gehen
sie nicht
großartig anders vor als der ordinäre Zocker. In den
einschlägigen Zeitungen
finden sie Hinweise, mit denen sie das Börsenverhalten der
Mit-Aktionäre deuten
wollen. Kaufen, wenn der vermeintliche Niedrigstand der Aktie erreicht
ist,
verkaufen, wenn „Gewinnmitnahme“ angesagt ist. Im Unterschied zum
Wettspiel
sind an der Börse auf lange Sicht die Gewinne garantiert, denn
eine
kapitalistische Ökonomie und der Staat gewährleisten im
Rahmen ihrer
Möglichkeiten das Wachstum der Wirtschaft.
In
unserer Gesellschaft macht der Einsatz von Geld nur dann
einen Sinn, wenn nachher mehr Geld herausspringt. Das haben auch die
Manipulateure der Fußballwetten begriffen. Wie gewissenhafte
Geschäftsleute
wollen sie nichts dem Zufall überlassen und ihr Geld
verantwortlich einsetzen.
So sind Investitionen in Schiedsrichter, Spieler und sonstige Personen
oder
Institutionen in diesem Milieu gut angelegtes Geld.
Woher
also die ganze Aufregung? Was unterscheidet die
„kroatische Mafia“ von ehrenwerten Geschäftsleuten? Diesen Fragen
wollen wir
nun nachgehen.
Eine politökonomische
Betrachtung
Die Voraussetzung des Spiels besteht darin, dass zwei
Mannschaften unter gleichen Bedingungen aufeinander treffen und sich
einer
übergeordneten Gewalt, dem neutralen Schiedsrichter, unterordnen.
Dabei werden die
Spiele bezahlter Mannschaften in der Regel
zwar auf dem Fußballfeld entschieden, aber die Spielstärke,
und so die
Wahrscheinlichkeit eines Sieges oder einer Niederlage, hängt von
der
Finanzierung des Vereins, der Güte Spieler, der Qualität des
Trainers,
Fanarbeit, etc. ab. Jeder Verein investiert im Rahmen seiner
Möglichkeiten, und
wird die Kapitaldecke zu dünn, befreit man sich von den Fesseln
und gründet
eine Aktiengesellschaft.
So entspricht
der bezahlte Fußballsport der Realität der
kapitalistischen Gesellschaft und ist zugleich ein verzerrtes
Spiegelbild. Denn
einerseits überlässt auch der Unternehmer - ähnlich wie
der Fußballmanager -
nichts dem „Zufall“ des Marktes, sondern versucht durch
Rationalisierung in
seinem Betrieb, den Einsatz eines Heers von Betriebswirten,
Kapitaleinsatz,
Werbung etc. seine Chancen auf dem Markt zu verbessern. Letztlich
stellt sich
der Erfolg ein, falls seine Konkurrenten nicht noch besser gearbeitet
haben und
von Seiten des Staates regelgerechte Wettbewerbsbedingungen garantiert
sind.
Andererseits hat
der Gebrauchswert des Produktes des
bezahlten Fußballs einen eigentümlichen Charakter. Es ist
der Erfolg des
siegreichen Vereins, der als Ware über die Theke gereicht wird.
Aber bei der
Niederlage seiner Mannschaft gibt es die Eintrittsgelder oder die
Fernsehgebühren nicht zurück. Die virtuelle Teilhabe an der
Konkurrenz der
Sportler wird als Unterhaltung dem Zuschauer oder Fan verkauft. Dabei
darf sich
der zahlende Gast eines Fußballspiels einbilden, durch sein
Geschrei, seine
Spruchbänder oder Mäkelei Einfluss nehmen zu können auf
das Spielverhalten
seiner Mannschaft.
Der Ohnmacht im
Alltag, sich von oben alles gefallen lassen
zu müssen, wird der Fan scheinbar für ca. 90 Minuten im Spiel
enthoben.
Tatsächlich hat der Einspruch des Volkes, vermittelt über die
Bild-Zeitung,
Einfluss auf die Entscheidungen der Macher im
Fußballgeschäft. So mancher
Trainer wurde geschasst, Spieler gefeuert oder Vorstand ausgewechselt,
wenn des
Volkes Stimme darauf bestand.
Die Gleichheit
auf dem Spielfeld, die natürlich absieht von
der Ungleichheit der Vorbedingungen, wird durch die Bestechung des
Schiedsrichters unterminiert. Die Gewalt, die für ein „faires“
Aufeinandertreffen der Mannschaften sorgen soll, hat den Ausgang des
Treffens
schon vorab entschieden.
Im
alltäglichen kapitalistischen Alltag gehört so etwas eher
zu den lässlichen Sünden. Preisabsprachen, Politiker auf den
Lohnlisten der Großunternehmer
widersprechen zwar den Prinzipien der freien Marktwirtschaft und werden
verurteilt, haben aber nicht die Relevanz wie ein gleichartiges
Vorgehen im
Sport. Der bestochene Schiedsrichter vernichtet den Gebrauchswert der
Ware
Sport und damit auch gleichzeitig seinen Tauschwert, so dass der Sport
als
Geschäftsmittel nicht mehr taugt. Das ist der Inhalt des Skandals
– ganz
abgesehen davon, dass die volksgemeinschaftsstiftende Wirkung des
Sports flöten
geht.
Wie drückt
es so schön Spiegel-Leser Rafael Vogt im Spiegel
Online Forum am 3. Februar aus: „Ich frage mich die letzten Tage: Was
soll die
ganze Aufregung um Ehrenkodex, Anstand, Ehrlichkeit, Moral ....?
Nehmt den vielen Fußballfans doch nur ihr
Geld und zerstört NICHT ihre Träume. Denn an zerplatzten
Illusionen können
Menschen zerbrechen. Alles andere werden sie verzeihen!“
www.terz.org - 23.02.2005