Schwarze Konten,
braune Sprüche
Nach dem Koch-Rezept "Mit Rassismus auf Stimmenfang" will Jürgen
Rüttgers jetzt in NRW punkten und die CDU aus der Skandal-Ecke holen
Reim' dich, sonst schlag' ich dich! "Kinder statt Inder an die Computer",
forderte der oberste Wahlkampfdichter der CDU in NRW, Jürgen Rüttgers,
wider das Vorhaben der Bundesregierung, bis zu 20.000 Computerspezialisten
aus dem Ausland eine Arbeitserlaubnis zu erteilen, um den Fachkräftemangel
der Branche zu beheben. Es sei falsch, meinte Rüttgers, im Ausland
anzuwerben, statt in Deutschland auszubilden. (FAZ 14.03.00) Die Green
Card für indische Computerexperten sei Ausweis einer Politik, die
an den Interessen der kleinen Leute vorbeigehe. (Rheinische Post 17.03.00)
Dem Beispiel seines hessischen Parteikollegen Roland Koch folgend, versucht
Rüttgers nunmehr die Landtagswahl in NRW doch noch zu gewinnen, indem
er für seine spendenskandalgeschädigte Partei die ewigen rassistischen
Ressentiments der Deutschen mobilisiert. Zwar findet Rüttgers nicht
unbedingt die Zustimmung der Bürgerpresse, die, den Hightechpersonalmangel
ihrer Anzeigenkunden aus der Computerbranche gleich mitdenkend, von "falschem
Protest" schreibt (Bild 14.03.00), von "Hilflosigkeit der CDU"
(FAZ 14.03.00) oder gar sich über Rüttgers "blaue Kinder"
lustig macht, "die schon mit drei wissen, was ein Mausklick ist"
(Spiegel 11/00) - jedoch die jüngste Angst der deutschen Volksseele
vor dem "Computer-Inder" dürfte Rüttgers mit seiner
Parole bedient haben. Jedenfalls schreiben die Leser den gleichen bescheuerten
Stuß an ihre Zeitungen. Rheinische Post Leser Martin Rausch: "Erst
... Abbau von Ausbildungsplätzen" und dann "den ... Mangel
irgendwo anders decken". Astrit Trajkov meint, "auch Arbeitgeber
haben Kinder ... die nicht als 'Dr. Arbeitslos' enden möchten!"
(16.03.00) Und Bild-Leser Peter Seibel halluziniert: "Unser Sohn
... Software-Entwickler ... jetzt sofort ... Zivildienst ... Danach ...
arbeitslos. Wieder eine freie Stelle für einen 'Computer-Inder'."
Inder-Schutz
Schon sind die Gewerkschaften des schaffenden deutschen Arbeitsmannes
schützend zur Stelle und fordern, das "vorhandene Potenzial"
zu nutzen. (ver.di.) Zwar sei der DGB, so die stellv. Vors. Engelen-Kefer,
nicht generell gegen die Green Card, zunächst müßten aber
deutsche Fachkräfte verwendet werden. (FAZ 14.03.00) Die Haider-Freunde
von der CSU drücken das Gleiche nur deutlicher aus, beklagt doch
Edmund Stoiber schon lange die "Durchrassung" der Gesellschaft.
Prompt ruderte die Bundesregierung zurück. Computer-Inder kriege
nur wer auch selber ausbilde, die Green Card sei anders als in Amerika
auf 3-5 Jahre befristet, zunächst würden nur 10.000 genehmigt,
und dann werde man weitersehen. Auch erhalten hier geborene Computer-Inder-Kinder
- wiederum anders als in Amerika - natürlich nicht die Staatsangehörigkeit.
Ein Einwanderungsgesetz wie in den USA sei "nicht dringlich",
sagte SPD-Generalsekretär Müntefering. So hat das deutsche Kapital
ein Problem: Ausbildung hin oder her, es fehlen ihm laut FAZ akut 75.000
Computerfachkräfte, Bild glaubt 80.000, Bildungsministerin Bulmahn
meint bis zu 100.000. BDI-Boss Henkel sagt, in 3 Jahren fehlten 300.000
in der ganzen Industrie, und die UNO schätzt, daß Deutschland
aus wirtschaftlichen Gründen jährlich 500.000 ImmigrantInnen
benötige. Um dies durchzusetzen, müßte das deutsche Kapital
wider die Volksgemeinschaft die Durchrassung der Gesellschaft betreiben.
Protest auf Deutsch
Doch "Mangel an Zivilcourage", meinte die amerikanische Philosophin
Hannah Arendt, sei das konstitutive Moment der deutschen Bürger-Nation.
Immer schon haben die hiesigen BürgerInnen ihre wirtschaftlichen
Notwendigkeiten nicht revolutionär, sondern reaktionär durchgesetzt.
"Was der Adel am Bürgertum auszusetzen beliebte", nämlich
"die angeborene Neigung zum Geschäftemachen", (Arendt)
konterten z.B. die Stahlkapitalisten, anstatt dem Adel die Guillotine
anzubieten, mit ihrem Engagement für den deutschen Flottenverein
zum militärischen Wohle des Vaterlandes. Schon die RuhrgebietsarbeiterInnen,
die man aus Polen hatte einwandern lassen müssen, wurden, statt mit
ihnen zusammen gegen Kaiser und Adel das individuelle Bürgerrecht
zu erkämpfen, so erfolgreich in den Volkskörper integriert,
daß unter den Nazis Ernst Kuzorra und Fritz Szepan Nationalhelden
werden konnten, so wie eben jetzt das frühere "Türkenkind"
Mehmet Scholl vom FC Bayern. Marx bezeichnete den Kapitalisten in seinem
Hauptwerk als "personifiziertes Kapital. Seine Seele ist die Kapitalseele".
Das ist bezogen auf die deutschen Kapitalisten nur die halbe Wahrheit.
Die schwache deutsche Kapitalseele bedarf des Friedens mit der Volksseele.
Und genau deshalb auch argumentiert eine Hamburger Bürgerzeitung,
Die Zeit: "Einwanderer dienen dem nationalen Interesse". Genau
deshalb auch argumentiert Industriepräsident Henkel, einer "Industrienation"
wie Deutschland seien "Sprüche" wie Kinder statt Inder
"unwürdig". (Rheinische Post 21.3.00) Doch auf diesen Trick
wollen die Volksgenossen nicht reinfallen. Und weil der "Genosse
der Bosse" Gerhard Schröder, zugleich auch Volksgenosse ist,
ist halt nichts mit 300.000 Einwanderern, die der Bundesverband der Deutschen
Industrie verlangt.
"Anwerberstoppausnahmeverordnung"
"Kanzler läßt Bosse abblitzen", titelte die Westdeutsche
Zeitung am 22.3.00.
Mangel an Zivilcourage "nach allen Seiten", so lautete Hannah
Arendts Satz zur Charakterisierung der deutschen Bürger vollständig.
Der Rassist in Amerika sagt: Ich bin Rassist! Ich will die Rassentrennung!
Der deutsche Rassist Jürgen Rüttgers dagegen sagt, er sei kein
Rassist, aber Kinder statt Inder sei richtig, weil es "unmoralisch
(ist), aus der dritten Welt die Eliten abzuziehen". Dies sei "ausländerfeindliche
Politik und nicht umgekehrt." (Bild 10.03.00) Der Rassismus entstand
aus einem Überlegenheitsgefühl, der deutsche Rassismus dagegen
aus einem Unterlegenheitsgefühl, aus dem Minderwertigkeitskomplex
der historisch Zuspätgekommenen, aus Mangel an Courage. U.a. dies
ist es, was den deutschen Rassismus so gefährlich macht, u.a. das
ist es, was ihn zum Vernichtungsrassismus werden ließ. Der überlegene
Rassist braucht die niedere Rasse zu seiner Vergewisserung. Der Minderwertigkeitsrassismus
der Deutschen dagegen schlägt blind um sich und kann die überlegen
Gedachten auch dann nicht dulden, wenn sie ihm ökonomisch nützlich
sind, die Juden bekanntlich noch nicht einmal als Arbeitssklaven oder
als Kanonenfutter. Im Lande der Verwaltungsmassenmörder heißt
die Einwanderung von 20.000 Menschen im übrigen "Anwerbestoppausnahmeverordnung".
Carl Zeland
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