Endsieg der Verdränger?
Nicht bloß Historikerstreit, sondern zugleich richtigen Gesellschaftsstreit
gab es um die Ausstellung "Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht
1941 - 1944". Mit dem sog. "Bilderstreit" hat die große
Koalition derer wieder Auftrieb bekommen, die "die Ehre unserer Großväter"
hochzuhalten bestrebt ist.
Auch in Düsseldorf tut die CDU alles, um die Präsentation der
Ausstellung in "unserer Stadt" zu unterbinden.
Auf der Tagesordnung stand schon seit Beschluß des Ältestenrates
der Stadt die Frage, wann nun auch die Düsseldorfer BürgerInnenschaft
die Möglichkeit erhält, sich selbst ein Bild von der Ausstellung
machen zu können.
Allerdings war es das Kommunalwahlergebnis, das diese eigentlich schon
fest geplante Präsentation der Ausstellung verhinderte. Am 25.11.99
vereitelte die CDU bei einer Ratsabstimmung mit hauchdünner Mehrheit
das Vorhaben, die Ausstellung "Vernichtungskrieg" in der Landeshauptstadt
zu präsentieren. Die vorläufige Ablehnung konnte nur dadurch
zustandekommen, dass die CDU sich der Stimme des rechtsradikalen "Republikaner"-Mitglieds
im Rat bediente, um das öffentlich breit bekundete Anliegen zur Ausstellungspräsentation
unterbinden zu können. Es ist kein zufälliges Übereinstimmen
von schwarz und braun in dieser Frage, sondern ein erklärtes Ziel
des christdemokratischen Oberbürgermeisters Erwin gewesen, sich auch
im Rechtsaußen-Lager mit seiner Ablehnung der Ausstellungspräsentation
stark zu machen. Dies bewies der OB schon am Kommunalwahltag am 12.9.99
in einer Rede zum "Tag der Heimat". Vor angebraunten Heimattruppen
wie dem "Kuratorium unteilbares Deutschland" und der "Jungen
Landsmannschaft Ostpreußen" verkündete der CDU-Rechtsaußen
stolz: "Bisher haben wir im Ältestenrat verhindern können,
daß die Ausstellung nach Düsseldorf kommt, denn ich meine:
Es muß nicht wieder versucht werden, nun noch unbedingt auch noch
denjenigen, die als Soldaten gekämpft haben, ein besonderes Etikett
anzuheften, bloß weil es chic und modern ist."
Angesichts solcher Auftritte ist es nicht verwunderlich, daß bei
der CDU in Ratsabstimmungen jegliche Schamgrenzen im Kungeln mit den REPs
fallen. Aber was ist es nun eigentlich, was bei der Ausstellung die deutsche
Volksseele so hochkochen lässt?
Die Bilder der Großväter
In der vom Hamburger Institut für Sozialforschung erstellten und
in vielen Städten präsentierten Ausstellung wurden insgesamt
1433 Fotos gezeigt, die Verbrechen der deutschen Wehrmacht illustrieren
und dokumentieren. Über diese Bilder wird die Tatsache veranschaulicht,
daß die Wehrmacht struktureller Teil der nationalsozialistischen
Vernichtungspraxis gewesen ist. Ohne Wehrmacht kein Holocaust, ohne massenhafte
ideologische Zustimmung der Soldaten kein Massenmord an sowjetischen Kriegsgefangenen
und an der Zivilbevölkerung, kein Rassen- und Vernichtungskrieg.
So erwiesen diese Tatsachen sind, so heftig erschüttern sie auch
noch ein halbes Jahrhundert später das deutsche Selbstbewußtsein.
"Alles, was man über die Wehrmacht sagt, sagt man über
die deutsche Gesellschaft", kommentierte jüngst der Historiker
Omer Bartov den Grund der Auseinandersetzung um die Ausstellung. Bartov
ist Mitglied der Historikerkommission zur Überarbeitung der Ausstellung
des Hamburger Instituts für Sozialforschung. Auch der israelische
Botschafter A. Primor wurde deutlich. Er sprach bei einer Ausstellungseröffnung
1998 in Aachen die deutschen Verdrän-gungs-leistungen an: "Die
in Deutschland lange Jahre benutzte Definition: 'Verbrechen, die während
der Nazi-Zeit im Namen der Deutschen verübt wurden', haben wir mit
großer Verblüffung hingenommen. Was sollte damit gesagt werden?
Daß im Namen der Deutschen oder im Namen des deutschen Volkes diese
Verbrechen etwa von Söldnern begangen wurden?" Genau dies war
jedoch die Losung der bundesdeutschen NS- "Aufarbeitung": Hitler
wurde zum Betriebsunfall des deutschen Selbstfindungsprozesses erkoren,
zum Verführer, der "die Deutschen ins Unglück" gestürzt
habe. Besonders die deutsche Wehrmacht als größte Organisation
des "Dritten Reiches" mußte nach dieser Verdrängungslogik
als "Opfer" nationalsozialistischer Kriegspolitik dargestellt
werden. Denn das Eingeständnis der aktiven Überzeugungstäterschaft
der Wehrmacht demaskiert zwangsläufig die komplette Geschichts-legende
eines "hintergangenen deutschen Volkes". Die über dreieinhalb
Millionen gewöhnlichen Deutschen beispielsweise, die im Zuge des
"Unternehmen Barbarossa" zum NS-Vernichtungszug gegen die sowjietischen
"Untermenschen" auszogen, waren jedoch keine "Opfer",
sondern aktiver Teil der NS-Mordmaschinerie. Die Ausstellung zeigte eben
auch selbstgeschossene Fotos dieser gewöhnlichen Deutschen, mit denen
sie sich ihrer Morde und Quälereien brüsten, wie sie in Briefen
stolz ihrem eliminatorischen Antisemitismus und ihrem persönlichen
Vernichtungswillen Ausdruck verleihen. Daß genau diese Deutschen
ihre Reise durch die deutschen Ausstellungsorte angetreten haben, hat
das herrschende deutsche Geschichtsbild so durcheinander gebracht.
Aufstand des deutschen Gewissens
Noch nie hat eine Ausstellung zur NS-Geschichte einen annähernd
vergleichbare Resonanz in Deutschland erhalten. Dies ist jedoch nicht
etwa völlig neu dokumentierten Inhalten geschuldet, sondern vielmehr
der politischen Reaktion auf die Dokumentation geschichtlicher Fakten.
Damit wurde die Ausstellung zugleich zu einer unfreiwilligen Dokumentation
des deutschen Geschichtsverständnisses zum Ausgang des zwanzigsten
Jahrhunderts. Der wachsende Aufstand des "deutschen Gewissens"
erreichte 1997 in München bei einem Massenaufmarsch einer großen
Koalition aus Neonazis, CSU-Spitzenpolitikern, alten und neuen Bundeswehrmachtsangehörigen
und anderen aufrechten Deutschen gegen die Ausstellung seinen erstmaligen
Höhepunkt. Weil nicht sein darf, was alle Welt außer den Deutschen
weiß, offenbarte sich dieser Aufschrei des Verdrängens in jedem
Austellungsort durch Aufmärsche auf der Straße und machte auch
vor Bombendrohungen und Brandsätzen nicht halt. "Ich spucke
nicht auf das Grab meines Vaters", presste z.B. der Düsseldorfer
Generalmajor Gert Gudera am 6.11.99 hasserfüllt heraus. Der Befehlshaber
der in Düsseldorf stationierten 7. Panzerdivision bezeichnete die
Ausstellung bei einer Grußansprache des Heeresmusikkorps als "infam".
Die Soldaten seien damals "politisch mißbraucht worden",
so die Verteidigung des Generalmajors zur Ehrenrettung seiner Vorläuferorganisation.
Durch die vorläufige Schließung der Ausstellung scheint nun
die Ehre der Mörder in Uniform wiederhergestellt zu sein. Was war
geschehen? Ausgelöst durch einen Aufsatz des polnisch-deutschen Historikers
Musial entfaltete sich der späte Sieg einer beispiellosen Hetzkampagne.
Musial machte in einer Historikerzeitschrift darauf aufmerksam, daß
Bilder der Ausstellung falsch zugeordnet sind und zum Teil Verbrechen
des sowjetischen Geheimdienst NKWD zeigen. Nun ist die Tatsache, daß
der NKDW im Juni 1941 beim Rückzug der Roten Armee auch Massaker
- hauptsächlich an ukrainischen Nationalisten - verübte, nicht
gerade neu. Schon die Nazis nutzten dies damals zur Rechtfertigung so
genannter "Vergeltungsmaßnahmen". Die Erschießungen
wurden von Nazi-Deutschland quasi zur Legitimierung des Vernichtungsfeldzuges
im Osten benutzt. Auf das gleiche Argumentationsniveau begeben sich nun
jene Kritiker, welche die Wehrmachtsverbrechen durch verquere Vergleiche
mit "dem Kriegsverhalten der anderen Armeen" - so beispielsweise
der ungarische Ausstellungskritiker Ungvary - zu relativieren bestrebt
sind. In einem Interview mit der Fascho-Postille "Junge Freiheit"
offenbart der Historiker Ungarvy die Motive seiner Kritik: " Das
hat mich eigentlich am meisten geärgert - immer dieser deutsche Hang
zur Singularität, der vor 1945 als 'positiver'und nach 1945 als 'negativer'
Nationalismus funktioniert." Die Sicherung des nationalen Selbstwertgefühls
beinhaltet zwangsläufig die Negierung von nationalkollektiven Verbrechen.
Der "Deutschlandfunk" fühlte sich wohl aus solchen Anliegen
heraus gemüßigt, den Ausstellungskritiker Ungary betonen zu
lassen, daß "die Wehrmacht als Organisation im Ausland als
eine der diszipliniertesten Organisationen bekannt ist. Kein harmloser
Mensch" sei der Ausstellungsleiter Hannes Heer, weiß beispielsweise
Horst Möller vom Münchner Institut für Zeitgeschichte in
diesem Zusammenhang zu berichten und drückt damit aus, was die deutsche
Volksseele so zum Kochen bringt: "Vaterlandsverräter" seien
die Ausstellungsmacher; so formuliert es der Mob der deutschen Volksgemeinschaft
offen bei Protesten gegen die Ausstellung auf der Straße. Deshalb
kam der "Bilderstreit" so gelegen für die Geschichts-Verdränger:
War die Neonazi-Parole von der "Auschwitz-Lüge" in der
BRD bisher noch orginäres Kennzeichen faschistischen Selbst-Outings,
so kann die Neonazi-Parole von der "Wehrmachts-Lüge" im
Deutsch-land der Jahr-tausendwende ihre Reise quer durch die Medien antreten.
Obwohl die wenigen ärgerlichen Bildzuordnungsfehler nicht im geringsten
die Grundaussagen der Ausstellung in-frage stellen, wurde nun genau dies
behauptet: Die "pauschale und einseitige Verurteilung der Wehrmacht"
durch die Ausstellung sei nun durch den Nachweis falscher Bildzuordnungen
dokumentiert, hieß es quer durch die deutschen Feuilletons; "Sauber,
tapfer und anständig" wird die Wehrmacht von dem Nazi-Mob sowie
gehäuft von Vertriebenen-Verbänden, Bundeswehr-Sprechern sowie
diversen Medien genannt. Rein logisch betrachtet, erschließt sich
aus neun falschen Bildzuordnungen zwar nicht eine einzige Relativierung
deutscher Wehrmachtsverbrechen, aber trotzdem sind die Ausstellungsmacher
nicht ganz unschuldig an dem hämischen Siegesgeheul der NS-Verharmloser.
"Vaterlandsverräter"?
Das Einknicken des Hamburger Instituts für Sozialforschung (HIS)
vor der politisch motivierten Kritik an der erfolgreichen Ausstellung
war unnötig und vor allem politisch fatal. Die Korrektur von ein
paar Bildunterschriften und die gleichzeitige Integration der Diskussion
in eine weiter laufende Präsentation der Ausstellung wäre sicherlich
der bessere und auch gangbare Weg gewesen. Daß die Ausstellung zur
Überarbeitung vorläufig geschlossen wurde, hat politische Gründe,
die auch bei den Ausstellern selber zu suchen sind. Denn das HIS selbst
vertritt einen totalitarismustheoretischen Ansatz, der die nationalsozialistischen
Verbrechen in den Kontext der so benannten "exemplarischen Trias"
Auschwitz, Gulag und Hiroshima zu stellen bestrebt ist. Die allgemein
als "Wehrmachtsausstellung" bekannte Wanderausstellung war anfänglich
nur ein Nebenprodukt des "Projekt 1995. Zivilisation und Barbarei,
Zwischenbilanzen zu einer Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts."
Also doch Auschwitz und Gulag als die gleiche Barbarei und die neue Weltmacht
Deutschland als kriegsberechtigter Zivilisations-Engel? Institutsleiter
Reemtsma erklärte bedauernd: "Das Schicksal dieser Ausstellung
ist ihre öffentliche Aneignung. Die hat dazu geführt, daß
vieles, was Wirkung der Ausstellung ist, uns als Intension angerechnet
wird." Um den Verdacht des Vaterlandsverrats weiter zu entkräften,
hatte Reemtsma zudem vor, bei der geplanten Präsentation der Ausstellung
in New York das große Eiserne Kreuz als zentraler Installation der
Ausstellung entfernen zu lassen - das hätte dem Ruf der Wehr-machts-nachfolge-Organisation
schließlich schaden können. Auch der Ausstel-lungs-leiter Heer
schwang sich beim ersten deutschen Angriffskrieg seit 1945 zum Vaterlandsverteidiger
auf: " Ich bin ein Interventionsbefür-worter" beeilte er
sich zur Bekräftigung seiner staats-tragenden Haltung zu bekunden.
Ganz zu Unrecht schrien also die diversen Bundeswehr-Sprecher gegen eine
angeblich pauschale Verunglimpfung von deutschen Uni-formträgern.
Der Unterschied ist lediglich, daß die Wehrmachtsnachfolger trotzig
fordeten, trotz Auschwitz wieder Jugoslawien bombardieren zu dürfen
und die rot/grüne Regierung die Infamie besaß, zu behaupten,
es wegen Aus-chwitz tun zu müssen.
Schon im Historikerstreit wurde die These aufgeworfen, daß das NS-Regime
die Kopie des sowjetischen Orginals sei. Ein deutsches Institut, das sich
von diesen Relativierungen nicht eindeutig abgrenzt, kann sich auch schwerlich
von der Kritik an angeblicher "Einseitigkeit" der Ausstellungsthesen
abgrenzen.
Die Ausstellung nach Düsseldorf!
Trotz notwendiger Kritik von links an der wissenschaftspolitischen Ausrichtung
des HSI ist anzuerkennen, daß die sog. "Wehrmachtsausstellung"
einen entscheidenden Beitrag zur Auseinandersetzung mit dem nationalsozialistischen
Vernichtungskrieg geleistet hat; ein bis dato unbekanntes Phänomen
bei historischen Ausstellungen. Gerade weil sich hierdurch die traurige
Realität offenbart hat, wie tief der Mythos des "anständigen"
NS-Soldaten fünfundfünfzig Jahre nach Kriegsende noch in deutschen
Seelen verwurzelt ist, muß diese Auseinandersetzung weiterhin öffentlich
geführt werden. Die Ausstellung hat in jedem Ausstellungsort zu öffentlichen
Diskussionen, zu begleitenden Programmen und zum Anstoß zur Auseinandersetzung
mit der Geschichte geführt. Nachdem die Ausstellung in 33 Städten
präsentiert und von fast einer Million Interessierter besucht wurde,
ist also zu fragen, was die neue Düsseldorfer Ratsmehrheit legitimiert,
sie der BürgerInnenschaft vorzuenthalten. Deshalb hat sich der der
lokale Initiativkreis "Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht
1941-1944" gegründet, der sich auch nach dem skandalösen
Ratsbeschluß für die Präsentation der Ausstellung in der
Landeshauptstadt einsetzt. Der Initiativkreis umfasst nicht nur ein breites
Bündnis von namhaften Einrichtungen, Organisationen und Düsseldorfer
Persönlichkeiten, sondern er ist zudem bestrebt, die Auseinandersetzung
um die Ausstellung öffentlich zu führen. Um dies zu ermöglichen,
plant er mehrere öffentliche Veranstaltungen. Der Auftakt hierzu
findet am 13.4. im Bach-Saal der Johannes-Kirche statt. Dort werden auf
Einladung des Initiativkreises prominente Fachleute über die Debatte
um die Ausstellung diskutieren. So wird die öffentliche Diskussion
um die Ausstellung nun in zivilgesellschaftlicher Eigeninitiative entfaltet
- ganz basisdemokratisch und ohne "Manager"...
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