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Wir kneten ein KZ
Die Zeitschrift "Konkret" zeichnet sich dadurch aus, daß
sie jenseits von sonstwie gearteten identitätsstiftenden Rücksichtsnahmen
frontal Stellung bezieht gegen die deutsche Volksgemeinschaft. In der
Neuerscheinung der "konkret texte" finden wir deshalb fundierte
und scharf formulierte Analysen zu den aktuell tragenden Debatten zur
Entsorgung und Verklärung der verbrecherischen Geschichte dieses,
unseres Landes. Im Zentrum der Kritik steht die perfide Benutzung des
deutschen Menschheitsverbrechens Auschwitz für die Rechtfertigung
des aktuellen deutschen Normalisierungswahns. Joachim Rohloff zeichnet
anhand der Walser-Debatte nach, wie die Entsorgung von Auschwitz zum neuen
deutschen Selbstverständnis gebraucht wird, das nun ohne Scham wieder
Krieg führen kann.
Ausführlich und detailliert beschreibt Günther Jacob die Auseinandersetzung
um die Ausstellung "Verbrechen der Wehrmacht" und beleuchtet
dabei zugleich scharfsinnig die Verfangenheit der Ausstellungsmacher selbst
in den aggressiv sich artikulierenden Normalisierungsdiskurs. Wer sich
mit dem Diskurs um die Ausstellung auseinandersetzen will, erhält
hier Fakten und Kritikansätze, die in der bisher groß gelaufenen
Mainstream-Diskussion völlig unter den Tisch gefallen sind.
Ähnliches lässt sich von Rayk Wielands Auseinandersetzung mit
der Debatte um das Holocaust-Denkmal sagen. Der Autor gibt die zehnjährige
Debatte um das Holocaust-Denkmal wieder und beleuchtet die völkischen
Interventionen, Abwehrhaltungen, impertinenten Ausklammerungen der Eigenverantwortung
an den Verbrechen und die Zielrichtung, durch die offizielle Erinnerungskultur
eine vergangenheitsbereinigte Normalität des wiedervereinigten Deutschlands
zu inszenieren.
Die brutale Kehrseite dieses verklärten deutschen Betroffenheitsgedusels
beleuchtet Rolf Surmann anhand der dreisten Verhöhnung der Nazi-Opfer
im Gerangel um die sogenannte "Entschädigung".
Gerhard Scheit hingegen greift die Debatte um Goldhagens "willige
Vollstrecker" noch einmal auf, setzt sich dabei auch mit dem innerlinken
Diskurs um Goldhagens Werk auseinander und stellt das Analyseinstrumentarium
des Autors in den kritischen Kontext zu dessen Interventionsbefürwortung
im Jugoslawienkrieg. Hieran knüpft Heiner Möller an, der mit
einer beißend-sarkastischen Polemik gegen die ex-linken Kriegstreiber
im Kontext des Jugoslawienkrieges den Band abschließt.
TERZ-TIPP: Pflichtlektüre!
AL C.
Wolfgang Schneider (hg.): Wir kneten ein KZ. Aufsätze
über Deutschlands Standortvorteil bei der Bewältigung der Vergangenheit
Konkret Texte 24, 2000, 177 S., 22,80 DM
Dalai Lama
Trotz rassistischem Normalzustand in diesem Lande: den grinsenden Gelbmützen-Mönch
aus Tibet scheinen sie alle zu lieben. Schon deshalb ist Skepsis angebracht
gegenüber diesem Massenkult. Ökos, Esos, Faschos - wenn es um
den selbsternannten "Gottkönig" geht, gehen sogar deutsche
Staats- und Würdenträger huldvoll in die Knie. Besonders bei
Grünen hoch im Kurs feiert der göttliche "Befreiungs"-Theologe
seine erfolgreiche Verknüpfung von Buddhismus und völkischem
Separatismus unter der propagierten Herrschaft des Lamaismus. Doch der
Lama-Boom macht nicht an Deutschlands Grenzen halt: die gesamte Film-,
Pop- und Medienschikeria ist dem Charm des ewig grinsenden Lamas erlegen.
Um so nötiger ist also eine Neuerscheinung aus dem Alibri-Verlag,
in welcher der Fachautor Colin Goldner systematisch den Kult um den selbsternannten
Tibet-Herrscher auseinanderpflückt. Unter anderem erfahren hierbei
wir auch pikante Details von der anderen Rheinseite; so z.B. von dem Neusser
Esoterik-Verlag "Silberschnur", der sich durch glühende
Lama-Verehrung auszeichnet und anteilig dem sog. "Reinkarnationstherapeuten"
Tom Hockemeyer gehört. Hockemeyer, der sich den spirituellen Namen
"Trutz Hardo" zugelegt hat, handelte sich 1998 ein wohl überfälliges
Verfahren wegen Volksverhetzung ein. In seinem Roman "Jedem das Seine"
verklärt er den nazistischen Massenmord an den Juden zum "karmischen
Ausgleich", der das "Bestmögliche" für deren
"seelisch-spirituelles Wachstum" gewesen sei - Heil Karma! Auch
der Dalai Lama selbst macht aus seiner Verehrung für esoterische
Antisemiten keinen Hehl: Der esoterischen Urmutter und glühenden
Antisemitin Helena Blavatzky widmete der tibetische Guru anlässlich
einer Neuerscheinung ihrer Schriften 1994 gar ein eigenes Vorwort. Nun
kennzeichnet zwar Religionsfanatiker und Esoteriker gerade die Tatsache,
daß sie rationalen Argumenten nicht zugänglich sind. Trotzdem
ist Goldners akribischer und gelungener Dekonstruktion des Lamas eine
weite Verbreitung zu wünschen. Denn den Dalai Lama müssen wir
bis zum Jahre 2048 ertragen: Dann nämlich erst tritt er nach eigener
Traumdeutung aus seinem irdischen Leben ab. Doch Vorsicht - zur "großen
Schlacht von Shambhala", dem totalen Krieg der Welten, prophezeiht
er uns, an forderster Front wieder dabei zu sein....
AL C.
Colin Goldner: Dalai Lama. Fall eines Gottkönigs
Alibri-Verlag, 1999, 455 S., 39 DM
Blut oder Boden
Das deutsche Staatsbürgerrecht beruht auch nach der
beschlossenen Änderung des Staatsangehörigkeitsgesetzes nach
wie vor noch auf einem Nationalitätsverständnis, das sich in
rassistischer Manier nach einem Blut-und Boden-Denken richtet. Von "Reform"
kann hierbei keine Rede sein; struktureller Rassismus bestimmt nach wie
vor das Verständnis vom "Deutsch-sein". Dies wird von den
Buchautoren Baumann, Dietl und Wippermann historisch und argumentativ
nachgewiesen. Der Historiker Wolfgang Wippermann zeichnet detailliert
die Geschichte des deutschen Blutrechtes seit Beginn Mitte des 19. Jahrhunderts
in Preußen über den nationalsozialistischen Rassenwahn bis
zum heutigen Nationalverständnis nach. Wippermann weist nach, daß
diese Konstruktion von "Deutsch-sein" zugleich der politische
Kampfbegriff des deutschen Imperialismus ist: "Am deutschen Wesen
soll die Welt genesen!" Ihm gelingt dabei der Nachweis der argumentativen
Verknüpfung rassistischem Biologismus und imperialem Anspruch durch
die deutschen "Staatstheoretiker" und "Denker". Jochen
Baumann stellt diese Herleitungen kritisch in den Vergleich zu den anderen
europäischen Staaten und weist nach, daß die Abschaffung des
Blutrechtes und die allgemeine Einführung der multiplen Staatsbürgerschaft
strukturelle Voraussetzung für die Abkehr von rassistischer Ausgrenzung
ist. Andreas Dietl zeichnet die Diskussion um die doppelte Staatsbürgerschaft
in Deutschland nach und zeigt die strukturellen Übereinstimmungen
der Parteien in der Diskussion um Ein- und Ausschluß von "Ausländern"
auf. Ein 15-seitiger Dokumententeil zum deutschen Staatsbürgerrecht
rundet die kritische Untersuchung ab. Wer sich jenseits von rotgrünen
Selbstlobereien einen kritischen Einblick in die Diskussion um den "Doppelpass"
und Nation-Verständniss verschaffen will, ist mit dem Buch gut beraten.
AL C.
Baumann/Dietl/Wippermann: Blut oder Boden. Doppel-Pass,
Staatsbürgerrecht und Nationsverständnis
Elefanten Press, 1999, 176 S., 24,90 DM
Abgewickelt
Aktuell ist ja ernsthaft in Diskussion, ob "wir"
uns in Berlin nicht selbst ein Denkmal setzen sollten - wir Deutsche,
die wir uns befreit haben von Diktatur und Unterdrückung durch eine
"friedliche Revolution". Ich wette darauf, daß demnächst
noch offizielle Vorschläge kommen, dies mit dem Entwurf zum Holocaust-Denkmal
zu verknüpfen...
Der Historiker Karl Heinz Roth räumt in seinem neuen Buch grundlich
mit dem Mythos dieser "friedlichen Revolution" auf. Als Alt-
und Immer-noch-Autonomer ist er nicht als Apologet des untergegangenen
sozialistischen Staatsbürokratismus abzukanzeln. Allerdings macht
sich Roth im Gegensatz zu den Massen zivilgesellschaftlich gewendeter
Ex-Linker die Mühe, den Anschluß der DDR an das nun Großdeutschland
als Ergebnis deutsch-kapitalistischen Großmachtsstrebens akribisch
nachzuzeichnen. Dies eröffnet einen anderen, einen herrschaftskritischen
Blick auf die Sieger des Systemvergleichs. Roth zeichnet unter Auswertung
von zahlreichen und bislang meist verschwiegenen Dokumenten die systematischen
Destabilisierungsbestrebungen des verhassten Konkurrenzsystems durch die
westlichen Eliten von 1952 bis zum Mauerfall nach. Wer den Kollaps der
DDR wirklich verstehen will, kommt an einer Auseinandersetzung mit den
imperialen Bestrebungen der alten BRD-Politik nicht vorbei.
AL C.
Karl Heinz Roth: Anschließen, angleichen, abwickeln. Die westdeutschen
Planungen zur Übernahme der DDR 1952-1990
Konkret Texte 25, 2000, 180 S., 22,80 DM
Bei den sogenanten Vertriebenen-Verbänden denken viele an rückständige
und überalterte Trachten-Grufties, die vereins-meierisch vergangenen
Zeiten und vergangenen Schollen nachtrauern. Aus dem Blick gerät
dabei, daß diese sog. "Vertriebenen" maßgeblichen
Einfluß auf die deutsche Außenpolitik haben und diese auch
seit Bestehen der BRD maßgeblich - und zwar im völkisch-imperialistischen
Sinne - mitbestimmen. Dies weist der Autor Samuel Salzborn in der Neuerscheinung
der ElefantenPress-Verlages überzeugend nach. Salzborn beschränkt
sich hierbei nicht auf die detaillierte Nachzeichnung der aktuellen Politik,
Einflußnahme und Vernetzung der diversen "Landsmannschaften"
und ihrer Medien und Brückenkopf-Organisationen. Er geht zudem ausführlich
und kenntnisreich auf die politische Geschichte der Vertriebenen-Verbände
ein und zeigt ihre reale Einflußnahme auf die deutsche Außenpolitik
auf. Zudem zeichnet der Autor den völkisch/imperialistischen Anspruch
dieser Zirkel historisch auf und setzt sich ideologiekritisch mit dem
Kampfbegriff "Vertreibung" auseinander. Salzborn stößt
mit dieser Neuerscheinung eine lange notwendige Debatte um das politische
Wirken dieser völkisch/reaktionären Kreise an. Eine notwendige
Auseinandersetzung, die nicht auf Antifa-Zirkel beschränkt sein sollte.
AL C.
Samuel Salzborn: Grenzenlose Heimat. Geschichte, Gegenwart
und Zukunft der Vertriebenenverbände
Elefanten Press, 2000, 224 S., 29,90 DM
ABFALL FÜR ALLE
RAINALD GOETZ: ABFALL FÜR ALLE - ROMAN EINES JAHRES - VERSUCH EINER
LEKTÜRE
Nach diversen Versuchen, eine nicht erzählerische Epik, die soetwas
wie ein Abbild einer sozialen Plastik sein soll, hinzubekommen, hier nun
die gedruckte Form von Rainald Goetz' 1998er Internet-Tagebuch "Abfall
Für Alle." Das Buch haben wenige gelobt, die meisten fanden
es unterhaltsam und amüsant, so wurde ich aufmerksam auf diesen 860
Seiten Wälzer, den ich mangels Zeit und Interesse damals im Netz
zu keinster Zeit verfolgt habe. Mein erster Eindruck war: nachdem "Rave",
das Technoerzählchen, auf aller Linie abgekackt ist (bitte nachlesen
in TESTCARD 7), wirkt "Abfall" auf den ersten Les geradezu erheiternd
und locker, nicht so verkrampft wie die Möchtegerntechnotelenovela,
und ich denke: Ja, das kann er, 1fach nur Alltagsschnipsel kompilieren,
wie ein PR-Fuzzi einer gigantischen Pressestelle namens "Deutschland",
das liest sich dann retrospektiv so süss und lockermässig. Hmja.
Mein lieber Bekannter Alexander hat 98 auch sein Tagebuch ins Netz gestellt,
meine Lieben: das war mindestens so interessant wie Goetz, ich schwör's
Euch! Denn Rainald beschreibt sein Jahr in Berlin, und es wirkt dann doch
wie aus den Reiseberichten des Intellektuellen. Diederich Diedrichsen
kommt nicht mehr so häufig vor, dafür Harald Schmidt, der Diederichsen
der Endneunziger. Und was noch: irgendwann möchte man Goetz endlich
mal den Fernseher wegnehmen, oder ihn antippen: Du, Rainald, schön,
dass das Dir alles so gut gefällt und dich so anregt, aber...so wichtig
ist das alles gar nicht, echt. Goetz Credo ist "das Soziale",
und sein Schreiben und Denken ist sozial bzw. soziologisch. Politisch
ist es nicht, aber das ist nicht schlimm. Was schlimm ist und nervt: der
Autor schreibt stetig über die Medien und ihre Images, als wäre
das bereits die Realität. Die Esoterik dieser Prozesse, genau wie
die Esoterik seiner prozesshaften Terrorlogik, die dann auf einmal wieder
lockermässig eins-sein will mit der Aussenwelt, erkennt und durchschaut
er nicht. Goetz ist ein intelligentes Kerlchen, aber einen typischen intellektuellen
blinden Fleck hat er trotzdem. Andere sagen: typischer Intellektuellendachschaden.
Versteht in seinem eigenem Schreiben nix von Pop und Unterhaltung, betet
dies aber trotzdem permanent an. Hat auch "Erfolg" und Beachtung
damit (sein Stück "Jeff Koons" wird derzeit in Hambutg
gespielt). Meistens aber bei ebensolchen Leuten. Die heissen zb. Dath
und Diederich-sen, und wer deren schlauvereinsmeierndes Zeug gerne liest,
sollte vielleicht doch mal wieder zum Arzt und abhorchen lassen. Im Wartezimmer
sitzen dann schon all die anderen Kulturaddicts. "Abfall" wird
irgendwann zum totalmedialen Kulturterror, das Wort "Künstler"
ist passe, aber Gotz bleibt trotziger Kulturalist mit Sucht nach Pop,
Glam und Alltag. Und die Abtlg. "Dichter & Denker" erkennt:
einst war es für Kunstschaffende total verpönt, sich in Pop
und Lebenswelt zu stürzen, heute ist es genau andersherum: ohne das
scheint es nicht mehr zu gehen. Darum ist so viele sogenannte Pop-Kunst
ja auch so erbärmlich und wird in 10 Jahren nicht mehr sein als Fussnoten
zu ehemaligen imaginären medialen Lebensgefühlen. Ein Schreiber
MUSS fernsehgucken, muss jeden Medienschwachsinn kennen und dann seinen
diskursiven Senf darüber spritzen, und das ist dann sozial, der "Druck
des Sozialen", der via Blätter wie Spex über Jahre in Studentenhirne
gekloppt wurde, hier ist er in der sog. "Literatur" angekommen.
Politisch...äh...ach ja, hatten wir schon. Goetz lesen, ist wie Spex
lesen: Du regst Dich ständig auf. Es ist eine interessante bunte
Kulturwelt, und wenn du damit durch bist, bleibt nix über. Irgendwann
aber geht die ständige Erregung in "Ja", "Aha",
"SoSo", "Nicht so interessant" oder "Was Du nicht
erzählst" über, und ich frage mich, warum ich Goetz eigentlich
nicht vorbehaltlos toll finden kann. Vieles ist mir nämlich indeed
sehr nahe, vielleicht kickt man es gerade deshalb umso leichter, weil
man die eigenen Fehler erkennen und korrigieren muss. Goetz schleckt dafür
Eis und liest Luhmann. Zermartert hat er sich in den 80ern, gefeiert in
den 90ern, das Jahrzehnt des Klos (00) muss jetzt erstmal besetzt werden.
Momentan sitze ich aber noch auf dem Pott, bin auf Seite 450, und die
Kritik muss raus. Denn wenn ich auf meinem Weg durch die Medienwelt eines
gelernt habe, dann das: die Leute WOLLEN Images, sie WOLLEN ihre hass-geliebte
Oberflächlichkeit, auch und gerade die, die andauernd von "Tiefe"
und "Differenzdenken" raunen oder esoterikerhaft den Terror
der Radikalität im Denken einfordern, in Wahrheit jedoch abgehoben
von jeglichem Boden. Also nehmt das: Goetz ist informiert, interessant,
toll.
Und ich warte auf den Plumps.
MARCUS
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