comic
Geteilter Traum
Ganz ohne Worte kommt das Comic des Schweizers Daniel Bosshart aus. Und
doch stecken in dem Album ganz viele verschiedene Geschichten. In einem
realistischen, stark dokumentarischen, Stil gezeichnet, erinnert es fern
an Jörg Müllers "Alle Jahre wieder...". Auch hier
geht es um Veränderungen, aber halt nicht nur der Umgebung, sondern
auch der dokumentierten Personen. Es sind Momentaufnahmen dreier Menschen,
zwei Jungen, ein Mann. Sind es Brüder; ist der Mann der Vater? Die
Beziehungen untereinander bleiben ungeklärt, sind aber auch nebensächlich.
Wie auch die eigentliche Geschichte eher an den Rändern spielt als
im Zentrum. Die Veränderungen, das Älterwerden, spielt sich
nicht nur in den Gesichtern ab, sondern auch in den Tagträumen der
beiden Jungen. Ganz unterschiedlich in ihrer Wesensart, der eine eher
Realist, der andere mehr introventiert, stehen sie in enger Beziehung
zueinander. Das bindende Glied ist der schon ältere Mann/Vater. Als
Zeichen der Wichtigkeit von Phantasie hängt er die Aufzeichnungen
der Tagträume bzw. Wichtige Gegenstände an die Küchenwand.
Der dokumentarische Realismus der Zeichnungen und die Traumwelt der beiden
Jungen ist ein harmonischer Gegensatz . Das ist auch das Wesentliche des
Comics: trotz aller Realitäten und Veränderungen des Äußeren,
soll man sich die Träume erhalten. Da ist es nur konsequent schon
auf dem Titel ganz verschiedene Traumgestalten wiederzufinden. Das zeigt
natürlich auch die Vorlieben des Zeichners/Autoren Bosshard. Zu finden
sind u.a. ist dort "Der kleine Prinz", "Yellow Submarine",
"Peter Pan", "Käpt_n. Nemo" und noch etliche
andere. Dieses verträumte Titelbild sollte einen aber nicht von dem
wunderschönen Inhalt abhalten.
Daniel Bosshart hat hier ein großes Comic geschaffen, das geeignet
ist für gross und klein. Es ist ohne Worte, aber nicht sprachlos.
MEIKEL F.
Geteilter Traum
Daniel Bosshart
Edition Moderne
HC 70 Seiten in Farbe für 35 DM
Hysteria
Und gleich noch ein Comic ohne Worte. Durch ein Stipendium kam Claudius
Gentinetta für 13 Monate nach Krakau in Polen. Anfangs ohne ein Wort
Polnisch zu sprechen, war er in der Situation des nur Betrachtenden. Im
vorliegenden Band zeichnete er seine Beobachtungen von Krakau auf. Außerordentlich
detailreich sind seine holzschnittartigen s/w Zeichnungen und geben einen,
wie soll man sagen, interessanten Einblick in das Leben der Stadt. Drei
Sachen scheinen das Sein dort zu bestimmen: Köter, Vodka, Nonnen.
In der ersten Geschichte geht es um einen einsamen, alten Mann, der seinem
Hund seinen Tagesablauf erzählt. In einer kompletten Verdrehung des
Erlebten stellt er die zu ihm freundliche Aussenwelt als brutal dar. In
der Konsequenz revanchiert er sich für die "Grausamkeit"
mit einem Mitbringsel. Für seinen Hund ein abgeschnittenes Ohr, für
ihn der daran hängende funkelnde Anhänger. In der zweiten Geschichte
geht es um die Auswirkungen des Alkohols. Eine Traumwelt gegen den tristen
Alltag hängt als Plakat an der Wand eines Jungen. Man sieht ein Schiff
in "Paradise Sunside". Die Realität ist aber der zur Strassenarbeit
antreibende Funktionär. Man behilft sich mit der verbotenen Vodkaflasche.
In diese stürzt sich der Junge nachdem sein Hund darin verschwunden
ist. Die nun folgende Reise der Flasche bringt beide genau auf das Schiff
in "Paradise Sunside". Eine wunderschöne Geschichte zwischen
Sehnsüchte und tristem Alltag.
Gentinetta hat in seinem Comic nicht nur Beobachtungen aufgezeichnet,
die für ihn typische Elemente Krakaus darstellen. Vielleicht weil
er nur auf Beobachtungen angewiesen war, konnte er auch Gefühle und
Gedanken der Leute wahrnehmen. Sein Comic zeigt viele Facetten der Menschen
ohne dabei abwertend zu sein. Er überzeichnet sie, genauso wie seine
Zeichnungen total abgedreht sind. Die Proportionen stimmen nicht, schräge
Perspektiven, groteske Gesichtszüge, etc. Viele Bilder sind gemalt
wie Fotos mit einem Fish-eye Objektiv. Dieses Schräge macht die Dargestellten
wie auch die Stadt sympathisch und man möchte sich das einmal selber
anschauen. Also auf nach Krakau.
MEIKEL F
Hysteria
Edition Moderne
HC 60 Seiten in s/w für 22 DM
comicFuck
2000 - Nullrunde
Schwurbel - Elbsirene
Wie sagt man so schön: Zwei neue Lichter erblicken den Comichimmel
oder so ähnlich. Nun ja, zumindest der eine, Reinhard Kleist mit
seinem Heft "Fuck 2000" ist einigen vielleicht nicht ganz unbekannt.
Der Max und Moritz Preisträger von 1996 (höchster Comicpreis
im hiesigen Ländle) veröffentlichte vorletztes Jahr "Amerika"
(bei Jochen Enterprises). Eine wunderschöne poetische Geschichte
gegen die Vertreibung in den Städten. In seiner neuen Reihe ist auch
wieder die Stadt das Zentrum der Story. Dort wo das Leben tobt, befinden
sich Hackman, Gun und seine Schwester Cream. Jeder mit seinen Sorgen und
Ängsten auf der Suche nach dem Kick. Beats, Alkohol und Drogen sind
die Wichtigkeiten um die sich alles dreht. Dann sind da aber noch so sonderbare
Gestalten, wie die Nachbarin, die Männer sammelt und ein Autodieb
der Gun zu einem Tankstellenraub verleitet. Es ist der Blick auf einen
Mikrokosmos im Moloch der Großstadt. Einsam sind die Darsteller,
auf der Suche nach Geborgenheit, die sie nie finden werden. Kleine Geschichten,
die abseits des Hauptstromes Alltäglichkeit sind. Fuck 2000 ist ein
Comic wie ein Geschwindigkeitsrausch. In der Form erinnert es entfernt
an "Stray Bullets" für die Kleist eine adäquate eigene
Form gefunden hat. Es ist die Art von Comic, von denen man wünscht,
das nächste Heft wäre schon da.
Wesentlich ruhiger , aber trotzdem außergewöhnlich kommt "Schwurbel"
vom Hamburger Comiczeichner Calle Claus daher. Ein Tag am Strand an der
Elbe. Die Suche nach Einsamkeit. Das herumsuhlen in der eigenen Eifersucht,
da die Freundin mit jemand anderem rummacht. Phantasien beherrschen den
Geist, der immer mehr abschweift. Es tauchen zwei Frauen mit Balg auf.
Eine von ihnen schwer genervt. Natürlich wegen einem Mann und auch
hier das Abschweifen in Phantasien. Die Phantasien treffen sich, doch
außer einem sehnsüchtigen Blick zum anderen und einem kurzen
Winken verharren die beiden in ihren starren Positionen. Keiner traut
sich den anderen anzusprechen. Sicherlich eine Situation die wohl jeder
schon einmal erlebt haben dürfte. Eine banale Geschichte in die sich
jeder sofort hineinfindet, schön erzählt und mit schönen
Bildern garniert. Dazu erfährt man noch Kochrezepte, einiges über
Anatomie und Physik, also nicht nur unterhaltsam, sondern auch noch lehrreich.
Ach und dann dieser Elbstrand.
MEIKEL F
Fuck 2000
Reinhard Kleist
32 S. in s/w 7.80 DM
Schwurbel
Calle Claus
32 S. in s/w 9.95 DM
beide Jochen Enterprises
comic
Der Ursprung
Die Comics von Marc- Antoine Mathieu sind die kuriosesten seiner Art.
Seit Jahren im deutschsprachigen Raum vergriffen und nur selten auf irgendwelchen
Börsen zu finden hat Reprodukt den ersten Band neu aufgelegt. Mathieu
löste vor 10 Jahren mit seinen Comics das eingezwängte Korsett
des klassischen Comics auf. Die strenge Folge der Panels und der Seitenfolge
griff er auf und verwandelte sie auf unterschiedlichste Art. Aus dem zweidimensionalen
Raum werkelte er, so gut, wie es ein Album nunmal zulässt, ein dreidimensionalen.
Einzelbilder verflechten sich ineinander und das teilweise Seitenübergreifend.
Teilweise erinnert die Art an M.C.Escher, nur daß er sich nicht
auf einzelne Bilder bezieht, sondern die Geschichte in die Form miteinbezieht.
So entsteht ein durch und durch gelungene Symbiose von Inhalt und Form.
Dabei schafft es Mathieu, die insgesamt vier Alben ganz unterschiedlich
zu füllen und sie doch in einen gemeinsamen Kontext zu stellen. Immer
geht es um Julius Corentin Acquefacques, seines Zeichens Beamter im Ministeriums
für Humor. Einer von vielen. Es fängt ganz harmlos an. In seinem
Büro erhält er einen Brief mit einer Comicseite, die ihn darstellt,
was er morgens auf Seite 4 erlebt hat, mit dem Titel "Der Ursprung".
Ein Wort, daß für ihn gar nicht existent ist. Später auf
Seite 19 erhält er einen weiteren Brief mit einer Comicseite, die
das gerade Passierte der Seite 18 darstellt. Doch die Abstrusitäten
des Comics hören damit noch lange nicht auf. Eine weitere Seite,
die er bald in den Fingern hält, stellt die nahe Zukunft der Seite
27 dar. Sie zeigt ihn auf dem Weg ist zu einem Antiquar der ihm ein Comicalbum
mit dem Titel "Der Ursprung" überreicht. Na, noch alles
klar? Der weitere Weg ist nicht mehr weit und endet mit einer fatalen
Entdeckung. Gibt es vielleicht doch das Comicparalleluniversum?. Ach so,
und wegen dem Loch auf Seite 37/38 müßt ihr das Heft nicht
wütend zum Comicdealer zurückschleppen, das gehört dazu.
Hoffentlich werden demnächst auch die anderen Bände neuaufgelegt.
MEIKEL F
Der Ursprung
Marc- Antoine Mathieu
Reprodukt
SC 48 Seiten für 19.90 DM
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