Lausige Zeiten
miteinander leben
Am 14.03. gab der Bürgermeister der Stadt Neuss, Napp, eine Pressekonferenz
im Jugendtreff am Busbahnhof. Grund für die Zusammenkunft war ein
Loblied auf die städtische Initiative "Miteinander Leben, voneinander
Lernen". Natürlich wurde der Presse eine Erfolgsbilanz präsentiert.
So hätten sich die Zahlen der gemeldeten Straftaten an den Neusser
Schulen drastisch gesenkt. Oberflächlich betrachtet könnte man
ja in diese Bravo Rufe einstimmen wäre da nicht die naheliegende
Vermutung, daß die Gewalt nur aus den Schulen verdrängt wurde
und sich nun mehr auf den Straßen abspielt. Die immerwährende
Betonung der unterschiedlichen Staatsbürgerschaften der Jugendlichen
konnte keinem aufmerksamen Zuhörer entgehen. Daß hierdurch
unterschwellig die üblichen Vorurteile bestätigt wurden und
wieder einmal nicht nach den Ursachen für eine anteilsmäßig
höhere Zahl an Straftaten bei den Randgruppen der Gesellschaft gefragt
wurde, erübrigt sich fast festzustellen. Interessant wurde es bei
der Finanzierung dieser Maßnahme, Wieder einmal hat nicht der Staat
durch seine Institutionen versucht, solche präventiven Maßnahmen
finanziell zu fördern, sondern Privatpersonen und ortsansässige
Industrie. Die Stadt hat lediglich vorhandene Einrichtungen zur Unterstützung
der Maßnahmen zur Verfügung gestellt. Bleibt wohl wieder mal
die Frage, ob die Steuergelder nur noch für die Diäten unserer
PolitikerInnen und ihrer ParteigängerInnen draufgehen. Allgemein
bedauert wurde die zunehmende "Fäkaliensprache" und "verbale
Gewaltbereitschaft" unter den Jugendlichen. Als wohlerzogene und
gebildete Menschen, deren Beruf es ist, den Menschen die Umstände
schönzureden, ist man offensichtlich irritiert, das die Jugendlichen
die Dinge beim Namen nennen und sich nicht in inhaltlosen Floskeln verlieren.
keine späte genugtuung
Es macht nicht immer Freude, letztendlich doch noch bestätigt zu
werden. Langsam, aber sicher kommt nun doch die Wahrheit über den
Yugoslawien-Krieg an das Tageslicht. Kleinlaut müssen immer neue
Schweinereien der NATO bestätigt werden. Auf einmal wurden doch Uran-
Geschosse eingesetzt. Ein hoher General beschuldigt Verteidigungsminister
Scharping, die Öffentlichkeit getäuscht zu haben. Propagandistisch
wurde die Trefferquote in astronomische Höhen gelogen. Das Treffen
von zivilen Zielen, den sogenannten Kollateralschäden, ist da ja
leichter. Die vorher existierende Opposition in Serbien hat sich weitestgehend
verflüchtet. Die Stimmen mehren sich, daß der Angriffskrieg
nicht den gewünschten Erfolg hatte. Und nun? Neben der ökologischen
und wirtschaftlichen Katastrophe gibt es neue Morde und Vertreibungen.
Die Natosoldaten sind nicht in der Lage oder willens, dem Einhalt zu gebieten.
Allein in Prizren, daß unter deutscher Kontrolle steht, wurden 300
Häuser abgefackelt, die SerbInnen gehörten. Aber unsere Jungs
aus Düsseldorf werden von den hiesigen Medien und Politikern weiterhin
schwer gelobt.
liebesgrüsse vom Innenminister
Nach einer heftigen internen Diskussion will die Neusser Telefonkette
zum Wahlkampf zu den Landtagswahlen im Mai eine Plakatwand mit dem Spruch
aufstellen: "Wählt nur Politiker, die sich gegen Abschiebehaft
einsetzen!" Es wurde kritisiert, dieses Plakat erwecke den Eindruck,
als sei man lediglich gegen die Abschiebehaft und nicht gegen Abschiebung
als solche.
Prompt erfolgte die Reaktion des SPD-Innenministers von NRW, Behrens,
der gleichzeitig auch der Neusser Landtagskandidat ist. Dieser lobte die
Betreuungsarbeit der Telefonkette für die weiblichen Abschiebehaftgefangenen,
klärte aber auch auf, dass ohne Abschiebehaft die konsequente Durchführung
von Abschiebung nicht möglich sei.
Wird nun die Telefonkette ihr Plakat einstampfen oder doch "Abschiebehaft"
durch "Abschiebung" ersetzen?
zwangsarbeiterInnen
Während sich die Stadt Düsseldorf bei dem Thema ZwangsarbeiterInnen
immer noch taub stellt, entschieden die Stadtwerke Düssseldorf, zwei
Millionen DM in den Entschädigungsfond für Zwangsarbeiter zu
zahlen. Seit 1998 forschten die Stadtwerke Düsseldorf mit einer Projektgruppe
zusammen mit der Mahn- und Gedenkstätte nach ihrer eigenen dunklen
Vergangenheit (TERZ berichtete). Spät, aber immerhin. Bis jetzt konnten
260 ZwangsarbeiterInnen recherchiert werden. Schon bevor die beschämenden
Verhandlungen über den Entschädigungsfonds begannen, signalisierten
die Stadtwerke als eine der wenigen Unternehmen Zahlungsbereitschaft.
Die Zahlung wird aus dem Gewinn des Unternehmens bestritten. ³richterliche
demütigung
Wenn ein männlicher Verteidigungsminister sich als Emanzipationsvorreiter
produziert und damit die Frauen in der Bundeswehr begrüßt,
kann es mit dieser Emanzipation nicht weit her sein. Am besten kann dies
leider immer noch in Gerichtsverfahren festgestellt werden. In Vergewaltigungsprozessen
ist es immer noch eher die Regel, daß den Ausführungen der
weiblichen Opfern nicht geglaubt wird.
Im Fall einer 31-jährigen Frau aus Oberkassel ging es zunächst
um den Haftbefehl. Drei Monate nach ihrem Martyrium erkannte sie ihren
Peiniger auf der Straße wieder und verständigte die Polizei,
die den 30- jährigen festnahm. Während ansonsten schon Haftbefehl
wegen allen möglichen Kleinigkeiten erlassen wird, sah der zuständige
Richter dazu keinen Anlass. Er glaubte lieber dem, laut Polizei, dürftigen
Alibi des Täters. Erst die umstritten DNA-Analyse überführte
ihn.
hafenfusion neuss-düsseldorf
Frohe Kunde erreichte Mitte März den aufmerksamen Leser von Rheinischer
Post und der Neuss Grevenbroicher Zeitung. Die Häfen der beiden Städte
Neuss und Düsseldorf sollen fusionieren. Dabei geht es darum, "mit
schlagkräftigen Einheiten und dem Ausnutzen aller Synergien die Kosten
einzudämmen und so wettbewerbsfähig im Hafenkonzert am Rhein
zu bleiben." (NGZ vom 18.3.)
Einen Tag zuvor hatte der Neusser Hafendirektor Ludwig von Hartz gegenüber
der Rheinischen Post geäußert, dass "wir versuchen müssen,
mit weniger Leuten mehr zu leisten."
Wer die Kosten des Wettbewerbsvorteils zu tragen hat, ist damit klargestellt.
repression gegen drogensüchtige
Lippenbekenntnisse sind das Einzige, was von der CDU und ihrem Grinse-Erwin
zu hören ist, wenn es um Schicksale von Drogenabhängigen geht.
Sie halten es lieber mit der Repression. Das vom vorherigen rot/grünen
Stadtrat auf den Weg gebrachte, aber von ihnen dümmlicherweise nicht
gesicherte Experiment der kontrollierten Heroinabgabe wurde von der CDU
ohne weiteres gestoppt. Ziel des von der Bundesregierung auf den Weg gebrachten
Versuches sollte es sein, Süchtige aus dem Geldbeschaffungszwang
zu befreien, um damit überhaupt erst die Bedingung für eine
Lösung von der Droge zu schaffen.
Am Sauberkeitswahntag wurden Erwin von einer rührigen Frau fast 500
gebrauchte Spritzen von einer Wiese hinter dem Bahnhof überreicht.
In seiner ihm üblichen populistischen Art stolzierte er direkt am
nächsten Tag zum "Tatort" und verkündete, daß
der kommunale Ordnungsdienst dort verstärkt aufpassen soll und daß
es bald Gespräche mit der Polizei geben werde. Ganz brav lief die
auch ein paar Tage später auf und kontrolllierte dort alles und jeden.
Junkies sollen also weiter nur vertrieben werden. Aber ganz als der liebende
Stadtvater verkündete Erwin seinen Schäfchen wohlwollend: "Es
darf gar nicht erst soweit kommen, dass sich jemand einen Druck setzt."
Ah ja. Eine tolle Weisheit.
Dazu passt auch, dass Erwin gerade verfügt hat, dass das Gesundheitsamt
ab sofort unter der Fuchtel des pathologischen Law and Order Fanatiker
Leonhard stehen wird. Wie wird das wohl aussehen?
Dass dies just zum 1. April geschieht, ist leider kein Aprilscherz.
heine wurde es wohl schlecht
Ob das Heine gefallen hätte? Gerade der Oberpopulist OB Erwin sprach
zum Freundeskreis Heinrich Heine. Ehemals von seiner Geburtsstadt verschmäht,
wird nun so ziemlich alles mit Heinrich Heine belegt, unabhängig
von dem Inhalt. Ob viele von den dort versammelten Bänkern, Ärzten,
Immobilien-Haien, etc. einschließlich Erwin schon einmal etwas von
Heine gelesen haben? Und ob sich Heine unter der dortigen Versammlung
wohl gefühlt hätte, darf wohl auch bezweifelt werden.
Aber immerhin bedachten die Anwesenden die Rede von OB Erwin mit der ihm
gerechten Achtung: Es hörte kaum jemand zu.³
polizeipräsident kein hardliner
Ganz so einfach, wie Rechtspopulist Joachim Erwin sich seinen ordnungspolitischen
Durchmarsch mit einem Parteigenossen als neuem Polizeipräsidenten
vorgestellt hat, wird es wohl doch nicht werden. In einem Interview mit
der "Rheinischen Post" sprach sich Michael Dybowski nämlich
für Fixerstuben aus und distanzierte sich von dem Ansatz, das Drogenproblem
mit polizeilichen Mitteln lösen zu wollen. Skeptisch äußerte
er sich auch zur geplanten Video-Überwachung auf dem Worringer Platz.
Was den Radweg-Überpinseler Erwin aber wohl am meisten ärgern
wird, sind Dybowskis Ansichten zum Thema "Auto". "Der Verkehr
behindert sich selbst", merkte er an und bedauerte, dass leider nur
wenigen AutofahrerInnen im Kriechverkehr die Einsicht käme, dass
sie nicht im Stau stecken, sondern der Stau sind.
düsseldorfer kinder arm dran
Der Düsseldorfer Armutsbericht stellte in diesem Jahr die Situation
von Kindern und Jugendlichen in den Mittelpunkt. Ergebnis der Untersuchung:
In der Stadt wächst jedes vierte Kind in Armut auf. Wobei der Bericht
"Armut" nicht als absolute, sondern als relative Größe
fasst. Er definiert Personen oder Haushalte als arm, deren Bezüge
unter der Hälfte des Durchschnittseinkommens liegen und die dadurch
nicht mehr in ausreichendem Maße am gesellschaftlichen Leben teilnehmen
können. Dieses sinnvolle Vorgehen orientiert sich an den Armutskriterien
der EU. Der örtlichen Christen-Presse passte das allerdings gar nicht.
Warum soll in Düsseldorf als arm gelten, wer in Köln aufgrund
eines geringeren Durchschnittseinkommen mit seinem Einkommen nicht unter
die Kategorie fällt. Und überhaupt: Muss man Armut am Geldbeutel
bemessen, gibt es in unserer schnelllebigen Zeit nicht auch so etwas wie
geistige Armut und metaphsysische Obdachlosigkeit? Sozialabbau-Esoterik,
die sich im wörtlichen Sinn als billiger Trost empfiehlt.³
für uns alles!
Laut Aussage der UNO besitzen die drei reichsten Männer der Welt
mehr Geld als das Bruttoinlandsprodukt der 48 ärmsten Länder
beträgt. In diesen Ländern leben mit 600 Millionen Menschen
10% der Erdbevölkerung.
mit "museum kunst palast" in die erste liga
Das neue Kunstzentrum am Ehrenhof, der "museum kunst palast",
soll Düsseldorf von Februar 2001 an in die 1.Liga der internationalen
Kunstorte bugsieren und so für einen weichen Standortfaktor sorgen.
Beim Richtfest Mitte März belobigten sich Stadt-Offizielle, Veba-Vertreter
und der neue Musumsdirektor Jean-Hubert Martin gegenseitig für ein
"vielversprechendes Beispiel für die Zukunft". "Vielversprechend"
soll dabei die Konstruktion der so genannten "Public-Private-Partnership"
sein, bei der Stadt und Veba die Ausstellungsanlage gemeinsam mittels
einer Stiftung tragen und der Energiekonzern auch zu den laufenden Kosten
beiträgt. Ob diese Konstruktion angesichts der grassierenden Fusionitis
im Wirtschaftssektor eine langfristiige Perspektive hat, ist fraglich.
Ob die ShareholderInnen nach dem Ablauf von zehn Jahren immer noch bereit
sein werden, aus der Portokasse des Unternehmens zwei Millionen Mark jährlich
zu den Betriebskosten des Museums beizutragen, steht ebenfalls in den
Sternen. Und dass sich der Veba-Vertreter im Aufsichtsrat für populistischere
Ausstellungskonzepte stark machen wird, wenn die in den Finanzplanungen
kalkulierten 200.000 BesucherInnen pro Jahr ausbleiben, ist auch zu befürchten.
big brother bei der rheinbahn
Nasepopeln mag nicht schön anzusehen sein, strafbar ist es nicht.
Die Popel aber unter den Sitz zu kleben kann demnächst teuer werden.
Die Rheinbahn startet zur Überwachung ihrer Kundschaft ein Pilotprojekt.
In diesem Jahr sollen 17 Videokameras in verschieden Bussen, Strassenbahnen
und U-Bahnen eingesetzt werden. Damit sollen potenzielle Übeltäter
von ihrem schrecklichen Tun der Verunzierung von Sitzen und Bänken
abgehalten werden. Angeblich kostet die Rheinbahn die Säuberung Millionen
von DM. Zugleich hat sie die Möglichkeit bei Vergehen sofort die
Polizei zu verständigen. Also, besser den Finger aus der Nase lassen.
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