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Geboren wurde sie tatsächlich in Salz-
burg, hat da auch studiert: "Germani-
stik und Publizistik, das klassische
Programm", sagt sie nicht unverschämt, "aber ohne Abschluss".
Hat dort früh schon Theater gemacht, gespielt und geschrieben. Dann
bei einer Zeitschrift mitgemacht, ab 1988 Lesungen gehalten, Leute kontaktiert,
in einer Gruppe aktiv gewesen, als die sich auflöste, orientierte
sie sich in Richtung Film und Video. Der spätere erste Direktor der
Kölner Kunsthochschule für Medien, Siegfried Zielinski, hatte
von 91 bis 94 eine Gastprofessur in Salzburg, das beeinflusste so lange,
bis klar wurde: allzuviel lässt sich hier nicht mehr reissen, eine
andere Stadt muss her. Das war 1991, und für sie war klar: Großstadt,
und von den unterschiedlichsten Menschen hatte sie von den alten und neuen
Mythen Berlins gehört. Es gab dann eine Phase, wo sie sich Städte
regelrecht ausgepickt hat, wobei das mit Berlin ziemlich schnell klar
war. Gut, gibt sie offen zu, sie war auch im selben Jahr in New York,
und das sei, obwohl's doof klinge, damals ihre Urfantasie gewesen. Nur
konnten die Leute, bei denen sie dort lebte, samt und sonders nicht von
ihrer künstlerischen Arbeit leben, hatten alle zwei Jobs, zudem ist
es für eine deutschsprachige Autorin auch wenig spannend, in den
USA vom Schreiben existieren zu müssen. Also: welche deutschsprachige
Stadt ist New York noch am ähnlichsten? Bingo, aber ganz genau bleiben:
Kathrin Röggla wusste gut, was sie tat. Außerdem erschien ihr
Berlin von Salzburg aus als genau das Richtige: "Eine Stadt mit proletarischer
Kultur und auch einer Gegenkultur, der Subkulturmythos Prenzlauer Berg
erschien damals sehr spannend, wie überhaupt das ganze zerrissene
und offene Feld, das es da noch gab. Das war tatsächlich noch eine
ganz andere Stadt damals - und schon 3, 4 Jahre später war wieder
alles komplett verändert." Damals habe es andere Anlässe
gegeben, um hier etwas zu machen: kulturelle Duftmarken setzen, um später
ökonomischen Gewinn daraus zu ziehen. "Das war damals noch mehr,
na ja, 'utopisch aufgeladen' klingt zu heftig, aber es war anders gewichtet.
Und heute sind diese ehemals leeren und offenen Felder besetzt, das typische
neoliberale Ding hat sich durchgesetzt, es wird verdrängt, der speed
hat sich geändert, das öffentliche Gebiet ist völlig anders
geworden." In Mitte seien nach statistischen Untersuchungen 50% der
ehemaligen Leute ausgetauscht worden, und in ein paar Jahren sind es 80%?
Klar müssen, wie immer, zuerst die Alten, die sozial Schwachen und
die Künstler gehen - das Gespenst der Gentrifizierung geht um. Kathrin
war immer sehr auf Kreuzberg bezogen. Im ersten Jahr lebte sie in Steglitz
(hihi), dann sehr lange in der Oranienstrasse, mittlerweile am Maybachufer.
Kreuzberg hat sie tatsächlich angezogen wie ein Magnet, auch der
Mythos. Und - ist Berlin nicht immer schon, aber jetzt erst recht, total
überschätzt? Sie sieht vor allem den politischen Hintergrund:
das Bild, das von Berlin medial konstruiert wird, ist für sie stark
verbunden mit ihrer eigenen gesellschaftlichen Situation. Die Konstruktion
der "neuen Mitte", die es eigentlich nicht gibt, so Kathrin
Röggla, die wirklich NICHT EXISTIERT, soll ja andere Prozesse wie
extreme Umverteilungen verdrängen, sie kann das nicht getrennt sehen,
sondern nur im gesamtgesellschaftlichen Kontext. "Das fängt
ja schon beim Potsdamer Platz an, wo ein zentraler Ort geschaffen wird,
der so pseudoöffentlich sein soll, aber im Grunde einfach nur ein
Konsumort sein soll." Die zwei Stränge, die derzeit das "neue
Berlin" wie auch die "neue Mitte" dieses Landes überhaupt
prägen, sind auf der einen Seite die mediale Konstruktion einer starken
Produktions- und Konsumnation und auf der anderen Seite die reale Vertreibung
der daran nicht Beteiligten. "98 war für mich der Punkt, wo
das überhand nahm: Regierungsumzug, zum ersten Mal die Kunstforen
Berlinbiennale und Artforum, Kongress 3000, ich dachte: spinnen denn jetzt
alle?" Ein wichtiger Gegenpunkt war eine politische Ausstellungs-
und Veranstaltungsreihe der Kreuzberger "Neue Gesellschaft für
Bildende Kunst", in der es um Urbanismus und die derzeitige Umgestaltung
ging. Stadtsoziologie als theoretische Grundlage für praktische Möglichkeiten
für Aktionsformen - Stichpunkt Innenstadtaktionen - waren ab dem
Ende der 90er prägende und unumgängliche Themen, um Politisches
via Stadtdiskussion zu verhandeln, und um öffentlich sichtbar zu
machen, was gesellschaftlich vor sich ging. Mittlerweile haben sich die
Zustände klar verschärft und es werden noch kaltschnäuziger
Tatsachen geschaffen. Die Diskussion um die Wiedererrichtung des Stadtschlosses
zeigt endgültig, was Berlin letztendlich repräsentieren soll.
"Die faschistischen Bauten bleiben natürlich auch stehen",
so Kathrin.
Politisiert war sie schon in Salzburg gewesen, Berlin jedoch verschärfte
dieses Bewusstsein. In ihrer literarischen Arbeit ist ihr natürlich
die "Inszenierung eines Widerspruches" bewusst, nämlich,
dass sie in einer "Eliteschiene" arbeitet und nicht in irgendeiner
agitatorischen Form, zudem in einer klar definierten Teilöffentlichkeit,
in der sie mit emphatischen politischen Losungen äußerst skeptisch
und bewusst umgeht. Die Frage nach der "politischen Wirksamkeit"
von Literatur ist dann auch logischerweise nicht das grundlegende Thema
unseres Gespräches und kann qua der von ihr bereits vorgelegten Texte
auch beruhigt unter den Tisch fallen und dort weiterschlafen. Denn diese
grundlegende Intention kann Kathrin Röggla höchstens in der
Form eines Interesses formulieren. "Sehr weit gefasst interessiert
mich das, was gegenwärtig passiert, das ist der Fokus meiner Arbeit.
Und es gibt einige durchaus disparat erscheinende Autoren wie Elfriede
Jelinek und Witold Gombrowicz, die mich in diese Richtung gelenkt haben,
wobei letzterer für mich am deutlichsten einen dokumentarischen und
einen poetischen Ansatz verbunden hat, über den dann das Politische
laufen kann. Da gibt es ja massenhaft Autoren, die das gemacht haben,
aber für mich war dieser Ansatz am bedeutendsten." Desweiteren
gibt es die üblichen Markierungen in der formalen Darstellungsweise:
Zentralperspektive versus Peripherieperspektive, und Rögglas Interesse
für letztere lässt sich, so sagt sie, mitunter auch als politisch
deuten. "Wenn ich eine Stadt wie Berlin, die in der medialen Öffentlichkeit
derart zentralistisch konstruiert wird, vom Rand her konstruiere, dann
geht es zumindest in eine politische Richtung, die sich klar mit der Ästhetik
koppelt. Und das entwächst natürlich einer bestimmten Haltung."
Einen möglichen autobiographischen Moment in ihrem Schreiben zu benennen,
fällt ihr sehr schwer, da sie das Material je nach Interessenlage
und Thema auswählt, die eigene Geschichte spiele da nur peripher
hinein. Derzeit arbeitet sie viel mit Theorie, um ihrem aktuellem Thema
beizukommen, in dem es um neoliberale Situationen geht: die Inflation
der Start-Up-Firmen, die "Visionen" des E-Commerce, Veränderungen
in der Kunstszene, Künstlergruppen als Start-Up-Gruppen, Medienmonopolisierungen
- diese Szenarien werden mittels Theorie erfasst und "übersetzt",
zwar nicht mittels einer direkten Umsetzung davon, aber durch eine intensive
Einarbeitung und Transformation im gegenwärtigen Schreibprozess.
Ein sehr formaler Ansatz also, der mit explizit theoretischen Recherchen
verbunden wird. Dazu kommen die themenbezogenen Gespräche, die sie
mit Leuten führt, um die Sachverhalte von ihren privaten und literarischen
Wahrnehmungen zu trennen - und um einen journalistischeren Blick zu bekommen,
der überpersönlicheres und objektiveres Schreiben zulässt.
"Ich will mich nicht als Kunstfigur inszenieren, das ist genau der
Punkt, den ich vermeiden will", bekräftigt sie, auch gerichtet
gegen einige Hubert-Fichte-Analogien, die ihr kritikerseits bisweilen
zugeschrieben wurden. Immer mehr "technische Verfahrensformen"
seien im Laufe der Zeit in ihre Schreibweise hineingekommen, bei "Niemand
lacht rückwärts" zum Beispiel war die Wiener Gruppe noch
eine sehr grobe Bezugsfläche mit dem Ergebnis einer teilweise mystifizierten
Sprache, was sich jedoch mittlerweile sehr stark geändert hat. "Bei
Abrauschen' habe ich es mir in dem Sinne sehr einfach gemacht, denn
die Sprache läuft ja regelrecht auf eine Ich-mäßige Erzählerfigur
zu, deren einziger Widerpart ja das Kind ist." Es ist im Grunde eine
verschärfte Fortsetzung der teilweise amorph wirkenden Zweierkonstellation
des ersten Buches, geht aber schon mehr in Richtung konkrete Polyphonie,
die in "Irres Wetter" ausführlich zur Entfaltung kommt.
Hier geht es grundsätzlich um den Impetus der Beschreibung des Urbanismus
von der Peripherie her, was zwar konkret auf Berlin bezogen ist, jedoch
für Röggla auch auf Prozesse in jeder anderen Stadt anwendbar
ist. "Ich wollte quasi eine Art von Stadtmaschine bauen, und eine
Vielzahl von Orten und Topoi, von realen Orten - soziale, politische und
situationsbezogene Orte - zu Diskursorten inszenieren." Der Zusammenhang
dieses ästhetischen Prozesses mit der Theorie des herumschweifenden
Situationismus spielt auf jeden Fall in diesen Schreibgestus mit hinein.
Nach "Abrauschen" wurde sie auch eingeladen, etwas Themenbezogenes
zum Situationismus zu machen - klar, denn das Buch, das eine derartige
Lesart zulässt, löst sich letztlich sozusagen in einem Spaziergang
auf.
Röggla wehrt sich gegen eine histori-
sche Kanonisierung von politischen
Strategien, die dann außer ihrer hi-
storischen Berechtigung heutzutage angeblich keine Bedeutung mehr haben
sollen. Daher hat sie angefangen, sich konkret mit dem Situationismus
zu beschäftigen. "Und es war sehr spannend zu sehen, wie gewisse
künstlerische und politische Strategien sich sedimentieren und durch
Generationen hindurchgehen und bei ganz anderen Leuten, die die historischen
Formen vielleicht gar nicht kennen, wieder auftauchen."
Die Feststellung, dass ihre Bücher nicht antihip, sondern auf zeitgemäße
Weise erfrischend a-hip wirken, lässt sie problemlos mit einem Lachen
durchgehen. "Es ist nicht so, dass mich Pop-Diskurse oder -strategien
jetzt gar nicht mehr interessieren würden, nur ist mit dem Begriff
"Pop" heute nicht mehr viel zu machen." Klar sieht sie
sich an den beiden Strängen "affirmative und gegenkulturelle
Popstrategie" interessiert und geht auch bewusst mit diesem Diskursmaterial
um, doch darüber literarisch zu sprechen und das dann womöglich
selbst noch als "Pop" zu verkaufen, funktioniert für sie
nicht. Personality- und Identitätsstrategien sind zwar durchdenkbar,
aber nie von ihr praktiziert worden - und jetzt auch nicht mehr machbar,
sagt sie. Gerade aber technische Medien wie Radio und Internet haben ja
etwas sehr Distanziertes, was ihr auch entgegenkommt und gefällt.
Wenn Leute dort auftreten, habe das etwas sehr unpopstarmäßiges,
und diese "Nichtpräsenz", den diese Medien ausstrahlen,
ist ihr sehr sympathisch. Zudem gebe es Formen der Inszenierung, die das
"Popstarmässige" brechen könnten. Als Beispiel nennt
sie eine schauspielerische Lesung, die sie letztens zu Audio von Farmers
Manual gemacht hat. In einer weiterführenden politischen Begriffsdefinition
interessiert sie der Gegensatz von "Utopie" und "Vision",
da offenbar heute keiner mehr das Wort "Utopie" benutze, aber
viele Leute in "Visionen" schwelgen, die sich meistens sehr
simpel als Geschäftsvisionen dechiffrieren lassen. Daher interessiert
sie sich nicht zuletzt für eine ethymologische Geschichte des Begriffes
"Vision", und welche Rolle dieser im Faschismus gespielt habe.
Heute benennt er eine technisch-urbanistische Utopie minus gesellschaftliche
Entwicklungsmöglichkeit, eine rein technizistische Vorstellung von
Gesellschaft also. Die Hi-tech-Visionen der ideologisch hochaufgeladenen
Mediendiskurse, die mittlerweile im medialen Mainstream angekommen sind,
bestätigen dies. Der Begriff "Zukunft" lässt sich
daher für Kathrin Röggla nur im Bezug auf die Gegenwart denken.
Das Wort, fast ausschließlich für Mythologisierungen verwendet,
ist keine ahistorische Leerstelle, die von der Realität der Jetztzeit
fortprojeziert werden kann.
"Für mich ist "Zukunft" nur als gegenwärtiger
Diskurs denkbar."
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