bookRazzia in Putten -
Verbrechen der Wehrmacht in einem niederländischen Dorf?
Die Deutschen betrachten im allgemeinen die "Holländer" mit Sympathie.
Ältere Deutsche fahren gerne nach Amsterdam um ein kulturelles Erlebnis
zu geniessen, jüngere Menschen oft wegen der liberalen Drogenpolitik oder
den Schaufenstern, in denen Frauen präsentiert werden. Dass diese Sympathie
oft nur begrenzt bei Niederländern auf Gegenliebe stösst, wird dabei
gerne übersehen. Dass es immer noch eine gewisse Skepsis Deutschen gegenüber
gibt, liegt nicht nur an der verlorenen Fussballweltmeisterschaft von 1974 (obwohl
die Niederländer das bessere Team hatten, jawohl!), sondern an der von
Vielen als traumatisch empfundenen Besatzungszeit während des zweiten Weltkrieges,
die allgemein als Tiefpunkt in der niederländischen Geschichte empfunden
wird.
Madelon de Keizer hat unter dem obigen Titel ein aussergewöhnliches Buch
geschrieben. Es geht hier nicht nur um den Ablauf der Repression.
Am ersten Oktober 1944 verschleppte die deutsche Wehrmacht (die SS hatte damit
nur wenig zu tun) 661 Männer und Jungen aus Putten in deutsche Konzentrationslager
und steckte danach das Dorf in Brand. Ein Vorgehen wie in Lidice und Oradour
und in unzähligen Dörfern in der Sowjetunion auf dem Balkan und in
Italien. Nur 49 Menschen überlebten diese Aktion. Es geht in diesem Buch
aber vor allem darum, wie in der niederländischen Gesellschaft in den Jahrzehnten
nach dem Krieg mit all den ethischen und praktischen Problemen, die auf solche
Verbrechen folgen, umgegangen wurde. Die Frage nach der Ethik des Widerstands
wird gestellt, da die Razzia eine Reaktion auf einen Anschlag gegen ein deutsches
Militärfahrzeug war. Die Frage nach Handlungsalternativen z.B. der niederländischen
Polizei, die zum Teil kollaborierte, aber zum Teil gegen die Deutschen arbeitete,
wird untersucht. Die psychologische Verarbeitung bei gläubigen wie nichtgläubigen
Menschen wird geschildert. Ebenso die beschämende Geschichte, wie in der
Bundesrepublik die Kriegsverbrecher der Wehrmacht behandelt wurden. So war der
Oberkommandierende der Wehrmacht in den Niederlanden, Christiansen, der auch
den Befehl zur Razzia gegeben hat, in seinem Heimatort bis in die Achtziger
Jahre hinein Ehrenbürger und es gab eine von-Christiansen-Straße
dort. Jahrzehntelang haben die Niederländer dagegen protestiert und den
deutschen Behörden Beweise über die Verbrechen gegeben.
Wer über die politsche und auch religiöse Kultur der Niederländer
mehr wissen möchte, sollte dieses Buch lesen, auch wenn die Autorin für
mein Gefühl sehr viel und manchmal zu viel Verständnis für den
calvinistischen Konservatismus und die tiefe Religiösiät vor allem
in den Dörfern hat. Zu dem Thema könnte ich einiges beitragen, was
ich hier aber lieber für mich behalten möchte. Nur so viel: Mag der
Glauben in schlimmen Zeiten für manchen eine Stütze sein, so bin ich
trotzdem der festen Überzeugung, dass der Mensch sich davon befreien sollte.
Nicht unbedingt von jeder Spiritualität oder Religion, aber zumindest von
diesem einschränkenden, muffigen und intoleranten Charakter, den der niederländische
Calvinismus oft genug in sich trägt.
FEHRI
Dittrich Verlag
Joseph Weizenbaum: Computermacht und Gesellschaft. Freie Reden. Hrsg. von Gunna Wendt und Franz Klug. FfM 2001. Suhrkamp Verlag. 144 Seiten. 10 Euro.
bookAntisemitismus in den islamischen Gesellschaften:
Der Palästina Konflikt und der Transfer eines Feindbildes
Ohne jeden Zweifel ist der Nahostkonflikt seit dem 11. September und vor allem
seitdem in Afghanistan Krieg geführt wird, in eine neue Phase getreten.
Erschreckende Bilder, die früher alle paar Wochen um die Welt gingen, sind
mittlerweile Alltag. Ob sich das nun um Terrorakte gegen israelische Zivilisten
handelt oder um immer härtere Gegenmassnahmen des israelischen Militärs.
In der deutschem Restlinken tobt hierüber immer wieder eine oft bittere
Auseinandersetzung. Von einem Antizionismus, der oft genug eben auch antisemitisch
ist, bis hin zur bedingungslosen Solidarität mit Israel reicht die Palette.
Bei Endloskonflikten weiss man manchmal gar nicht so richtig, wie das alles
angefangen hat. Dazu gibt es nun unter dem obigen Titel eine meines Erachtens
vorzügliche Darstellung von Michael Kiefer, einem Düsseldorfer Islamwissenschaftler.
Man kann hier kompakt, wissenschaftlich fundiert und trotzdem gut geschrieben
nachlesen, wie der europäische Antisemitismus sich entwickelt hat, welche
Folgen das für die Geschichte des Zionismus hatte, und wie dann der moderne
europäische Antisemitismus in der islamischen Welt adaptiert wurde. Wertvoll
sind auch die Literaturangaben und eine Zustandsbeschreibung islamistischer
Gruppen in der Bundesrepublik.
Wichtig und gelungen erscheint mir vor allem die Darstellung komplexer historischer
Zusammenhänge. Und da ist es eben wichtig zu wissen, dass der Palästinakonflikt
wie er heute tobt, nicht monokausal erklärbar ist. Er ist ein Erbe der
Kolonialzeit: Während des ersten Weltkrieges versprachen die Briten Juden
wie Arabern alles, um Verbündete gegen Deutschland zu gewinnen. Es wird
ebenso erklärt, wie wichtig bereits vor dem Naziterror der Antisemitismus
in Europa war. Von der Dreyfusaffäre bis hin zu den Protokollen der Weisen
von Zion und den antisemitischen Progromen in Osteuropa wird der Hintergrund
für die Entstehung des Zionismus kompakt geschildert. Dass der Antisemitismus
ein europäischer Export in die arabische Welt ist, bis hin zu der fatalen
Konsequenz, dass sich Teile der palästinensischen Oligarchie mit Nazideutschland
verbündet haben, ist hier nachzulesen. Wobei Kiefer meines Erachtens objektiv
bleibt: Er hebt nicht nur auf die Kollaboration z.B. des Muftis von Jerusalem
mit den Nazis ab, sondern beschreibt ebenso, dass es einflussreiche zionistische
Gruppen gab, die ebenfalls keinerlei Interesse an einer friedlichen Koexistenz
beider Völker hatten. Zusammengefasst sei gesagt, dass wer wissen will,
wie ein solcher Konflikt über Generationen entsteht und eskaliert, sich
diese Buch unbedingt durchlesen sollte!
FEHRI
Druck im FGK. 14,99Euro
bookWie klingt die Neue Mitte?
Schon der Titel verrät, dass hier mal anders über Musik
geredet wird als in VIVA oder der neuesten spex. Autor Büsser, selbst Herausgeber
der Musikzeitschrift Testcard (eigentlich handelt es sich dabei genauer gesagt
um ein Periodikum in Buchform), ist ein Kenner der Materie (Sub-)Kultur und
Popmusik: Er schwadroniert nicht, sondern reflektiert, ordnet die Fakten und
- das hebt das Buch heraus aus der Masse sog. Pop-Analysen - analysiert mit
gesellschaftskritischem Impetus. Wir bekommen einen faktenreichen Einblick in
die reaktionären Tendenzen in der Popmusik, werden gefüttert mit chronologischen
Entwicklungen, Bewertungen von Szenen und einem umfangreichen Zitaten-Schatz.
Dieser, angeordnet am Zeilenaussenrand, ist schon für sich allein als Separatlektüre
den Kauf des Buches wert. Doch Büsser präsentiert uns nicht nur -
oder genauer: keinen - kritischen "Pop-Diskurs" sondern kritische
Gesellschaftanalyse. Die Analyse reaktionärer Tendenzen verharrt nicht
bei den Onkelz und Rammstein. Hier ist ein subkultureller Szenekenner politisch
erwachsen geworden: Pop wie auch dessen subkulturell codierten Spielarten wird
nicht als Identifikation schaffender Fetisch rauf- und runter zitiert; er erfährt
seine kritische Würdigung als kulturindustrielles Element von neoliberal
strukturiertem Standortnationalismus. Wer noch mal kritisch über die 70er,
80er, 90er und sich selbst nachdenken will, wer mit dem eigenen Pop-Fetisch
aufräumen will, sollte Büsser lesen.
Also, ihr Spät-Punx, abgehalfterten Hippies, effektheischerischen Postmodernisten
und Kunststudent/inn/en, Pop-Antifas, Mode-Linke, Differenz-Theoretiker und
subkulturell ausschaffierten IT- Jobber und Werbungsknechte: Lasst euch infrage
stellen und gönnt euch eine literarische Selbsttherapie!
AL C.
Martin Büsser: Wie klingt die Neue Mitte? Rechte und reaktionäre Tendenzen
in der Popmusik.
Ventil-Verlag 2002, 142 S., 11,90 Euro
bookMake Love and War
Vielen ist Jürgen Elsässer als Polemiker bekannt: Als "härtester
Kritiker Deutschlands" wurde er in der Zeitschrift Konkret angepriesen.
Trotz derartiger leicht peinlich anmutenden Ehrenbezeichnungen hat der KB-geschulte
Journalist neben Polemik auch Fähigkeiten in der journalistischen Recherche
- eindruckvoll präsentiert in seinem Buch über Lügen im Kosovo-Krieg.
In der Neuerscheinung beim Pahl-Rugenstein-Verlag versucht sich der "Berufszyniker"
(Der Spiegel) als Wiglaf Droste-Kopie: "Make Love and War" stellt
eine Ansammlung von Glossen dar, in denen mit den Grünen abgerechnet wird.
Elsässer verteilt Watschen, dass es nur so klatscht. Ein Spaß für
alle, die den Grünen ihren rasanten informellen Einstieg in das FDP-Reservoir
immer noch nicht verzeihen können; für den Rest der Linken - insbesondere
für regelmäßige Jungle World- und Konkret-Leser/innen - erscheint
das Büchlein jedoch leicht ermüdend, da der Autor in dieser Neuerscheinung
summa summarum nichts Neues mitteilt. Sicher, die Grünen sind eine Lachnummer,
sind zugleich die miesesten Arschkriecher, die dem Schoß sozialer Bewegungen
entsprungen sind, der "joggende Körnerfresser im Alter von Leni Riefenstahl"
- für jeden halbwegs anständig denkenden Menschen die abstoßenste
Charaktermaske der deutschen Nachkriegszeit... Bingo, das musste mal - und ist
ja auch schon oft - konstatiert werden. Spannend wird das Buch da, wo es den
11. Sptember in seine Polemik einbezieht und die Amerika-Politik der Grünen
aufs Korn nimmt. Aber für Elsässer-Kenner erscheint dieses Buch insgesamt
eher als Zusammenheftung schon veröffentlichter Traktate.
Also: Kaufen, querlesen und dann in der grün gesinnten Bekanntschaft als
Gastgeschenk zum Dinner mitbringen. Und dann beim ökologischem Wein anfangen,
über die alten, friedensbewegten gemeinsamen Zeiten zu reden. Dann hilft
euch auch Elsässer beim Lustgewinn!
AL C.
Jürgen Elsässer: Make Love and War. Wie Grüne und 68er die Republik
verändern.
Pahl-Rugenstein 2002, 172 S., 14,50 Euro
bookAfrikaBilder
Der Unrast-Verlag hat mit der Herausgabe eines neuen Sammelbandes zum Thema
Rassismus ein beachtenswertes Grundlagenwerk bereitgestellt. Sicher - Analysen
des Rassismus gibt es massenhaft. Die "AfrikaBilder" haben allerdings
den Vorteil, dass hier aus linker Sicht ein aktueller und umfangreicher Überblick
über die Diskurse zum Rassismus geliefert und in den Kontext der kolonialen
Perspektive auf Afrika und die Afrikaner/innen gestellt wird. Schwarze - so
wird in den Analysen verdeutlicht - sind nicht nur Opfer rassistischer Anfeindungen
und Gewaltakte. Anhand eines Einblicks in die Geschichte des preußisch-deutschen
Kolonialismus verdeutlicht Herausgeberin Susan Arndt zudem, dass Menschen schwarzer
Hautfarbe zudem Objekte sexualisierter rassistischer Projektionen sind. Diese
Sexualisierung des Rassismus - Arndt benutzt hierbei den Begriff der "Ethnopornographie"
- speist sich aus dem kolonialen Blick auf die sogenannten Primitiven Wilden,
die keine Moral und Zivilisation kennen und somit zum bevorzugten Objekt enttabuisierter
Sexual- und Vergewaltigungsphantasien degradiert werden. Arndt führt hierzu
das Beispiel des Films "Die Sünderin" mit Hildegard Knef als
der ersten nackten weißen Frau im deutschen TV an, was riesige Proteste
auslöste, während zugleich nackte schwarze Frauen in Gips und Marmor
als Tischfiguren oder Aschenbecher die bundesdeutschen Wohnzimmertische schmückten.
Das rassistische Bild von Menschen schwarzer Hautfarbe als "wilden und
enthemmten Tieren" birgt sexuelle Projektionen in sich, die Mord und Vergewaltigung
rechtfertigen; ein Tatbestand, der in der deutsch-preußischen Geschichte
in den Gebieten des heutigen Togo, Kamerun, Namibia und Tansania zur kolonialen
Praxis wurde und in den zwanziger Jahren im Massenmord an den Hereros in Südwest-Afrika
gipfelte.
In Schulbüchern, Lexika, in Museen und in Straßennamen - so wird
es in dem Sammelband detailreich nachgewiesen - lebt dieser Rassismus bis in
die heutige Zeit in Deutschland fort.
Der erste Teil des umfangreichen Buches beinhaltet theoretische und politikwissenschaftliche
Auseinandersetzungen mit Begrifflichkeiten und Erscheinungsformen von deutschem
Kolonialdenken und Rassismus sowie der antisemitischen Kontinuität im deutschen
Nationalbeußtsein. Hier können kritische Diskurse und Definitionen
auf der Höhe der Zeit nachgelesen und für die antirassistische Praxis
genutzt werden.
Der zweite Teil des Buches gibt einen interessanten Einblick in das rassistisch
und kolonialistisch gefärbte Bild von Afrika in Deutschland: Filme, (Schul-)Bücher,
Museen sowie Wissenschaft werden in Bezug auf rassistische Vorurteile gegenüber
Afrikaner/innen kritisch betrachtet und bewertet.
Im dritten Teil steht die deutsche Innen- und Aussenpolitik im Zentrum der kritischen
Analyse. Afrika als der "vergessene Kontinent" - das machen die Ausführungen
deutlich, ist sowohl historisch wie aktuell Objekt von Ausbeutung, (Neo-)Kolonialismus
und und rassistischem Überlegenheitswahn.
AfrikaBilder stellt eine innovativ, materialreiche und und fundierte kritische
Auseinandersetzung mit dem deutschen Rassismus dar, der - in der Literatur sonst
meist unberücksichtigt - hierbei die rassistische Diskriminierung und die
(neo-)kolonialen Verbrechen an Menschen schwarzer Hautfarbe in die aktuelle
Diskussion um Rassismus einfügt.
Ein gutes, ein äußerst empfehlenswertes Buch!
AL C.
Susan Arndt (Hrsg.): AfrikaBilder. Studien zu Rassismus in Deutschland.
Unrast-Verlag 2001, 463 S., 21 Euro
bookNeonazis im Großraum Duisburg/Oberhausen
Gerade sind die Vorberichte des Verfassungsschutzes NRW erschienen, da kommt
auch schon die antifaschistische Korrektur: Mit der Neuerscheinung über
Neonazismus im Großraum Duisburg und Oberhausen werden kenntnisreich und
exzellent recherchiert die VS-Aussagen sowie die lokalpolitischen Stellungnahmen
widerlegt, es gäbe in dieser Region keine ernstzunehmende neonazistische
Szene - eine regelmäßig wiederholte verharmlosende wie zugleich falsche
Behauptung, die wohl standortpolitischen Gründen wie auch extremismustheoretischen
Ansätzen geschuldet ist.
Mit der Untersuchung über den regionalen Neonazismus wird in vielerlei
Hinsicht Neuland beschritten: Erstens gibt es keine vergleichbaren Aufarbeitungen
neonazistischer Aktivitäten aus der Region und zweitens existieren keine
sonstigen Analysen, welche die Organisationsstrukturen, Rekrutierungsfelder,
Verflechtungen und Agitationsweisen des militanten Neonazismus derart detailliert
und auf der Höhe der Zeit erfassen.
Der Hauptteil des Buches besteht aus der Analyse der sog. Freien Kameradschaften
aus der Region und deren Verflechtungen mit der NPD und der JN. Hier findet
sich in Hülle und Fülle Material zur Belegbarkeit der These, dass
die NPD ein noch legales Sammelbecken und Rekrutierungsfeld für den sonst
informell organisierten militanten Neonazismus ist. Zudem wird verdeutlicht,
dass die staatliche Strategie der Repression über Organisationsverbote
das Problem des Neonazismus nicht beheben kann. Denn die informelle Organisationsstruktur
der "Freien Kameradschaften" - das zeigt die Analyse materialreich
auf - stellt mittlerweile den zentralen organisatorischen Kern des deutschen
Neonazismus dar, der sich der diversen rechtsextremen Parteien, Vereine und
Verbände je nach aktueller Nutzbarkeit bedient und daher auch je nach juristischer
Lage flexibel zu reagieren in der Lage ist. Nahezu unbehelligt von öffentlichem
Widerstand hat sich über die Kameradschaften und die NPD eine rechtsextreme
Szene herausgebildt, die - so wird detailliert nachgewiesen - offen Rassismus,
Antisemitismus, NS-Verherrlichung verbreitet und ein Gewaltpotenzial aufweist,
das die organisatorische Basis für einen kommenden Rechtsterrorismus aufweist,
der in den internen Publikationen mehr oder weniger offen propagiert wird.
Als "modernes" Propagandamittel hierzu - so wird in einem weiteren
Beitrag des Buches verdeutlicht - dient in zunehmendem Maße hierzu der
sog. Rechts-Rock: Bands, illegale und legale Vertriebe und rechte, miteinander
vernetzte Musik-Szenen, die einen integrativen Anknüpfungspunkt für
neonazistische Propaganda und Rekrutierung bieten.
Auch für Interessierte aus dem Düsseldorfer Raum ist dieses Buch Pflichtlektüre,
denn die politische Dimension der hiesigen lokalen Neonazi-Aktivitäten
kann erst dann erfasst werden, wenn deren organisatorische Verflechtungen im
NRW-Rahmen mit berücksichtigt werden.
Das Buch bietet zudem einen vozüglichen antifaschistischen Service-Teil
mit Adressen und Register.
Also: Kaufen, nachmachen und - handeln!
AL C.
JungdemokratInnen/Junge Linke Duisburg (Hrsg.): Duisburg - rechts um !? Neonazis
im Großraum Duisburg/Oberhausen
Duisburg 2002, 149 S., 5 Euro
bookGUT LAU STEHENLASSEN, HELLWOW MITNEHMEN
"sprachen davon, welches Barry-White-Album das beste sei, stundenlang
stritten wir darüber, welches Barry-White-Album das definitiv beste sei,
und kamen zu keinem endgültigem Ergebnis." (Gut laut, S.156)
Tja, das sind natürlich Probleme, oder wart mal, sagen wir besser, auch
Möglichkeiten, wie man seine Lebenszeit herumkriegen kann. In Andreas Neumeisters
"Gut laut, Version 2.0" geht es, was Wunder, um Pop-Besessenheit.
Nicht um Musikbesessenheit, denn "Klassik kann ich hören, wenn ich
tot bin", äussert der Pop - und insbesondere Mjunik-Maniac einmal.
Das Buch galt als Hardcover schon als teilweise äusserst nerviger Mosaikstein
des Popverteidigerpacks, und Sprüche wie "Die letzten Jahrzehnte des
20. Jahrhunderts wurden erst durch Pop halbwegs erträglich" regten
logischerweise zum sofortigen Widerspruch an. Neumeister fiel schon in seinen
vorherigen Büchern durch nervige ewige Pop-Bezüge Marke "Ich
hör das und das" auf und durch einen Stil, der bewusst auf konventionelle
Erzählung verzichten wollte und dadurch witzigerweise alles andere als
Pop war. "Gut laut" stellt nun Popmusik als Lebensprinzip endgültig
in den Mittelpunkt des Schreibens, und die von Rainald Goetz bekannten populistischen
Pop-Mythisierungsprozesse feiern einmal mehr fröhlichste Urstände:
"aller hier arbeitet eifrigst an der überfälligen Abschaffung
des 20. Jahrhunderts", heisst es - klar, denn nur aus Pop kann die Welt
nicht in Stahl-, sondern Tongewittern neu entstehen. Und Pop ist immer "klasse"
(ein Hasswort) und "gut gelaunt", andere Vibes und Stimmungen scheint
es nicht zu geben. Amtliche Hipness, neubourgeoises Pop-Wissen und subkulturindustriell
festinstitutionalisiertes Fan-Tum sind heilige Werte, und nie kommt einer auf
die Idee, diesen bigotten Komplex mal zu dekonstruieren. Wie zb. "Leidenschaft"
und "Musikbegeisterung" schon längst keine naiven Juchee-Werte
von uns Fans mehr sind, sondern im Kontext der (Sub)Kulturindustrie - und in
dem befinden wir uns bittschön immer noch - fest beschreibbare Währungen
geworden sind, mit denen in den Kontexten der Musikvermittlung ordentlich gehandelt
wird. Neumeister interessiert sich natürlich nicht für Analysen, muss
er ja auch nicht, aber wie bei Goetz nervt es, dass hier letztlich doch immer
nur die naiv-dämliche zwangsgutgelaunte Pop-Sau im eigenen Schreibautomatismus
Amok läuft. Das führt dann zu so typischen Sätzen wie "Natur
und Technik passen mal wieder wahnsinnig gut zusammen" - Zack! Ein Satz
wie von Goetz, und auch vieles klingt wie Goetz wie Thomas Bernhard (Vgl. 108/109)
und wieder Goetz, der ja eh Bernhard kopiert - Verzeihung, sampled sagt man
ja heute schick-ironisch. Letztlich liest sich das auch nicht anders als Florian
"Ill" Illies für Poptrottel und so entstehen im Übermut
der gutgelaunten Pop-Provo-Laune sehr dumme Sätze, die nur ziemlich dumme
Menschen unterschreiben können. Neumeister unterlässt es natürlich
nicht, Pro-Plastik und gar Pro-Asbest zu sein (wie wär mal nen Gespräch
mit Asbestgeschädigten, Dichter ohne Lichter? Ach so, ist ja nur Schreib-Strategie!)
und läuft auch sonst alten 80er Provoimages und Feindbildern hinterher,
fängt sie ein und und kocht sie als Spätgeborener auf. Letztlich,
das vermittelt "Gut laut", das eben weit mehr als ein unschuldiges
Fan-Buch ist, da es ohne Unterlass mit Pop-propagandistischen Feindbildern und
Demagogie arbeitet, kann man eigentlich nur Pop konsumieren, alles "geil"
finden, "ja" sagen, "geil" sagen, geil, heilgeil, alles
toll, ab in die "Welt", ab ins Feuilletton natürlich, nein, doch
nicht etwa in die Welt als Realität! In diesem Buch gibt es nämlich:
keine Widersprüche, nichts Komplexes, nichts Gefährliches, nichts
Unamtliches - ständig wähnt man sich auf der "richtigen"
Seite, und ständig wird nach Einverständnis geheischt. Auf Nachfrage
wird dann wahrscheinlich immer noch in Gähnkrämpfen alles als ironische
Strategie deklamiert: demagogische Pop-Dummheit als Strategie. Spätestens
hier kracht's im Gebälk. Natürlich liest sich das Buch locker weg,
wie Pop according to Neumeister eben. Ständig trifft man auf Sachen, die
einem bekannt sind, doch warum lässt sich das nicht einfach gutfinden?
Die Antwort darauf herauszufinden ist der eigentliche Lernprozess von "Gut
laut": weil diese scheinbaren Locker-Beppies doch in Wahrheit die grössten
verklemmten idiosynkratischen Pop-Spiessernerds sind, die never ever Pop sind
und sein werden. Und sich die einzigen politschen Aussagen, die sich in diesem
Mittelschichtskosmos finden lassen, so klingen wie: "Bis auf den heutigen
Tag noch jeder zweite Dreckskrieg, jedes zweite Drecksgemetzel auf dem Globus
als Spätfolge der beiden Weltverwüstungskriege in der ersten Hälfte
dieses Katastrophenjahrhunderts, Zeit wird's, dachte ich in Berlin und denke
ich heute wieder, dass damit endlich Schluss ist." Danke, Mann.
Thomas Meinecke nervte in seinen früheren Büchern auch durch "strategisches
Schreiben": jeder Furz hatte ein festes amtliches Feindbild, Fragen wurden
nicht gestellt, Widersprüche nicht geduldet, es gab einen amtlichen Hipsterkosmos,
der nie in Frage gestellt wurde, und der eigenen Arbeit wurde, wie angeblich
Pop (genau DAS tut "Pop" - Definitionslücke! - aber eben nicht!),
nur eine geringe Halbwerttzeit bescheinigt. Seit "Tomboy" nun, das
sich hauptsächlich spielerisch am Genderkomplex abarbeitet, hat sich dies
gewandelt, und mit "Hellblau" hat Meineckes Schreiben tatsächlich
ein neues qualitatives Plateau erreicht, das auf das vordergründig Strategische
offensichtlich verzichtet und die notwendigen Schritte zum Weiterkommen scheinbar
wie selbstverständlich macht. Das Buch führt das weiter, was in "Tomboy"
begann: endlich wird auf die ewige Positionierung nur durch Abgrenzung verzichtet,
endlich gibt es keinen ironischen Notausgang (weil gar nicht nötig) und
auch keine krampfigen Feindbilder mehr - wie zB. Politzottel, Ökos, 2001-Kunden
oder postmoderne Kulturschwätzer -, die eh immer nur hauptsächlich
in der eigenen Mittelstandsphantasie tobten (Vgl. Diederichsen-Müll wie
"Muss nach der Revolution erschossen werden!"). Und das hochkomplex
strukturierte und konstruierte Material des Buches wirkt wunderbarerweise unglaublich
locker und gleichsam aufgeklärt.
Welche Farbe hat Mariah Carey? Meinecke nutzt die Welt des Pop, um damit zu
wesentlich wichtigeren Fragen zu kommen als "Welche Platte hat Band X im
Jahr YZ veröffentlicht". Falls sich solche Musikbezüge in "Hellblau"
finden lassen - und es gibt viele davon! -, illustrieren sie nicht nur tumb
das eigene Fan-Sein, sondern führen in einem Netzwerk anderer kultureller
Stränge zu einem Komplex, der die Konstruktion von Identitäten beschreibt
und in seiner Vielfalt an Mustern und Informationen sowohl intellektuell wie
auch sinnlich verständlich macht. Diskurse und Theorien sind die die eigentlichen
"Darsteller", denn natürlich erzählt hier nicht Meinecke,
sondern Rollen: eine Gruppe noch jüngerer Menschen kommuniziert weltweit
in ihren jeweiligen Aufenthaltsorten - die Atlantikküste North Carolinas,
Mannheim, Berlin, New York's "chassidisches Viertel" Williamsburg
und die South Side von Chicago sind hauptsächliche Fixpunkte - per Brief,
Mail, Fax und Fon, und ja, natürlich auch Musiktonträger. Alle arbeiten
sich, teilweise sehr persönlich, also nicht nur auf einer abstrakten Weise,
an der Vermischung und dem Tausch von (konstruierten) Identitäten ab. Jüdische
Schwarze, Schwarze mit blonden Perücken, geschorene chassidische Frauen
mit Perücken, chassisdische Männer mit weiblichen sozialen Verhaltensweisen,
Weisse, die wie Schwarze agieren, und umgekehrt, Frauen wie Männer, und
umgekehrt, der Wunsch, sich zu assimilieren, die Falle, sich zu assimilieren,
die Weigerung, sich zu assimilieren, aber auch, subkontextuell, das mögliche
Verhängnis, sich nicht zu assimilieren. Verbindungen von Detroit, das früher
logisch für General Motors, danach für Motown und erst in einem heutigen
normativen Pop-Kontext für Techno stand, zur Zwangsarbeiterdebatte wirken
weder modisch noch aufgesetzt, sondern agieren tief im Material. Die Fülle
an Informationen wird folgerichtig nicht sinn- und konzeptlos aneinandergecuttet,
sondern bekommt hier einen Fluss, der Geschichte wie Neudefinition erfahrbar
und vorstellbar macht. Der vielbemühte Vergleich "DJ als Schriftsteller",
dem Neumeister ja auch hinterherennt, kommt hier wirklich überzeugend zum
Ausdruck. Ein auch in politischer Hinsicht viel weitsichtigeres und bei aller
Schärfe und Unerbittlichkeit in den Sachverhalten viel gelassenen wirkenderes
Buch als Neumeisters gequältgutgelaunthochgepitchte Pop-7-Inch. Denn schliesslich
geht es in politischen wie kulturellen Prozessen auch um die Fähigkeit
zur Differenzierung zur richtigen Zeit, und nicht nur um die Fähigkeit
zur Nichtdifferenzierung - die auch klar ihre Zeit hat! -, und um die Bildung
von neuen Kulturparolen und billigen mittelständischen Kunst-Slogans, die
sich kreuzdumm als Pop verstehen. Und trotz selbem Verlag und ähnlichen
Interessen ist Meinecke da einfach schon viel weiter als Neumeister. Also "Gut
laut" stehenlassen, "Hellblau" mitnehmen.
HONKER
Andreas Neumeister: Gut laut, Version 2.0, 190 S., FfM 2001
(Suhrkamp), 8 Euro
Thomas Meinecke: Hellblau, 335 S. FfM 2001 (Suhrkamp), 20,80 Euro
www.terz.org - 25.3.2002