bookVolksgemeinschaft gegen
McWorld?
In den Protesten gegen den sog. Globalisierungsprozess wie auch
aktuell gegen den US-Angriffskrieg auf den Irak kommen neben berechtigter Kritik
zugleich Positionen zutage, die sich aus nationalistischen und völkischen
Denktraditionen speisen. Die extreme Rechte der Nachkriegszeit weist zunehmend
antiamerikanistische und "antiimperialistische" Haltungen auf, die
mit Antisemitismus und Nationalismus verknüpft werden.
Das Zentrum für demokratische Kultur hat hierzu einen Reader herausgebracht,
der die unterschiedlichen Facetten einer Globalisierungskritik von rechts beleuchtet.
So wird in den einzelnen Beiträgen das Verhältnis der extremen Rechten
zu Staat und Nation, zu Kultur, Umwelt, Ästhetik und Kunst und zu Einwanderung
und Globalisierung anhand von Propagandamaterialien und Positionspapieren verdeutlicht,
sowie die Organisationsstruktur und das Publikationsspekrum des Rechtsextremismus
vorgestellt.
Die einzelnen Beiträge sind hierbei von höchst unterschiedlicher Qualität.
So ist die Beschreibung der rechtsextremen Organisationen von Thomas Grumke
im Vergleich zu Aufsätzen zum Thema in anderen Publikationen sehr eingeschränkt
und weist fragwürdige Bewertungen auf. Auch die These Bernd Wagners von
einer angeblichen "Assoziation von Rechtsradikalen, Sozialisten und Islamisten"
wird nicht belegt und weist eine begriffliche Vermengung höchst unterschiedlicher
Denktraditionen und Bewegungen auf. Begriffe wie Subkultur, Sozialismus oder
(Rechts)Radikalismus stehen dort in scheinbarer Beziehung zueinander, ohne deren
Entstehungskontext zu erläutern, was eher verwirrt als aufklärt.
Hingegen wird das Verhältnis von Rechtsextremen zum Globalisierungsprozess
von Bianca Klose und Martin Behringer prägnant aufgezeigt, genauso wie
Ralph Kummer einen guten Einblick in das Nationalverständnis der extremen
Rechten gibt. Ähnlich Löbliches lässt sich auch zu den übrigen
Beiträgen sagen.
Insgesamt ist diese Broschüre äußerst empfehlenswert zum Einstieg
in die Thematik. Sie bietet Material zur Auseinandersetzung mit rechter Globalisierungs-
und Kulturkritik und dient zur Unterscheidung zwischen emanzipativer und reaktionärer
Kritik an den Verheerungen des globalisierten Kapitalismus.
AL C.
Zentrum Demokratische Kultur (hg.): Bulletin 3/2003: Volksgemeinschaft
gegen McWorld. Rechtsintellektuelle Diskurse zu Globalisierung, Nation und Kultur
Klett Verlag, 2003, Broschüre, 110 S.
bookWie es sich machen lässt.
Ein erweiterter Blick auf Geschichte und Phänomene der Improvisierten
Musik.
Natürlich ist dieses Buch wichtig. Und natürlich geht es hier um
eine mitunter mit einem radikalen Gestus behaftete, kompromisslos vorgehende
Min-derheitenmusik, die dementsprechend mit Spezialistenwissen dargestellt wird.
Der in Köln lebende und arbeitende Musikjournalist Felix Klopotek, derzeit
als Musikredakteur für die Stadtrevue tätig, ist seit langem eine
anerkannte Koryphäe in Sachen improvisierter Musik, die er früher
in der Gruppe "Fortschritt Hoffnung" als Saxofonist selbst praktizierte,
bevor er das Musikmachen für das Reflektieren und Schreiben darüber
schließlich ganz aufgab. Mit "how they do it. Free Jazz, Improvisation
und Niemandsmusik" ist nun sein erstes Buch erschienen. Klopotek weiß
es. Er weiß, worum es geht, denn seine Musiksozialisation fing zu einem
bedeutendem Teil mit Free Jazz an. Heute ist er ein über das Tagesgeschäft
hinausdenkender Musikjournalist, dem man die Begeisterung für die Musik,
für das reflektierende Interesse an ihr und für deren Protagonisten
immer noch abnehmen kann, ohne irgendetwas daran peinlich oder überzogen
zu finden. Das schlimmste am Journalismus sind bekanntlich anbiedernde Meinungstexte,
Eitelkeit und Geschwätzigkeit. In Klopoteks Schreiben jedoch findet sich
weder postpubertäres Anhimmeln des Objekts, noch fahrlässige Pre-Set-Projektionen
und locker dahergeschriebene Codierungen von Politik auf die Musik und erst
recht kein Erschreiben einer eigenen Wichtigkeit, was im heutigen Schreiben
über zeitgemäße Musik, die sich in einem erweitertem Poprahmen
befindet, keinstenfalls selbstverständlich ist. In seinem Schreiben zeigt
sich vielmehr wirkliches Interesse für Geschichte und Struktur der improvisierten
Musik und die Fähigkeit, die notwendigen Fakten und die Kenntnis darüber
nicht zu popularisieren oder gar zu kryptisieren, sondern in bewusst fragmentarisch
gelassenen Artikeln für zukünftige Diskussionen offen zu legen und
bestenfalls für politische Debatten fruchtbar zu machen.
Ein Wissenschaftler? Nein, ein ganz normal verrückter Musikwahnsinniger,
klar, doch seine "Leidenschaft" - ein im Musikjournalismuskontext
mittlerweile komplett tot gerittenes Null-Wort, eine Codierung und ein struktureller
Münzwert der Subkulturindustrie - für das Objekt zeigt sich anders,
nämlich im konsequenten, hochinteressierten und hochbewussten Spurenlesen
und Verfolgen der musikalischen Formen, in denen sich Free Jazz, Improvisation
und "Niemandsmusik" heute aktuell äußern. Klopotek schreibt
für Buffs, nicht für Nerds - also für reflektierte Spezialisten
mit Spezialistengeschmack und nicht für weltfremde Schwärmer, die,
in der Fülle der bunten Fakten tanzend, gerne mal die Realitäten verlieren
- ein gewichtiger Unterschied. In den hier versammelten und überarbeiteten
Artikeln aus Spex, Jungle World, Jazzthetik, testcard, Intro, Beam me up und
der Stadtrevue wird das Spektrum von Free Jazz u.a. durch Cecil Taylor, Peter
Brötzmann, Franz Hautzinger, Charles Gayle abgedeckt, mit dem linksradikalen
Komponisten Cornelis Cardew, dem AMM-Label oder Keith Rowe finden sich post-serielle
Schnittstellen zu improvisierter Musik, die Gitarre erhält durch Derek
Bailey, Eugene Chadbourne oder Olaf Rupp eine beispielhafte Renaissance, elektronische
Improvisation ist zB. durch Fennesz, Mouse On Mars, Christian Marclay oder Voice
Crack vertreten, der Postrock findet mit Gastr del Sol, Jim O' Rourke oder David
Grubbs exponierte Musiker und auch Rock-Transformationen und Indie-Jazz wird
beleuchtet. Neben den "bekannten" Namen finden sich auch Portraits
und Hinweise zu weniger präsenten ProduzentInnen, deren Entdeckung definitiv
lohnt. Die Texte sind natürlich zunächst einmal bereits erschienene
Gebrauchstexte des Musikjournalismus, die sich schlecht nachträglich essayistisch
erweitern lassen. Das Fragmentarische dieser Texte ist aber auch gleichsam ihr
jeweils exemplarischer Ansatz: bewusst wird hier keine Mastertheorie ausgebreitet,
dafür als Vorsatz Geschichten und Intentionen improvisierter Musik konzentriert
aufgearbeitet. Die Vertiefung in dieses Wissen birgt jedoch Gefahren, und auch
Klopotek kann die Klippe des eigenen "Fan-Tums" leider nicht immer
sicher umschiffen. So schreibt er im Vorwort Sachen, die man als aufgeklärter
Musikjournalist im Grunde nicht bringen kann, ohne sich ins idiosynkratische
Abseits zu stellen: "Die Musikgeschichte der 90er Jahre ist noch nicht
geschrieben, und vielleicht lohnt sie auch gar nicht den Aufwand", heisst
es da. So etwas ist natürlich konservativer Rolling-Stones-Style, unterste
Schublade. Wenn Klopotek schreibt, dass HipHop, Acid und Techno 1992 weiß
Gott keine Novelty-Phänomene waren, ist das mehr als verkürzt und
daher schlichtweg falsch, denn die wichtigen Entwicklungen - und dies heißt
nicht nur in "qualitativer", sondern eben auch in quantitativer Hinsicht
- in den Genres HipHop und vor allem Techno vollzogen sich gerade erst ab dieser
Zeit. Nur hat der Autor, so scheint es, diese Entwicklungen leider eben nicht
"erlebt", sondern nur via Stil- und Musikwissen mitbekommen, schade
aber egal, nur: dann sollte man so etwas nicht schreiben. Und da Klopotek ein
kluger Kopf ist, wundert man sich, warum er hier seiner Abneigung gegen diese
Stile die Zügel derart schießen lässt bzw. diese in einer pseudowissenschaftliche
"Nichtrelevanz" dieser Stile verwandelt. Die propagierte Relevanz
der geliebten Stile bekommt so einen geschmäcklerischen Geruch, der stets
auch eine gewisse Art von Arroganz impliziert, die einem offen agierendem Musikkritiker
und Analysten schlecht zu Gesicht steht. Dies ist der bekannte blinde analytischer
Fleck der Minderheitenmusikintelligenz, doch schon Adorno - der Vergleich ist
nicht kokett gemeint - hatte, wie wir wissen, ja schon den Jazz komplett verkannt
und verfemt und in seiner spezifischen Interpretation des Wortes ("to chase")
das von den Autoritäten gehetzte Individuum gewittert. Bei einem bisweilen
überaufgeklärtem Schreiben können wichtige und direkte Impulse
nun mal gerne verloren gehen, und das Gute am Spezialisten läuft schließlich
Gefahr, sein Manko zu werden: er ist einfach ZU gut informiert, er kann nicht
vergessen, muss immer (vor)urteilen, immer vergleichen, immer wissen, oft auch,
wider besseren Wissens, besserwissen.
Bei Klopotek soll der Fokus nun Free Jazz und improvisierte Musik sein, eine
oft als herrschaftsfrei deklarierte Musik. Klar, das muss in linker Hinsicht
nicht extra verteidigt werden, und Klopotek rennt auch nicht offene Türen
ein, eher tritt er schon mal die Türen der Hinterzimmer ein, in denen sich
wertkonservative Stilrevolutionäre im Wissen um die vermeintliche Wahrheit
gerne konspirativ vereinigen. Improvisierte Musik, so paraphrasiert der Autor
darum eine Auffassung von Ornette Coleman, ist, entgegen ihrem radikalen Anschein
und Anspruch, durchaus als kommerziell zu bezeichnen und, ganz klar, auch glamourös.
Der Pop und sein performativer Charakter schleicht sich bei Klopotek eben durch
die Hintertür wieder ein, zwar nur ganz klein, aber eben gemein. Das ist
eine clevere Distinktionsmaschine, die da elegant stotternd angeworfen wird,
wobei Klopotek so klug ist, die Regeln, ganz dem musikalischen Objekt gemäß,
stets wieder zu brechen, wenn er im Bezug auf das traditionelle Free-Jazz-Revival
der Chicagoer Post-Rock-Szene schreibt, "dass Wertkonservatismus und penetrantes
Herunterbeten vermeintlich unumstößlicher ästhetischer Issues
nicht nur ein Problem der Clique um Wynton Marsalis (der einen neokonservativen
Jazzbegriff vertritt, d.A.) ist." Free Jazz hat kein Monopol auf Innovationskraft,
so Klopotek, der die innovativen und radikalen Fortschreibungen seines Impulses
dennoch oder gerade deshalb nachforscht. Was in seinem Buch ein wenig zu kurz
kommt, ist jedoch auch die Tatsache, dass Free-Jazz und improvisatorische Musik
eben nicht "Niemandsmusik" (eine Wortschöpfung für darüber
hinaus gehende Stile) sind, sondern sich gerade hier dieselben Mechanismen und
Distinktionskämpfe finden, die auch andere Minderheitenmusikszenen auszeichnen,
bisweilen sogar in verschärfter Form. Konkret zwei Sachen fallen da ein:
in diesen Szenen gibt es sehr wenig weibliche Protagonisten und dafür nahezu
männerbündlerische Vernetzungen wie auch Auftritte, die jeder Heavy-Metal-Szene
zur Ehre gereichen würde, und der ökonomische und auch ästhetische
Verdrängungskampf ist bisweilen extrem.
Doch jedem seine Vorlieben. Die Begeisterung für die Musik - explizit die
von Cecil Taylor, und was sich, auch in Abgrenzung, daran alles zeigen kann
- macht Klopoteks Ansatz grundsätzlich sympathisch, nur läuft ein
Autor, der allzu viel persönliche Vorlieben exploriert, dabei Gefahr, seine
für die Analyse notwendige kritische Sicht zu verlieren. Der blinde Fleck
halt. Bisweilen geraten manche Textpassagen gar in Verdacht, latent an den Gestus
von Schwätzmaster Diederich Diederichsen zu erinnern, jedoch ohne dessen
notorische blasse Großmäuligkeit, die noch nie einem über Musik
Schreibenden gut getan hat. Der Verzicht darauf und der Versuch, Charisma und
Schärfe eher durch das intelligente Arrangieren von Fakten zu erlangen
ist das, was Klopoteks Schreiben letztlich sympathisch macht. Und es spricht
für diese Texte, dass sie das mögliche "Scheitern", den
Absturz, vor dem man in der improvisierten Musik nicht nur keine Angst haben
sollte, sondern der sogar unabdingbarer Teil des Prozesses sein sollte, nicht
nur mitdenken, sondern sogar potenziell überschreiten. Dieses gut recherchierte
Hintergrundwissen, dass ohne großes Trara und immer wieder durchscheinende
Mastertheorie oder abstoßende poplinke Floskeln (Ok, seufz, ein Diederichsen-"Baby"
darf man sich als ironisches Zitat mal erlauben) durchgezogen wird, ergibt am
Ende das Bild einer gelungenen Aufsatzsammlung, die für Interessierte ungemein
viele Anstöße gibt, mit-, weiter-, ja sogar dagegen zu denken. Was
zu erwünschen war.
HONKER
how they do it. Free Jazz, Improvisation und Niemandsmusik.
Ventil-Verlag,
ISBN 3-930559-75-7, Euro 13,90
bookImperialismusdiskussion
Hat der Imperialismus abgedankt zugunsten eines neuen Empires, das allumfassend
die neue souveräne Herrschaft präsentiert, wie es in dem linken Bestseller
von Hardt/Negri heisst, oder weist nicht gerade der US-Angriffskrieg auf den
Irak und der deutsch/französisch/russische Protest auf die Gültigkeit
der alten leninistischen These vom Imperialismus als höchstem Stadium des
Kapitalismus unter der Konkurrenz nationaler Blöcke hin?
Die marxistische Theoriezeitschrift "Z." hat diese Diskussion zum
Schwerpunkt einer Ausgabe gemacht. Für die AutorInnen hat der Begriff Imperialismus
nach wie vor seine Gültigkeit. Georges Labica plädiert hierbei für
eine historisierende Lesart der Schriften Lenins. Alle AutorInnen sind sich
einig, dass der Imperialismus durch die sog. Globalisierung neue Merkmale aufweist
oder - umgekehrt - die Globalisierung Ausdruck eines neuen Imperialismus ist.
Michael Krätke setzt sich hierbei mit den Mythen der Globalisierung auseinander
und bestreitet die These von der Handlungsohnmacht der Politik. Empirisches
Material für die Macht der Konzerne im Globalisierungsprozess liefert Gretchen
Binus. Rainer Perschewski hingegen zeigt die wachsende Bedeutung transnationaler
Konzerne aus dem EU-Raum und vergleicht das ökonomisch Potential der EU
mit den USA und Japan. Die EU entfaltet seiner Ansicht nach innerhalb der Triadenkonkurrenz
zunehmende Stärke. Im Interview mit der Zeitschrift plädiert der kanadische
Marxist Leo Panitsch für eine Neuformulierung der Imperialismustheorie.
Hierbei identifiziert er die USA als imperialistischen Hegemon: Ohne Analyse
der sozioökonomischen Struktur der USA seien Kapitalismus und Imperialismus
heute nicht zu verstehen. Panitsch wendet sich gegen die These vom Bedeutungsverlust
der Staaten und identifiziert den kapitalistischen Staat als Urheber der Globalisierung.
Auch die These vom Imperialismus zur Sicherung von Rohstoffen wird in der Z.
am Beispiel des US-Krieges gegen Irak aufgestellt. Jürgen Wagner versucht
anhand der Auswertung von Meinungsäußerungen und Strategiepapieren
zu belegen, dass geostrategische Interessen und Profitinteressen der US-Ölkonzerne
der Grund für den Krieg sind.
Leider fehlt in der Imperialismusdiskussion der Z. der rote Faden; die einzelnen
Beiträge stehen ohne Kontroversen und gegenseitige Bezüge für
sich. Auch die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen linken Theorien vom
Imperialismus fehlt in dem Heft.
Statt der angekündigten Imperialismus-Diskussion liefert die Z. lediglich
Beiträge und Material für eine noch ausstehende Diskussion.
Vielleicht in kommenden Ausgaben?
AL C.
Z., Zeitschrift Marxistische Erneuerung Nr. 52; www.zeitschrift-marxistische-erneuerung.de; 223 S., 9,50 Eur
bookChronik eines angekündigten
Krieges
Die Neuerscheinung beinhaltet ein Gespräch des taz-Autors Andreas Zumach
mit dem ehemaligen Leiter des UN-Hilfsprogramms in Bagdad, Hans Graf von Sponeck,
einem deutschen UN-Diplomat. Er kritisierte die UNO-Sanktionen gegen den Irak
als Völkermord und trat deshalb von seinem Posten zurück. Sponek belegt
anhand von Fakten, wie die USA den lang angekündigten Krieg mittels Kampagnen
und gezielt in die Welt gesetzten Falschinformationen systematisch vorbereitet
haben. Zugleich kritisiert der UN-Diplomat das Versagen der europäischen
Staaten sowie der UNO, die menschliche Katastrophe für die irakische Zivilbevölkerung
in diesem Kriegsspiel zu verhindern. Der 11. September war in diesem schmutzigen
Spiel laut Sponeck lediglich ein Anlass, diesem lange geplanten Krieg eine zusätzliche
moralische Legitimation zu geben.
Das Buch erhält dadurch Brisanz, dass hier ein Insider Stellung gegen den
Krieg bezieht und Hintergründe aufzeigt, die sonst nicht ohne weiteres
zugänglich sind.
Eine systematische oder gar systemkritische Analyse der Ursache des Krieges
leistet dieses Buch nicht, wohl aber einen spannenden Einblick in die Funktionsweise
der Kriegsdiplomatie.
AL C.
Hans von Sponeck/Andreas Zumach: Irak. Chronik eines angekündigten Krieges; KIWI-Verlag, Köln 2003, 158 S., 7,90 Eur
bookEuropas Populisten
Der Begriff des Populismus geistert in Deutschland seit dem kurzen Aufstieg
der Schill-Partei und der Möllemann-Eskapaden durch die Medien. Vom Phänomen
des (Rechts)Populismus spricht man in Europa seit den Wahlerfolgen der österreichischen
FPÖ unter Haider. Seinen Ausgang hat der sog. Rechtspopulismus in Europa
in den Wahlerfolgen der skandinavischen "Fortschrittsparteien" in
den siebziger Jahren.
Der Journalist Hans-Henning Scharsach hat zu diesem Thema ein äußerst
lesenswertes Buch geschrieben. Er beschreibt material- und kenntnisreich die
historischen Entwicklungen und aktuellen Ausdrucksformen rechtspoulistischer
Bewegungen in Europa. Dabei gelingt es dem Autor, die Propaganda der einzelnen
Bewegung zueinander in Beziehung zu setzen und die Bedeutung von "Volks"-Kampagnen
für den Erfolg rechtspopulistischer Bewegungen zu verdeutlichen.
Wer hingegen nach einer wissenschaftlichen Definition des Populismus sucht,
wird hier nicht fündig. Der Autor versucht sich zwar an einer begrifflichen
Abgrenzung des Rechtspopulismus vom Rechtsextremismus, verwickelt sich hierbei
allerdings in Widersprüche. Scharsach betont allerdings schon am Anfang
seines Buches die unklare Bedeutung des Populismus-Begriffs in der öffentlichen
Diskussion und plädiert dafür, rechtspopulistische Bewegungen als
moderne Spielart des Rechtsextremismus zu begreifen. Auch wenn aus linker Sicht
die demokratietheoretischen Ansichten des bürgerlich-demokratisch orientierten
Autoren verkürzt erscheinen, tut dies der Lektüre keinen Abbruch.
Spannend geschrieben, leicht verständlich und äußerst materialreich
- ein empfehlenswertes Buch!
AL C.
Hans-Henning Scharsach: Rückwärts nach rechts. Europas Populisten; Überreuter Verlag, Wien 2002, 224 S., 19,90 Eur
bookAnalysen von Linken
aus Israel und Palästina
Der israelisch-palästinensische Konflikt obliegt in vielfacher Hinsicht
der Instrumentalisierung für spezifische machtpolitische wie ideologische
Interessen. Nicht zuletzt sind auch die hiesigen Diskussionen in der Linken
davon geprägt, moralischen Distinktionsgewinn durch Parteinahme für
die eine oder andere Seite zu erzielen und dafür den Holocaust oder das
Leid der palästinensischen Bevölkerung zu instrumentalisieren. Die
inneren Widersprüchlichkeiten des Konfliktes und auch die Meinung der direkt
davon betroffenen Menschen werden hierbei meist gar nicht zur Kenntnis genommen.
Im Unrast-Verlag ist ein Buch erschienen, das diesen Instrumentalisierungen
dadurch begegnet, dass Linke aus Israel und Palästina selbst Stellung zum
Konflikt beziehen. Trotz höchst unterschiedlicher Zugänge und Bewertungen
sind sich die AutorInnen darin einig, dass es eine friedliche Zukunft im nahen
Osten nur dann geben kann, wenn über den Rahmen des Nationalstaates hinaus
gedacht und gehandelt wird.
Ursprünglich geplant waren die einzelnen Beiträge des Sammelbandes
als Dossier-Reihe in der Wochenzeitung Jungle World. Da sie jedoch wohl nicht
in die - mehrheitlich antideutsch/pro-israelisch ausgerichtete - Linie dieser
Zeitung passten, wurden sie nach Fertigstellung nicht abgedruckt.
Nun liegen sie - inhaltlich erheblich erweitert - in Buchform vor.
AL C.
Irit Neidhardt (Hg.): Mit dem Konflikt leben!? Berichte und
Analysen von Linken aus Israel und Palästina
Unrast-Verlag, Münster 2003, 167 S., 14 Euro
bookBoulevard Ecke Dschungel
Das Buch beschäftigt sich mit den neueren Tendenzen der Stadtentwicklung.
Versammelt sind hier verschiedene Beiträge und Interviews mit ausgewiesenen
kritischen Exponenten. Im Vordergrund stehen die prekären Entwicklungen,
die von der offiziellen Seite gerne übersehen werden. Das Motto von der
Event-City macht immer die Runde. Doch was heißt dies eigentlich? Kaufen
rund um die Uhr, Massenspektakel in den Museen und an öffentlichen Orten.
Immer mehr öffentliche Orte werden privatisiert, bei gleichzeitigem Ausbau
der privaten und kommunalen Sicherheitsorgane. Ziel ist die Ausrichtung der
Stadt auf diejenigen, die sich die Stadt leisten können. Denn die Umstrukturierung
der Stadt beinhaltet die Vertreibung unliebsamer und einkommensschwacher BewohnerInnen.
Ein Prozeß, der sich in immer größerem Maße ausbreitet.
Qui bono? Wem nützt diese Entwicklung? Eine Frage, die bei jeglicher Entwicklung
im Vordergrund stehen sollte und leider nur zu gerne vergessen wird. Von den
offiziellen Stellen wird gerne über die Krise der Stadt gefachsimpelt,
die mit "innovativen" Signalen beantwortet werden soll. Über
diese angeblich positiven Elemente diskutieren die Autoren. Ein Schwerpunkt
ist dabei der Bereich Sicherheit. Die Sicherheitsdebatte nimmt im öffentlichen
Diskurs einen immer größer werdenden Raum in der Debatte ein und
ersetzt eine argumentative Auseinandersetzung.
Für die einen steht der Boulevard, als Sinnbild der Inszenierung und Konsums,
wieder auf. Der Boulevard bedeutet ursprünglich Bollwerk. Somit dient er
gleichzeitig zur Abgrenzung der underdogs, die versuchen müssen, im Dschungel
der Stadt zu überleben.
Ein interessantes Buch, das gute Denkanstöße gibt und in der Auseinandersetzung
über die Zukunft unverzichtbar ist. Die Beiträge sind von durchaus
unterschiedlicher Qualität, deren Besonderheit ist, daß sich viele
Autoren und Interviewte aufeinander beziehen. Dadurch entsteht ein lebendiges
Buch, das trotz der Theoriebeiträge gut und leicht zu lesen ist.
MEIKEL F
Boulevard Ecke Dschungel
Blum/ Neutzke Hg.
Nautilus Verlag
224 Seiten für 19.90 Euro
www.terz.org - 25.3.2003