Filme, die nicht aus westlich orientierten Ländern stammen, stellt man häufig erst einmal unter den Generalverdacht der naiven Kunst. Wenn dann aber ein Werk wie "Die göttliche Intervention" seine - mehr als umstrittene - politische Botschaft mit künstlerisch äußerst avancierten Mitteln und hippen pop-kulturellen Zutaten versehen vorbringt, gibt das ganz schön zu knacken.
Feindseligkeit bestimmt das Alltagsleben in Nazareth: Ein Autofahrer nickt
zwar den entgegenkommenden Passanten freundlich zu, bedenkt sie für sich
aber mit Verbal-Injurien; ein Mann wirft immer wieder aufs Neue seinen Hausmüll
auf das Nachbar-Grundstück; ein älterer Herr macht die Ausbesserungsarbeiten
an einer Auffahrt wieder zunichte; jemand hat das Auto seines Nachbarn zugeparkt,
gibt das aber nicht zu und nervt ihn statt dessen von seiner Wohnung aus solange
mit Nachfragen zur genauen Beschreibung des Wagens, bis er das Nummernschild
auf die Straße geworfen bekommt.
Vor dem Hintergrund der aktuellen Ereignisse ist man automatisch geneigt, als
Konflikt-Parteien jeweils arabische und jüdische Israelis auszumachen.
Dabei bedauert der Film des 1960 in Nazareth geborenen arabischen Israeli Elia
Suleiman gerade, dass es nicht so ist. Der Regisseur zeigt erst nach dem Anfangsteil
Formen von Hass, die keinen Zweifel mehr an der Zuordnung lassen. Ihnen gegenüber
erscheint der dumpfe, diffuse und reflexhafte Groll der Nazarether als eine
unpolitische Sublimation. Im Presseheft kritisiert Souleiman das Verhalten der
Israelis arabischer Herkunft dann auch mit folgenden Worten: "Wir, die
Palästinenser, die in Israel leben, sind die Schüchternen. Die Gehemmten.
Wir outen uns nicht als Palästinenser. Unsere palästinensischen Schwestern
und Brüder in der West Bank entzünden in der Regel als erste die Aufstände,
und wir schließen uns nur an, mit unserer zusätzlichen Ghetto-Ästhetik
von brennenden israelischen Kaufhäusern."
Wie richtiger Hass aussieht, demonstriert der Regisseur, der auch eine Hauptrolle
spielt, mit einem emblematischen Bild. Er muss mit seinem Auto an einer Ampel
stoppen und sieht neben der Straße ein Plakat mit der Aufforderung "Schieß,
wenn du Mut hast!". Da hält neben ihm ein anderer Wagen. Suleiman
wendet sich um, identifiziert den Fahrer als Israeli und schaut ihm unerträglich
lange starren Blicks in die Augen. Als musikalische Untermalung läuft dazu
"I put a spell on you" in einem arabischen Arrangement.
Wortreicher und heißblütiger gestaltet sich das Aufeinandertreffen
von Israelis und Palästinensern am Grenzübergang bei Ramallah, dessen
Zeuge Suleiman auf dem Niemandsland des Parkplatzes wird, wo er sich regelmäßig
mit seiner Freundin trifft, die nicht nach Israel einreisen darf. Wild mit ihren
Maschinengewehren umherfuchtelnd verweigern israelische Soldaten Palästinensern
die Einreise und zwingen sie zur Umkehr. Sie zerren Fahrer aus den Wagen und
beleidigen sie mit höhnischen Sprüchen, die in etwa so lauten: "Was
willst du denn abends in der Stadt, is' doch Ramadan, da darfst du doch eh nichts
machen." Nicht einmal eine mit Blaulicht heranfahrende Ambulanz lassen
die Grenzer gleich passieren.
Bei der palästinensischen Premiere von "Göttliche Intervention"
in Ramallah bezeichnete Elia Souleiman die Situation an den Grenzübergängen
als "fruchtbares Feld für Selbstmord-Attentäter" und verkehrte
so Ursache und Wirkung. Gleichwohl trägt das Grenz-Regime des israelischen
Militärs viel zu den aktuellen Spannungen bei. Im palästinensischen
Kino bilden Filme mit diesem Schauplatz schon ein eigenes Genre, das der französische
Journalist Jean-Sebastien Chauvin in Anlehnung an die US-amerikanischen Road-Movies
"Roadblock-Movies" getauft hat. Aber auch israelische Werke kritisieren
die Vorgänge an den Checkpoints mit bemerkenswerter Offenheit.
Souleiman weicht nicht einmal bei diesem Sujet von seiner verhaltenen, indirekten
Erzählweise ab. Das kollektive Fußabtreten dreier Soldaten vor dem
Kontakt mit der Heimaterde inszeniert er mit den synchron aufeinander abgestimmten
Bewegungsabläufen wie eine stumme Musical-Einlage. Die Grenz Scharmützel
zwischen Israelis und Palästinensern filmt er nicht in dem aufgeregten,
appellativen Gestus des "Schaut her, Welt, was die Israelis mit uns machen",
er verkoppelt sie vielmehr mit den Blicken der stummen Zeugen in dem Auto auf
dem Parkplatz. Und erst ihre unerschütterlichen Mienen sind es, die den
Bildern ihre Spannung verleihen.
Die Sprachlosigkeit, Distanziertheit und Lakonie Suleimans ist aber nicht diejenige
Bressons, Straubs oder Kaurismäkis. Man merkt immer, dass darunter etwas
schwelt. Und gleich mehrmals bricht sich das Zurückgehaltene dann auch
wirklich Bahn. Einmal wirft Souleiman einen Aprikosen-Kern aus dem Auto-Fenster
auf einen am Straßenrand stehenden Panzer und bringt ihn dadurch zum Explodieren,
was ihm bei den Dreharbeiten großen Spaß bereitet hat, wie er im
Presseheft berichtet. Am spektakulärsten gibt er seinen Aggressionen nach,
wenn er die Zielscheibe einer israelischen Spezial-Einheit sich in eine leibhaftige
palästinensische Ninja-Kämpferin verwandeln lässt, die ihre Gegner
mitsamt eines Kampfhubschraubers in einem Martial-Art-Exzess niederringt.
Die dem Film zu Grunde liegende Dialektik aus Zurückhaltung und Entladung
beschreibt der Regisseur als das Konzept, die Reduktionen eines Bressons mit
der Kunst des Spektakels à la "Matrix" zusammenbringen zu wollen.
Die moralische Rechtfertigung dieser Ästhetik leitet sich dagegen unausgesprochen
aus dem "David und Goliath"-Mythos ab. In Ramallah hat es funktioniert:
Gerade die Ninja-Sequenz riss das Publikum zu Begeisterungsstürmen hin.
Mit der in Cannes von Manchen geäußerten Kritik an solchen gewalttätigen
Szenen geht der Filmemacher offensiv um. "Als ich die Unterdrückung
auf eine komische Weise gezeigt habe, war ich koscher. Aber darüber hinauszugehen,
um von einem inneren Phantasma der Gewalt zu sprechen, war unmöglich. Ich
hatte den Eindruck, den Vertrag von Oslo auf einer kulturellen Ebene wiederzuerleben",
sagte er in einem "Cahiers du Cinéma"-Interview. In seiner
Ablehnung der Vereinbarung von Oslo trifft er sich mit den Hardlinern der anderen
Seite wie Scharon, was Klaus Theweleits These von der Internationale der Fundamentalismen
zu bestätigen scheint. Trotzdem wird man mit Souleimans Film nicht so leicht
fertig. Eine künstlerisch avanciertere Zumutung war lange nicht mehr im
Kino zu sehen.
JAN
Regie: Elia Suleiman; mit Elia Suleiman, Manal Khader, Nayef Fahoum Daher;
Frankreich / Palästina (Alamode); 92 Minuten; ab 3. April im Kino
www.terz.org - 25.3.2003