Raus aus der Altstadt!
Dass in Düsseldorfer Amtsstuben bei der Sachbearbeitung schon mal der Schimmel
ansetzt, ist nicht unbedingt neu. Ein Projekt der Stadt Düsseldorf scheint
aber jetzt endgültig realisiert zu werden: eine Anlaufstelle für Obdachlose
in der Harkortstraße am Hauptbahnhof. Seit drei Jahren wird in Düsseldorf
fast jedes neue Projekt in der Obdachlosenhilfe mit der Harkortstraße
weggeredet und somit auch nicht finanziert. Eine Ausnahme war das Buscafé
Untere Rheinwerft. Hier konnten sich Wohnungslose und Menschen mit wenig Kohle
im Winter aufwärmen, bekamen warme Getränke, konnten die fifty/fifty
zum Weiterverkauf erwerben und wurden auf Wunsch beraten oder an andere Einrichtungen
vermittelt. Der Bus diente auch als Schutzraum, um wenigstens für ein paar
Stunden dem oft stressigen Leben auf der Straße zu entkommen. Über
85 BesucherInnen verzeichnete das Buscafé jeden Tag, an Wochenendtagen
kamen schon mal bis zu 130 Leute (siehe TERZ 12.02). Am 31.3.03 musste das Buscafé
aber seine Türen schließen. Das Projekt war nur für ein halbes
Jahr finanziell abgesichert. "Außerdem gibt es ja jetzt die Harkortstraße",
ist die Antwort von offizieller Seite. Ab Mitte April soll die Tagesstätte
von der Ackerstraße dorthin umziehen und von 12 bis 18 Uhr geöffnet
haben. Perspektivisch soll dort eine Notschlafstelle errichtet werden und das
Sozialamt von der Andreasstraße (auch Altstadt) soll ebenfalls dorthin
umziehen. Die Erwinsche Logik geht nämlich davon aus, dass Obdachlose nur
da existieren, wo es auch Hilfsangebote gibt, d.h. wenn die Harkortstraße
aufmacht, verschwindet auch die sichtbare Armut aus der Altstadt. Und das ist
ja seit Jahren das erklärte Ziel unseres Oberbürgermeisters. Streetworker,
die in der Altstadt tätig sind, wurden jetzt damit beauftragt, die "Wanderströme
aus der Altstadt zur Harkortstraße zu messen". Hinter verschlossenen
Türen wird auch schon mal darüber nachgedacht, ob der OSD nicht Obdachlose
in der Altstadt aufsammelt und mit einem eigenen Bus zur Harkortstraße
verfrachtet. Ungeachtet aller kranken Fantasien und technischen Lösungen,
wird die Altstadt ein Ort für Menschen bleiben, die in materieller Armut
leben, ihren Lebensmittelpunkt auf der Straße haben und / oder obdachlos
sind. Daran ändert die Verlagerung von Hilfsangeboten rein gar nichts.
Der OSD hat nichts zu tun
Der Ordnungs- und Servicedienst der Stadt Düsseldorf (OSD) hat anscheinend
Langeweile. In den letzten Monaten war man eifrig damit beschäftigt, die
Drogenszene von A nach B zu hetzen, Dienstwagen an Szenetreffpunkten in der
Altstadt abzustellen oder Prostituierten auf der Charlottenstraße durch
verschärfte Kontrollen das Leben schwer zu machen. In den letzten Wochen
haben die Beamten des OSD ein neues Hobby: sie kontrollieren die Verkaufsausweisen
der Verkäufer des Straßenmagazins fiftyfifty. Alle fiftyfifty-Verkäufer
haben einen von der Zeitung ausgestellten Firmenausweis, der sie berechtigt,
das Straßenmagazin zu verkaufen. Dieser Firmenausweis ist Eigentum des
Straßenmagazins und eine interne Regelung, um den Verkauf von fiftyfifty
zu organisieren. Der OSD kommt ja auch nicht auf den Gedanken, Rheinbahnfahrer
auf ihre korrekte Uniform hin zu kontrollieren. Eine sozialarbeiterische Maßnahme
wäre vielleicht ein sinnvolles Beschäftigungsprogramm für die
Mitarbeiter des OSD.
die haben mir dann gedroht, ich würde in den Knast kommen..."
Heute ist Kerstin (Name geändert) 18 Jahre alt und lebt wieder bei ihrer
Mutter. Das war nicht immer so. Zwischen ihrem 15 und 17 Lebensjahr war Kerstin
wohnungslos. Sie hing mit ihren Freundinnen, die in einer ähnlichen Lebenssituation
waren, auf der Straße ab, meistens in der Nähe des Hauptbahnhofes
oder auf der Charlottenstraße. Kerstin hat häufig Hilfeeinrichtungen
für junge Frauen, die auf der Straße leben, aufgesucht, u.a. das
Trebecafé und den Knackpunkt. Der Knackpunkt ist eine Notschlafstelle
für Mädchen und junge Frauen in der Nähe der Charlottenstrasse.
Auf dem Weg zum Knackpunkt geriet Kerstin in Kontrollen des Ordnungs- und Servicedienstes
der Stadt Düsseldorf (OSD). Sie bekam Platzverweise und schließlich
einen Sperrbezirkszettel, dass sie sich unter Androhung eines Ordnungsgeldes
nicht mehr im Bereich der Charlottenstraße aufhalten dürfe. Der Vorwurf
der Ordnungshüter lautete: Verdacht auf "illegale Prostitution".
Bei Zuwiderhandlung der Auflagen müsse sie mit einer Haftstrafe rechnen,
drohten ihr die BeamtInnen. Trotzdem suchte Kerstin weiterhin den Knackpunkt
auf. Mehrere Male sei sie vor dem OSD in den Knackpunkt geflüchtet, berichtet
sie. Dann hätten die "Beamten" sie oft beim Verlassen der Hilfeeinrichtung
an der nächsten Straßenecke eingefangen und kontrolliert. Vor ein
paar Wochen bekam Kerstin Post von der Landeshauptstadt Düsseldorf. 1250
Euro Ordnungsgeld plus 14 Euro Mahngebühren soll sie nun zahlen. Inzwischen
ist ein Anwalt eingeschaltet, der Widerspruch gegen die Zahlung des Ordnungsgeldes
eingelegt hat. Somit kommt es in den nächsten Monaten höchstwahrscheinlich
zu einer Gerichtsverhandlung. Einige Frauen aus Kerstins ehemaliger Clique haben
inzwischen Ordnungsgelder aufgebrummt bekommen, zwei von ihnen sollen jeweils
bis zu 6000 Euro an die Stadtkasse zahlen. Viele der betroffenen Frauen sind
auf Grund ihrer Lebensumstände aber gar nicht in der Lage, sich um einen
Anwalt zu kümmern. So sitzen nicht wenige dann das verhängte Ordnungsgeld
als Ersatzfreiheitsstrafe im Knast ab.
OL
www.terz.org - 25.3.2003