Neonazi-Kader auf
Querfrontkurs
Wenn man ihn so am Düsseldorfer
Hauptbahnhof auf den Zug nach Duisburg warten sieht, mit Antifa-T-Shirt
bekleidet und einem rot/schwarzen Stern an der Jacke, muss man schon dreimal
hingucken. Aber er ist es: Der 29jährige Lübecker Jürgen Gerg, seit Jahren
einer der führenden Kader der norddeutschen Neonazi-Szene. 1998 kandidierte er
als Kommunalwahlkandidat für das extrem rechte “Bündnis Rechts für Lübeck”, war
Landesbeauftragter, Landesvorsitzender und Bundesvorstandsmitglied der “Jungen
Nationaldemokraten”. Nach einem kurzen Auftritt als NPD-Landesvorsitzender
fungierte er unter seinem Nachfolger Peter Borchert ab Ende 2000 als
NPD-Generalsekretär. Einige Zeit führte Gerg auch den NPD-Kreisverband Lübeck.
Dabei war die NPD/JN sowohl für Gerg, als auch für Borchert nur Mittel zum
Zweck. Schließlich galt es, den als legalistisch und schwerfällig empfundenen
NPD-Tanker auf Kurs der neonazistischen “Freien Kameradschaften” zu bringen.
Eben diese sind die politische Heimat von Gerg und Borchert. Im publizistischen
Flaggschiff der “Freien”, dem “Zentralorgan”, macht Gerg aus seiner Strategie
auch keinen Hehl: “Selbstverständlich ist auch die NPD als Partei nur ein
Mittel zur Durchsetzung unserer Weltanschauung und sollte sie diesem Zweck
eines Tages nicht mehr gerecht werden [...], so würde ich auch nicht zögern,
meinen politischen Kampf auf anderer Ebene fortzuführen. Noch sehe ich
allerdings gute Möglichkeiten, die derzeitigen Machtverhältnisse innerhalb der
NPD zu unseren Gunsten [...] zu beeinflussen.”
(Zorg Nr. 8/1999). Ende 2002 zögerte er nicht länger und gründete mit
“Kameraden” das neonazistische “Bündnis Nationaler Sozialisten” (BNS), welches
im März 2003 zur Kommunalwahl antrat. Vorsitzender: Jürgen Gerg persönlich. Das
Projekt erwies sich als nur kurzlebig. Kurz nach den schleswig-holsteinischen
Kommunalwahlen wurde der BNS vom Landesinnenministerium verboten.
Nachdem Gerg im Sommer 2003
noch wie gewohnt aktiv war, verschwand er im Herbst 2003 aus dem norddeutschen
Raum, Ziel NRW. Er zog nach Duisburg und ist seit kurzem am Riehl-Kolleg Am
Hackenbruch in Düsseldorf-Eller eingeschrieben, um dort sein Abitur
nachzumachen. “Ausgestiegen” sei er, so
Gerg, und suche jetzt den Kontakt zu linken Gruppierungen. Woher der angebliche
Sinneswandel nach langen Jahren führender NS-Tätigkeit kommt, bleibt hierbei
völlig im Dunkeln. Aber angesichts diverser Strafverfahren, die gegen ihn
laufen, lassen sich die Hintergründe zumindest teilweise erahnen. Bereits
mehrfach vorbestraft, u.a. wegen Körperverletzung, scheint es Gerg in der Neonazi-Szene
zu eng geworden zu sein. Eine Prise Existenzangst und Sinnkrise hinzu, und
fertig ist die “Aussteiger”-Mixtur. Und so arbeitet er nun an einer günstigen
Sozialprognose sowie am Aufbau einer beruflichen Existenz, fern ab der
norddeutschen Heimat. Aber ganz verzichten auf politische Arbeit möchte der
praktizierende Querfrontler deshalb auch nicht. Also warum es nicht einmal in
der Linken versuchen? Insbesondere die
“Antiimperialistische Bewegung” hat ihn schließlich immer schon
interessiert. Vielleicht verzeiht diese einem “Aussteiger” ja seine
Vorgeschichte und gewährt - so die bislang unerfüllte Hoffnung von Gerg – einem
gestandenen “Freiheitskämpfer” für Irak und Palästina in ihren Reihen
Unterschlupf.
“Schafft zwei, drei,
Zu Gergs Lübecker Zeiten hat
die dortige Neonazi-Szene fleißig aus der Linken kopiert, was irgendwie
verwendbar war. Die Besetzung eines Hauses am 28. Juni 2003 in Lübeck ist
hierfür nur ein Beispiel. Mit dieser Besetzung sollte der Forderung an die Stadt,
Räumlichkeiten für ein “Nationales Jugendzentrum” zur Verfügung zu stellen,
Nachdruck verliehen werden. 20 vermummte Neonazis drangen in das leerstehende
städtische Gebäude ein, spannten am Balkon ein Transparent mit dem Ché
Guevara-Zitat ”Schafft zwei, drei, viele Alternativen” und erklärten sich
groteskerweise solidarisch mit dem Kampf des linken Lübecker Zentrums “Walli”
gegen den drohenden Abriss des mehr als 25 Jahre alten selbstverwalteten
Projektes. Auf einer eigens eingerichteten Homepage bezeichneten sich die
Besetzer, zumeist altbekannte Neonazis, als “Projekt undogmatischer
Linksnationalisten”. Ihre Botschaft: “Es gibt kein links gegen rechts, sondern
nur unten gegen oben”.(1) Stets dabei, wenn auch nicht unter den Besetzern
selbst: Jürgen Gerg.
Auch in der “Walli” hat Gerg
sich schon blicken lassen, allerdings nicht lange. Dafür, dass er es auch im
Rheinland und im Ruhrgebiet auf Querfront-Kurs ist, spricht einiges. Hierbei
kommt ihm seine langjährige politische Erfahrung zugute. Gerade eben am Riehl-Kolleg
angefangen, wurde er bereits zum Klassensprecher gewählt und ist damit auch
Mitglied der SV. Wenige Wochen später bewarb er sich im Vorfeld einer
Projektwoche als Projektleiter für das Thema Rechtsextremismus/Faschismus und
begann damit, Veranstaltungen hierzu zu organisieren. Womit er wohl nicht
gerechnet hatte, war ein gut informierter Rektor, der dieses Anliegen
löblicherweise vereitelte.
Antifaschistisches
AutorInnenkollektiv
(1) Vgl.: Elena Roth:
Hausbesetzung durch Faschisten. In: Antifa-Infoblatt Nr. 60, S. 48 –50
(http://www.nadir.org/nadir/periodika/aib)
Von Aussteigern und
Austretern.
Schwerpunkt zum Thema
Aussteiger aus der Nazi-Szene.
In: LOTTA – antifaschistische
Zeitung aus NRW (http://www.free.de/lotta), Nr. 13, Sommer 2003, S. 6-18