bookUND ALLE NOCHMAL: MEDIA MAKES THE WORLD GO ROUND …
Der Alibri Verlag, der sich
im Untertitel “Forum für Utopie und Skepsis” nennt, beschäftigt sich thematisch
schon länger mit den Auswirkungen der Massenmedienkultur, u.a. mit dem
Doppelband “Die neuen Heiligen”, in dem den medialen Kulthypes wie Domian,
Feldbusch oder Elvers auf kritisch-satirische Weise hinterher geschnüffelt
wurde.
Die Reihe “quadratur
Kulturbuch” nähert sich dem Thema nun auf eine theoretische Art an, wobei hier,
die Herausgeber klopfen es gleich zu Beginn im Vorwort fest, keine
Mastertheorie entworfen werden soll, sondern, immer schön nach Mc Luhans Verdikt
aus seinem “berühmten Playboy-Interview” (so schreiben sie’s tatsächlich),
vielmehr “Reisen und Probebohrungen” in “wandelbare und heterogene Geographien”
unternommen werden sollen. Die versammelten 36 Beiträge stammen vornehmlich von
AutorInnen aus dem akademischen Bereich, zu dem sich einige MedienkünstlerInnen
gesellen. Die Themen heißen “Mediengeschichte”, “Medienkultur”, “Netzwerk
der Medien” und dergleichen mehr. Man beschäftigt sich mit “Leben im Cyberspace”,
verschiedenen spezifischen Konzepten der medialen Darstellungs- und
Narrationskultur und bezieht sich, wer hätte es gedacht, des öfteren auf
Klassiker wie Brecht, Max Weber, Kracauer, Adorno, Luhmann, Derrida, Bourdieu
usw. usf. So weit, so unaufregend, so nett. Und nett bleibt es auch. Im
Klartext: Etwaige launige radikale Rundumschläge und die herzlich den guten
bürgerlich linken Geschmack ankratzenden Spielverderberanalysen, die der
hysterischen Obszönität der grassierenden Massenmedien- und Popkultur schön
schlecht tun würden, finden sich hier nicht. Man setzt stattdessen auf seriöse
Analyse und Kritik, was ja beileibe nicht verkehrt ist – bitte nicht noch eine
Media-Analyse (Baby ...) in lockerer Pop-Spraak –, aber derart viele Texte
geraten in einen derart unspannenden und überabstrakten
traditionell-akademischen Duktus, dass man nur auf den Trichter kommen kann,
dass hier diverse kulturwissenschaftliche Uni-Seminararbeiten nahezu
ungefiltert den Weg durchs Lektorat fanden. Kritische LeserInnen stehen hier
also vor einem kleinen Dilemma: Die Ernsthaftigkeit und auf Hipness
verzichtende Ambition der Analyse ehrt und fundiert das Unternehmen, die
Trockenheit der Darstellung und die behäbige Intention jedoch ist dem Sujet
“Mediengesellschaft” und deren Phänomenen nicht immer angemessen. Dass ein
fehlendes stimmiges Layout die Sache nicht gerade besser macht, kommt
erschwerend dazu. So entsteht eine ambitionierte Mischung aus “Beute” und
Suhrkamp-Reader, deren Beiträge in der Regel Substanz haben und oft durchaus zu
empfehlen sind – allerdings vornehmlich dann, wenn es darum gehen sollte, eine
wissenschaftliche Arbeit zum Thema zu verfassen. Ein Durchblättern und
Selbst-Auschecken des Readers lohnt aber allemal.
HONKER
MEDIEN. Quadratur Kulturbuch
5. Hrsg. von Marcus S. Kleiner und Holger Ostwald. 191 Seiten, zahlreiche
Abbildungen, kartoniert, 15,- Euro. ISBN 3-932710-75-4, Alibri Verlag,
Aschaffenburg, 2004.
Der französische Soziologe
Jean-Claude Kaufmann ist ein Alltagsforscher. Sein Buch ”Schmutzige Wäsche”
widmete sich der Organisation der Hausarbeit und förderte so Einsichten über
das moderne Ehe-Leben zu Tage. ”Am Morgen danach” hat die ersten Stunden nach
einer gemeinsam verbrachten Liebesnacht zum Thema und untersucht, wie hier die
Weichen für ein Leben zu zweit gestellt werden - oder auch nicht.
Jan
”Der Morgen danach”,
Jean-Claude Kaufmann, UVK-Verlag, 290 S., 24 Euro
Ich möchte hier zwei Bücher
vorstellen, die, das eine mehr als das andere, sich mit der Geschichte der
Polizei während der NS-Zeit beschäftigen. Patrick Wagner legt in “Hitlers
Kriminalisten” eine kurze, aber sehr fundierte Geschichte der Kriminalpolizei
von der Weimarer Republik bis in die Nachkriegszeit vor. Die Erkenntnisse sind
zwar nicht wirklich überraschend, aber trotzdem bedeutsam. Der oft erfolgte
Versuch, die Kriminalpolizei im Dritten Reich als anständig und unpolitisch im
Gegensatz zu SS, SD, Gestapo und Ordnungspolizei darzustellen, wird von Wagner
zurückgewiesen. Die Kriminalpolizei war in Himmlers SS-Imperium eingebettet
und, wie alle staatlichen Institutionen, in die Verbrechen des Regimes
involviert. So hatte die Kripo maßgeblichen Anteil an den Verbrechen an Sinti
und Roma, Schwulen und als “Berufsverbrecher und Asoziale” stigmatisierten
Menschen. Besonders bedrückend ist, dass z.B. in fast allen Großstädten des
Rheinlandes diese Höheren SS-Führer nach dem Krieg wieder in Amt und Würden
waren. In Düsseldorf war dies Bernd Wehner, der nach dem Krieg auch unter
anderem als “Spiegel” Autor die Geschichte der Kripo bearbeitete.
Besonders interessant finde
ich noch folgende Aspekte von Wagners Buch: Der Mythos, dass unter “Hitler die
Straßen noch sicher waren”, ist zum Teil trotz aller Repression unbegründet. Es
gelang der Kripo keineswegs, das “Verbrechertum” völlig in den Griff zu
kriegen. Die Kriminalstatistiken zeigen, dass Mitte der dreißiger Jahre die
Zustände in etwa so waren wie in einem politisch halbwegs ruhigen Jahr der
Weimarer Republik, z.B. 1927. Nur in den Jahren der großen Depression und des
Beinahebürgerkriegs 1931/32 war die Kriminalität sehr gestiegen, was mit der
sozialen Not zu erklären ist. Spannend ist auch die Geschichte der “Berliner
Ringvereine” die eine kriminelle Subkultur mit erheblichem Organisationsgrad
waren und in Berlin bis weit in die Nazizeit hinein tätig waren.
Der Gegenstand des zweiten
Buches hat mit der Polizei nicht ganz so viel zu tun, aber immerhin war es sehr
oft der Fall, dass im Jahre 1933 SA-Männer als Hilfspolizisten eingesetzt
wurden. Außerdem ist es Tatsache, dass viele Polizisten Mitglied in der SA
waren, bevor sie zur SS kamen. Peter Longerichs “Geschichte der SA” ist das
Standardwerk zu diesem Thema und erschien zuerst 1989 unter dem Titel “Die
braunen Bataillone”. Nun ist es mit einem Nachwort aktualisiert wieder
erschienen. Es ist schon etwas seltsam. Jeder politisch denkende Mensch in
Deutschland hat eine Vorstellung davon, wie die SA als Schlägertruppe agiert
hat, jeder weiss, dass der in der Nazizeit verehrte Horst Wessel ein SA-Mann
war und dass die “Nacht der langen Messer” das Ende der SA-Führung bedeutete
und ein wichtiger Tag für die Konsolidierung der Macht Hitlers war. Aber
ansonsten ist es den wenigsten klar, warum dies so war. Dass es 1934 wesentlich
mehr SA-Männer gab als NSDAP-Mitglieder, ist schon erstaunlich. Dass
wahrscheinlich allenfalls jeder dritte bis vierte SA-Mann Mitglied der
Nazipartei war und dass es zwar keinen “Röhm Putsch” gegeben hat, aber die SA
im Dauerkonflikt mit diversen Gegnern lag und schließlich unterlag, ist wenig
bekannt. Die Naziführung brauchte die SA, um die Macht auf den Straßen zu
erkämpfen, aber nach der “Machtergreifung” war die unberechenbare Knüppeltruppe
quasi funktionslos geworden. Die SA Führung wiederrum hatte eigene
Vorstellungen von der SA als paramilitärischem Wehrverband und drohte mit einer
“zweiten Revolution”. Diese Ideen wurden durch den Druck der meist arbeitslosen
und jungen Basis gefördert, die nach dem Januar 1933 auf eine Verbesserung
ihrer Lage ungeduldig und gewaltbereit warteten. Röhm und seine Leute kamen so
in eine aussichtslose Zange: In Gegnerschaft zu SS und Polizei, zu Reichswehr
und NSDAP und den bürgerlichen Nazifreunden wie Gegnern in den konservativen
Eliten mussten sie untergehen. All dies kann man fachkundig und ausführlich bei
Longerich nachlesen. Dies gibt manch einem Nationalbolschewisten den Grund,
diese Terror- und Schlägertruppe imitieren und bewundern zu wollen. Wenn auch
Röhm und die anderen auf ihre Weise auch zu den Opfern des Nationalsozialismus
gehören, so darf auf keinen Fall vergessen werden, dass 1933 und 1934 der
NS-Terror vor allem in Form der SA Kommunisten, Sozialdemokraten, Juden und
andere Regimegegner traf. Und auch in den Jahren danach war die SA, wenn auch
als eigenständige Organisation, politisch tot, an ungezählten Gewaltakten
beteiligt.
Also: Kein Mitleid bitte!
Fehri
Peter Longerich: Geschichte
der SA, München 2003
Patrick Wagner: Hitlers
Kriminalisten, München 200
Antiamerikanismus ist ganz
klar en vogue. Da tauchen in Debatten, Zeitungen und auf Demos die stereotypen
Klischees über das Land im wilden Westen auf. Neben dem Marlboro-Mann wird über
die Kulturlosigkeit und Politik in Cowboy-Manier hergezogen. Der
Antiamerikanismus hat viele Facetten, die sehr uneinheitlich daher kommen. Die
Bandbreite der Beurteilung reicht von der Behauptung, jegliche Kritik an den
USA sei antisemitisch (Duisburger Antideutsche), bis zu der Auffassung, dass
alles Böse dieser Welt von den USA ausgeht. Sind diese beiden Extrempositionen
noch leicht auseinander zu nehmen, fällt es bei den Zwischentönen schon
schwieriger. Das Buch aus dem Konkret-Verlag versucht der Frage, was denn
Antiamerikanismus eigentlich sei, nachzugehen, ohne eine “Checkliste” liefern
zu wollen, anhand derer jener Text oder dieses Plakat als antiamerikanisch
einzustufen sei. In ganz unterschiedlichen Artikeln beleuchten diverse Autoren
die einzelnen Facetten und die Unterschiede des Antiamerikanismus. Interessant
ist die Darstellung der geschichtlichen Entwicklung und inhaltlichen
Veränderung antiamerikanischer Ressentiments in Deutschland. Von den Linken als
Befreier vom Nazifaschismus gefeiert, wurden die USA im “Kalten Krieg” immer
mehr zum Feind. Noch in den 80er Jahren wurde auf linksradikalen Demos
“USA-SA-SS” oder “USA – internationale Völkermordzentrale” gerufen. Ein Slogan,
den sich zunehmend Nazis zu eigen machen. Dies ist aber nur eine
offensichtliche Schnittstelle zu den Ansichten von Nazis. Eine einseitige
Betrachtung machen sich aber auch bspw. Teile der “Antiglobalisierungsbewegung”
zu eigen. Wenn jedoch die Argumentation darauf beruht, dass die
“Antiglob-Bewegung” sich nur auf die USA konzentriert und andere Konflikte
außer Acht lässt, stößt in dieses Horn auch die konservative Presse. Das ist zu
wenig. Dabei lassen einige im Buch verwendete Aussagen, bspw. von Attac, es
einem schon kalt den Rücken herunterlaufen. Eine Auseinandersetzung mit dem
Thema scheint dringend geboten. Häufig ist die Kritik an den USA mit der
gleichzeitigen Ausblendung der deutschen Politik verbunden oder – noch
schlimmer – mit einer Aufwertung Deutschlands, wo sich die Linke mit den
Ansichten von Konservativen trifft. Überhaupt kommt es zumindest vordergründig
bei diesem Thema häufig zu den verschiedensten Konstellationen. Leider wird im
Buch etwas zu kurz auf diese offenen Leerstellen eingegangen und viele Fragen
nicht weiter vertieft. Eine berechtigte Kritik an den USA, ihren inneren Zuständen
und ihrer internationalen Politik gerade nach dem 11. September, weist kaum
einer der Autoren zurück. Allerdings muss immer auf den Kontext der Aussagen
geachtet werden. Eine vereinfachte Sicht öffnet Haus und Tor. Zumal nicht
vergessen werden sollte, dass der Feind vor allem im eigenen Land steht.
Das Buch zeigt in einigen
Beiträgen aus anderen Ländern, u.a. auch aus den USA selbst, dass der
Antiamerikanismus in der Linken gegenüber diesen Ländern eher unbedeutend ist.
Das heißt jedoch nicht, dass man sich nun zurücklehnen könnte. Das Buch zeigt
eindrücklich die vielen Facetten des Antiamerikanismus und ist dadurch eine
unbedingt empfehlenswerte Lektüre.
Meikel F
Michael Hahn (Hrsg.):
Nichts gegen Amerika
Konkret Verlag, 176 Seiten
bookJesus von
Überschwänglich gelobt wurde
schon im Vorfeld der deutschen Veröffentlichung das Erstlingswerk des bisher
gänzlich unbekannten DBC Pierre, das schon einige Preise gewann. Im
schnoddrigen Ton eines Jugendlichen erzählt der Autor die Geschichte aus der
Sicht des jungen Vernon Gregory Little. Als sein Freund Jesus Navarro 18
Schüler und Lehrer und danach sich selbst in einer Schule in einem kleinen Kaff
in Texas abknallt, weiß Vernon, dass eine “große Scheiße” auf ihn zukommt.
Seine Ahnung bestätigt sich schneller als ihm lieb ist. Die Medien stürzen sich
auf den kleinen Ort und suchen einen Verantwortlichen. Als Freund von Jesus
wird Little zu einem Haupttatverdächtigen. Er ist abgeklärt genug zu erkennen,
dass es aus diesem Sumpf kein Entrinnen für ihn gibt, und beschließt abzuhauen.
Aber nicht bevor er in seiner jugendlichen Schwärmerei noch die etwas ältere
Taylor trifft. Die wird in Erwartung einer großen Medienkarriere ihn später in
Mexico ans Messer liefern. Natürlich kommt es, wie es kommen muss, er wird zum
Tode verurteilt, da ihm sämtliche Morde der letzten Zeit angehängt werden. Im
Todestrakt wird er selbst zum Medienstar, in dem eine Variante von “Big
Brother” Einzug hält. Derjenige, der vom Publikum rausgewählt wird, landet auf
dem Todesstuhl. Eines Tages ist es auch für ihn soweit.
Das Ende wird dann doch noch
überraschend ein Happy End. Aber ist es wirklich ein glückliches Ende, in das
verschlafene Kaff zurückzukehren, mit einer trostlosen Zukunft in einer
spießigen Kleinstadtidylle?
Der Roman ist wirklich
großartig. Der deutschen Übersetzung ist es gelungen, die Sprache betont
jugendlich zu halten, ohne aufgesetzt zu wirken. Der Blick aus Sicht des jungen
Vernon, der in diesen Schlamassel gerät, zeigt eindrücklich die Unmöglichkeit,
aus einer gegen ihn gerichteten Situation heraus zu kommen. Von Anfang an
verloren ist eine Gewissheit, die mittlerweile viele erfahren. Die absolute
Trostlosigkeit der Kleinstadt lässt sich ohne weiteres auf viele Gegenden
übertragen. Neben den Zwängen des gesellschaftlichen Umfeldes in Form seiner
Mutter und ihrer Freundinnen, ist ein weiterer Zwang die Beschaffung von Geld.
Ohne das ist man von kulturellen Aktivitäten ausgeschlossen. Schnell wird man
zum Außenseiter, der zum Sündenbock für alles herhalten muss. Gleichzeitig
bestimmen immer mehr die Medien das Leben und entscheiden im Extremfall
Gerichtsurteile. Pierre ist ein Buch gelungen, das perfekt die Lebensumstände
einer wachsenden Zahl von Menschen beschreibt. Gleichzeitig ist es eine böse
Kritik an der modernen Mediengesellschaft und der Todesstrafe. Diese aktuellen
Bezüge in einen spannenden Roman zu packen, ist dem Autoren hervorragend
gelungen.
Meikel F
JBC Pierre: Jesus von Texas
Aufbau Verlag
www.terz.org - 26.3.2004