Ex Argentina.
Schritte zur Flucht von der
Arbeit zum Tun
Eine Ausstellung im Museum
Ludwig
“ ... man wird sagen, dass
das, was wir vorschlagen, keine Kunst ist. Aber was ist Kunst? [...] Kunst ist
das, was radikal diese Art des Lebens negiert und sagt: machen wir etwas, um es
zu ändern.”
Die Erklärung der bildenden
Avantgardekünstler der Kommission für künstlerische Aktion CGTA in Buenos
Aires aus dem Jahr 1968 aufgreifend, zeigen Andreas Siekmann und Alice
Creischer im Kölner Museum Ludwig eine Ausstellung, die sich mit der
ökonomischen Krise in Argentinien, ihren internationalen Zusammenhängen und
ihren lokalen Auswirkungen befasst. Diese Ausstellung ist – um es gleich vorweg
zu sagen – didaktisch so grandios konzipiert, dass sie einfach angesehen werden
MUSS! Mit dem Ausstellungsführer in der Hand werden die BesucherInnen wie bei
einer Schnitzeljagd kreuz und quer durch die Ausstellung gelotst, so dass sich
immer wieder neue Bezüge zwischen den Arbeiten der beteiligten KünstlerInnen
herstellen und auch Nicht-Eingeweihten die unangenehme Situation erspart
bleibt, sich ratlos zu fragen, was Kunstwerk xy nun mit Politik zu tun haben
soll. Gezeigt werden Arbeiten, die die globalen ökonomischen Entwicklungen
thematisieren, ebenso wie solche, die politischen und künstlerischen Widerstand
in Argentinien dokumentieren und solche, die auf das Verstricktsein des
Referenzsystems Kunst in diese Prozesse eingehen.
Den Auftakt der Ausstellung
bildet das Kapitel “Negation” mit einer Installation der Glücklichen
Arbeitslosen. Auf einem Tisch, der dem Verhandlungstisch des G8-Gipfeltreffens
nachempfunden ist, das im Juni 1999 im Museum Ludwig stattfand, finden sich die
Überreste eines Fressgelages, das am Tag vor der Eröffnung von den Glücklichen
Arbeitslosen für glückliche Arbeitslose veranstaltet wurde. Mit dem Bankett
reagierten sie auf die Bitte, eine Antwort auf die argentinische Fernsehshow
Recursos Humanos zu entwickeln, eine Show, in der Arbeitslose gegeneinander
antreten, um schließlich per Zuschauervoting mit einem Arbeitsplatz beglückt zu
werden. Die adäquate Antwort der Glücklichen Arbeitslosen auf den als Entertainment
inszenierten Konkurrenzkampf bestand in einer Einladung an glückliche
Arbeitslose und TeilnehmerInnen des Projekts, die Vereinzelung temporär
aufzubrechen und sich gemeinsam den Bauch vollzuschlagen. Was den Beteiligten
zur derzeitigen ökonomischen Entwicklung hier und ihren Companeros/as im
argentinischen Fernsehen eingefallen ist, wurde mit Edding auf dem Tisch
zwischen Essensresten und Geschirr verewigt.
Den Begriff der Negation auf
sehr konkrete Weise aufgreifend, zeigt eine andere Arbeit zwei
Fotodokumentationen von Aktionen der Gruppe ETCÉTERA aus Buenos Aires. Um’s
“Essen und Scheißen” ging es bei den Aktionen “Mierdazo” und “Eine andere
Realität ist möglich”, die im März 2002 stattfanden. Bei ersterer versammelten
sich AktivistInnen vor dem Kongressgebäude in Buenos Aires, um mit öffentlicher
Darmentleerung und anschließender Fäkalienattacke auf das Gebäude gegen die
Plünderung sämtlicher Bankkonten durch die argentinische Regierung zu protestieren.
Für die zweite Aktion wurden in der besetzten Aluminiumfabrik IMPA übergroße
Bestecke gebaut, mit deren Hilfe und dem Schlachtruf “A Comer!” (Essen kommen!)
Banken und Shopping Malls attackiert wurden.
Das Kapitel “Militante
Untersuchung” umfasst neben anderen Arbeiten die Dokumentation eines
Briefwechsels zwischen Siekmann/Creischer und der Gruppe Colectivo Situaciones.
Der Briefwechsel gibt Aufschluß über die von der Gruppe praktizierte Form
militanter Untersuchung, die keinen Gegenstand hat, d.h. die versucht, zu
untersuchen, ohne etwas zum Objekt zu machen. Sich selbst beschreibt die Gruppe
als “militante[...] Forschungsgruppe, die sich als Kollektiv begreift. Eine
autonome Untersuchung, die sich nicht nach akademischen Parametern richtet, und
eine Militanz, die die Hierarchien der Politik nicht mehr anerkennt. Wir wollen
in einer neuen Form des Engagements forschen, als Form in den Bedingungen, in
denen wir leben, uns aufhalten und produzieren.” Der Briefwechsel mit den
KuratorInnen dokumentiert die im Verlauf des Projekts geführten
Auseinandersetzungen über Bildpolitik.
Unter dem Topos “politische
Erzählung” schließlich dokumentiert ein Container des Museo del Puerto die
Zerstörung von Mikroökonomien, die vom Abfall des Big Business leben. In Bahia
Blanca, einem der größten getreideexportierenden Häfen Argentiniens,
bestreiten Menschen einen Teil ihres Lebensunterhalts damit, Korn zu sammeln,
das die Lastwagen auf dem Weg zum Hafen am Straßenrand verlieren, und damit
ihre Hühner zu füttern, die sie als Tauschwährung benutzen. Durch Investition
der Hamburg Süd in eine moderne Containeranlage wird diese Einnahmequelle
zerstört, da die neuen Container keine Körner mehr verlieren. Die im Inneren
des Containers installierten Dias dokumentieren unter dem Titel “24 t sind
nicht 24 Tonnen, es sind vierundzwanzig Millionen Gramm” rückblickend das Leben
von den Resten des Getreideexports.
Diese, wie auch alle anderen
in der Ausstellung gezeigten Arbeiten verdienen es, daß man sich Zeit für sie
nimmt; ein Kombiticket für die ständige Sammlung kann man sich an diesem Tag
also getrost sparen. Nach dem Besuch dieser Ausstellung hat man ohnehin
Besseres: Sie endet mit einem Display voller Broschüren, die “vom Leben im
Kapitalismus, von seinen Bürgern und von der Möglichkeit ein anderes Leben zu
führen als dieses” handeln. Und damit hat man dann ja nun wirklich schon genug
zu tun.
Krümel
Ex Argentina. Schritte zur
Flucht von der Arbeit zum Tun / Pasos para huir del trabajo al hacer
noch bis zum 16. Mai 2004
Museum Ludwig, Köln Hbf
3,50 / 2 Euro
www.ExArgentina.org
www.terz.org - 26.3.2004