bookDer Schatten des Weltkriegs
Die Ruhrbeatzung 1923

Der Vorgang, der sich vor über 80 Jahren im Rheinland und im Ruhrgebiet abspielte, ist mittlerweile kaum noch bekannt. Deutschland hatte in Nordfrankreich und in Belgien im 1. Weltkrieg weite Teile verwüstet. Im Versailler Friedensvertrag wurde Deutschland, nunmehr Republik, zu Reparationszahlungen verpflichtet, denen es nur ungenügend nachkam. Daraufhin besetzte Frankreich und Belgien das Rheinland und 1921 u.a. auch Düsseldorf. Da die Zahlungen immer noch ungenügend waren, wurde die Besetzung 1923 auf das Ruhrgebiet ausgeweitet. Damit war nicht nur die wichtigste Kohle- und Stahlregion Deutschlands in französischer Obhut um die Reparationszahlungen einzutreiben, sondern das französische Kapital hatte auch unliebsame Konkurrenz ausgeschaltet. Die deutsche Regierung, wie auch die Chefs der betroffenen Betriebe riefen zum passiven Widerstand, durch Arbeitsverweigerungen, langsames arbeiten und Streiks auf. Es sollte so wenig Kontakt wie möglich zu Franzosen und Belgiern bestehen. Bei Zuwiderhandlungen wurden die Entdeckten nicht nur gescholten, sondern häufig verprügelt, aber auch in Einzelfällen getötet. Betroffen von Misshandlungen waren oft Frauen, die aufgrund von Hungersnot für ihre Kinder Hilfsangebote der Franzosen annahmen. Eine nationalistische Stimmung machte sich breit, die bis in die Reihen der KPD ging. Die hatten versucht zusammen mit französischen Genossen auf Deutsche und französische Soldaten einzuwirken, das der Feind nicht der jeweils andere ist, sondern das Kapital. Gegen die nationalistische Stimmung, die von der deutschen Regierung geschürt wurde, konnten sie wenig ausrichten. Die KPD stellte sich auch gegen die Separatisten, die eine Abkopplung des Rheinlandes und des Ruhrgebietes von Deutschland wollten. In einer Demonstration sollte dem Ausdruck gegeben werden. Am sogenannten Blutsonntag Ostern 1923 wurden in Düsseldorf mehrere Separatisten und Polizeibeamte getötet, die aufeinander schossen. Wer anfing lässt sich nicht rekonstruieren. Eigentlich schade, das aus der Separation nichts wurde, könnten wir doch heute einen gepflegten vin rouge auf der rue de bolker trinken.

An anderen Orten wurde der Widerstand gegen die Besatzung militanter, so erfolgloser sich der passive Widerstand entwickelte. Es ging bis hin zu Sabotage, Sprengstoffanschlägen und Morden. 1925 beendeten die Franzosen die Besatzung, ohne ihre Ziele erreicht zu haben.
Das Buch ist außerordentlich interessant, beleuchtet es doch eine Epoche die den meisten kaum bekannt ist. Verschiedene Autoren behandeln unterschiedliche Aspekte und Ereignisse, die teilweise oben schon angedeutet sind. Trotzdem das Buch in einer wissenschaftlichen Reihe zur Landesgeschichte erschienen ist, kann man es außerordentlich gut lesen. Eine Vielzahl von Originaldokumenten und Fotos machen das Ganze sehr anschaulich.
Interessant ist die auch damals schon notorisch gepflegte Mentalität sich selber als Opfer zu sehen und alle anderen auszublenden. Eine gerade zum 60. Jahrestag des Ende vom 2. Weltkrieg hoch aktuelle Erscheinung.
Etwas kurz ist der Beitrag wie sich die KPD verhalten hat, während die Anarchisten, die im Ruhrgebiet und besonders im Rheinland stark vertreten waren erst gar nicht vorkommen. Das sind aber auch schon die gröbsten Mängel.
Festzuhalten bleibt, das die Besetzung der Ruhr Deutschland mehr gekostet hat, als wenn sie rechtzeitig die Reparationsschulden bezahlt hätten. Aber das war nie geplant. Das be­wusste Verschleppen der Zahlungen war Methode, die zur Besatzung führte. Aber auch Belgier und Franzosen unterschätzten nicht nur den passiven Widerstand, sondern auch die Besatzungskosten und die Schwierigkeiten, die eine Umstellung der Wirtschaft von heute auf morgen mit sich bringt. So ist die Ruhrbesatzung eine Anekdote der Geschichte, aber interessant.     
Meikel F
Der Schatten des Weltkriegs
Die Ruhrbeatzung 1923
Krumeich/Schröder (Hg.)
Klartext
363 S. für 24.90 Euro
 
 
 
bookHans und Grete
Bilder der RAF 1967-1977

Fotos der Schleyer Entführung oder aus dem Knasthof von Ulrike Meinhof haben mittlerweile Kultstatus. Der RAF Stern mit der AK47 finden sich auf Mode Shirts. ”Prada-Meinhof” ist zum geflügelten Wort geworden. Die RAF ist im kontextlosen Pop angekommen. Ironie der Geschichte, kamen die ersten Mitglieder doch selber aus einem subkulturellen Umfeld. Doch nur Musik und Drogen reichten auf Dauer nicht. Die Bilder aus dem Vietnamkrieg, der tote Benno Ohnesorg, das Attentat auf Dutschke sorgten für den politischen Anschub für erste Aktionen. Und dennoch wäre vielleicht alles anders gekommen, wenn sie nicht für eine Reststrafe hätten in den Knast gehen sollen. Sie tauchten in Paris unter und fingen den bewaffneten Kampf an. Dort nahmen Gudrun Ensslin und Andreas Baader die Namen Hans und Grete an. Das Ende ist bekannt: Es endete mit Mord oder Selbstmord, das lässt sich wohl kaum noch klären, in Stammheim. Aus dieser ersten Zeit der RAF stammen die im Buch enthaltenen Fotos. Unter ihnen die wohl letzten Fotos von Ensslin und Baader, die sie mit einer in den Knast geschmuggelten Kamera aufnahmen. Hauptsächlich sind es offizielle Fotos - von Presse oder Polizeifotografen aufgenommene. Im Gegensatz zur heutigen Mediengesell­schaft in der das Bild alles, das Wort aber wenig gilt, missachtete die RAF die Macht über die Bilder komplett. Sie überließ sie der anderen Seite. Doch schon früh wurden RAF Fotos berühmt. Noch in den 80er Jahren war ein RAF Fahndungsplakat begehrtes Kultobjekt für viele Wohngemeinschaften. Die Fotos bringen einen zurück in eine nunmehr unbekannte Zeit, die für Deutschland prägend wurde. ”Sie zeugen vom Tod in einem nicht erklärten Bürgerkrieg, sie zeugen von Tragik. Sie bringen unmittelbar zum Ausdruck, wie sich aus einer spontanen Rebellion, auf die der Staat mit überzogener Härte reagierte, ein gnadenloser sinnloser Kampf entwickelt hat.”  So Astrid Proll, die diese Fotosammlung zusammengestellt hat. Sie kam Ende der 60er Jahre zur RAF und saß mehrere Jahre im Knast. Heutzutage lehrt sie in Berlin Freie Kunst und Fotografie. Sie hat ein sehr eindringliches kurzesVorwort geschrieben, das sich mit ihrer Geschichte und der RAF eingeht, sowie auf die mediale Präsenz der RAF und der Bilder von ihnen. Das ist aber der einzige Text. Neben den Fotos steht nur das Ereignis, das Datum und die abgebildeten Personen. Die Fotos stehen im kontextlosen Raum. Nichts wird erklärt, nirgendwo wird ein Zusammenhang hergestellt oder gar Hintergrund beleuchtet. Das ist nicht nur schade, sondern ärgerlich. Jüngere dürfte die Zu- und Einordnung fast unmöglich fallen. Fatal ist das beim abgebildeten Mahler (der Sympathisant, nicht Mitglied der RAF war), der heutzutage NPD Mitglied ist. Da sind Erklärungen nötig. Andrerseits fehlen Protagonisten, wie z.B. der RAF Anwalt Schily, heutzutage reaktionärer SPD Innenminister, bei dem es selbst der CDU schwer fällt ihn mit sicherheitspolitischen Forderungen zu übertreffen. Letztendlich wird einer Entpolitisierung, wie es sich auch in der momentanen RAF Ausstellung in Berlin zeigt (siehe Terz 03/05) Vorschub geleistet. Ein sicherlich nicht gewollter Effekt. Zumal es auch insofern erstaunlich ist, da der Anspruch erhoben wird, der Interpretationshoheit der  herrschenden Meinung etwas entgegensetzen zu wollen. Eine Auseinandersetzung mit einer der bedeutendsten und blutigsten Momenten der jüngeren deutschen Geschichte findet nicht im Ansatz statt. Der leiseste Ansatz, wie beispielsweise die ursprüngliche Konzeption der RAF Ausstellung wird vehement medial und politisch bekämpft. Gerade deswegen ist das Buch dennoch wichtig. Immerhin zeigen die Fotos die Sicht der Dinge nicht von außen auf die RAF, sondern von innen. Das Buch ist ein einzigartiges zeitgeschichtliches Fotodokument und geben ein persönliches Bild von Astrid Proll.         

Meikel F
Hans und Grete
Bilder der RAF 1967-1977
Astrid Proll
Aufbau Verlag
160 S. für 19.90 Euro
 
 
 
bookDresden – Dienstag, 13. Februar 1945

Dies ist ein sehr wichtiges Buch, wenn auch kein schönes. In einer Zeit, in der die Deutschen sich immer mehr als Opfer des zweiten Weltkrieges und der Nazis (wer auch immer diese Nazis gewesen sein mögen) definieren, muss man schon ein Buch eines Briten zum Thema Dresden im Bombenkrieg lesen, um vernüftig informiert zu werden. Dresden 1945 ist natürlich der Opfermythos der Deutschen schlechthin. Die Vernichtung einer militärisch bedeutungslosen, von Flüchtlingen voll gestopften ehrwürdigen Kulturmetropole ist ein immer wieder zu hörendes Klischee von Rechts bis Links. Links insofern, als dass die SED in den Zeiten des kalten Krieges die Bombardierung der Stadt zur Propaganda gegen die Westmächte nutzte. Es kursieren Opferzahlen, die bis hin zu mehr als 300.000 Menschen gehen, es werden bis heute Geschichten kolportiert, wie z.B. Tieffliegerangriffe auf aus der Stadt flüchtende Zivilisten. Die Behauptung, man wollte mit der Vernichtung Dresdens der Sowjetunion als zukünftigem Opponenten zeigen, wie gut man zerstören kann, ist auch immer noch zu hören. Der Brite Frederick Taylor begegnet all dem mit gesundem Menschenverstand. Er versucht nicht zu moralisieren und lässt den Leser selber die Schlussfolgerungen aus der Faktenlage ziehen. Eine Faktenlage, die er durchaus kurzweilig erzählt und dabei viele Zeitzeugen wiedergibt. Er verschönert die Destruktivität des Angriffs nicht und manches, was man da liest, ist einfach nur grauenhaft. Aber er belegt, dass der Angriff auf Dresden keine außergewöhnliche Operation war, sondern dass es mehrere vor allem klimatische Gründe für den extremen Feuersturm gab. Einen Feuersturm, der eine von den deutschen Behörden zudem schlecht gesicherte Stadt traf. Es gibt keinen Beleg dafür, dass die Briten davon ausgegangen waren, einen besonders tödlichen Angriff zu planen. Dresden war ein Verkehrsknotenpunkt von außerordentlicher Bedeutung für die immer noch kämpfende Ostfront der Wehrmacht. Es war wichtig, diesen Punkt lahmzulegen. In Dresden saßen belegbar zahlreiche Rüstungsbetriebe, die Mär vom unwichtigen Elb­florenz stimmt so nicht. Und zu der Behauptung, dass zu dieser Phase des Krieges ein solch harter Angriff nicht mehr nötig war, zählt Taylor schlicht die Verluste der Alliierten noch im Dezember 1944 und Januar 1945 auf. Verluste, die immer noch immens hoch waren. Als man den Angriff plante, war der von den Deutschen entfesselte Krieg eben noch nicht vorbei ...

Insgesamt ein Buch, das sich um Objektivität und Vernunft bei einem heiklen Thema bemüht, jenseits davon vom ”Bombenholocaust” zu schwafeln oder “Bomber Harris” feiern zu wollen.         
Fehri
Frederick Taylor: “Dresden – Dienstag, 13. Februar 1945 - Militärische Logik oder blanker Terror?”, 538 S., Bertelsmann, 26,00 EUR
 
 
bookDarwins Kapitän –
Die tragische Geschichte des Mannes, der an Darwins Entdeckungen zerbrach


Dieses Buch ist vielleicht nicht so sehr wichtig, dafür aber ein besonders schönes. Peter Nichols ist ein wunderbares Verliererporträt gelungen über einen Mann mit vielen Talenten, aber einem schwierigen Charakter: Robert FitzRoy. Ein Wissenschaftler und Seemann. Ein früher Meterologe und ein begnadeter Navigator und Kartograph. Man soll ja eigentlich nicht abschreiben, aber man genieße diesen Satz, der den Inhalt des Buches zusammenfasst:

”Die wahre Geschichte des Diebstahls eines Walboots und der anschließenden Entführung von vier Wilden aus Feuerland deren schockierende Verfehlung in Walthamslow zu Charles Darwins Fahrt an Bord der Beagle zur Zerstörung der tiefsten Glaubensüberzeugungen der Menschheit und zum höchst ironischen und melancholischen Schicksal von deren Kapitän Robert FitzRoy führte.”
Alles was man für kurzweilige Unterhaltung auf hohem Niveau braucht, ist hier drin: Wissenschaftsgeschichte, die imperialistische und christliche Sicht des viktorianischen England auf Naturvölker, der technische Fortschritt des 19.Jahrhunderts, Freundschaft, Rivalität und Abscheu und nicht zuletzt echtes Seemannsgarn. FitzRoy und der damals noch unbekannte Charles Darwin verbrachten einige Jahre zusammen auf einer großen Erkundungsreise in beengten Verhältnissen zusammen auf der Beagle. Sie haben sich insgesamt durchaus gut verstanden und respektiert. Aber, soviel kann man hier verraten, nach der langen Reise gingen sie in ihrer Entwicklung vollkommen unterschiedliche Wege. Beide waren sie vielversprechende junge Gentlemen. Das hieß, dass man aus gut betuchter Familie kam und eigentlich gar nicht hätte arbeiten müssen. Beide waren Sie fleißig und wollten keine Müßiggänger sein. Aber während Darwin, der erst Geistlicher werden wollte, der Evolutionstheorie zum Durchbruch verhalf und seinen Gottesglauben völlig verlor, wurde FitzRoy zum christlichen Fundamentalisten, der sich grämen mußte, die ketzerische Lehre ungewollt gefördert zu haben und der sich der Lächerlichkeit preisgab im Versuch, die damals neuen Erkenntnisse mit der Schöpfungsgeschichte zu verbinden. Nun, mit Darwin tun sich ja bekanntlich heute noch viele schwer ...         
Fehri
Peter Nichols: “Darwins Kapitän - Die tragische Geschichte des Mannes, der an Darwins Entdeckungen zerbrach” Originaltitel: Evolution's Captain, 431 S., geb, Europa Vlg., 22,90 EUR

www.terz.org - 31.03.2005