Wer
nichts
wird, wird Wirtschaft, denn nur die hat derzeit die Zuwachsraten, die
uns allen
die kollektiven Tränen der Rührung in die Maske treiben.
Während in Frankreich
die Leute anfangen, auf die Straße zu scheißen, weil
Regierung und Wirtschaft
das durch Massenrausschmisse und 100-Stundenwoche gesparte Geld gleich
wieder
für FressiFressi und Luxuswohnungen verjubeln, werden hierzulande
karitative
Knallbonbons der Extraklasse gezündet: Die Kantine der Hypo-Bank
bot letztens
Lachs auf Ananas-Chutney und Wachteln im Guanciale-Mantel (nein, nicht
Guano,
du Depp!) getreu dem Motto “Exquisit essen zugunsten der
Flutopfer” an. Der
gesamte Erlös des viergängigen Benefiz-Menüs für 98
Euro kam einer tamilischen
Selbsthilfegruppe zu, und danach wurde aber mal so richtig
charity-mäßig
gerülpst und gefurzt! Schöner nur die Meldung, dass ein
Ikea-Haus in London bei
seiner Eröffnung von 6.000 statt der erwarteten 2.000
Schnäppchenjäger
überrannt wurde. Im Chaos wurde ein Mann mit einem Messer verletzt
und fünf
weitere Kunden mussten ins Krankenhaus. Das Geschäft hatte um
Mitternacht
geöffnet und musste bereits nach 45 Minuten schließen, weil
die Leute ein
Ledersofa für 66 Euro wollten. Erst kürzlich war bei der
Eröffnung eines
Ikea-Hauses in Saudi-Arabien eine Massenpanik mit drei Toten und 17
Verletzten
als Folge ausgebrochen. Schnäppchenjagd, da bewegt sich halt noch
was! Kloppt
euch diesen Monat um:
MINA: THE PLATINUM COLLECTION (EMI)
Wie
lässt
sich Mina beschreiben? Als die erstaunlichste Schlagersängerin
Italiens (was
stimmt)? Als essentielle Camp-Ikone (was nur bedingt stimmt)? Als die
italienische Caterina Valente (was nur sehr bedingt stimmt)? Wer
weiß, dass es
in Italien eine Schlagerkultur gibt, die nichts mit der hiesigen
Hitparaden-Kultur gemein hat und die, ähnlich wie in Frankreich,
Wahnsinns-Songs zwischen internationalem Pop und eigenwilligem Chanson
hervorbrachte, kommt der Sache schon näher. Arrangements, Songs
und
Instrumentierung sind ungleich qualitativer, funkiger und
ansprechender, als
der Schlager-Schrott, der hierzulande alltäglich aus den Boxen
quillt. Auf drei
CDs, die sich dem Italo-Popschaffen von 1969 - 2003 widmen, kann man
sich davon
überzeugen – Italo as best as can be, Pop as best as can be.
AMOS LEE: AMOS LEE
(Blue Note/EMI)
Eines
der
größten Probleme zeitgenössischer Singer/Songwriter ist
es, dass ihre Musik,
ungewollt oder gewollt, immer an vergangene Songmodelle erinnert. Der
Amerikaner Lee bedient sich eines klassischen Albumformats: 11 Tracks,
35
Minuten, und ja, manches erinnert an Van Morrison in den besten Zeiten
(Try:
“All my friends”), wofür Lee nichts kann, denn wir
sind’s, die das hören wollen
– er ist nur absolut großartig dabei, wie er heute, JETZT!,
an etwas wirklich
Gutes erinnert. Lee ist da, um zu bleiben. Er nimmt sich alle Zeit.
Nehmt sie
Euch auch, und das hier wird zu etwas sehr Eigenem und Gutem wachsen.
JOSH
ROUSE:
NASHVILLE (Ryko)
Auch
Rouse
ist ein Songwriter, der nach vielem klingt – sein Album
“1972” brachte diese
Einflüsse schon mal nuanciert auf den Punkt. Aber er kanns, und
wie!
Bezeichnend ist, dass sich Rouse in dieser Stilvielfalt, ob
smooth-relaxter Bowie-Soul
(Saturday) oder sogar Smiths-Anklänge (Winter in the
Hamptons), stets
unangestrengt neu erfindet und es schafft, seine individuelle
Retrospektiven
jeweils komplett neu und originell klingen zu lassen. Sein schon 5.
Album –
sehr laid back, sehr tief, sehr beseelt. Simple Songs, Größe
ohne jeden
Masterplan.
TARA
ANGELL: COME DOWN (Ryko)
Angells
Sozialisation wurde zu einem nicht geringem Teil durch NYCs Underground
bestimmt. Nachwehende Punk-Vibes wurden mit dem Interesse für
schwere sinistre
Südstaaten-Gothik verbunden. 12 trotzige Songs voll dunkler
Sehnsucht und
Verlangen nach ehrlicher Selbstbestimmung.
WOODBINE: BEST BEFORE END (Domino)
Vor
sechs
Jahren setzte uns die britische Band mit s/t ein relativ
unauffälliges
Meisterwerkchen vor die Tür, das erst jetzt mit diesem wunderbarem
11-Tracker
ein würdiges Geschwisterchen erhält. Die Musik ist meist
akustisch und wirkt
filigran, romantisch und verträumt – doch sie hat’s
derart stark, heftig und
willensstark im Nacken sitzen, dass du dich diesen Alltagsmonumenten,
durch die
ein Rhythmus aus Obsession, Bewusstsein und Selbstvergessenheit mit
ganz
eigenen dunklen und sarkastischen Untertönen pulsiert, bald
ergibst.
LUNZ:
REINTERPRETATIONS (Grönland)
Endlich
wieder ein musikalisches Lebenszeichen des alten Kommunemenschen und
romantischen Lebenswanderers Roedelius! Zusammen mit dem
us-amerikanischen
Komponisten Tim Lutz nahm er, äußerst inspiriert von
Wanderungen im Lunzer
Seengebiet, diese wunderschönen konkreten Zen-Meditationen auf.
Wie Sufi-Poetenklang,
sagte Eno hierzu, und da wird er wohl recht haben. Auf CD2 dann aber
nehmen
sich eher unspektakuläre Remixer – gut so
– des Materials an und geben Beats
+ elektronische Impulse hinzu. Großartig.
MARC
LECLAIR: MUSIQUE POUR 3 FEMMES ENCEINTES (Mutek_Rec)
Was
Leclair
hier macht, ist einzigartig: Die tiefen harmonischen Schichtungen
werden durch
ruhige Rhythmisierungen an die Oberfläche gebracht,
wobei das typische Microsampling
des Kanadiers äußerst diffizile und neuartige Aspekte
freisetzt. So setzt sich
das musikalische Konzept, in neun musikalischen Teilen Schwangerschaft
und
Geburt zu beschreiben, konkret um, bleibt bei aller bewussten
Entspannung
greifbar und wird eben kein Mutterbauchambient. Bewegt,
wunderbar, sehr schön
und eine der besten Ambientplatten seit langem.
V.A.:
NOW
01 (Underscan)
Das
Berliner Label stellt mit der Reihe von vier 12”es je 4
verschiedene Tracks vor
und bildet somit Gegenwart und Zukunftsaussicht ab, hier mit
Funckarma,
Gram, Somshit und Pytlik. Hektische Uptempo-Fluchten, stoisches
Basstieftauchen,
verstörtes Herzflattern und vertrickte Träumereien.
Schön.
VENETIAN
SNARES: ROSSZ CSILLAG ALLAT SZÜLETETT (Planet Mu)
Der
Style
von Aaron Funk ist ein Knaller: mashed D&B, dizzy, schnell,
verkorkst,
ambitioniert wie Aphex und Square. Für seine 12te (!) Scheibe
stellte er sich
nun in Budapest vor, eine Taube auf dem Schlossplatz zu sein: Kafka on
Wings.
Der Speed-Jungle wird hier von expressiven String-Sounds intensiviert:
ambitioniert, kunstvoll, und auf krude Art romantisch und abstrakt
zugleich.
PXP:
NADA
(Dekorder)
Digitale
Abstürze für den kleinen Imbiss zwischendurch. Die
Unterhändler der Wiener
Digitaldadaisten Farmers Manual wollen mit 13 Exkursionen
verstören und
präsentieren sich als inhumane Klangkonzeptualisten.
Schön kaputt und
konsequent. Wir kommen dem Konzept “unhörbarer Klang
für ein lebbares Leben”
wieder etwas näher.
K-OS:
JOYFUL REBELLION (Labels)
Keine
Frage, Name und Titel sind WIRKLICH fürs Klo! Pech nur, dass der
kanadische
Mittelklasse-Rapper Kevin Brereton hier ein sehr eigenwilliges,
komplexes und
eben auch gutes HipHop-Album aufgenommen hat, in dem er sich,
logisch, gegen
ProfitGangstaRap ausspricht, der die HipHop Seele derzeit komplett
zerfrisst,
und mehr die ideellen, spirituellen und internationalen
Zusammenhänge der Musik
erkunden will. Mittels seiner Liebe für verwandte und erweiterte
Musikstile
gelingt ihm das auch, tragikomisch nur, dass er sich, denen und uns
immer
beweisen muss, dass er doch auch ein original B-Boy ist.
JAKE: JAKE THE
RAPPER (Combination Records)
Hier
stimmt
der Name, gell? Einst ein USAsshole, der mit heute rostigen
Grungegrößen
punk(t)en konnte, zieht der Wahlhamburger und erste Sänger der
Ninos con Bombas
nach zig Zwischenstationen nun durch alle Häuser. Sein
Synthetik-Hop, inklusive
Buzzcocks-Cover, erinnert manchmal an Gonzo, ist aber taff genug, sich
sein
eigenes Nischenpublikum zu finden. Da geht er!
JAY
HAZE:
LOVE FOR A STRANGE WORLD (Kitty Yo)
Kitty
Yo’s
Großmaul der Woche? Abwarten, zuhören: Der Ex-Obdachlose aus
San Francisco war
wirklich abgebrannt von einem bad life und hat so einiges darin gesehen
und
erlebt. Nach Arbeit mit Elektronikern wie Villalobos oder Wruhme
produziert er,
nun in Berlin, einen reduziert-sinistren minimal Tech-Funk, der
manchmal gar an
Prince erinnert, dann wieder an Jamie Lidell, dann an einen Alien, vor
allem
aber an – Jay Haze! Sehr stimmig und empfehlenswert.
V.A.:
SOME
MORE HORIZONS (Stereo de Luxe)
Wie
kriegen
das diese Vinyl-Digger nur immer wieder hin? Derart den Groove
einzuatmen und
wieder auszuatmen? Diese Compilation, angeregt durch den viel zu
früh
gestorbenen Labelgründer Oli Rösch, ist ein Vermächtnis:
Soviel grundguten
Groove aus aktuellen und vergangenen Styles findet ihr derart liebevoll
und
fantastisch kompiliert wirklich selten.
HIPNOSIS:
CARROUSEL (Perfect Toy)
Der
Zweitling ist mindestens so gelungen wie das schon sehr ansprechende
Debut der
5 Münchener Jazz-Freunde. Ausgehend von Jazz-Konzepten der
Spätsechziger Jahre
zwischen dichter Konzentration und wilder Improvisation entwickeln sich
diese
Münchener Allstar-Jazz-Freaks zu enthusiastischen Messagern des
besten, das
Jazz immer schon ausgemacht hat!
KAMMERFLIMMER
KOLLEKTIEF: ABSENCEN (Staubgold)
Die
Karlsruher mit ihrem fünftem und bislang bestem Album: so ein
schönes
musikalisches Leben in den Widersprüchen! So offen bei dieser
Geschlossenheit!
So versöhnlich bei immer hinfälligem Granteln! Derrida,
Celan, Jeffrey Lee
Pierce. Jetzt halt ich die Schnauze, hört bitte einfach hin.
THE SOUL TORONADOS:
THE COMPLETE RECORDINGS
Für
Komplettisten. Das sieht bei der Band aus Akron, Ohio so aus: drei
Singles, ein
live Bonus-Track (James Browns’ Superbad – da brennt die
Hose, doppelt
schwöre!), alles 1969 in einer Nacht aufgenommen – und hier
zu haben. 24
Minuten, das ist nicht viel – aber diese 24 Minuten haben
verdammt noch mal
mein Leben zum Swingen gebracht. Und Eures auch – dreifach
schwöre!
V.A.:
BABYLON (Chrysalis)
Deliver
this from your enemies! Endlich kommt der lang gesuchte Soundtrack
des
britischen schwarzen Sozialdramas von 1980, in dem es um Jugendliche in
Süd-London, Identität durch Sound-Systems und die
Auseinandersetzungen mit der
Polizei geht, auf CD raus. Die schwer rootsigen, oft auch durch
Jazzvibes
geprägten Tracks von Dennis “Blackbeard” Bovell und
die von Aswad, I-Roy oder
Michael Prophet werden durch 7 weitere Archiv-Tracks von Bovell und
Linernotes
der Musikjournalistin Vivien Goldmann ergänzt. Essentiell.
MARCIA
GRIFFITHS: SHINING TIME (VP Records)
Über
die
Stationen Studio One, Bob Marley / I Threes und jede Menge eigener Hits
wurde
Griffiths zu einer der profiliertesten weiblichen Stimmen im Reggae.
Mit dieser
Kollektion aus alten Hauern und neuen Pop-Versuchen feiert sie nun 40
Jahre
musikalisches Leben. Sehr smooth und harmonisch, aber immer mit tiefem
Soul und
hellwachem Bewusstsein, z.B. im Track “Crazy
Baldhead”.
T.P. ORCHESTRE POLY-RYTHMO: THE KINGS OF
Das
darf
doch wohl nicht wahr sein! Wie konnten wir nur so lange ohne diese
Musik leben?
Ganz einfach: indem wir - mal wieder – eurozentristische
Arschlöcher waren und
dachten, wir hätten den Funk, dabei hatten wir hier in Dusselland
höchstens den
Tiger im Tank und nen Stock im Arsch. In der Republik Benin,
West-Afrika, dafür
groovte diese Poly-Big-Band sich selbst und ihrem Publikum den Arsch
ab, was
hier mit 13 fantastischen Tracks der Zeit 1972-80 fettestens
dokumentiert ist.
Wie, ihr sitzt noch und lest das? On y va!
www.terz.org - 31.03.2005