musicLET’S
COOL ONE
So war
das
damals: man ging ins Parkhaus Treptow, schmiss einen Haschkeks,
bestellte sich
Rotwein und hörte Live-Jazz. Ziemlich spiessig also. Aber diese
Ankündigung
“Monks Gesamtwerk in einer Woche”, gespielt von einer
Jazzband mit Spielern,
denen man trauen konnte, zudem angeführt vom geschätzten
Alexander von
Schlippenbach, lockte denn doch erwartungsvoll in diesen typischen
Jazzkeller,
wo die Musik so direkt war, dass man sie atmen und anfassen konnte. Es
war ein
ereignisreiches und sehr inspirierendes Konzert, allein deshalb, weil
man wie
die Spieler in der Musik Monks, die so seltsam abgezirkelt und
gleichsam stets
überschreitend wirkt, geradezu baden konnte. Oder: sie essen
konnte. Atmen und
Anfassen hatte ich schon? Ich hoffe, dass klar wird, was hier wirklich
wichtig
war.
Irgendwie
scheint es nur logisch, auf jeden Fall überrascht es nicht
wirklich, dass ein
knappes Jahrzehnt später das Schweizer Intakt Label, dem sehr viel
um ein
selbstverständliches hochqualitatives Abbilden des Lebendigen in
der
improvisierten Musik gelegen ist, sich und uns zum Anlass seines
100sten
Release ebenjenes Monk-Projekt unter dem Titel MONK’S CASINO auf
drei CDs herausbringt.
Das Konzept hatte sich mittlerweile jedoch verdichtet: Schlippenbach
(Piano),
Axel Dörner (Trompete), Rudi Mahall (Bassklarinette), Jan Roder
(Bass) und Uli
Jennessen (Drums), letztere vier Musiker auch als die Berliner Band
“Die
Enttäuschung” firmierend, hatten das gesamte musikalische
Material von
Thelonious Monk in ein insgesamt fünfstündiges Liveset
arrangiert, entgegen den
damaligen Auftritten, die das Material über den Verlauf einer
Woche
präsentierten. 72 Stücke, die in ca. dreieinhalb Stunden
reiner Spielzeit in
drei Sets präsentiert werden - was ist das denn? Und was hat das?
Ist das
Nerd-Wahnsinn, Erbsen-Zählerei, Fanatiker-Sportswahn? Oder einfach
nur, wir
erinnern uns, baden, essen, atmen, anfassen?
Die
Themen
hat der Fünfer mittlerweile sowas von intus, spielt sie mitunter
Schlag auf
Schlag, manchmal schieben sich sogar zwei Stücke übereinander
- der Spielfluss
ist halt alles. Nach der Sichtung des Materials, dem kopieren von
Kopien und
unzähligen Sessions, in denen die Stücke herausgehört
werden mussten, goss man
dann eigene Arrangements und erlaubt sich darin eigene Freiheiten. Das
offizielle Monk-Fakebook von 2002 mit 70 Stücken gab es damals
noch gar nicht.
Und die Spieler fanden schliesslich auch noch zwei bislang unbekannte
Stücke.
Was
hören
wir auf den Platten? Hochleistungssport? Mitnichten. Es geht vor allem
darum,
den jeweils eigenen Charakter eines bestimmten Stückes zu finden
und
darzustellen, und es geht, logisch, weniger um harmonische Themen oder
gar die
möglichst feste Wiedergabe davon. Präzise und konzentriert
spiel-sportelt-schauspielert man mit lässigem Humor innerhalb
einer Sprache,
die sehr an ursprüngliche Idiome von Jazz anknüpft:
Konzentration und
gleichzeitige permanente Überschreitung, Einzäunungen und
Ausbrüche. Die
Aufnahme spiegelt das ebenfalls wieder: One Takes only, Alternates nur
bei ganz
groben Schnitzern - eine Reminiszenz an längst vergangene
Jazzaufnahmesituationen. Monks Musik wird enggeführt und zugleich
revitalisiert.
Möglich gemacht hat das Intakt, jenes famose und ambitionierte
Label, das vor
allem Patrik Landolt, der auch einst die linke Schweizer WOZ
mitgegründet hat,
entscheidend prägt. Wer jetzt noch gespannter auf Schweizer Jazz
geworden ist,
wie ihn z.B. Intakt prägt, kann testweise in die Doppel-CD JAZZ IN
ZÜRICH
reinhören: die erste Seite hat viel Traditionelles und
Nostalgisches, die
Zweite aber demonstriert ausschliesslich die aktuelle
Wahnsinnskreativität und
Divergenz der Zürcher Szene. Wer hingegen durchgängigere und
entspanntere Stimmungen
mag, sollte in WHERE’S AFRICA hineinhören, eine
Kollaboration von Irène
Schweizer und Omri Ziegele. Diese wunderschöne Scheibe, in der
Schweizer am
Piano und Ziegele am Sax als Vertreter zweier Zürcher
Jazzgenerationen Wurzeln
freilegen und Lieblingsstücke von u.a. Cherry, Ellington, Monk
oder
südafrikanischen Komponisten daraus entwachsen lassen, ist einmal
mehr ein
Beispiel für die hochkreativen Überraschungen, die aktueller
Schweizer Jazz,
wie Intakt ihn neben internationalem auch abbildet, zu bieten hat. Expect
the Unexpected!
HONKER
Monk’s Casino:
The Complete Works Of Theolonious Monk.
3CDs. Intakt.
V.A.: Jazz
in Zürich. 2 CDs. Intakt.
Irène
Schweizer / Omri Ziegele: Where’s Africa. Intakt.