“Jetzt
helfe ich mir selbst”
Bochum,
Oktober 2004, “wilder Streik” in einer großen
Autofabrik – dem Zentrum der
kapitalistischen Produktionsweise – das hatten wir seit über
30 Jahren nicht
mehr. Aber die linksradikale Szene hat’s verpasst. Hat die
radikale Linke sich
so weit von der Gesellschaft entfernt? Blendet sie
ArbeiterInnenkämpfe
prinzipiell aus? Oder gibt es die radikale Linke gar nicht mehr?
Könnte sich
die Linke anhand solcher Streiks neu radikalisieren? Der Streik hat
Fragen
aufgeworfen, die allen auf den Nägeln brennen, die weiterhin an
einer Umwälzung
der Gesellschaft interessiert sind.
Am
14.10.2004 ging die Mittagsschicht “auf die Wiese”. Die
Betriebsräte und die
hinter ihnen stehende IG Metall hatten vergeblich gegen eine
Streikaufnahme
gekämpft. Die stark formalisierte Streikführung in der BRD
führt dazu, dass
“Streiks” gewerkschaftliche Tarifgeplänkel sind, wo
die ArbeiterInnen als
Manövriermasse benutzt werden. Was ganz anderes ist ein
“wilder Streik”: die
ArbeiterInnen setzen die Vertretungsstrukturen außer Kraft,
entwickeln eigene,
unabhängige Strukturen, müssen über genügend Macht
verfügen, um nicht
kriminalisiert zu werden - und sind Kontaktaufnahmen gegenüber
meistens sehr
aufgeschlossen.
Das hat in
Bochum eine lange Kampftradition. 2000 sprengten die ArbeiterInnen
immer wieder
die Informationsgespräche der Betriebsräte, unter der Parole
“Falsche
Antworten!” brach die internationale Verbundproduktion zusammen
und der
Opel-Haustarif war für die zur Tochterfirma Powertrain
ausgelagerten ArbeiterInnen
gesichert. Auf diesem hohen Niveau der Organisierung und dem Wissen um
die
eigene Macht bauten sie 2004 auf: Torblockaden, die auch offensiv gegen
den
Werkschutz durchgesetzt wurden und Werksbesetzungen am Wochenende
verhinderten
die Auslieferung von Komponententeilen für die anderen Werke. Die
Schichtübergabe wurde zum Informationsaustausch genutzt. Über
die Fortführung
des Streiks beschloss jede Schicht neu. In vielen kleinen Gruppen auf
den
Gängen, am Tor, in den Hallen wurde die eigene Macht, aber auch
die Angst – bis
hin zu Hartz IV diskutiert. Diese Diskussionen wurden auf
regelmäßige
Versammlungen zurückgetragen, was ein hohes Maß an
Selbsttätigkeit und
Kollektivität unter Tausenden von ArbeiterInnen sicherte (9.600
ArbeiterInnen
auf drei Schichten und drei Werke verteilt). Obwohl die IG-Metall am
Wochenende
zur Arbeitsaufnahme aufrief, ging die Frühschicht am Montag wieder
geschlossen
in Streik. Montag bzw. Dienstag standen die ersten GM-Werke still, doch
der
Streik blieb isoliert. Daran hatte die Gewerkschaft schwer
mitgearbeitet, und
so war es ihr möglich, den Streik über eine inszenierte
Betriebsversammlung
“unterbrechen” zu lassen. Abfindungen und
Qualifizierungsgesellschaften –
deren Volumen weit über 1 Milliarde Euro liegt – verlagerten
die Diskussionen
über die weihnachtlichen Werksferien in die Familien. Einige haben
keinen Bock
mehr (und nehmen durchschnittlich 100.000 Euro mit), andere
schlucken lieber
weitere Verschlechterungen und fühlen sich bis 2010 noch als Teil
der gut bezahlten
industriellen Kernbelegschaften. Wieder andere (allerdings mittlerweile
die
Minderheit) würden gerne nochmal “auf die Kacke
hauen”. So wurde der Streik
endgültig gebrochen.
Eine
weitere Niederlage? Neben dem beeindruckenden
Niveau von Selbstorganisierung, Selbsttätigkeit, Beteiligung
und
Entschlossenheit haben die ArbeiterInnen die Frage aufgeworfen, wie ein
gesellschaftliches Kräfteverhältnis hergestellt werden kann,
welches in der
Lage ist, die “Standortlogik” der
“Beschäftigungssicherungsverträge” zu
brechen. Führen jahrzehntelange betriebliche Flexibilisierungen,
Outsourcing,
das Schleifen von übertariflichen Bedingungen und die aktuellen
Kostensenkungsdiktate auf der einen Seite und der durch Hartz IV
nochmal
verschärfte Sozialstaatsumbau zu einem schleichenden Verzicht auf
die
lebenslange “Normalarbeitsverhältnis”-Perspektive der
Kernbelegschaften? Gibt
es noch weitere Belegschaften, die ihre individuelle Existenzangst in
kollektive Kampfbereitschaft umwandeln? Noch gelingt es durch aktive
Gewerkschaftsarbeit, spaltende “Salami”-Taktik (umfassende
Verschlechterung für
die Randbelegschaft, geringere für die Kernbelegschaft) und der
Verhinderung
der Zusammenführung der Proteste in den Bertieben (Siemens,
DaimlerChrysler,
KarstadtQuelle, Opel, VW ...), Belegschaften voneinander zu
isolieren. Gelingt
es der radikalen Linken, ihre noch sehr paternalistisch gehaltene
Debatte um
die “soziale Frage” auf die realen Klassenbewegungen zu
beziehen und sich als
Teil einer gesellschaftlichen Umwälzungsbewegung einzubringen?
Übrigens hat
auch Düsseldorf sein Automobilwerk. Nach einer 45-minütigen
Arbeitsunterbrechung Ende Februar in Bremen gärt es auch im
Sprinter-Werk in
Düsseldorf, da der “Kostensenkungssommer”
für DaimlerChrysler erst der
Auftakt war.
Vom Werk
zum Mörsenbroicher Ei sind es nur ein paar Meter
...
In diesem
kurzen Artikel konnten nur wenige Aspekte angerissen werden, in der
Wildcat 72
gibt es einen ausführlichen Artikel zum Streikablauf, zur
internationalen
Verbundproduktion, zur Rolle der Gewerkschaften; in der druckfrischen
Wildcat
73 werden Erfahrungen von StreikaktivistInnen analysiert und zu einer
politischen Einschätzung verarbeitet. www.wildcat-www.de
www.terz.org - 31.03.2005