Tag
der
Befreiung
Ich möchte
hier ein paar Anmerkungen zum Begriff der “Befreiung”
anfügen. Für die
politsche Rechte in Deutschland ist der 8.Mai 1945 ein Tag der
Niederlage, die
bedauert wird. Viele Linke hingegen betrachten das Kriegsende als
“Befreiung”,
was wohl zu einer Annäherung an die Siegermächte und zur
Stärkung einer
antifaschistichen Tradition führen soll.
Bei allem
Verständnis für den Wunsch, das Ende der Nazibarbarei als
“Befreiung” zu sehen,
sollte man, so denke ich, die historischen Tatsachen und den heutigen
Stand der
Debatte nicht übersehen. Im Gegensatz zu vielen europäischen
Nachbarn gibt es
keinen Feiertag zu diesem Anlass in Deutschland. Helmut Kohl lehnte
noch 1994
eine Beteiligung an den Feierlichkeiten zum D. Day Jubiläum ab, da
er keinen
Anlass zum Feiern sah, wo doch damals so viele Deutsche elend
umgekommen waren,
so viel zum heutigen Staat. Befreiung? Wenn man die Bilder vom
Einmarsch der
deutschen Truppen 1938 in Wien und 1939 in Prag vergleicht, sieht man
eine
vollkommene Unterschiedlichkeit. Frenetisch begeisterte Wiener und
vollkommen
verzweifelte Prager. Die “befreiten” Wiener und die
“geschlagenen” Tschechen.
Welchem Beispiel ähnelte der Einmarsch der alliierten Truppen in
Deutschland
1945 wohl eher? Österreich sieht sich nebenbei gesagt heute als
ein Opfer des
deutschen Faschismus. Nun muss man nicht auf die Verwerflichkeit der
anderen
schauen. Aber eins ist klar, auf dem Höhepunkt seiner Macht nach
dem Sieg über
Frankreich 1940 hätte Hitler jede freie Wahl haushoch gewonnen.
Nach dem
Attentat vom Juli 1944, als der Krieg bereits aussichtslos verloren
war, war
die Mehrheit der Deutschen erleichtert, dass ihr Führer
überlebte. Amerikaner
und Engländer sind nicht von jubelnden Menschenmassen empfangen
worden wie in
Paris, Brüssel oder Amsterdam oder selbst in Rom, die große
Party fand nicht
statt. An der Ostfront kämpfte man selbst nach Hitlers Tod noch
verbissen
weiter und im verwüsteten Dresden wurde in Staatstrauer geflaggt,
weil er nicht
mehr war. Gehören zu einer Befreiung nicht auch Menschen, die
befreit werden
wollen? Natürlich gab es die, in einer ganz kleinen Minderheit
auch unter den
Deutschen. Aber im großen und ganzen stand die Volksgemeinschaft
bis zuletzt.
Wenn aber das deutsche Volk befreit worden sein soll, dann gehört
es zu den
Opfern der Nazidiktatur und nicht zur selbigen. Die Nazis wurden
sozusagen vom
Nazismus befreit. Übrigens kam kein alliierter Soldat mit dem
Gedanken nach
Deutschland, dessen Einwohner zu befreien, man wollte möglichst
viele töten und
selber überleben. So schön der antifaschistiche Mythos der
Befreiung ist, so
sehe ich da mehr Ideologie und politische Taktik als Realität,
eine bedenkliche
Erscheinung.
Der
amerikanische Offizier Saul K. Padover hat unmittelbar nach Beendigung
der
Kampfhandlungen Interviews mit ganz gewöhnlichen Deutschen
geführt. Seine
Ergebnisse sind ernüchternd, es fanden sich nur ganz, ganz wenige
Menschen, die
glaubhaft gegen das Hitlerregime waren.
So endet sein Bericht unter anderem mit folgendem: “.....In
diesem
Moment wußte ich, daß ich von Deutschland genug hatte. Ich
hatte keine Lust
weiterzufahren, noch mehr zu sehen. Sieben Monate lang hatte ich
Interviews mit
Deutschen geführt, und plötzlich wurde mir klar, daß
ich extrem allergisch auf
sie reagierte. Seit Buchenwald lagen meine Nerven bloß.”
Und weiter: “Mittags
überquerten wir bei Mainz den Rhein. Überall sahen wir
trübsinnige, schweigsame
Deutsche, die mit keiner Geste, mit keinem Zeichen zu erkennen gaben,
dass sie
wußten, daß die ganze Welt ihre Niederlage feierte.”
“Die Deutschen haben
Millionen unschuldiger Menschen massakriert, haben millionenfach
getötet und
versklavt und Familien auseinandergerissen und Unglück über
die Menschen
gebracht. Und nun haben sich die Räder der Gerechtigkeit gedreht,
und die Welt
feiert die Zerschlagung des Nazimonsters. In ihrer Niederlage sind die
Deutschen noch isolierter denn je. Sie gehören nicht mehr zur
Völkergemeinschaft, sie sind ein ausgestoßenes, beispiellos
verfluchtes und
gefürchtetes Volk.” Diesen Worten eines Experten und Zeugen
aus dem Jahre 1945
habe ich nichts mehr hinzuzufügen. Für die Deutschen war es
ein Tag der
Niederlage, der gerechtfertigsten Niederlage die es je gab.
Und diese
Niederlage sollte man feiern, aber man sollte die Deutschen nicht mit
denen
gleichstellen, die wirklich mehr oder weniger befreit worden sind,
nämlich
allen freiheitsliebenden Menschen in den von Deutschland besetzten
Ländern.
Fehri
www.terz.org - 31.03.2005