Arrivano i
partigiani!
Die
Partisanen kommen!
Auf
Einladung des Antifa-KOK und der VVN fand am 14. März im Zakk die
Veranstaltung
“Arrivano i partigiani! Die Partisanen kommen!” mit ca. 120
BesucherInnen
statt. Die Terz sprach vor der Veranstaltung mit Luigi Borgomaneri,
Historiker
am Mailänder Institut der Widerstandsgeschichte und
Arbeiterbewegung, (heute
ISEC), Gutachter bei Kriegsverbrecherprozessen, in Italien sowie Autor
mehrerer
Bücher über die Verbrechen der Nazis in Italien und die
Resistenza
(Widerstand). Er kam ohne die angekündigten aktiven
Widerstandskämpfer von
damals. Diese konnten aufgrund einer Grippe die Reise leider nicht
antreten.
Borgomaneri selbst wuchs in einer Partisanenfamilie auf. Sein Vater,
Mitglied
der Garibaldi-Brigade, wurde beim Versuch, die deutschen Truppen vor
Mailand zu
stoppen getötet.
TERZ:
Du selbst
beschäftigst dich als Historiker seit vielen Jahren mit dem Thema
Faschismus
und Widerstand. Woher kam deine Motivation zu dieser Tätigkeit?
B: Also,
meine Kindheit, meine Kultur, meine Erziehung, meine Werte waren
geprägt vom
Widerstand. Als ich heranwuchs, habe ich begonnen, mich mehr damit zu
beschäftigen, und ich beschäftige mich nun seit dreißig
Jahren als Historiker,
als Forscher damit.
TERZ:
Zwei der
eingeladenen Partisanen waren aktiv in den GAP-Brigaden: Carlo
Talamucci war
Organisator und Mitglied der ersten GAP-Gruppen in Sesto/Mailand,
Onorina
Brambilla war im Kommandostab der 3. GAP-Garibaldi-Brigade. Wie kann
man sich
die Aktivitäten der GAP vorstellen?
B: Die GAP
waren die ersten bewaffneten Strukturen, die von der kommunistischen
Partei
sofort nach der deutschen Besatzung geschaffen wurden. Es wurden die
Erfahrungen aufgegriffen, die einige Italiener gemacht haben, die bei
den
internationalen Brigaden im spanischen Bürgerkrieg gekämpft
hatten und nach dem
Sturz der spanischen Republik bei der Resistance im Süden
Frankreichs aktiv
waren. Nach der Besatzung herrschte in der italienischen
Bevölkerung Angst. Die
GAP hatten eine explosive Funktion: die Stagnation durchbrechen,
verhindern,
dass die Besatzung Normalität würde.
TERZ:
Wie
organisierten sich die Leute in den GAP?
B: Es waren
kleine Gruppen mit sehr wenigen Mitgliedern, die ihre Familie, ihre
Arbeit,
alles verlassen mussten – in der Theorie, in der Praxis liefen
die Dinge nicht
immer so. Es gab große Unterschiede zwischen den GAP in Mailand,
in Rom oder in
Bologna: es sind alles Kommunisten, aber mit einer anderen sozialen
Zusammensetzung, einer anderen Arbeitsweise. Zum Beispiel die GAP in
Mailand
sind immer ganz wenige, höchsten zehn bis 15 Personen. In Emilia
hingegen sind
es Dutzende. Es sind andere Vorgehensweisen, abhängig von der
Situation, dem
Kontext, dem Kommandanten und seinen Erfahrungen.
TERZ:
Waren die
GAP-Gruppen eine Stadtguerilla, vergleichbar mit Gruppen in
Lateinamerika?
B: Ja. Die
GAP waren diejenigen, die die Aufgabe hatten, Spione, Verräter,
feindliche
Offiziere zu eliminieren, Bombenattentate zu verüben...
TERZ:
Die
eingeladene Partisanin Onorina Brambilla war Mitglied der
Frauenverteidigungsgruppe und Mitglied einer Unterstützergruppe
für die
Partisanen. (unparteiische Gruppen), Annunziata Cesani war aktiv
im
Apeninabschnitt Toscana/ Emiglia-Romagna. Wie war die Rolle der Frauen
im
Partisanenkampf?
B: Die
Frauen hatten eine sehr große, wichtige Funktion. Man kann sagen,
dass der
Widerstand mit den Frauen beginnt. Als sich die italienische Armee am
8.
September ergibt, fliehen die jungen italienischen Soldaten aus den
Kasernen,
um nicht deportiert zu werden. Und es sind die Frauen auf dem Land, die
ihnen
helfen, die sie mit zivilen Kleidern ausstatten... und dies ist
sicherlich eine
“präpolitische” Entscheidung. Es hatte etwas mit
Menschlichkeit in einer
bäuerlichen Welt zu tun, auch mit so etwas wie
“mütterlichem Geist”: “ich helfe
diesem Jungen, und vielleicht gibt es in diesem Moment irgendwo in
Europa eine
andere Mutter, die meinem Sohn hilft...” Ein Zusammenspiel von
Motivationen.
Die Frauen waren extrem wichtig. Der Faschismus wusste, dass die Frauen
gefährlich
sind. In Italien wurden während des Krieges weniger Frauen in den
Fabriken
beschäftigt, weil Mussolini sie dort nicht wollte. Die Männer
konnte man damit
unter Druck setzen, dass sie an die Front geschickt werden konnten
– das ging
bei den Frauen nicht. Und man erinnerte sich noch an die großen
Demonstrationen
des ersten Weltkrieges, als in den Fabriken vor allem Frauen
beschäftigt
wurden, die die Männer ersetzten, die an der Front waren. Diese
Frauen
rebellierten und streikten. Und in der Resistenza hatten die Frauen
eine große
Rolle.
TERZ:
In
Italien gab es schon wesentlich früher als in Deutschland einen
Historikerstreit: bedeutende italienische Historiker wie Renzo De
Felice
setzten den Partisanenkampf mit dem Terror der Faschisten gleich.
Welches Bild
von den Partisanen hat sich heute in Italien durchgesetzt?
B: Es ging
De Felice zunächst weniger darum, die Wichtigkeit des
Partisanenkampfes zu
schmälern, als vielmehr um eine Aufwertung des Faschismus.
Während frühere
Angriffe gegen die Resistenza vulgär, plump waren, verlagerte sich
in den 70er
Jahren der Diskurs auf das Terrain der Historiker. Und diese Debatte
wurde vor
allem von De Felice forciert, einem Mann, der kein Dummkopf ist,
sondern sehr
fähig, auch wenn man diskutieren kann, wie er die Quellen benutzt
hat, über
gewisse quasi manipulative Vorgehensweisen... Das Bild des
Faschismus, das De Felice zeichnet, ist ein
relativierter Faschismus, der nicht alle Schuld trägt, der auf den
Konsens
vieler Italiener baute. Und auf diesem Weg wurde dann weitergegangen,
er wurde
genutzt für die Angriffe gegen die Resistenza, um heute zu der
Ansicht zu
kommen: Partisanen, Faschisten... alle gleich. Alle hatten sie ihre
Gründe,
alle hatten ihre Fehler.
TERZ:
Und dies
ist das Bild des Partisanenkampfes, das heute verbreitet ist?
B: Dies ist
das Bild, das zum Beispiel von den Medien verbreitet wird. Du
weißt, in Italien
gibt es das Problem, dass die Hälfte der Fernsehsender direkt von
Berlusconi
kontrolliert werden, die andere Hälfte indirekt. Dazu kommt, dass
der
Antifaschismus der Italiener zu einem großen Teil an der
Oberfläche geblieben
ist, der Faschismus ist nicht gänzlich ausgerottet worden. Als
sich das
politische Klima gewandelt hat, sind die Faschisten wieder das
geworden, was
sie waren. Vor zwanzig, dreißig Jahren hättest du niemanden
getroffen, der den
Mut gehabt hätte, herumzulaufen und zu sagen: “Ich bin ein
Faschist.” Das ist
heute anders. Der MSI, die alte faschistischen Partei, die ihren Namen
geändert
hat, die ihre Fassade geändert hat, die sich als demokratische
Rechte
präsentiert, hat dazu beigetragen. In Italien wird dieses Jahr zum
ersten Mal
in der Geschichte das Gedenken zum Jahrestag der Befreiung nicht von
der
Regierung finanziert. Kein Euro. Und das am 60. Jahrestag! Stattdessen
wird ein
neues Gesetz verabschiedet, dass den italienischen Faschisten die
gleiche
Stellung einräumt wie den antifaschistischen Partisanen. Und die
Linke schenkt
dieser Entwicklung zuwenig Aufmerksamkeit. Es gibt
Massendemonstrationen gegen
den Krieg und gegen den Sozialraub, aber leider nicht gegen die
Aushöhlung des
antifaschistischen Charakters der italienischen Verfassung.
TERZ:
Mit
Gianfranco Fini ist nun ein Faschist der Nachkriegszeit in Italien
Außenminister. Der Regierungschef Berlusconi hingegen ist das
Paradebeispiel
für einen “modernen” Rechtspopulismus. Siehst du
Gemeinsamkeiten zwischen dem
historischen Faschismus Mussolinis und der aktuell in Italien
herrschenden
Rechtskoalition?
B: Nein.
Der historische Kontext ist ein anderer, der europäische Kontext
ist anders.
Was wir heute in Italien mit der Rechten Berlusconis haben, ist quasi
eine
“Mediendiktatur”. Seine große Stärke liegt
außerdem darin, antagonistische
Kräfte zusammenzuführen. Stell dir vor, die Alleanza
Nazionale von Fini, die
vom Vaterland, der Einheit des Landes spricht, zusammen mit der Lega
Nord, die
den Norden Italiens abspalten will. Die Rechte hat daraus gelernt, dass
sie
sich gespalten und verloren hatte. Die Linke hat nicht daraus gelernt.
Sie
streitet sich über Nebensächlichkeiten, über
Parteiinteressen.
TERZ:
Wie
stellt sich aktuell die Linke dem historischen Erbe des
Partisanenkampfes gegen
den Faschismus und dem aktuellen Rechtsruck in Italien?
B: Ich sehe
diese Linke nicht als Erbin des Partisanenkampfes, nicht als
kohärente Erbin dieser
Werte, auch wenn es innerhalb der Linken sicherlich
Persönlichkeiten gibt, die
eine ehrliche Verbundenheit damit haben. Man hat in so vielen
Situationen bei
den Angriffen gegen die Resistenza gesehen, dass sie nur sehr
oberflächlich
verteidigt wurde.
TERZ:
Vielleicht müssen wir klären, auf wen wir uns beziehen, wenn
wir von “der
Linken” sprechen.
B: In
erster Linie spreche ich von der DS...
TERZ:
Gibt es
nicht eine Linke außerhalb der Parlamente, die...
B: Ja, es
gibt die Linke der Bewegungen, und das ist sicherlich die Linke, die
mit der
Erinnerung an die Resistenza am meisten verbunden ist. Aber in gewisser
Weise
unpolitisch, mit einer großen Naivität und einer
Mythologisierung der
Resistenza, ohne deren Widersprüche zu sehen. Alles war
schön, alles war gut.
Auch die Widersprüche und die Fehler der Resistenza zu sehen nimmt
ihr nichts
von ihrer Wichtigkeit.
TERZ:
Die
italienischen Geschichtsrevisionisten behaupten u.a., dass die Angriffe
der
italienischen Partisanen auf die deutschen Besatzer zu hohen Opfern
unter der
Zivilbevölkerung - vor allem durch die deutschen
“Vergeltungsmaßnahmen” -
geführt habe und deshalb unmoralisch und kontraproduktiv gewesen
seien. War der
bewaffnete Widerstand der italienischen Partisanen legitim und
sinnvoll?
B:
Natürlich! Zunächst ist festzuhalten, dass jede
Bevölkerung das Recht hat, sich
zu verteidigen. Jeder, der aufgrund eines Partisanenangriffs
Repressionen gegen
die Bevölkerung in Gang setzt, ist ein Verbrecher. Und sieht man
sich die
Geschichte der deutschen Besetzung in Europa an, so erkennt man, dass
es den
Vernichtungskrieg gegen die Bevölkerung auch ohne
Partisanenaktivitäten gegeben
hat. Bei der Besetzung Italiens hatte die Wehrmacht bereits aus den
Erfahrungen
bei ihren Massakern in der Sowjetunion und Osteuropa gelernt.
Wir haben es in
Italien nicht mit einem Vernichtungsfeldzug wie gegen die
Sowjetunion zu tun, wohl aber mit hunderten von Massakern von Sizilien
bis
Norditalien. Es gab drei Arten von deutschen Massakern: Zunächst
den Terror
gegen die Zivilbevölkerung, um zu verhindern, dass sich eine
organisierte
Widerstandsbewegung überhaupt entwickelt. Dann ab Sommer 44 die
Massaker, um
sich den Rücken freizuhalten. Und schließlich die
“Massaker der letzten Tage”,
als bereits klar war, dass der Krieg verloren ist. Am 30. April 1945
werden
z.B. in der Nähe von Turin 56 Zivilisten ermordet, am 2. Mai 1945
in der Nähe
der österreichischen Grenze 71 Menschen. Allein in der letzten
Woche wurden
schätzungsweise 1000 Zivilisten Opfer von Massakern der deutschen
Wehrmacht. Es
ist verlogen, wenn jemand sagt, dass die Massaker eine Reaktion auf das
Handeln
des italienischen Widerstandes gewesen seien!
www.terz.org - 31.03.2005